1909-05-17-DE-001
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Quelle: DE/PA-AA/R 13186
Zentraljournal: 1909-A-08691
Erste Internetveröffentlichung: 2009 April
Edition: Adana 1909
Praesentatsdatum: 05/18/1909 p.m.
Laufende Botschafts/Konsulats-Nummer: B. 1782. I.
Letzte Änderung: 03/23/2012


Der Chef des Admiralstabs der Marine (Baudissin) an den Staatsekretär des Auswärtigen Amts (Schoen)

Notiz



B. 1782. I.
Geheim!

Euer Exzellenz erhalten in der Anlage Abschrift eines militärpolitischen Berichts S.M.S. “Lübeck“ über die Lage in Beirut. Seiner Majestät dem Kaiser wird bei nächster Gelegenheit Vortrag über den Bericht gehalten werden.


Im Auftrage
Sievers
[Anlage]

Abschrift zu B. 1782. I. Kommando S.M.S. “Lübeck”. G.B. Nr. 234.

Beirut, den 6. Mai 1909.

Geheim!

1. Ankunft in Beirut.

Euer Majestät Schiff „Lübeck“ traf am Sonntag, den 2. Mai nachmittags im Hafen von Beirut ein, welcher durch eine Anzahl Dampfer, den englischen Kreuzer „Diana“ und den italienischen Kreuzer „Piemonte“ bereits sehr beengt war.

2. Besuch bei dem Generalkonsul Schroeder.

Ich begab mich sofort zum Generalkonsul Schroeder, um dort auch nähere Erkundigungen über die politische Lage in Beirut einzuziehen.

Der Generalkonsul schilderte mir die Lage als ruhig und gefahrlos. Irgend welche militärischen Maßnahmen zum Schutze der hiesigen Deutschen seien nicht nötig.

3. Andere Besuche.

Am nächsten Tage wurden in Begleitung des Generalkonsuls Besuche ausgetauscht mit dem Militärgouverneur, dem Wali und dem Gouverneur der Libanon-Provinz. Letzterer, Jussuf Pascha, war am Tage vorher mit seiner Familie in das Gebirge geflohen, weil er von den Mohammedanern hier sein Leben bedroht fühlte; er sandte von dort am nächsten Tage seinen Dolmetscher zu mir, um seinen Dank abzustatten.

4. Die politische Lage.

Die Ursache an der Flucht des Yussuf Pascha hatte folgenden Tatbestand: Vor etwa 10 Tagen ist im Gebirge ein Mohammedaner von einem Christen erschossen worden. Darauf versammelten sich in Beirut einige Tausend Mohammedaner, mit Gewehren und Revolvern bewaffnet, um ihren Glaubensgenossen an dem Mörder bzw. auch an anderen Christen zu rächen. Durch Dazwischentreten des Onkels des Ermordeten, welcher die Leute beruhigte und sagte, daß er die Auslieferung des Mörders durchsetzen würde, wurde hier ein Massakre verhütet. Am Sonntag wurde nun der Gouverneur bei einer Ausfahrt von Mohammedanern angehalten, da die Auslieferung bis jetzt noch nicht erfolgt sei, und es wurde sein Leben bedroht, falls nicht sofort Schritte zur Auslieferung erfolgten. Dieser Vorfall zeigt bereits - und meine Umfrage bei anderen Deutschen und Ausländern bestätigte diese Ansicht -, daß die politische Lage am Orte durchaus nicht so sicher ist, wie sie mir der Generalkonsul zuerst schildert; er änderte später auch seine Ansicht.

Die politische Lage ist in Beirut selbst für Leute, die lange Jahre hier wohnen, sehr kompliziert und so verworren, daß es einem nicht möglich ist, alle die Motive zu entwirren, welche hinter den Koulissen arbeiten, teils für, teils gegen die jetzige Regierung.

Es herrscht ein erbitterte Haß bei den verschiedenen Parteien, den Jungtürken und Reaktionären, den Christen und Mohammedanern, jeder Mann fühlt sich unsicher. Alle bewaffnen sich, der Waffen- und Munitionshandel blüht und es ist die Situation so gespannt, daß ein Funken genügt, um die Entladung herbeizuführen.

Dazu kommt, daß die neue Regierung sich durchaus noch nicht sicher fühlt, und über keine genügenden Machtmittel verfügt. Eine gefährliche Klasse von Leuten, die Matrosen und Hafenarbeiter, welche jederzeit bereit sind loszuschlagen und zu plündern, sind gerade diejenigen, deren die Jungtürken sich bei dem Boykott gegen Österreich bedienten. Vor einigen Tagen sind aus dem Gefängnis 50 Verbrecher ausgebrochen, welche noch die allgemeine Unsicherheit erhöhen.

Der Wali ist schwach, und ein Spielball der verschiedenen Parteien. So stellt das sogenannte „Comité Union et Progrès“ besondere Forderungen auf und bildet eine Art Nebenregierung. Heute hörte ich z.B., daß gestern ein mohammedanisches Komitee an den Wali die Forderung gestellt hat, er solle veranlassen, daß die fremden Kriegsschiffe den Hafen verließen. Wahrscheinlich würden dann sofort die Unruhen losbrechen.

Ehe hier nicht eine feste Regierung vorhanden ist, welche energisch einschreitet und auch genügend Truppen und Machtmittel zur Verfügung hat, um ihren Willen durchzusetzen, wird man die Lage nicht als sicher ansehen können. Sie ist im Gegenteil jetzt schlechter geworden.

5. Beirut als Verproviantierungshafen.

Beirut wird jetzt viel von den in Mersina und im Golf von Iskanderun liegenden Kriegsschiffen aller Nationen angelaufen, um Frischproviant zu ergänzen, da im Norden nichts mehr zu erhalten ist und sogar teilweise Hungersnot herrscht.

Auch Kohlen werden hier genommen. Aber abgesehen davon, daß dieselben teuer und schlecht sind, ist jetzt der Vorrat an Land völlig erschöpft. Euer Majestät Schiff „Lübeck“ erhielt noch die letzten vorhandenen Tonnen mit großer Mühe, da gleichzeitig das französische Linienschiff „Vérité“ Kohlen nehmen wollte.

Für spätere Kohlenergänzungen müßte Port Said in Aussicht genommen werden.

6. Anwesenheit von deutschen Kriegsschiffe auch in anderen Häfen erwünscht.

Nach Mitteilungen des Generalkonsuls Schroeder wäre es sehr erwünscht, wenn die deutsche Flagge auch noch in anderen Häfen an der Syrischen Küste gezeigt würde. Man müßte nach den Äußerungen der hiesigen Zeitungen den Eindruck gewinnen, als ob Deutschland überhaupt nicht vorhanden wäre und nichts täte. So wurde die Absendung von einigen deutschen Schwestern des hiesigen Hospitals zur Hilfeleistung nach Mersina den Amerikanern zugeschrieben.

In Haifa und Jaffa befinden sich große deutsche Ackerbau-Kolonien, welche jetzt sehr beunruhigt sind und auch von Mohammedanern und Beduinen durch Übergriffe viel belästigt werden, während die türkische Regierung auf die Beschwerden nichts veranlaßt, da sie selbst machtlos ist. Das Zeigen von Flagge würde hier von Nutzensein.

pp.


[Kühne]



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