1913-03-13-DE-002
Deutsch :: de
Home: www.armenocide.net
Link: http://www.armenocide.net/armenocide/armgende.nsf/$$AllDocs/1913-03-13-DE-002
Quelle: DE/PA-AA/R 14078
Zentraljournal: 1913-A-05408
Erste Internetveröffentlichung: 2017 November
Edition: Armenische Reformen
Telegramm-Abgang: 03/13/1913
Praesentatsdatum: 03/16/1913 a.m.
Laufende Botschafts/Konsulats-Nummer: Nr. 75
Zustand: A
Letzte Änderung: 11/19/2017


Der Botschafter in Konstantinopel (Wangenheim) an den Reichskanzler (Bethmann Hollweg)

Bericht


Pera, den 13. März 1913

Nr. 75.

Kelikian Effendi, der Redakteur des Sabah, eine der führenden Persönlichkeiten der ottomanischen Armenier, suchte mich heute auf und sprach mir von der Lage seiner Stammesgenossen in Kleinasien.

Im Laufe der Unterhaltung klagte er über die fortgesetzte Wühlarbeit der russischen Agitatoren, die überall Unfrieden stiften, um armenische Unruhen zu veranlassen. Die Zahl dieser Agitatoren habe sich in letzter Zeit verdreifacht.

Die Reformaktion, so wie sie jetzt geplant sei, habe wenig Wert. Sie würde die Armenier nicht abhalten, in Russland ihre einzige Rettung zu erblicken. Er selbst aber, wie viele der einflussreichsten seiner Stammesgenossen, hätten die Hoffnung nicht aufgegeben, dass Deutschland endlich zur Ueberzeugung käme, dass es die armenische Frage nicht zu einer russischen werden lassen könne.

Hinsichtlich des Reformprogramms von 1895 meinte Kelikian, dieses sei nichts weiter als ein russisches Aktionsprogramm. Es sollte nicht den armenischen Interessen, sondern der russischen Politik dienen. Unter den heutigen Verhältnissen könne die Kontrollkommission von 1895 nicht funktionieren. Wollte man ihre Unabhängigkeit sicherstellen und ihr Einfluss verschaffen, so müssten ihr unbedingt zwei Mitglieder der Dette Publique angehören.

Ich habe Kelikian im Sinne der von uns in letzter Zeit zur armenischen Frage eingenommenen Haltung geantwortet.

Ein einflussreiches Mitglied des armenischen Komitees, Aknounie, hat sich ferner einem Mitglied der Botschaft gegenüber folgendermassen geäussert: Nach Einführung der Verfassung hätten die Führer der armenischen Organisation mit dem jungtürkischen Komitee ein Abkommen unterzeichnet, durch das sich beide Teile zur Aufgabe der Feindseligkeiten und zur gemeinsamen Mitarbeit verpflichteten. Von diesem Augenblicke an hätten die Armenier ihre Propaganda [in] der Tat völlig aufgegeben. Die Belohnung sei das Massakre von Adana gewesen. Zwar habe man auch nach diesem Bruch des Vertrages sich gescheut, zu terroristischen Mitteln zurückzukehren, wie denn überhaupt seine Landsleute ihrer grossen Mehrheit nach trotz aller Enttäuschungen für die Erhaltung des türkischen Reiches einträten. Dazu seien aber unbedingt wirksame Reformen nötig. Irgend eine Macht oder eine Gruppe von Mächten müsse dafür eintreten, dass die dauernden Ausschreitungen gegen die Armenier aufhörten. Mit Vorstellungen bei der Pforte sei es nicht getan, denn diese habe selbst nicht genügend Machtmittel, um ihre unruhigen Elemente in den entfernteren Winkeln des Reiches im Zaum zu halten. Nur mit genügenden Machtmitteln ausgestattete europäische Beamten wären dazu imstande. Wenn es auch diesesmal nicht zur Einführung solcher Reformen komme, so bleibe nur noch die Hilfe Russlands übrig. Zwar habe die russische Regierung vor ca. 10 Jahren mit Abdul Hamid ein Abkommen zur gegenseitigen Unterstützung gegen die armenische Bewegung getroffen. Seitdem aber habe Russland seinen Standpunkt völlig geändert und im Oktober v. J. mit dem armenischen Katholikos in Etschmiadsin die "Befreiung" Armeniens in aller Form verabredet. Vor kurzem sei der Katholikos dahin verständigt worden, dass die Befreiung noch nicht stattfinden könne, es würden aber Reformen in Armenien eingeführt werden. Die gleiche Versicherung habe die russische Regierung einer armenischen Deputation in Petersburg gegeben. In Paris sei diese Deputation auf die Zeit nach dem Frieden vertröstet worden, in Berlin habe man, in ziemlich unbestimmter Form, Inangriffnahme von Reformen im Einverständnis mit England in Aussicht gestellt.

Aknounie bestätigte dann meine schon früher gemachten Angaben über die russischen Umtriebe in Armenien, behauptete aber ausserdem, dass Russland neuerdings auch die Kurden zum Abfall von der Türkei aufreize und unter anderem kürzlich mehrere einflussreiche Kurdenhäuptlinge zu einer Besprechung nach Tiflis geladen habe.

Ferner meinte Aknounie, dass nach dem Friedensschluss Armeniermassakres im Vilajet Wan mit Sicherheit zu erwarten seien. Dort sei kürzlich ein Kurde, Izzet Bey, zum Vali ernannt worden. Auch habe man Briefe von einem auf dem Kriegsschauplatz befindlichen hochgestellten Kurden abgefangen, in denen ganz offen von Armeniermassakres nach Rückkehr in die Heimat gesprochen wurde.


[Wangenheim]



Copyright © 1995-2015 Wolfgang & Sigrid Gust (Ed.): www.armenocide.net A Documentation of the Armenian Genocide in World War I. All rights reserved