1913-05-15-DE-001
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Quelle: DE/PA-AA/R14078
Zentraljournal: 1913-A-09962
Erste Internetveröffentlichung: 2017 November
Edition: Armenische Reformen
Telegramm-Abgang: 05/15/1913
Praesentatsdatum: 05/15/1913 p.m.
Zustand: A
Letzte Änderung: 11/19/2017


"Vossische Zeitung"

Armenische Reformen und Deutschland.
Eine Zuschrift aus armenischen Kreisen.

Eine Zuschrift aus armenischen Kreisen.

Die Gleichgültigkeit der Regierung und der Parteien im deutschen Reichstag gegenüber den so aktuellen kleinasiatischen Zuständen während der Verhandlung des Etats für das Auswärtige Amt war sehr auffallend. Und doch wird man nicht bestreiten dürfen, daß die Stellung des Deutschen Reiches zur kleinasiatischen, sagen wir direkt: zur ostanatolischen Frage eine ganz andere ist als zur Balkanfrage. Diese interessiert Deutschland nur in zweiter Linie. In diesem Punkte geht das Deutsche Reich nur plichttreu den Pfad des Bundesgenossen an der Donau. In der asiatischen Türkei aber hat Deutschland bekanntlich so schwerwiegende Interessen politischen und ökonomischen Charakters, daß es berufen ist, in kritischen Momenten ganz selbständig vorzugehen.

In beiden Fällen steht im Osten ein mächtiger Rivale: das russische Reich. Spielt Rußland in der Balkanfrage nur die Rolle eines panslawistischen Protektorats, so fühlt es sich in Kleinasien zu aktivem Vorgehen berufen, um eines Tages die armenischen Provinzen zu okkupieren.

Bei einer gefährlichen Krisis auf dem kleinasiatischen Schauplatze hat also Deutschland eventuell in viel höherem Maße auf die Feindseligkeit Rußlands zu rechnen als Österreich auf dem Balkan.

Wir glauben, durch die folgenden Ausführungen den deutschen Lesern und vor allem vielen berufsmäßigen Politikern, die ähnlich dem Beigeordneten v. Richthofen leider noch immer eine verkehrte Meinung über den Zusammenhang der deutschen Realinteressen mit der gründlichen Durchführung der notwendigen Reformen in Armenien einerseits und über die entgegengesetzten Tendenzen Rußlands anderseits haben, einige Lichtblicke über die Gestaltung der Dinge in Kleinasien geben zu dürfen.

Rußland war und ist ein Feind jedes Reformversuches in Armenien, jeder normalen Ordnung in Kleinasien überhaupt.

In den 90er Jahren, besonders 1905, als die Großmächte daran gingen, durch ein scharfes Ultimatum die unverzügliche Verwirklichung der armenischen Reformen von der Hohen Pforte zu verlangen, war es der russische Botschafter, der durch verschiedene Einwendungen das Vorgehen der Mächte verzögerte und schließlich verhinderte. Jeder Protest, jedes Vorgehen von russischer Seite gegen die türkische Regierung angeblich zu Gunsten des armenischen Volkes, besonders in den letzten Monaten im Laufe des Balkankrieges, war nur ein wohl erdachtes Kunstmittel, wodurch die russische Regierung die Neigung des armenischen Volkes in der Türkei für die Schutzherrschaft Rußlands und die Untertanentreue der Armenier im Kaukasus zu gewinnen trachtete.

In der Tat hat Rußland Erfolge damit erreicht. Die offiziösen wie die rechtsstehenden einflußreichen Blätter mit "Nowoje Wremja" und "Swet" an der Spitze, ja sogar das Organ des "Verbandes der echtrussischen Leute" im Kaukasus, "Goloß Kawkasa" ("Kaukasische Stimme"), begannen mit Krokodiltränen die schreienden Mißstände in Armenien zu schildern, und diese Musik fand wirklich Gehör bei den Armeniern der Türkei wie im Kaukasus.

Noch einmal zeigte sich darin die politische Naivität des armenischen Volkes. Das armenische Patriarchat in Konstantinopel und der Katholikos, das geistliche Oberhaupt aller Armenier in Etschmiadsin (im Kaukasus) sowie viele armenische Städtevertretungen und Vereine auch aus armenischen Kolonien (wie in Persien, Aegypten, Bulgarien, ja in Amerika) überhäuften die Kanzlei des Zaren und das Regierungskabinett in Petersburg mit hoffnungsvollen Bittgesuchen. Überall tönte es von der "gottgesegneten, menschenfreundlichen Schutzherrschaft" des russischen Reiches; überall vergaß man die "alten Wunden", und auf einmal bekam die russische Regierung in den Augen des armenischen Volkes das Antlitz des rettenden Engels, des barmherzigen Befreiers.

Man schmiedete ernste Pläne für das politische Schicksal Türkisch-Armeniens. Die weitaus überwiegende Meinung unter den türkischen wie russischen Armeniern ist die, daß es nur zwei zweckmäßige Methoden gibt zur endgültigen Lösung der armenischen Frage: entweder Einverleibung der armenischen Provinzen in Rußland oder Schaffung eines autonomen Armeniens unter der Oberhoheit des russischen Reiches. Also in beiden Fällen Tendenzen für Rußland und gegen die Türkei.

Das gerade wollte die russische Politik erreichen. Aber parallel mit dieser Politik Rußlands spielte sich eine Hintertreppenpolitik ab. Dieselbe Regierung, deren Vertreter in Konstantinopel ernste Vorstellungen wegen der Unruhen in Kleinasien angeblich zum Schutze der Armenier machte, ließ zu gleicher Zeit und noch viel energischer durch ihre Geheimagenten giftvolle Keime in Kleinasien säen, um die Kurden gegen die Armenier und umgekehrt zu hetzen. Neben der armenischen "Freundschaft" Rußlands geht eben Hand in Hand seine kurdische "Freundschaft". Die politischen Agenten Rußlands haben nichts dagegen, daß sich die Kurden über die russischen Grenzen aus dem Kaukasus, hauptsächlich aus dem Karsgebiet, massenhaft Waffen und Munition verschaffen.

Wozu diese Hetzereipolitik, diese Treibereien unter den elenden und unbewußten Massen? Eben weil Anarchie, Bürgerkrieg, Volksaufstand, Massenmetzeleien usw. die passendsten Anlässe für Rußland wären, unter dem Vorwande der politischen Unfähigkeit der Türkei in Armenien vorzugehen und mit eigener "Faust" die Ordnung herzustellen, d. h. sich unter Umständen zum Herrn des Landes zu erklären.

Daher bedeutet jede internationale Garantie für die neugeregelte Ordnung in Armenien eine Vernichtung der Pläne. Die führenden Politiker und Organe der Armenier scheinen in später Stunde eine leise Ahnung von der trügerischen Zweischneidigkeit der russischen Politik zu bekommen. Der erste kalte Wasserstrahl war der auffällige Widerspruch in den Worten und Taten Rußlands gegenüber den Abordnungen und Petitionen der Armenier: anfangs versicherte ihnen die russische Regierung noch vor Zusammentritt der Londoner Botschafterkonferenz, daß Rußland bei der ersten sich darbietenden Gelegenheit die Initiative ergreifen werde, um die armenische Frage vor das Forum der Großmächte zu bringen, später erklärte dieselbe Regierung, daß die armenische Angelegenheit nicht Aufgabe der Botschafterverhandlungen sein könne, und mit kalter Miene verhinderte sie der in Paris weilenden armenischen Delegation, sich nach London zu wenden.

Dieses Spiel hat bei den mehr oder weniger einsichtsvollen Armeniern Mißtrauen hervorgerufen, und der Anfang einer offenen Abneigung gegen Rußland ist zugleich der Beginn einer bewußten Zuneigung für Deutschland. Die Mitteilung des Mitarbeiters der "Nowoje Wremja", W. Maschkow, aus Konstantinopel über seine Besprechungen mit "einem der bedeutendsten armenischen Politiker", wie er ihn bezeichnet, können als Bestätigung für diese Behauptung angeführt werden. "Falls Rußland aus diesen oder jenen Rücksichten sich gleichgültig gegen das Schicksal der Armenier verhält, so werden wir uns an Deutschland wenden und es bitten, gemäß seinen Interessen das politische Schicksal der Armenier zu regeln", sagte dieser armenische Politiker dem russischen Journalisten.

Wir meinen: die Politik Deutschlands in Ostanatolien kann und muß grundverschieden sein von der Rußlands, die wir eben kennzeichneten. Das bureaukratische Rußland spielt die Rolle eines imperialistischen Abenteurers. Das bürgerlich-industrielle Deutschland hat ein Lebensinteresse, nach ökonomisch-rationellen Grundsätzen zu denken und zu handeln. Hat Rußland die Tendenz, durch seine Wühlarbeit neue Massenmetzeleien hervorzurufen, um die Autorität des türkischen Reiches auch im asiatischen Teile zu untergraben, so weisen Deutschlands Interessen auf die entgegengesetzte Tendenz hin.

Mehr als einmal haben doch die offiziellen Vertreter der auswärtigen Reichspolitik feierlich erklärt: "Deutschland hat ein großes Interesse in der wirtschaftlichen Erstarkung der Türkei in ihren asiatischen Teilen." Wenn das wirklich der Leitfaden einer zielbewußten Orientpolitik Deutschlands ist, so sollte unseres Erachtens das praktische Verhalten des Deutschen Reiches ein ganz anderes sein, als es tatsächlich ist. Wer, wenn nicht das befreundete Deutschland soll die Türkei endlich dazu bestimmen, durch schleunige Reformen ihre asiatischen Wunden gründlich zu heilen, wenn sie nicht früher oder später auch in Asien das tragische Schicksal erleben will, das sie in Europa getroffen hat?

Es unterliegt keinem Zweifel, daß unter allen kleinasiatischen Volkselementen die Armenier die ersten sind, deren Schicksal eine dort wirtschaftlich tätige europäische Macht am meisten interessieren müßte. Sie sind am leichtesten zugänglich der europäischen Kultur in wirtschaftlicher, politischer und geistig-moralischer Hinsicht, und als solche können sie doch erwünschte Kultur- und Einflußträger für die betreffende Macht unter den einheimischen Elementen sein. Deutschland hat z.B. in den armenischen Provinzen seine Schulen, seine Kirchen und Missionare, seine Waisenhäuser, seine eigenen Kolonien und auch evangelischen Gemeinden aus der lokalen Bevölkerung. Es hat dort seine Handelsgeschäfte, seine Industrie- und Verkehrsunternehmungen. Deutschland hat eine herrschende Stellung auf den Einfuhr und Ausfuhrmärkten Kleinasiens errungen, und sein Exportindustrialismus und Exportkapitalismus haben die Tendenz, die Wettbewerber aus dem Feld zu schlagen. Deutschland braucht ein kaufkräftiges Publikum für seine Industrieerzeugnisse, nicht aber ein der ständigen Gefahr von Metzeleien und Räubereien ausgesetztes erschöpftes Volk. Es braucht gesunde, kräftige, arbeitsfähige Männer für seine mannigfachen Unternehmungen, aber keinesfalls verlumpte, hungernde Massen.

Will also Deutschland Armenien für die Türkei festhalten, will es seine eigenen mannigfachen Interessen wahrnehmen, will es aus Armeniern ein dank- und dienstbares Volk für seine Interessen und Einflüsse machen, so muß es die erste unter allen Mächten sein, welche die friedliche und schleunige Lösung der armenischen Frage verlangt und auch im Interesse der Türkei darauf dringt, daß es geschieht. Das wäre ein wahrhaft realökonomisches und realpolitisches Verfahren.


Dr. B. I.



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