1909-08-21-DE-001
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Quelle: DE/PA-AA/R 13188
Zentraljournal: 1909-A-15116
Erste Internetveröffentlichung: 2009 April
Edition: Adana 1909
Praesentatsdatum: 09/12/1909 a.m.
Laufende Botschafts/Konsulats-Nummer: J.No. 810/K.No. 109
Letzte Änderung: 03/23/2012


Der Generalkonsul in Aleppo (Tischendorf) an den Reichskanzler (Bethmann Hollweg)

Bericht



J.No. 810 / K.No. 109
Euerer Exzellenz beehre ich mich gehorsamst zu berichten, daß in den letzten Tagen Gerüchte über den angeblichen Ausbruch von Unruhen in Zeitun hier umgingen, welche zur Entsendung von Truppen Anlaß gegeben hätten. Laut Mitteilung des hiesigen Militärkommandanten Hamid Pascha sollen diese Gerüchte in so weit unbegründet sein, als in der Stadt Zeitun vollständige Ruhe herrsche; dieselbe sei nur insofern gestört worden, als auf Anordnung des Kriegsgerichts zu Marasch 12 Armenier verhaftet werden sollten, von denen 2 tatsächlich verhaftet aber von ihren Glaubensgenossen wieder befreit wurden, worauf sie alle in die Berge geflüchtet seien.

Von Adana sei sodann der Befehl gekommen, die Schuldigen auf alle Fälle festzunehmen, zu welchem Zwecke eine, wie Hamid Pascha sagt, genügende Truppenzahl von Zeitun ausgesandt worden sei.

Die Stimmung der Bevölkerung hier ist unverändert, und es herrscht noch kein rechtes Vertrauen in die Wiederkehr ruhiger gewordener Zustände; die Auswanderung der christlichen und israelitischen Bevölkerung dauert fort, und wird die Zahl der in den letzten beiden Monaten Ausgewanderten auf ca. 2000 Personen geschätzt.

Die Zeitung Sadai Chahba, die jetzt hauptsächlich die Ansichten des jungtürkischen Komitees wiederzugeben scheint, bringt dauern aufhetzende Artikel wegen der kretischen Frage und gegen das Verhalten der Großmächte, denen sie vorwirft, sich nur für die der Türkei ungünstigen Bestimmungen der Verträge einzusetzen, aber nicht für solche, die zu Gunsten der Türkei lauteten, u.a.m.

Andererseits herrscht aber auch bei einem großen Teil der Bevölkerung eine offenbare Mißstimmung gegen das Komitee, dem vorgeworfen wird, die Bestrafung der an den Massakres Schuldigen verhindert, wenn nicht gar die Unruhen selbst damals veranlaßt zu haben, um so die Absetzung des früheren Sultans zu erreichen.

Der Wali Raschid Bey ist noch abwartend und wird in den nächsten Tagen hier zurückerwartet.


Tischendorf

Gleichlautender Bericht ist der Kaiserlichen Botschaft erstattet worden.



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