1916-01-27-DE-001
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Quelle: DE/PA-AA/R14090
Zentraljournal: 1916-A-02892
Erste Internetveröffentlichung: 2003 April
Edition: Genozid 1915/16
Praesentatsdatum: 02/01/1916 a.m.
Laufende Botschafts/Konsulats-Nummer: No. 37
Zustand: A
Letzte Änderung: 03/23/2012


Der Botschafter in außerordentlicher Mission in Konstantinopel (Wolff-Metternich) an den Reichskanzler (Bethmann Hollweg)

Bericht



No. 37
1 Anlage

Pera, den 27. Januar 1916

Euerer Exzellenz beehre ich mich anbei Abschrift eines Schreibens einzureichen, das Dr. Straubinger unterm 18. Januar an den Abgeordneten Erzberger gerichtet hat. Dr. Straubinger macht darin unter anderem Vorschläge über die Organisation der Hülfe für die Armenier und regt eine Kirchenkollekte an.

Ich halte eine Kirchenkollekte aus dem Grunde für zwecklos, weil die türkischen Behörden doch nicht erlauben würden, mit dem Ertrag den Armeniern zu helfen.


P. Metternich

[Notiz Rosenberg 2.2.]


Herrn v. Bergen z.g. Ktn [zur gefälligen Kenntnis]

Herr Erzberger ist nach Cospoli abgereist und dürfte dort im Sinne des Schlußabs. aufgeklärt werden.


Anlage

Abschrift.

Pera (St. Anton), 18. Januar 1916.

Euer Hochwohlgeboren!

Ihr Brief vom 5. Jan. gibt mir Gelegenheit zu einer gründlichen Aussprache.

Ich verstehe vollständig, dass die kath. Kreise Deutschlands und Oesterreichs ungeduldig werden und mich, vielleicht auch Sie mit Vorwürfen überhäufen. Was wir hier erreichen (Entsendung von Geistlichen, Schwestern und Schulbrüdern) ist tatsächlich nicht gross; was wir nicht erreichten, ist bei weitem grösser. Um das Missverhältnis, das zwischen Gewolltem und Erreichtem liegt, verstehen zu lernen, würden Sie am besten persönlich hierher kommen und der bitteren Wirklichkeit Aug in Aug gegenübertreten. Im Folgenden gebe ich einen kurzen Ueberblick über Stand und Aussichten unserer Unternehmungen.


Stand im Allgemeinen.


In Deutschland macht man sich von der neuesten Türkei eine falsche Vorstellung, insofern man sie für abendländische Einflüsse empfänglich hält. Das ist auf dem Gebiet der Religion und Schule ganz und gar nicht der Fall. Im Gegenteil, die Türk. Regierung tut alles – bewusst oder unbewusst – um aus der Türkei, die bis vor kurzem ein national und religiös sehr gemischtes Land war, einen türk.-muselmanischen Einheitsstaat zu bilden. Es mag ja sein, dass manche der verantwortlichen Leiter von rein nationalen Gesichtspunkten ausgehen, in Wirklichkeit greifen aber die Türkisierungsbestrebungen stets auf das religiöse Gebiet über, da im Orient zwischen Nation und Religion nicht geschieden wird. Vertürkung, nationale Wiedergeburt der Türken, für die man in Deutschland so sehr schwärmt, bedeutet daher im Grunde Islamisierung. Protektionslos wie die grosse Mehrheit der Christen jetzt ist, unterliegen sie jetzt einem rücksichtslosen Türkisierungsprozess und verlieren dabei grossenteils, selbst wenn sie sich nicht zur Wehr setzen, Gut und Leben.

Stand der kath. Kirche im Besonderen.


1) Kirchen und Seelsorge: Kirchen besitzen die Katholiken, von der Hauptstadt und dem Libanon abgesehen, nur mehr ganz wenige. Die meisten sind geschlossen, gewöhnlich auch geplündert, manche in Wohnungen, andere zu Moscheen verwandelt; selbst in Konstantinopel erlitten mehrere Kirchen und Kapellen unter den Augen der europäischen Bevölkerung dasselbe Los.

Geistliche befinden sich trotz der Kirchenschliessungen noch mancherorts und halten Gottesdienst in Privathäusern. (So auch Dr. David in Eskischehir und P. Liebl in Ismidt)

Erstrebenswertes Ziel ist natürlich, überall wieder Seelsorge und Kultus einzuführen. Das Ziel ist aber unerreichbar. Ziehen Sie eine Linie Konstantinopel–Eskischehir–Konia–Adana–Marasch–Aleppo–Mossul, so finden Sie nördlich dieser Linie höchstens noch einige tausend Katholiken verschiedener Riten (gegenüber 100000 zu Friedenszeiten). Sie aufzusuchen ist bei der gegenwärtigen Lage so gut wie ausgeschlossen, da sie vollständig versprengt sind. Südlich der angegebenen Linie haben wir eine kompakte kath. Bevölkerung im Libanon, die aber vollständig von der Umwelt abgeschnitten wurde, und daher für uns unerreichbar ist. Danken wir Gott, wenn sie nur abgeschnitten bleibt. Bleiben für uns noch die Katholiken der europäischen Türkei, einiger Orte an der Bagdadbahn, von Smyrna, den syrischen und mesopotamischen Hauptorten.

Bisher Erreichtes: Mit Hilfe der K. Botschaft haben wir unter dem Titel “Seelsorge für die deutschen Katholiken” die europäische Türkei, die Orte der Bagdadbahn bis Adana, sowie Syrien mit deutschen Geistlichen besetzt, 11 an der Zahl, wovon 6 (Franziskaner) in Syrien, 2 an der Bagdadbahn (Dr. David und P. Liebl (?)), 3 in Konstantinopel.

Vorschläge: Betreff Smyrna sind Verhandlungen im Gang und wird nur noch die Antwort des K. Generalkonsuls abgewartet. Betreff Bagdad darf ich jetzt einen Geistlichen vorschlagen. Bagdad besitzt deutsche Schule, Konsulat, Deutsche Bank, deutsches Lazarett. Bis zu Ausbruch des Krieges wurde es von französischen Karmeliten pastoriert, die aber das Land verlassen haben. Als Ersatz kommen daher in erster Linie deutsche Karmeliten in Betracht. Falls diese nicht wollen oder nicht können, Dominikaner, da die Missionen in und um Mossul in Händen der franz. Dominikaner lagen und Mossul und Bagdad leicht nach Herstellung der Bahn zu einem Sprengel vereinigt werden können. Für Nordsyrien d.h. Aleppo, Alexandrette, Marasch, Aintab schlage ich Besetzung durch die deutschen Franziskaner vor, die für die Kustodie abgeordnet wurden. Genannte Orte sind nämlich bis jetzt von der Kustodie pastoriert. Durchführen kann aber den Vorschlag weder ich noch die Franziskaner in Syrien, sondern nur der deutsche Provinzial, der sie geschickt hat. Er oder einer der anderen Provinziale muss mit Nachdruck bei der Kustodie diese Forderung vertreten. Nur dann wird das für den deutschen Einfluss so wichtige Nordsyrien deutsches Missionsgebiet. Definitive Regelung natürlich nach dem Krieg. Ordensgeistliche müssen in Zukunft in Zivil kommen.

Die Oeffnung einer der geschlossenen Kirchen ist noch nicht gelungen, doch bemühen sich dafür in tatkräftiger Weise sowohl die Deutsche als auch die Oesterr.Ung. Botschaft.

2) Schulen. Die Zahl der ausländischen kath. Schulen sank in der europäischen Türkei von ca. 60 auf 3 (österreichische), in der asiatischen Türkei von 400-500 auf ca. 20 (deutsche). Unter den Schulen befanden sich eine Universität, mehrere Fachschulen wissenschaftlicher Art, viele Kollegien mit guten Sammlungen und Biblioteken, die gewöhnlich verschleppt wurden. Die Schulen wurden noch mehr als die Kirchen geplündert und türkischen Zwecken zugeführt.

Erstrebenswertes Ziel wäre die Rückgewinnung der Schulen oder Gründung neuer. Beides ist bei der jetzigen Stimmung vollständig ausgeschlossen. Dagegen werden Sprachlehrer für türkische Schulen gesucht, für die ich aber nicht zuständig bin. Der Versuch, auf dem Umweg über die Chaldäer zu einer deutschen kath. Schule zu kommen, sind bisher nicht geglückt.

Bisher Erreichtes: Zufuhr von Lehrkräften für das St. Georgskolleg in Galata und für die Schulen der Borromäerinnen in Syrien.

Vorschläge: Finanzielle Unterstützung der bestehenden kath. Schulen, damit sie sich halten und vergrössern können.

Zurückweisung von Vorwürfen: Dass deutsche Militärbehörden aufs rücksichtsloseste gegen kath. Missionsschulen vorgegangen seien, stimmt nicht, vielmehr sind begangene Rücksichtslosigkeiten auf Kosten der türkischen Behörden zu setzen, die den deutschen Truppen und Sanitätsmissionen die Plätze anweisen. Der andere Vorwurf, dass kath. Kinder protestantisch konfirmiert worden seien, lässt sich für hier – soweit ich sehe – nicht verifizieren. Doch wäre es begreiflich, wenn im Innern bei dem Mangel an kth. Schulen solche Fälle vorkämen.

3) Heilige Stätten: Bei meiner letzten Unterredung mit Seiner Exzellenz dem Kaiserlichen Botschafter vor 10 Tagen lag über diesen Punkt nicht Neues vor.

4) Armenierfrage: Die kath. Armenier, obwohl sie sich im Gegensatz zu ihren orthodoxen Volksgenossen auf Weisung ihrer Bischöfe an den nationalen Selbstständigkeitsbestrebungen nicht beteiligten, wurden trotzdem in das Unglück, das ihre orthodoxen Stammesangehörigen ergriff, hineingerissen. Sie haben bis jetzt von 15 Diözesen 11 verloren, 2 sind gegenwärtig in grösster Gefahr (Marasch und Aleppo) bestehen nur noch im halben Umfang. Die 2 übrigen (Konstantinopel und Brussa) sind geschwächt. Das Los, das die kath. Armenier ohne ihre Schuld, wie übrigens auch einen Teil der kath. Syrier und Chaldäer ereilte, war Massacre und Deportation, wobei aber zu bemerken ist, dass die Deportation mit allen ihren Folgen sich von dem Massacre nicht viel unterscheidet.

Die Güter der Deportierten und Massakrierten unterliegen dem Liquidationsgesetz, das, wenn es allerorts angewandt wird, den Unglücklichen die Heimat vollends raubt.

Erstrebenswertes Ziel: Hilfsaktion für die Armenier da, wo sie jetzt sind und zwar, da für die orthodoxen und prot. Armenier hauptsächlich durch die amerikanischen Missionare und den “deutschen Hilfsbund für christliches Liebeswerk in Armenien” gesorgt wird, Hilfsaktion speziell für die kath. Armenier.

Bisher Erreichtes: Unterstützung der Armenier in Aleppo durch die von Cöln angewiesene Summe, ferner Unterstützung des in äusserster Notlage sich befindenden armenisch-kath. Patriarchats, wofür Dankschreiben nächstens kommen wird.

Vorschläge: Das bisher von uns geleistete ist ein Tropfen auf einen heissen Stein. Wir brauchen zur Linderung auch nur der fürchterlichsten Not einige hunderttausend Mark. Man halte, so wie man es für Polen gemacht hat, eine Kirchenkollekte, schiesse uns aber jetzt schon (vielleicht aus den Missionskassen) Geld vor. Ohne Geld können wir nichts durchführen, gar nichts. Das Geld muss rasch kommen, sehr rasch. Sonst geht noch vieles zu Grunde, was jetzt noch gerettet werden kann.

Das Hilfswerk für die Armenier überhaupt und für die kath. Armenier im besonderen muss eine deutsche Organisation sein, damit die unsinnigen Gerüchte über uns und unseren Kaiser (als ob Seine Majestät der Urheber des Unglücks sei) endlich verstummen.

Ich schlage die Schaffung von 4 Hilfszentren vor: Aleppo, Marasch, Angora, Konia. Zu Aleppo übertragen wir die Hilfsaktion den Borromäerinnen, nach Marasch sollte einer der für die Kustodie entsandten Paters, da diese daselbst eine Pfarrei hat. Marasch zählte nämlich in Friedenszeiten über 5000 kath. Armenier, ist Sitz amerikanischer Missionare und bekommt in den nächsten Wochen einen ev. Pfarrer aus Deutschland. Angora und Konia kann Dr. David der gegenwärtig in Angora weilt, oder einer der hiesigen Herrn versorgen. An die in den Deportiertenlagern untergebrachten Armenier lässt sich auf legalem Weg nicht herankommen, doch ist nicht ausgeschlossen, dass hierin ein Wandel eintritt.

Die Organisation der Hilfsaktion in Deutschland überlasse ich Ihnen bezw. den kath. Missionskreisen Deutschlands.

5) Charitas: Mit dem Vorhergehenden haben wir das Gebiet der Charitas beschritten. Bei der jetzigen Notlage der Christen, die noch durch Teuerung und Arbeitslosigkeit gesteigert wird, ist für die Charitas ein weites Feld vorhanden. Kath. Kinder, die ohne Schule herumlungern, weil sie “muhammedanische” Schulen nicht besuchen wollen und europäische wegen der Kosten nicht besuchen können, finden sich zahlreich. Man sollte diese herumtreibenden Kinder in einer Bewahranstalt sammeln. Waisenhäuser finden infolge des Krieges und der Not grossen Zuspruch. Es existiert deren noch ein katholisches, nämlich das der öster. Vinzentinerinnen auf der Marmarainsel Antigoni. Hospitäler und Lazarette wären ebenfalls nötig.

Bisher Erreichtes: Vergrösserung des Waisenhauses auf Antigoni, was jedoch der bischöflichen Initiative zu verdanken ist.

Vorschläge: Aufnahme von Waisen in die Schulen der Borromäerinnen in Syrien, wozu natürlich Unterstützung nötig ist; Gründung von eigenen Waisenhäusern, sobald Gründung solcher möglich ist. Auf der Oest.Ung. Botschaft sagte man mir, dass in nächster Zukunft die Errichtung von Waisenhäusern unter türk. Aufsicht möglich sein werde. Die für hier vorgeschlagenen Borromäerinnen könnten sich ganz wohl auch der Waisenpflege annehmen. Für Aleppo ist der Bau des von Baron von Fürstenberg geplanten deutschen Spitals sofort in die Wege zu leiten, und ich bitte, dieserhalb mit dem Herrn Baron, der in Deutschland verweilt, zu verhandeln. Aerztliche Mission geht überhaupt am leichtesten.

6) Deutsche Propaganda: Gegenüber der Vorliebe für Frankreich, die hier unter den christlichen Kreisen immer noch herrscht, ist eine zähe deutsche Propaganda notwendig. Namentlich muss auf die Erlernung der deutschen Sprache und Einfuhr deutschen Lesestoffs gedrungen werden.

Bisher Erreichtes: Die Aufklärungsschrift gegenüber den franz. Angriffen wurde hier und im Innern in 200 Ex. verbreitet. Deutscher Unterricht wurde in einigen einheimischen kath. armenischen Schulen eingeführt. (Die Wiener Mechätaristen hatten schon früher Deutsch im Lehrplan).

Vorschläge: Ich brauche noch 50 Ex. der Aufklärungsschrift, ferner brauche ich eine Anzahl kleiner deutscher Grammatiken oder das dazu notwendige Geld. Das armenisch-kath. Patriarchat sowie der bulgarisch-kath. Erzbischof sind bereit, einige Seminaristen sofort in deutsche statt wie bisher in franz. Seminarien zu schicken. Freiplatz Voraussetzung.

Nota: Ueber die Aleppoer Universitätsfrage erfuhr ich noch nichts Genaues.

Die gemachten Vorschläge besprach ich in der Hauptsache mit den anderen Herren. P. Liebl wird vielleicht noch eigens berichten.

Seiner Eminenz den Herrn Cardinal von Cöln bitte ich von meinen Vorschlägen Kenntnis zu geben und mitzuteilen, dass Geld für Aleppo und Stip für Mgr. Dolci angekommen sind. Quittung werde ich selbst oder Mgr. Dolci schicken.

Ich bin in ausgezeichnetster Hochachtung Euer Hochwohlgeboren ganz ergebener


[Dr. Straubinger]

P.S. Dankschreiben der Armenier an Eminenz trifft eben ein und liegt bei. An Sie wird noch eigenes Schreiben stilisiert.



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