1913-01-23-DE-001
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Quelle: DE/PA-AA/R 14077
Zentraljournal: 1913-A-01653
Erste Internetveröffentlichung: 2017 November
Edition: Armenische Reformen
Telegramm-Abgang: 01/23/1913
Praesentatsdatum: 01/25/1913 a.m.
Zustand: A
Letzte Änderung: 11/19/2017


Der Botschafter in St. Petersburg (Pourtalès) an den Reichskanzler (Bethmann Hollweg)

Bericht



Nr. 25.

St. Petersburg, den 23. Januar 1913

Bei meinen letzten Unterredungen mit Herrn Sazonow fiel mir auf, dass der Minister bei Besprechung der für den Fall der Fortdauer des Balkankrieges drohenden Gefahren wiederholt auf Armenien zu sprechen kam [Anmerkung Wilhelm II: Das ist doch schon eine alte Geschichte!] und die Befürchtung äusserte, dass es dort zu Christenmetzeleien kommen könnte [Anmerkung Wilhelm II: d. h., sie werden von Russland organisiert, um Grund zum Eingreifen und damit zur Annektion zu haben! Dazu sollte die Flottendemonstration dienen!] "Unruhen in der unmittelbaren Nähe unserer Grenzen", bemerkte der Minister, "können uns aber nicht gleichgiltig lassen und wir würden, eintretendenfalls, nicht umhin können, einzuschreiten".

Wie ich von vertrauenswürdiger Seite höre, stehen in dieser Frage in hiesigen massgebenden Kreisen zwei Strömungen einander gegenüber. Während die einen ein Vorgehen in Armenien befürworten, damit Russland bei der jetzigen Neuregelung der Verhältnisse im nahen Orient nicht ganz leer ausgeht [Anmerkung Wilhelm II: !], wird eine solche Politik von anderer Seite bekämpft.

Vielfach wird behauptet, dass das Ministerium des Aeussern den ersteren [Anmerkung Wilhelm II: das kann er gar nicht anders!] Standpunkt vertritt. Bei der massvollen Zurückhaltung, die Herr Sazonow bisher während der Balkankrisis beobachtet hat, vermag ich daran noch nicht recht zu glauben. Immerhin ist nicht zu bestreiten, dass mehrere Zeitungen, deren Beziehungen zu der Sängerbrücke bekannt sind, offenkundig bestrebt sind, das Interesse für Armenien zu erwecken und auf die eventuelle Notwendigkeit eines russischen Einschreitens zum Schutze der dortigen Christen hinzuweisen. [Anmerkung Wilhelm II: Mit Speck fängt man Mäuse!]

Zu den Gegnern einer aktiven russischen Politik in Armenien scheint nach meinen Informationen der Generalgouverneur des Kaukasus zu gehören. Graf Woronzoff-Daschkoff hat, wie ein gut unterrichteter hiesiger Diplomat in Erfahrung gebracht haben will, als er um seine Ansicht befragt wurde, auf die Gefahren hingewiesen, welche eine Aktion Russlands in Armenien für das Kaukasus-Gebiet im Gefolge haben könnte. Der Statthalter hat dabei folgenden Standpunkt vertreten:

Eine solche Aktion würde naturgemäss zunächst die Gewährung von Reformen und von Autonomie zum Ziele haben müssen. Sobald aber die zahlreichen im Kaukasus lebenden Armenier von den für ihre Konationalen auf türkischem Gebiet gewährten Vorrechten hören würden, sei zu erwarten, dass sie für sich die gleichen Rechte beanspruchen und dass dann im Kaukasus Unruhen ausbrechen würden.

Herr Sazonow hat gestern dem Oesterreichisch-ungarischen Botschaftsrat gesagt, er habe, um zu verhindern, dass es in Armenien zu Ruhestörungen kommt, dem hiesigen Türkischen Botschafter dringend geraten, seiner Regierung die Einführung von Reformen in Armenien zu empfehlen. [Anmerkung Wilhelm II: wie in Mazedonien? Also grade das was Woronzow befürchtet!] Turkhan Pascha hat mir von diesem Russischen Rat nichts mitgeteilt, sich aber bezüglich der Russischen Absichten in Armenien mir gegenüber äusserst misstrauisch gezeigt. [Anmerkung Wilhelm II: mit Recht!]. Während der Botschafter noch vor einigen Wochen die massvolle und loyale Haltung der Russischen Politik voll anerkannte, sprach er mir gestern von einer entschieden veränderten Haltung des Ministers [Anmerkung Wilhelm II: natürlich! Weil es in Stambul so bunt aussieht] ihm gegenüber, die ihn mit grossem Misstrauen erfülle. Er könne die Befürchtung nicht loswerden, dass Russland sich mit irgendwelchen Plänen trägt, mit denen es noch nicht heraustreten wolle [Anmerkung Wilhelm II: Seit Wochen für alle Nichtdiplomaten mit Händen zu greifen]. Turkhan Pascha erklärte auf das Entschiedenste, dass die Behauptung, die Lage der Christen in Armenien sei eine gefährliche, völlig haltlos sei; dagegen bestehe nicht der geringste Zweifel, dass die Russen es vollkommen in der Hand hätten, wenn es ihnen passe, vom Kaukasus aus in Armenien Unruhen anzuzetteln. [Anmerkung Wilhelm II: richtig, werden sie auch!]

Auffällig war mir, dass der sonst ausgesprochen russophile italienische Geschäftsträger, der bis jetzt das grösste Vertrauen in die Uneigennützigkeit der Russischen Politik zeigte [Anmerkung Wilhelm II: Cameel!!], mir ebenfalls Besorgnisse wegen der Russischen Absichten in Kleinasien äusserte. Auf meine Bemerkung, dass Russland immerhin bei etwaigen Expansionsbestrebungen in Kleinasien auf England würde Rücksicht nehmen müssen [Anmerkung Wilhelm II: umgekehrt ist es der Fall, brauchen sie nicht! London thut was Benkendorff will!] erwiderte Marquis Toretta: "Warum sollten sich die Mächte der Tripleentente nicht über diese Frage geeinigt haben?“ [Anmerkung Wilhelm II: richtig!] Der Geschäftsträger wies dabei auf das bemerkenswerte Interesse hin, das Frankreich neuerdings für Syrien zeige [Anmerkung Wilhelm II: Schlag gegen die Bagdadbahn!] und hielt es als nicht ausgeschlossen, dass England sein Auge auf die Arabische Küste des Roten Meeres geworfen habe. [Anmerkung Wilhelm II: richtig!]

Bestimmt Anhaltspunkte für solche Abmachungen der Mitglieder der Tripleentente unter sich, versicherte Marquis Toretta allerdings nicht zu besitzen, und auch ich vermag keine Tatsachen anzuführen, die auf Abmachungen dieser oder ähnlicher Art schliessen liessen, ich habe aber doch geglaubt, das Misstrauen [Anmerkung Wilhelm II: kommt reichlich spät! Ich habe es [das Mißtrauen] schon lange! Aber mir glaubt man niemals!], welches sich in hiesigen diplomatischen Kreisen gegen die Russischen Pläne zu regen beginnt, in meiner Berichterstattung nicht unerwähnt lassen zu dürfen. [Anmerkung Wilhelm II:Endlich kommt Petersburg. in die Position des Störenfrieds, der allgemeines Misstrauen erweckt!]


F. Pourtalès.
[Schlussbemerkung Wilhelm II:] sehr richtig



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