1915-01-31-DE-001
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Quelle: DE/PA-AA/R 20177
Zentraljournal: 1915-A-03929
Erste Internetveröffentlichung: 2012 April
Edition: Die deutsche Orient-Politik 1911.01-1915.05
Telegramm-Abgang: 01/31/1915 07:45 PM
Telegramm-Ankunft: 01/31/1915 10:10 PM
Praesentatsdatum: 02/01/1915 a.m.
Laufende Botschafts/Konsulats-Nummer: Nr. 270
Zustand: A
Letzte Änderung: 10/23/2017


Der Botschafter in Konstantinopel (Wangenheim) an das Auswärtige Amt

Telegraphischer Bericht



Nr. 270.

Pera, den 31. Januar 1915

Großes Hauptquartier:

Die erste und zweite Armee (6 Armeekorps zu je 3 Divisionen) stehen nach wie vor für ein etwaiges Eingreifen auf der Balkanhalbinsel bereit.

Die dritte Armee, die zur Offensive übergegangen war, hat nach dem Eingreifen russischer Verstärkungen anhaltend bis zur Grenze zurückgehen müssen, wo sie jetzt nach begonnener Auffüllung der Verluste in einer günstigeren Lage steht als vor Beginn der Operationen.

Die Armee steht mit dem rechten Flügel der Hauptkräfte östlich Tutak, mit dem linken Flügel südlich Narrman. Detachements befinden sich in Persien bei Choi und Täbris sowie südöstlich Batum in Gegend Artwin.

Ich werde eine erneute Offensive der Dritten Armee mit erheblichen Verstärkungen erst dann wieder beginnen, wenn die Lage auf dem Balkan eine Verschiebung der hiesigen Kräfte gestattet.

Von den persischen Stämmen haben sich außer den in der Gegend Urmia und Täbris befindlichen nun auch die am Kaspischen Meer ansässigen Stämme der aufständischen Bewegung angeschlossen.

Sollten die Russen in Nordpersien zur Offensive übergehen, so wird eine Division, die sich jetzt auf dem Marsche dorthin befindet, eingreifen. Diese Division soll alle in Nordpersien befindlichen Stämme zu gemeinsamem Vorgehen vereinigen, nach Erledigung ihrer Aufgabe in Nordpersien auf Teheran weitermarschieren und sich der persischen Regierung zur Verfügung stellen, um den dortigen russisch-englischen Einfluß zu beseitigen.

Die Division ist begleitet von hinreichendem Ausbildungspersonal, sowie versehen mit Geld, Waffen, Munition, die Organisation eines persischen Heeres zu beginnen.

Von den in Persien erreichten Erfolgen wird es abhängen, ob die Division, nötigenfalls verstärkt durch persische Truppen, den Weitermarsch nach Afghanistan fortsetzen und unterwegs durch Entsendungen auch Turkestan zum Aufstand gegen Rußland bringen kann.

Endlich soll die Division im Verein mit afghanischen Truppen bis Indien vordringen, um die Grenzstämme zum Abfall zu bewegen und um dadurch die Revolution in ganz Indien vorzubereiten.

Da ich annehme, daß der europäische Krieg noch lange dauern kann, so hoffe ich, daß die Division, die nur den Kern der persischen bzw. afghanischen Truppen bilden soll, trotz des mehrmonatlichen Marsches rechtzeitig eintreffen wird, um die Engländer an einer ihrer empfindlichsten Stellen zu treffen.

In Mesopotamien steht die Lage, nachdem die dort vorhandenen Truppen verstärkt worden sind, für uns durchaus günstig. Die Engländer haben sich bei Korna verschanzt, scheinen also nicht weiter vorrücken zu wollen; ihre Hauptkräfte stehen bei Basrah, unsere Truppen werden versuchen die Engländer von ihren Verbindungen abzuschneiden und einzuschließen, die großen arabischen Stämme haben sich durchweg dem heiligen Krieg angeschlossen und machen teils die Kämpfe gegen die Engländer in Mesopotamien mit, teils gehen sie im Verein mit der vierten Armee gegen den Suezkanal vor.

Die vierte Armee besteht aus 6 Divisionen. Der 150 km lange Marsch durch die Wüste ist trotz erheblichen Schwierigkeiten sehr gut geglückt. Der Kampf am Kanal muß in diesen Tagen begonnen haben. Wegen schlechter telegraphischer Verbindungen sind noch keine näheren Nachrichten eingegangen. Die vierte Armee hat die Absicht, den Kanal zu überschreiten. Sollte die Durchführung jedoch nicht gelingen, so wird die Armee alles daran setzen, die englischen Truppen festzuhalten und den Verkehr auf dem Kanal zu unterbrechen.

In Syrien stehen zur Sicherung der rückwärtigen Verbindung und zur Abwehr etwaiger Schlappen 4 Divisionen. Ebenso ist Akaba genügend gesichert. Die Senussi sind von Westen her gegen den Suezkanal im Vorgehen begriffen.

Im Sudan haben die aufständischen Bewegungen schon begonnen.

Der Flotte war es bisher noch nicht möglich, die Seeherrschaft im Schwarzen Meer zu erzwingen, jedoch hat sie kleinere Unternehmungen gegen die russische Küste durchgeführt, die Truppen- sowie Materialtransporte nach Trapezunt begleitet.

Ich bitte um Stellungnahme, ob die geplanten Unternehmungen den Wünschen Deutschlands entsprechen.

Enver
Stellvertretender Oberbefehlshaber.


[Wangenheim]



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