1915-02-28-DE-005
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Quelle: DE/PA-AA/R 19968
Zentraljournal: 1915-A-11007
Erste Internetveröffentlichung: 2012 April
Edition: Die deutsche Orient-Politik 1911.01-1915.05
Praesentatsdatum: 03/27/1915 p.m.
Zustand: A
Letzte Änderung: 06/17/2017


Der Konsul in Damaskus (Padel) an den Unterstaatssekretär im Auswärtigen Amt (Zimmermann)

Persönlicher Bericht



Persönlich.

Hochzuverehrender Herr Unterstaatsekretär!


Damaskus, den 28. Februar 1915

Beifolgend beehre ich mich eine in Form eines Privatschreibens an Herrn Von Wangenheim gerichtete Aufzeichnung zur geneigten vertraulichen Kenntnisnahme in Abschrift zu überreichen. Freude macht es mir nicht, die Dinge wie sie sind darzulegen, aber andererseits halte ich es für Pflicht, die massgebenen leitenden Stellen zu unterrichten. Was man sieht, ist ja leider wenig befriedigend. Von gründlicher Vorbereitung kann nirgends gesprochen werden. Die Küsten sind von Truppen entblösst, wichtige Landesteile wie Irak und Hedschas ungenügend gesichert und verwaltet. Aber in diesem Lande der Überraschungen können vielleicht auch ohne die sonst üblichen Voraussetzungen Erfolge errungen werden. Von deutschen Officieren habe ich selten zuversichtliche Äusserungen vernommen. Man wird die kommende Pause gründlich ausnutzen müssen, um all die Lücken auszufüllen. Besondere Sorge habe ich wegen Dschemal Pascha. Ich halte ihn für keinen ehrlichen Patrioten, auch uns nicht für wohlgesinnt, und für einen Mann, der seine eigenen Ziele verfolgt. Das eine scheint mir festzustehen, dass unsere Mitarbeit der Türkei auf noch größerer Basis zur Verfügung gestellt werden muss; erst dann wird uns dauernder Segen aus dem jetzigen Verhältnis erwachsen. Ich halte es auch nicht für so schwer, uns intimer an der Mitarbeit zu beteiligen.

Meine hiesige Mission, die ich mir im Hinblick auf den Vorstoss nach Egypten, die allmähliche Ersetzung des englischen Einflusses daselbst durch den deutschen, und die allgemeine Förderung unserer Interessen durch die Person des abgesetzten Chediven so interessant dachte, ist durch die Entwickelung der Dinge, durch die Stockung in dem Kriegszug, ganz anders gestaltet worden als ich ursprünglich dachte. In einem Monat, wenn die Hitze gekommen sein und alles stiller geworden sein wird, dürfte meine Anwesenheit hier kaum noch erforderlich sein, da nichts zu tun sein wird.

Die türkischen Truppen bleiben nach den bisherigen Dispositionen in Ibni liegen, etwa 100 km vom Kanal. Durch gelegentliche kleinere Vorstöße soll der Feind in Atem gehalten werden, um so die englischen Truppen festzulegen. Das ist immerhin nicht gering zu veranschlagen.

Mit ergebenstem Gruss Ihr, Herr Unterstaatsekretär, stets aufrichtig dankbarer


W. Padel
[Anlage]

So oft ich mir auch vorgenommen habe, E.E. nach meinen Eindrücken und Beobachtungen über die Lage in diesem Gebietsteile und seinen Beziehungen zu dem egyptischen Feldzug Bericht zu erstatten, ich habe immer wieder den Mut verloren und davon Abstand genommen, teils weil die widerspruchsvollen Contraste , auf die man fortgesetzt stösst, ein Urteil, für das man mit seiner Verantwortlichkeit einstehen könnte, nicht ermöglichen, teils auch weil man in diesen Zeiten nicht gern Unerfreuliches über seinen Bundesgenossen sagt oder hört. Der Augenblick erfordert nicht kritisches Nörgeln, sondern Arbeit, bei der jede wenn auch noch so unwillkommene Mitarbeit willkommen geheissen werden muss.

Dennoch halte ich es jetzt für meine Pflicht, wenigstens in dieser Form, für die ich gehorsamst um Entschuldigung bitte, einiges E.E. über die Situation zur Kenntnis zu bringen.

Je weiter man sich von Stambul entfernt, desto weniger merkt man, dass seit 6 Jahren ein anderes Regime im Lande herrscht. Von Haidar Pascha bis zum Fuss des Taurus verläuft die Reise noch normal. Wenn man kein grösseres Gepäck hat, kann man am 4. Tage den Taurus überschritten haben. Dann führt eine 6stündige Eisenbahnfahrt weiter von Gülek Bogas über Adana nach Osmanie, dem Endpunkt der Bahn vor dem Amanusgebirge. Von da an wird die Reise eine Qual - der arme Mederer ist an ihr ja auch zu Grunde gegangen - und die Stimmung wechselt zwischen Erstauen und Entrüstung. Keine Wege, keine Unterkunft. Was man auf den drei Tagemärschen beobachtet, ist unbeschreiblich und niederdrückend. Lange Reihen von Ochsenwagen, die wohl ihre Fahrt noch vor dem ersten Regen angetreten haben, liegen mit Munition, Kanonen, Proviant im Morast, der den armen mit Peitsche und Stock arbeitenden Soldaten bis zum Knie geht. So wundert man sich nicht, dass die Militärtransporte von Bosanti, der Endstation vor dem Taurus, bis nach Damaskus 4 Wochen gebrauchen, dass die Soldaten nach den vielen unter freiem Himmel in durchnässten Kleidern verbrachten Nächten ohne grosse Kriegsbegeisterung sind. Sie sind entkräftet und erschöpft, bevor sie den zweiten Marschmonat von hier beginnen. Und das ist, nach Ausschaltung des Reiseweges über Alexandrette infolge der Zerstörung der Bahn- und Strassenbrücken durch die Englischen Schiffe, der einzige Weg, der den Norden des Landes mit dem Süden verbindet; im Süden aber wird ein Kriegszug unternommen, der den einzigen Zweck der türkischen Kriegsbeteiligung darstellt!

Noch können aber von Haidar Pascha nach Bosanti, von Külek Bogar nach Osmanie und von Radjo nach Damaskus und von hier bis Sille der Afule-Nablus-Bahn Transporte mit der Bahn befördert werden. Wenn die Kohlen zu Ende gehen, was in einigen Monaten zu befürchten ist, und der Bahnverkehr ganz aufhört - schon jetzt verkehrt wöchentlich nur ein Postzug nach Aleppo - dann ist der Süden des Landes vom Norden so gut wie abgeschnitten. Auf die Kohlen, die sich auf dem Libanon befinden, und mit denen gegenwärtig Versuche gemacht werden, darf man nicht allzu grosse Hoffnungen setzen. Die Folgen der weiteren Erschwerung der Verbindung sind unschwer zu erkennen. Die Zufuhren hören auf, Geschütz- und Munitionsbeförderung wird immer langwieriger, eine Notlage kann eintreten, die bei der Artung der hiesigen Bevölkerung zu schweren Unzuträglichkeiten führen kann. Die Bevölkerung selbst hat an und für sich nur ein bescheidenes Verständnis für den Krieg, auch für den „heiligen“, zumal sie bei dem plan- und zahlungslosen Requirieren bereits alle die Schäden vorausgekostet hat, die das Eindringen des Feindes in das Land schlimmsten Falles herbeiführen kann, nämlich den Verlust der Habe. Die Engländer arbeiten von der anderen Seite mit allen Mitteln daran, der arabischen Bevölkerung ein arabisches Chalifat aufzureden, bis jetzt nur mit einem Teilerfolg, wie bei Seid Idriss, Ibn Seud im Irak und dem Emir von Mekka. Gelegentlich der Landungsversuche an der syrischen Küste haben die englischen Schiffe der ärmeren Bevölkerung wiederholt Nahrungsmittel und Geld verteilt, betonend, dass sie nur gegen die Türken, nicht gegen die Araber Krieg führen. In Dschedda haben sie mehrere hundert Kamelladungen Getreide und Reis ausgeschifft, die nach Mekka gingen. Der Gegensatz, dass die eigene Regierung dem Gläubigen alles nimmt, der Feind aber Geschenke macht, muss auch den geduldigsten Araber stutzig machen, besonders wenn die Not noch eine beredtere Sprache führen sollte.

Die deutschen Offiziere, die länger im Lande waren, um die Kriegsvorbereitungen zu leiten, konnten sich natürlich über den Rahmen ihrer rein militärischen Aufgabe hinaus nicht betätigen. Männer wie Herr von Kress sollen an Arbeit Übermenschliches geleistet haben. Die Bewunderung für unsere Landsleute ist unbegrenzt, überhaupt ist ein Gefühl der Brüderlichkeit für uns bei allen Arabern, hoch und niedrig, unverkennbar. Die Befürchtung, die ich von vielen Deutschen hier und auf der Reise äussern hörte, dass bei einem ungünstigen Ausgange des Krieges die Volkswut sich auf uns werfen würde, kann ich darum nicht teilen.

Wenn nicht alle Anzeichen täuschen, ist der egyptische Feldzug vorläufig an einem Wendepunkt angelangt. Der erste Vorstoss, der mit unzureichenden Kräften unternommen worden ist, ist als zurückgeschlagen anzusehen, wenn es auch als Erfolg zu betrachten ist, dass die Truppen ohne ernste Schwierigkeiten bis an den Kanal gekommen sind, das Unternehmen also möglich ist bei genügender Vorbereitung, an der es doch wohl gefehlt hat. Schlimm ist ferner auch die unerwartete Beobachtung, dass die arabisch syrischen Truppen bei dem ersten englischen Feuer schaarenweise davongelaufen sind. Kavallerie hat sie zum Teil wieder eingefangen. Ob mit den vielen Todesurteilen, die deswegen verhängt worden sind, viel Eindruck gemacht werden wird, ist mir zweifelhaft. Graf Wolffskeel, der neue hiesige Generalstabschef, hat am ersten Tage seiner Tätigkeit 6 Todesurteile gegengezeichnet. Wie ich höre, will man künftig nur anatolische Soldaten verwenden, nachdem die Araber, denen man früher so grossen Kriegsmut zusprach, vollkommen versagten.

Das Hauptquartier ist bereits nach Jerusalem zurückverlegt worden. Die heisse Jahreszeit, in der an Wüstenkämpfe nicht zu denken ist, steht nahe bevor, und da der erste Vorstoss erwiesen hat, dass mit einem Expeditionscorps, dem vor allem die schwere Artillerie fehlt, Erfolg nicht zu erzielen ist, ist der Aufschub der kriegerischen Unternehmungen einem weiteren schnellen Vorgehen in jeder Hinsicht vorzuziehen. Die Wirkung einer Vertagung der Expedition wird ja zunächst bei der arabischen Bevölkerung keine günstige sein, zumal Dschemal bereits Siege auf Vorschuss gefeiert und sich mit einem prächtigen, vom Volk requirierten Siegessäbel umgürtet hat. Die Stadt Beirut hat ihm ein goldenes Siegel geschenkt, auf dem Platz für das Wort „el Gasi“ gelassen war. Bei geschickter Bearbeitung der öffentlichen Meinung sind aber Unzuträglichkeiten sonst nicht zu erwarten, höchstens dass die Begeisterung für den heiligen Krieg noch geringer wird. Aufgegeben darf der egyptische Feldzug selbstverständlich unter keinen Umständen werden. Das türkische Chalifat wäre sonst zu Gunsten Englands ernsthaft gefährdet. Jene vorübergehende Wirkung eines Stillstandes in den Kriegsoperationen wird gut ausgeglichen werden, wenn der Oberstkommandierende sich nicht nur militärisch sondern auch politisch etwas Zwang auferlegt. Dschemal hat den Geist, in dem er seine Mission auffasst, zu verhehlen sich von Anfang an nicht die Mühe genommen. Indem er dem Chediven vor seiner Abreise nach Egypten einen Abschiedsbesuch zu machen unterlassen hat, und hier mit fürstlichem Prunk auftrat, hat er den Eindruck im Lande hervorgerufen, als ob er, wie einst Mehmed Ali, der Gründer des Chediviats, Egypten für sich erobern und es dann nicht mehr verlassen wird. Er genügt, dass ein solcher Eindruck, mag er auch unbegründet sein, bis nach Egypten hinüberspielt, wofür die zahlreichen hier her von Dschemal gebrachten Engländer schon sorgen werden, um das Unverständliche, ja Gefährliche in der Haltung Dschemals zu erkennen. Egypten ist mit der aufgebotenen Truppenmacht von 4 Divisionen (knapp 40000 Mann) vielleicht zu nehmen, aber in keinem Falle zu halten, wenn das egyptische Volk den Engländern nicht in den Rücken fällt.

Das egyptische Volk muss also für die Sache gewonnen werden. Nun liegen dem praktischen Sinn dieses Volkes Ideale religiöser oder nationaler Art fern. Baumwolle zu pflanzen und zu verkaufen sowie seinen Feddanbesitz zu erweitern kommt bei ihm in allererster Linie. Das konnte der Egypter unter der englischen Verwaltung ungestört, das wird er, davon ist er leider zu überzeugt, unter der ihm an und für sich nicht angenehmen Herrschaft der Türkei bestimmt nicht können. Es musste daher von Anfang an der Eindruck vermieden werden, als handele es sich bei dem türkischen Kriegszuge um eine grundlegende Änderung alles Bestehenden, um die Wiedereinführung einer rein türkischen Verwaltung in Egypten. Daran hat auch nicht ein einziger Egypter ein Interesse, ein jeder würde einem solchen Endresultat die Fortdauer der englischen Herrschaft unbedingt vorziehen. Infolgedessen hätte irgendwie zum Ausdruck gebracht werden müssen, dass keine Abänderung der privilegierten Verfassung von Egypten beabsichtigt sei. Anstatt also den Chediven, der von allen Egyptern, einige neidische Pascha’s, besonders unter seinen eigenen Verwandten ausgenommen, als der Repräsentant eines in der inneren Verwaltung unabhängigen Egyptens angesehen wird, in den Hintergrund zu drücken, musste man ihn mit äusseren Ehren überhäufen, um so die Sympathie der Egypter für den Kriegszug, und im geeigneten Augenblick ihre unentbehrliche Mithülfe zu gewinnen. Im türkischen Hauptquartier, wo man erkannt zu haben scheint, dass in dieser Hinsicht das Naheliegendste versäumt worden ist, soll die Lesart verbreitet sein, dass das Gefolge des Chediven aus englischen Spionen zusammengesetzt ist. Man bemüht sich wohl auf diese Weise, den Chediven selbst als nicht ganz unverdächtig hinzustellen. Demgegenüber braucht nur darauf hingewiesen zu werden, dass Abbas Hilmi wegen seiner entschiedenen Haltung England gegenüber in der letzten kritischen Zeit einstweilen um seinen Thron gekommen ist. Sonst wäre er jetzt Sultan von Egypten. Im übrigen kann ich aus perönlichen Beobachtungen bezeugen, dass der Chedive stets eine tiefinnere Abneigung gegen die Engländer besass und besonders gegen Kitchener, mit dem er häufig ernsthaft aneinander geriet. Dass er immer der schwächere war, sollte ihm am letzten von türkischer Seite zum Vorwurf gemacht werden. Doch da die egyptische Expedition noch in den Anfängen liegt, und wohl auf den Herbst vertagt ist, kann der Fehler wieder gut gemacht, das Versäumte nachgeholt werden, indem man, wie ursprünglich wohl in Aussicht genommen war, dem Chediven zunächst der Form nach das Oberkommando überträgt und dann später seine Abreise zur Front veranlasst. Vielleicht ist Dschemal jetzt milder gestimmt, nachdem er eingesehen hat, dass der egyptische Feldzug kein Spaziergang durch die Sinaiwüste ist.

Sollte die Kriegsexpedition abgebrochen oder vertagt werden, dann würde ich zur Erwägung anheimstellen, ob E.E. mich nicht anderweitig, vielleicht in Constantinopel selbst, nützlicher verwenden können. Rein konsularisch ist hier so gut wie nichts zu tun. Wenn dann auch politisch Stillstand eintritt, ist die Anwesenheit eines besonderen Vertreters hier gänzlich überflüssig. Herr Loytved kann von Haifa aus mit Leichtigkeit die hiesigen Geschäfte erledigen und würde das auch sehr gern tun. Wie ja E.E. auch ausserdem bekannt ist, hatte ich meine Verwendung hier in Damaskus besonders im Hinblick auf die egyptische Frage und im Zusammenhang mit dem Chediven und meinen Beziehungen zu ihm als unseren Interessen dienlich erachtet. Da der Chedive nun nicht hierher kommt, und angesichts der unerwarteten Wendung der Dinge im Sinai, hat, so scheint mir, meine eigentliche Aufgabe ihr Ziel verloren.



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