1915-03-12-DE-003
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Quelle: DE/PA-AA/R 19966
Zentraljournal: 1915-A-10071
Erste Internetveröffentlichung: 2012 April
Edition: Die deutsche Orient-Politik 1911.01-1915.05
Praesentatsdatum: 03/25/1915 a.m.
Laufende Botschafts/Konsulats-Nummer: Nr. 104
Zustand: A
Letzte Änderung: 06/17/2017


Der Berater des Sultans (Colmar von der Goltz) an den preußischen König und deutschen Kaiser (Wilhelm II.)

Bericht



Bericht No. 104.

Constantinopel, den 12. März 1915

An des Kaisers und Königs Majestät Grosses Hauptquartier.

Auf Befehl S. Majestät des Sultans befand ich mich vom 7. - 11. ds. Mts. in den Dardanellen, um gemeinsam mit dem Generaladjutanten Salih Pascha den dortigen Truppen den Ausdruck der Allerhöchsten Anerkennung zu überbringen, zugleich über den Stand der Dinge zu berichten und Erkundungen vorzunehmen.

Der Zweck der systemlosen Artillerie-Angriffe der englisch-französischen Flotte auf die Dardanellen ist schwer zu erkennen. Mit ausserordentlicher Munitionsverschwendung werden die einzelnen Werke aus grosser Entfernung beschossen, ohne dass die Absicht des wirklichen Niederkämpfens sichtbar würde. Die schwersten Kaliber der Dreadnoughts bis hinauf zum 38cm treten dabei in Tätigkeit. Der Lärm ist gross, der Schaden gering.

Die feindlichen Schiffe laufen zwischen den beiden, durch Fernfeuer zerstörten, nur noch von Infanterie besetzten Eingangswerken Seddul Bahr und Kumkaleh in den unteren Teil des Hellespont oder in den Golf von Saros ein, von dem sie über die Halbinsel von Gallipoli hinweg nach den Küstenbatterien feuern. Sie zeigen sich dabei sehr empfindlich gegen Treffer der hauptsächlich gegen sie in Tätigkeit tretenden mittleren und kleineren Kaliber, selbst gegen solche aus Feldgeschütz, die ihnen nichts enrsthaftes anhaben können. Das verrät die Absicht nichts aufs Spiel zu setzen, sondern den verfolgten Zweck möglichst ohne jede Einbusse zu erreichen.

Dieser Zweck kann nur Einschüchterung oder allmälige Erschöpfung der Verteidigung sein, von der bekannt ist, dass sie ihre Munition nicht lange mehr zu ersetzen vermag. Namentlich trifft dies bezüglich der neuen Munition für die schweren Kaliber vom 24cm Geschütz ab zu. Es wird darin strenge Sparsamkeit beobachtet; doch können sie nicht ganz schweigen, da der Feind sich sonst in für die älteren Geschütze unerreichbarer Entfernung vor Anker legen und eine der Batterien nach der anderen in aller Ruhe vernichten könnte.

Die Abwehr wird türkischerseits sehr geschickt geführt, zumal mit den beweglichen 15cm Haubitzbatterien, die bisher gut geschossen und manchen Treffer erzielt haben. Vereinzelte Landungsversuche, die allerdings nur mit schwachen Kräften geführt worden sind, wurden jedesmal schnell und kräftig zurückgewiesen. Gegen stärkere sind 48000 Mann unmittelbar bereit, etwa 20000 Mann als Verstärkung in der Nähe.

Der kühne Streich des Kapitänleutnants v. Firks und Oberleutnants v. Mellenthin, die mit dem kleinen türkischen Torpedoboot Demirhissar angesichts der feindlichen Flotte aus den Dardanellen ausliefen und 2 Kriegsschiffe, sowie einen Transportdampfer angegriffen haben, wird dazu beitragen, die Verbündeten behutsam zu machen.

Das Spiel kann so wie jetzt noch Wochen hindurch entscheidungslos fortwähren.

Eine Gefahr aber, die dennoch darin liegt, darf nicht übersehen werden - es ist, wie ich bereits durch Chiffre-Telegramm aus Maidos betonte, die vorzeitig eintretende Munitions-Erschöpfung beim Verteidiger. Daran würde sich dreisteres Auftreten der feindlichen Schiffe, der Ruin einzelner Batterien durch unglückliche Zufallstreffer, das allmälige Aufräumen der Minensperren und endlich der Durchbruch knüpfen können.

Die Bedeutung dieses Ereignisses kann nicht hoch genug bewertet werden; denn ich bleibe bei meiner schon in einem Schreiben vom 14.12.1914 an den Herrn Chef des Generalstabes der Feldarmeen ausgesprochenen Ansicht, dass die Vorgänge in Südost-Europa von grösster Wirkung auf die Gestaltung des ganzen Weltkrieges sein werden.

Auf dem westlichen Kriegsschauplatz scheint eine Art Gleichgewicht der Kräfte und ein Stillstand eingetreten zu sein. Auf dem östlichen sind grosse Erfolge errungen; aber eine Entscheidung ist der Natur und Ausdehnung Russlands entsprechend auch dort noch nicht eingetreten.

Hier im Südosten schlummern nun reiche, zum Teil ganz frische Kräfte, die wir für uns nutzbar machen könnten und die, wenn wir dies nicht tun, ohne Zweifel eines Tages von unseren Gegnern benutzt werden, um ihr endgültiges Uebergewicht festzustellen.

Wenn die Dardanellen fallen, so ist die gegenwärtige türkische Regierung zwar entschlossen, den Kampf an Deutschlands Seite fortzusetzen. Fraglich aber ist, ob sie sich, nach einem solchen Ereignis wird behaupten können. Ihre zahlreichen Gegner im Innern, würden es sich nicht entgehen lassen, auf die üblen Folgen des Bündnisses mit Deutschland hinzuweisen, das seine Versprechungen nicht habe halten können. Sie würden sie zwingen, ihre Politik zu wenden, oder sie stürzen. Eine Regierung der Gegenpartei erhielte ohne Zweifel vom Dreiverband einen billigen Frieden. Sie erschiene als Retterin in der Not.

Ein erzwungener Abfall der Türkei von uns ist also in den Bereich der Möglichkeit zu ziehen, so sehr ich auch von der Loyalität der jetzigen jungtürkischen Regierung überzeugt bin.

Selbst wenn diese letzten Konsequenzen nicht eintreten, würde ein allgemeiner Umschwung auf der Balkanhalbinsel die unmittelbare Folge des Dardanellen-Durchbruches sein. Das schwankende Bulgarien, und das uns, aber namentlich Oesterreich, wenig geneigte Rumänien werden wohl oder übel ihren Platz an der Seite des Dreiverbandes suchen müssen, sobald die englisch-französische Flotte im Schwarzen Meer erscheint. Serbien ginge selbstredend mit und unter dem übermächtigen Druck vielleicht auch die Türkei.

Das ergäbe eine stattliche Verstärkung für den Dreiverband und der Ansturm dieser frischen Kräfte würde sich gegen Oesterreich richten. Wie es dann mit Oesterreichs fernerer Mitwirkung gegen Russland aussähe, bedarf keiner besonderen Erörterung. Die Bekämpfung Russlands, Frankreichs und Englands bliebe uns allein überlassen.

Wenn es dagegen gelingt, Serbien niederzuringen, der Türkei Waffen, Munition und Kriegsgerät zuzuführen, so wird diese nicht nur die Meerengen behaupten, sondern auch Hunderttausende von Bewaffneten neu aufstellen können. Von den 1.800.000 Wehrfähigen, welche die Türkei besitzt, sind noch 800 000 verfügbar. Es können also noch Hunderttausende eingestellt werden, um als Verstärkung für die Feldarmeen an den Grenzen zu dienen. Die Offensive gegen den Kaukasus und gegen den Suezkanal könnte erneuert, das Vordringen in Persien und durch Afghanistan gegen die Indische Grenze beschleunigt und kräftiger gestaltet werden.

Die bei Constantinopel versammelten türkischen Hauptkräfte aber fänden mit Bulgarien und Rumänien vereint ein Feld der Tätigkeit in Südrussland. Einem hier mit frischen Kräften auftretenden, nicht zu unterschätzenden Gegner würde Russland kaum noch im Stande sein, hinreichenden Widerstand entgegen zu stellen. Die ganze Lage auf dem östlichen Kriegsschauplatz gewänne ein anderes Gesicht und würde auch die Vorgänge auf dem westlichen Kriegsschauplatz beeinflussen.

Auch volkswirtschaftlich ist die Eröffnung einer Verbindung von Mittel-Europa nach dem nahen Osten wichtig. Trotz des Krieges sind in der Türkei in diesem Herbst 20% Bodenfläche mehr mit Getreide bestellt worden, als gewöhnlich. Auch Rumänien und Bulgarien können davon abgeben. Die Frage der Getreideversorgung für Deutschland bei langer Dauer des Krieges wäre damit gelöst, gleichzeitig auch die Anbahnung eines künftigen grossen Wirtschaftsbundes erfolgt, der von der Nord- und Ost-See bis zum Persischen Golf reicht.

Vorbedingung für alles dies ist die Niederwerfung Serbiens.



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