1913-07-31-DE-001
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Quelle: DE/PA-AA/R 14081
Zentraljournal: 1913-A-15610
Erste Internetveröffentlichung: 2017 November
Edition: Armenische Reformen
Telegramm-Abgang: 07/31/1913 06:00 PM
Telegramm-Ankunft: 07/31/1913 09:29 PM
Praesentatsdatum: 08/01/1913 a.m.
Laufende Botschafts/Konsulats-Nummer: Nr. 425
Zustand: A
Letzte Änderung: 11/19/2017


Der Botschafter in Konstantinopel (Wangenheim) an das Auswärtige Amt

Telegraphischer Bericht


Constantinopel, den 31. Juli 1913

Aus dem Telegramm Nr. 2491 ersehe ich, daß Euere Exzellenz eventuell geneigt wären, einen mit weitgehenden Machtbefugnissen ausgestatteten Oberkommissar für Armenien unter der Voraussetzung zuzulassen, daß für unsere Arbeitszone ein deutschen Einflüssen ...2 Oberkommissar mit analogen Befugnissen ernannt wird. Hierzu wäre zunächst erforderlich, daß das auf fünf Zonen verteilte deutsche Arbeitsgebiet zu einer Provinz vereinigt würde. Dem würde sich die Pforte auf das äußerste widersetzen. Denn durch die türkische Zoneneinteilung soll gerade der Bildung von Interessensphären vorgebeugt werden. Auch liegt es in der Absicht der türkischen Regierung, in den einzelnen Zonen den Einfluß derjenigen Nationen möglichst auszuschalten, welche in diesen Gebieten besondere Interessen haben. Der türkische Widerstand würde nur mit demselben Mittel zu überwinden sein, welches zur Durchsetzung des Projekts Mandelstam angewendet werden muß, nämlich mittels einer Kollektiv - wahrscheinlich sogar einer Zwangsaktion sämtlicher Mächte. Wir müßten zunächst von den Ententemächten als Kompensation für unser Eintreten für das Projekt Mandelstam die Zusage extrahieren, ihrerseits für die Schaffung einer deutschen Zone sich einsetzen zu wollen. Mit dem Verlangen nach einer Interessensphäre würden wir uns aber denjenigen Mächten anschließen, welche ziellbewußt auf die Aufteilung hinarbeiten. Die Zerlegung der Türkei in Interessensphären bedeutet den vorletzten Akt der Tragödie. Nun bin ich zwar der Meinung, daß die Türkei sich nur unter ganz bestimmten Voraussetzungen halten lassen wird, und daß selbst diejenigen Mächte, welche die Türkei konservieren wollen, durch ihre Bemühungen, Rußland an das europäische Konzert zu fesseln, gezwungen sind, die zersetzende russische Orientpolitik teilweise mitzumachen wie England oder ihr wenigstens nur vorsichtig entgegenzutreten wie Deutschland. Ob aber gerade für uns der Zeitpunkt gekommen ist, die Situation mit Bezug auf die Zukunft der Türkei durch die Anregung von Interessensphären zu klären, möchte ich bezweifeln. Der Entschluß dazu würde einen entscheidenden Wendepunkt in unserer türkischen Politik bedeuten. Letztere war bisher auf die Erhaltung und Konsolidierung der asiatischen Türkei gerichtet und verfolgte dieses Ziel, indem sie für die Autorität der türkischen Regierung eintrat und Zwangsmaßregeln der europäischen Mächte tunlichst verhinderte. Lediglich auf diesem Zusammengehen mit der Türkei beruhte der deutsche Einfluß in Constantinopel. Dieser Politik verdanken wir unsere politischen Erfolge. Ich bin dementsprechend auch in der Armenierfrage davon ausgegangen, daß ein Zwang der Pforte zu vermeiden und daß auf dem von der Pforte daselbst vorgelegten Reformprogramm weiter zu bauen sei. Eine entgegengesetzte Politik birgt die Gefahr, daß wir von unseren Gegnern als die Aufteilungslustigen hingestellt werden, und daß unser Kredit bei der Türkei damit vorzeitig völlig untergraben wird. Es kommt hinzu, daß Österreich und Italien sich gegen eine Aufteilungspolitik, bei der sie zu kurz kommen müßten, lebhaft sträuben, und daß wir uns daher in dieser Frage von den anderen Mitgliedern des Dreibundes trennen müßten. Trotz der Haltung der hiesigen englischen Botschaft nehme ich nach den Äußerungen Sir E. Greys an, daß auch England im Grunde die Erhaltung der Türkei will. Wir würden daher durch Propagierung von Interessensphären nur russische Politik machen und uns zu den letzten Absichten der englischen Politik in Widerspruch setzen.

Aus allen diesen Erwägungen komme ich zu dem Schluß, daß wir unseren Widerstand gegen die gefährlichen Punkte des Projekts nicht aufgeben dürfen, dagegen aber mit Nachdruck für die Durchführung des türkischen Reformprogramms eintreten müssen, wobei wir Rußland dadurch entgegenkommen können, daß wir uns für eine möglichst unabhängige und starke Stellung der Generalinspekteure und eine Kontrolle der Reformen durch die Botschaften einsetzen. Auf diesem Wege können wir zu einer Verständigung mit der Pforte gelangen, während der andere Weg ins Ungewisse führt. Eine einseitige Unterstützung des russischen Programms scheint mir schon durch Rücksicht auf unsere öffentliche Meinung ausgeschlossen.

Die Gefahr, daß Rußland eines Tages in Armenien einrückt, besteht ganz unabhängig von der Armenierfrage, die doch nur als Vorwand dient. Wird Rußland den Mut haben, sich von dem europäischen Konzert zu trennen und damit die Gefahr eines europäischen Konflikts heraufzubeschwören? Ohne England wird Rußland den Schritt kaum wagen, und wenn England den Untergang der Türkei will, so können wir sie allein nicht retten. Nach meiner unmaßgeblichen Meinung gibt es für uns nur ein sicheres Mittel, die Türkei vorläufig zu retten, die offene Erklärung, daß wir uns bei der Teilung nicht ausschließen lassen. Letzteres war auch die Meinung Mahmud Schewkets.


[Wangenheim]

1 A 14922 [Dok. 1913-07-27-DE-001].

2 Gruppe fehlte.



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