1914-05-27-DE-001
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Quelle: DE/PA-AA/R 7356
Zentraljournal: 1914-A-10622
Erste Internetveröffentlichung: 2012 Juni
Edition: Die deutsche Orient-Politik 1911.01-1915.05
Praesentatsdatum: 05/30/1914
Laufende Botschafts/Konsulats-Nummer: Nr. 105
Zustand: A
Letzte Änderung: 12/18/2017


Der Konsul von Saloniki (Walter) an den Reichskanzler (Bethmann Hollweg)

Bericht



Nr. 105.

Salonik, den 27. Mai 1914

[Auszug]

Abschrift.

König Konstantin hat hier und im Innern überall Truppenschau abgehalten und strenge Kritik geübt, auch haben ihn Festlichkeiten und Einladungen mit den Zivilbehörden und der Bevölkerung in Berührung gebracht, sodaß er, wie vor ihm Venizelos, die neuen Gebiete jetzt in der Zeit des Friedens und des Uebergangs zum neuen Regime näher kennen gelernt haben wird. Nur Kastoria soll er absichtlich vermieden haben, um dort nicht durch epirotische Deputationen in Verlegenheit gebracht zu werden. Welche Eindrücke er dabei gewonnen hat, läßt sich freilich nicht sagen, es dürfte ihm aber nicht entgangen sein, daß der griechische Staat in seinem mazedonischen Gebiet schwere Aufgaben übernommen hat, um das früher mit dem großen türkischen Reiche verbundene Land in den engen jetzigen Grenzen zu Wohlstand und Blüte zu bringen, seinen Handel zu erhalten, die Industrie und Landwirtschaft zu heben, die großen Minoritäten der muselmännischen und slavischen Bevölkerung auszusöhnen und deren Auswanderung, die jetzt in Massen vom Saloniker Hafen aus verboten worden ist, durch Ansiedelung griechischer Bauern und Arbeiter auszugleichen.

Die gegenseitigen Anschuldigungen wegen Verfolgung und Vertreibung der Muhamedaner in Mazedonien und der Griechen in Thrazien dauern fort. Zweifellos, denn einzelne Fälle sind gut verbürgt, wird mit oder ohne Konnivenz der höheren Behörden, auf beiden Seiten viel gesündigt und im Streit beider Staaten werden die Griechen, wie die Türken geschlagen.

Zur Unterstützung der Ansiedelung der griechischen Flüchtlinge aus der Türkei, wozu noch griechische Auswanderer aus dem Kaukasus kommen, ist eine aus Beamten und Privatleuten zusammengesetzte Kommission unter Vorsitz des griechischen Deputierten Miltiades Negropontis gebildet, deren Statuten im jetzt mir zugehenden Saloniker Regierungsanzeiger vom 3./16. Mai veröffentlicht sind. Die Beschlüsse der Kommission unterliegen der Genehmigung des Generalgouverneurs, ihr Berichterstatter ist jedesmal der Chef des Arbeitsamts beim Generalgouverneur, zur Zeit Herr Liverios. Die Flüchtlinge sollen im Inneren Land erhalten, eine große Anzahl ist bereits bei Drama, bei Kilkitsch und in Westmazedonien untergebracht worden. Auch die neugegründete Ackerbaubank soll helfend eingreifen.

Jetzt erwartet man [in Saloniki] eine Wiederholung des Marktes von den Handelsverträgen, die Griechenland mit Serbien und Oesterreich-Ungarn in diesen Tagen abgeschlossen haben soll; allein ein großer Teil der Geschäftsleute setzt keine große Hoffnung darauf, da für das verlorene Hinterland kein Ersatz geschaffen ist. Wer von der türkischen oder jüdischen Kaufmannschaft es ermöglichen kann, sucht hier wegzukommen und sein Geschäft außerhalb Griechenlands neu zu begründen. Ebenso werden die meisten türkischen Advokaten Salonik verlassen, da sie nicht griechisch plädieren und den neuen gesetzlichen Anforderungen an ihren Stand nicht entsprechen können.

Salonik wird voraussichtlich sein jüdisch-türkisches Aussehen bald verändern. Man hört gegen früher vielmehr griechisch sprechen und es scheint, daß jedermann beflissen ist, diese Landessprache zu erlernen. Von König Konstantin wurde erzählt, daß er die ihm vorgelegten Verschönerungspläne lange geprüft und geäußert hat, man solle sie bald ausführen, damit die Stadt ihren türkischen Charakter verliere.

Aus vertraulicher Quelle erfahre ich, daß bestimmen Nachrichten zufolge in Kleinasien eine starke griechenfeindliche Bewegung zur Geltung kommt, um auch dort die Vertreibung des griechischen Elements einzuleiten. Man ist darüber in amtlichen griechischen Kreisen ziemlich beunruhigt. Die Regierung will es nicht zulassen, daß griechische Flüchtlinge nach Altgriechenland gehen, und hier wird ihre Unterbringung immer schwieriger. Das mohamedanische Element ist wegen des Verbots der massenweisen Auswanderung über Salonik ziemlich ungehalten, tausende von Personen sind schon unterwegs und erleiden durch diese Verfügung großen materiellen Schaden. Man will einschreiten , damit den unterwegs befindlichen Personen noch die Auswanderung gestattet werde. Nachrichten aus amtlicher Quelle von Prisrend besagen, daß die dortigen Arnauten vorläufig ruhig sind. Sie erhoffen noch eine Revision der Grenze und Anschluß an Albanien, sollten ihre Erwartungen getäuscht werden, sind sie entschlossen das Land zu verlassen. Türkische Emissäre sind angeblich in den Gebieten von Ghilan, Verisowitsch, Prischtina, Mitrowitza, Nowibazar und Sienitza an der Arbeit, die muhamedanischen Arnauten zu bewegen nach Thrazien zu kommen wo sie Grund und Boden erhalten sollen.


[Walter]



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