1915-01-20-DE-003
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Quelle: DE/PA-AA/R 19946
Zentraljournal: 1915-A-02482
Erste Internetveröffentlichung: 2012 April
Edition: Die deutsche Orient-Politik 1911.01-1915.05
Telegramm-Abgang: 01/20/1915 04:59 PM
Telegramm-Ankunft: 01/20/1915 05:25 PM
Praesentatsdatum: 01/20/1915 p.m.
Laufende Botschafts/Konsulats-Nummer: Nr. 172
Zustand: A
Letzte Änderung: 10/23/2017


Der Botschafter in Konstantinopel (Wangenheim) an das Auswärtige Amt

Telegraphischer Bericht



Nr. 172.

Pera, den 20. Januar 1915.

Konsul Schwarz Erzerum telegraphiert unterm 17.:

Geheim!

Über militärische Lage erfahren wir von Major Lange, der vor 8 Tagen krank die Armee verließ, Folgendes:

„Türkischer Vormarsch begann 22. Dezember, nach Eintreffen des von Samsun-Siwas kommenden X. Armeekorps (Ismail Hakki Bey). Seine Tendenz war, vor russischer Hauptstellung nur 11. Armeekorps und Kavallerie-Division zu belassen, mit 9. und 10. Armeekorps Gegner nördlich zu umfassen. 10. Armeekorps ging in großem Marsch über Tortum, es schlug dort am 23. etwa eine russische Division, die von Kars vorgeschickt worden war (tausend Gefangene, sechs Feldgeschütze, dreizehn Maschinengewehre). 10. Armeekorps trieb geschlagenen Gegner am 24. auf Straße nach Ardahan vor sich her und bog dann bei Kossur über schwieriges tief verschneites Gebirge nach Süden auf Ssarykamisch ab. Vor Ssarykamisch war inzwischen das von Kusch über Bardis umfassende 9. Armeekorps eingetroffen. Beide Korps kämpften nun fast eine Woche mit der Front nach Westen gegen die vor der Umfassung aus der Türkei zurückgegangenen Russen. Die türkischen Kräfte reichten jedoch zu einem Siege nicht aus. Infolge des schnellen Marsches durch das Gebirgsland, der Biwaks im Schnee, Mangel an Verpflegung, Kälte und sehr beträchtliche Gefechtsverluste schmolz die Stärke der Regimenter außerordentlich zusammen. Am 4. Januar gelang es den Russen, den Nordflügel des 9. Armeekorps zu schlagen, zugleich das 10. Armeekorps südlich zu umgehen und im Rücken zu bedrohen. In der folgenden Nacht entzogen sich beide Korps der Umfassung und gingen am 5. und 6. bis Bardis zurück, wo sie noch stehen. Die Russen, die stets wenig Energie zeigten, störten diese Bewegung nicht. 12 Feldgeschütze, deren Mitnahme bei dem äußerst schwierigen Gelände nicht möglich war, wurden zerstört. 11. Armeekorps und Kavallerie-Division hatten anfangs feindliche Hauptstellung im Arras-Tal angegriffen, drängten dem auf Ssarykamisch abziehenden Gegner nach und stehen jetzt auch auf russischem Boden. Wenn also auch der kühne Gedanke, den Gegner von Kars abzuschneiden, nicht gelungen ist, so haben die Türken doch die Russen von türkischem Boden verdrängt. An eine Aufnahme der Offensive ist aber vor Eintreffen neuer Verstärkung nicht zu denken; ebenso aber kommt russischer Vormarsch schon infolge der großen natürlichen Schwierigkeiten kaum in Frage. Die russischen Truppen, vorwiegend aus nichtrussischen Elementen gebildet (Juden, Armenier, Grusinier, Griechen, Polen, Deutsche) schlagen sich schlecht, sind jedoch gut ausgerüstet. Zahl der Gefangenen überschreitet dreitausend. Russische Artillerie nicht zahlreich, Schießleistung gut.“


[Wangenheim]



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