1913-05-10-DE-002
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Quelle: DE/PA-AA/R14078
Zentraljournal: 1913-A-09934
Erste Internetveröffentlichung: 2017 November
Edition: Armenische Reformen
Telegramm-Abgang: 05/10/1913
Praesentatsdatum: 05/15/1913 a.m.
Zustand: A
Letzte Änderung: 11/19/2017


Der Botschafter in London (Lichnowsky) an den Reichskanzler (Bethmann Hollweg)

Bericht


London, den 10. Mai 1913

Nr. 304.

Boghos Nubar Pascha, der Sohn des bekannten egyptischen Staatsmannes, stellte sich bei mir vor und bat, mich über die Lage seiner armenischen Landsleute in Kleinasien aufklären zu dürfen. Nubar, der bekanntlich armenischer Herkunft ist, steht an der Spitze eines Verbandes, der es sich zur Aufgabe gestellt hat, das Los der unter türkischer Herrschaft stehenden Armenier zu verbessern und die Einführung von Reformen mit Hilfe der Grossmächte durchzuführen. Er lebt gewöhnlich in Kairo, wo er sich der Verwaltung seiner Güter widmet, und einen Teil des Jahres in Paris.

Er erklärte mir, dass lediglich patriotische Zwecke ihn dazu bestimmten, sich der armenischen Sache zu widmen, und dass er im Begriff sei, die europäischen Hauptstädte zu bereisen um die Regierungen von der Notwendigkeit von Reformen zu überzeugen. Auch hier habe er um eine Audienz bei Sir Edward Grey gebeten und mit der hiesigen Presse, die sich für das Los der Armenier von jeher interessiere, bereits Fühlung nehmen können.

Ich machte den Pascha zunächst darauf aufmerksam, dass die armenische Frage nicht zu den Dingen gehöre, mit denen sich die Botschaftervereinigung zu befassen habe, dass ich daher amtlich nicht in der Lage sei, seine Wünsche zu fördern, und dass ich mich daher darauf beschränken müsse, seine Mitteilungen entgegenzunehmen. Auch legten wir das grösste Gewicht darauf, den heutigen Besitzstand der Türkei in Asien unversehrt zu erhalten und würden allen Bestrebungen entgegentreten, die auf Loslösung einzelner Gebietsteile hinzielten.

Nubar erwiderte, dass dieser Standpunkt sich völlig mit seiner Auffassung und seinen Wünschen in Übereinstimmung befände, und dass es daher not tue, Zuständen ein Ende zu bereiten, die, falls sie andauern sollten, die Zerstückelung der Türkei unweigerlich zur Folge haben würden. Denn in Armenien herrschten heute vollkommen anarchische Zustände. Raub, Mord, Notzucht seien an der Tagesordnung, denen gegenüber jeder Rechtsschutz versagt. Die Armenier würden von den nomadischen Kurdenstämmen unablässig gebrandschatzt und dürften sich nicht einmal verteidigen. Die Flucht in die Berge sei meist das einzige Rettungsmittel. Die türkischen Behörden ständen diesen Gewalttaten untätig gegenüber, bei Klagen verwiese der Wali auf die Gerichte und die Gerichte wieder auf den Wali, dem die Gendarmerie zur Verfügung stehe. Ginge es so weiter, so sei der Anschluss an Russland unausbleiblich, aber gerade diesen wünsche er zu verhindern, um der Russifizierung seiner Landsleute, die alsdann nur eine Frage der Zeit sein würde, vorzubeugen.

Im Artikel 61 des Berliner Vertrages sei den Armeniern Abhülfe versprochen worden, die verhiessenen Massnahmen aber wären ebenso toter Buchstabe geblieben, wie das von den Botschaftern in Konstantinopel im Jahre 1895 ausgearbeitete Reformprojekt. Das einzige Ergebnis aber waren die bekannten Metzeleien. Bei Eintritt der neuen Aera habe man geglaubt, dass nunmehr Verbesserungen bevorstünden, doch sei alles so geblieben wie zuvor, und die Zustände seien heute vielleicht noch ärger als unter Abdul Hamid.

Von selbst werde die Türkei sich nicht zu Reformen entschliessen, der Wille der Mächte und ernsthafte Einwirkung auf die türkische Regierung, verbunden mit einer internationalen Aufsicht sei der einzige Weg zu einer Gesundung der Verhältnisse und zur Erhaltung der Unversehrtheit des türkischen Besitzstandes.

In der Anlage beehre ich mich zwei mir von Boghos Nubar Pascha übergebene Aufzeichnungen zu überreichen [identisch mit Dok. 1913-04-18-DE-001; Anlage 7 sowie Anlage 5].


Lichnowsky



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