1913-06-30-DE-001
Deutsch :: de
Home: www.armenocide.net
Link: http://www.armenocide.net/armenocide/armgende.nsf/$$AllDocs/1913-06-30-DE-001
Quelle: DE/PA-AA/R 14080
Zentraljournal: 1913-A-13152
Erste Internetveröffentlichung: 2017 November
Edition: Armenische Reformen
Telegramm-Abgang: 06/30/1913 05:45 PM
Telegramm-Ankunft: 06/30/1913 08:40 PM
Praesentatsdatum: 07/01/1913 a.m.
Laufende Botschafts/Konsulats-Nummer: Nr. 351
Zustand: A
Letzte Änderung: 11/19/2017


Der Botschafter in Konstantinopel (Wangenheim) an das Auswärtige Amt

Telegraphischer Bericht


Therapia, den 30. Juni 1913

Unter Bezugnahme auf Tel. Nr. 210.1

Bei heutiger Vereinigung der Botschafter erklärte Herr von Giers,

1.) daß die Anregung zu der Konferenz von Rußland ausgeht,

2.) daß Rußland in Ostanatolien und an der Armenierfrage mehr als andere Mächte interessiert sei und

3.) daß die Verhandlungen mit möglichster Beschleunigung geführt werden müßten.

Sodann unterbreitete Herr von Giers das Projekt Mandelstam. Nach demselben sollen die 6 Vilajets unter einem vom Sultan zu ernennenden türkischen oder besser noch europäischen Generalgouverneur zu einer Provinz zusammengefaßt werden. Diese Provinz wird vom türkischen Reich administrativ und militärisch so gut wie vollkommen abgetrennt. Beamte und Richter werden ausschließlich vom Generalgouverneur ernannt. Truppen rekrutieren sich nur aus Armenien und dürfen in Friedenszeiten nur dort verwendet werden.

Das Projekt geht weit über das Programm von 1895 und selbst über Libanon-Statut hinaus. Seine Realisierung würde aus der Hälfte Anatoliens ein mit der Türkei nur noch lose durch die Souveränität des Sultans verbundenes Armenien schaffen, auf welches Rußland schon deshalb den ersten Anspruch hätte, weil die andere Hälfte der Armenier in Rußland lebt. Es wäre der Beginn der Aufteilung. Frankreich würde in Syrien folgen und auch wir wären, falls wir nicht Kleinasien aufgeben wollen, genötigt, ein ähnliches Regime für unsere Interessensphäre zu verlangen. Das russische Projekt nimmt übrigens das teilweise zu unserer Zone gehörige Vilajet Diarbekir für Armenien in Anspruch.

Auf Antrag Doyens wurde das Projekt einer Kommission von Delegierten der Botschaft zur Prüfung überwiesen. Ich beabsichtige mich durch Dragoman Schönberg vertreten zu lassen. Markgraf Pallavicini und ich werden unsere Vertreter instruieren, sich auf keinerlei Diskussion der Prinzipienfrage einzulassen, dagegen aber auf einer ganz ausführlichen Diskussion der einzelnen Punkte des russischen Programms und einer gründlichen Prüfung der türkischen Vorschläge zu bestehen. Es kommt zunächst darauf an Zeit zu gewinnen, damit die auf dem Rückmarsch begriffenen Truppen wieder in Armenien eintreffen können und damit ein Anhalt gewonnen wird über die Haltung Englands. Stimmt letztere dem russischen Vorschlag zu, so ist damit bewiesen, daß es die Aufteilung zu verhindern nicht gewillt ist.


[Wangenheim]
[Antwort Jagow 1.7. (Nr. 214)]

Einverstanden.

[Jagow an den Botschafter in St. Petersburg 1. 7. (Nr. 164)]

In Botschafterreunion Constantinopel hat Herr von Giers gestern russisches Projekt vorgelegt. Danach "sollen die 6 Vilajets unter einem vom Sultan zu ernennenden türkischen oder besser noch europäischen Generalgouverneur zu einer Provinz zusammengefaßt werden. Diese Provinz wird vom türkischen Reich administrativ und militärisch so gut wie vollkommen abgetrennt. Beamte und Richter werden ausschließlich vom Generalgouverneur ernannt. Truppen rekrutieren sich nur aus Armenien und dürfen in Friedenszeiten nur dort verwendet werden.

Das Projekt geht weit über das Programm von 1895 und selbst über Libanon-Statut hinaus. Seine Realisierung würde aus der Hälfte Anatoliens ein mit der Türkei nur noch lose durch die Souveränität des Sultans verbundenes Armenien schaffen."

Was Armenien eingeräumt wird, würde bald auch für andere türkische Gebietstheile verlangt und nicht abgeschlagen werden können. Damit würde de facto Auftheilung der Türkei eingeleitet, die wir absolut zu vermeiden wünschen. Bitte Herrn Sasonow auf diese Gefahr hinweisen und ihm unsere Wünsche mitteilen, daß noch türkische Vorschläge berücksichtigt werden.


[Jagow 1.7. an den Botschafter in Wien (Nr. 969)]

Die K. Botschaft in Constantinopel telegrafiert:

"Bei heutiger Vereinigung der Botschafter erklärte Herr von Giers,

1.) daß die Anregung zu der Konferenz von Rußland ausgeht,

2.) daß Rußland in Ostanatolien und an der Armenierfrage mehr als andere Mächte interessiert sei und

3.) daß die Verhandlungen mit möglichster Beschleunigung geführt werden müßten.

Sodann unterbreitete Herr von Giers das Projekt Mandelstam. Nach demselben sollen die 6 Vilajets unter einem vom Sultan zu ernennenden türkischen oder besser noch europäischen Generalgouverneur zu einer Provinz zusammengefaßt werden. Diese Provinz wird vom türkischen Reich administrativ und militärisch so gut wie vollkommen abgetrennt. Beamte und Richter werden ausschließlich vom Generalgouverneur ernannt. Truppen rekrutieren sich nur aus Armenien und dürfen in Friedenszeiten nur dort verwendet werden.

Das Projekt geht weit über das Programm von 1895 und selbst über Libanon-Statut hinaus. Seine Realisierung würde aus der Hälfte Anatoliens ein mit der Türkei nur noch lose durch die Souveränität des Sultans verbundenes Armenien schaffen, auf welches Rußland schon deshalb den ersten Anspruch hätte, weil die andere Hälfte der Armenier in Rußland lebt. Es wäre der Beginn der Aufteilung. Frankreich würde in Syrien folgen u.s.f.

Auf Antrag Doyens wurde das Projekt einer Kommission von Delegierten der Botschaft zur Prüfung überwiesen. Markgraf Pallavicini und ich werden unsere Vertreter instruieren, sich auf keinerlei Diskussion der Prinzipienfrage einzulassen, dagegen aber auf einer ganz ausführlichen Diskussion der einzelnen Punkte des russischen Programms und einer gründlichen Prüfung der türkischen Vorschläge zu bestehen. Es kommt zunächst darauf an Zeit zu gewinnen, damit die auf dem Rückmarsch begriffenen Truppen wieder in Armenien eintreffen können."

Ich habe wie folgt Botschafter Petersburg telegrafiert: [Letzter Text des Telegramms an St. Petersburg].


[Jagow an den Botschafter in Paris 1.7. (Nr. 192)]

Der K. Botschafter in Constantinopel telegrafiert:

"In heutiger Réunion erklärte russischer Botschafter

1.) daß die Anregung zu der Konferenz von Rußland ausgeht,

2.) daß Rußland in Ostanatolien und an der Armenierfrage mehr als andere Mächte interessiert sei und

3.) daß die Verhandlungen mit möglichster Beschleunigung geführt werden müßten.

Hierauf vorlegte Herr von Giers das russische Projekt. Nach demselben sollen die 6 Vilajets unter einem vom Sultan zu ernennenden türkischen oder besser noch europäischen Generalgouverneur zu einer Provinz zusammengefaßt werden. Diese Provinz wird vom türkischen Reich administrativ und militärisch so gut wie vollkommen abgetrennt. Beamte und Richter werden ausschließlich vom Generalgouverneur ernannt. Truppen rekrutieren sich nur aus Armenien und dürfen in Friedenszeiten nur dort verwendet werden.

Das Projekt geht weit über das Programm von 1895 und selbst über Libanon-Statut hinaus. Seine Realisierung würde aus der Hälfte Anatoliens ein mit der Türkei nur noch lose durch die Souveränität des Sultans verbundenes Armenien schaffen."

Was für Armenien eingeräumt wird, würde bald auch für andere Gebietstheile verlangt werden. Damit würde de facto Aufhteilung der Türkei beginnen, welche wir, und wie wir annehmen, auch Frankreich und England nicht wollen. Bitte Herrn Pichon in vorsichtiger Weise auf Gefahr hinweisen und seine Ansicht hören.


[Jagow an den Botschafter in London (Nr. 362)]

Der K. Botschafter in Constantinopel telegrafiert unter Bezugnahme auf Telegr. Nr. 210.

"Bei heutiger Botschafter-Vereinigung erklärte Herr von Giers,

1.) die Anregung zur Konferenz ausgeht von Rußland,

2.) Rußland sei in Ostanatolien und an der Armenierfrage mehr als andere Mächte interessiert,

3.) die Verhandlungen müßten mit möglichster Beschleunigung geführt werden.

Herr von Giers unterbreitete Projekt Mandelstam. Danach sollen die 6 Vilajets unter einem vom Sultan zu ernennenden türkischen oder besser noch europäischen Generalgouverneur zu einer Provinz zusammengefaßt werden. Diese Provinz wird vom türkischen Reich administrativ und militärisch fast völlig abgetrennt. Beamte und Richter werden ausschließlich vom Generalgouverneur ernannt. Truppen rekrutieren sich nur aus Armenien und dürfen in Friedenszeiten nur dort verwendet werden.

Das Projekt hinausgeht weit über das Programm von 1895 und selbst über Libanon-Statut. Seine Realisierung würde aus der Hälfte Anatoliens ein mit der Türkei nur noch lose durch Sultan-Souveränität verbundenes Armenien schaffen, auf welches Russland schon deshalb den ersten Anspruch hätte, weil die andere Hälfte der Armenier in Rußland wohnt. Es wäre der Beginn der Aufteilung.

Auf Antrag Doyens wurde das Projekt einer Kommission von Delegierten der Botschaft zur Prüfung überwiesen."

Bitte Sir E. Grey auf Gefahren dieses Vorgehens hinweisen und seine Ansicht erfragen. Gleiches Regime würde voraussichtlich auch für Syrien und andere türkische Gebietstheile verlangt werden. Damit würde de facto Auftheilung, die wir nicht wünschen, in die Wege geleitet.

1 A 12947.



Copyright © 1995-2018 Wolfgang & Sigrid Gust (Ed.): www.armenocide.net A Documentation of the Armenian Genocide in World War I. All rights reserved