1919-04-03-DE-002
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Quelle: DE/PA-AA/R14105
Zentraljournal: 1919-A-10375
Erste Internetveröffentlichung: 2003 April
Edition: Genozid 1915/16
Praesentatsdatum: 04/03/1919 p.m.
Zustand: A
Letzte Änderung: 03/01/2014


"Kölnische Volkszeitung"

Um Armenien.



In ganz Europa regt sich das Mitgefühl für die schwergeprüfte armenische Nation. In der Schweiz fand unlängst eine große Kundgebung für Armenien statt, über die ein Armenier der KV einen Bericht sendet, dem wir folgendes entnehmen:
Im geräumigen Saale des Glockenhofs in Zürich fand am 27. Februar ein Vortragsabend statt, wo lauter bekannte Persönlichkeiten, alle Nichtarmenier, referierten. Der Versammlung war die Idee zugrunde gelegt, Aufschlüsse über „das armenische Volk, sein Wesen, seine Kultur und seine Mission in der Völkergemeinschaft“ zu geben.

Prof. Dr. Michels (Basel) führte aus:

Die Armenier sind eines der ältesten Völker Kleinasiens. Darin, daß sie sich bis zu unseren Tagen erhalten haben, besteht ihre Lebensfähigkeit und Lebenswürdigkeit. Er begründete dies noch damit, daß die armenische Nation nach dreimaligem Verluste ihrer Unabhängigkeit verstanden hat, den Lebenskampf mit Zähigkeit und Ausdauer in der Diaspora zu führen, um in den armenischen Kolonien unter den anderen Völkern der Welt ihre Eigenart, ihre charakteristisch-nationale Religion und ihre traditionelle Kultur zu behaupten. Ja, ihre Lebenstüchtigkeit, Arbeitsenergie und Intelligenz habe das armenische Wesen zur geistigen Regeneration und zur wirtschaftlichen Blüte gebracht. Während das Volk in den armenischen Gebieten Türkisch-Armeniens unter der Mißwirtschaft des Ottomanischen Reiches fortwährend durch Verfolgungen dezimiert und der Verelendung ausgesetzt wurde, die dann massenhaft die Auswanderung zur Folge hatte, entstanden in der Welt Zentren des Armeniertums, welche sich wirtschaftlich und geistig entfalteten. Unter diesen armenischen Kulturstätten ragt die vom armenischen Abte Mechitar aus Sewas (Anatolien) 1717 gegründete Kongregation mit einer armenischen Druckerei auf der Insel San Lazzare (Venedig) hervor, deren Verdienste für die geistige Entwicklung des armenischen Volkes von unschätzbarer Tragweite ist. Ebenso regsam tätig ist ihr Nebenzweig, „die Mechitaristen-Kongregation“ in Wien, welche in der Pflege der Armenologie Großes geleistet hat. Bei der Analyse der armenischen Kultur erweist sich sehr bewunderungswürdig der Wissenshunger und Bildungsdrang, die sich zumal in dem vortrefflichen Schulwesen äußert, welches vom armenischen Volke selbst unterhalten wird. Nach kurzer Anspielung auf die Tragik der Armenierverfolgungen, insbesondere während des Weltkrieges, richtete Prof. Michels seine Blicke auf die Zukunft Armeniens. Die Frage: Kann das armenische Volk einen Staat bilden, beantwortete er mit einem Ja. Vermöge seiner Lebensfähigkeit und Lebenswürdigkeit bilde es eine geistige und wirtschaftliche Brücke zwischen Orient und Okzident. Durch Auswanderung des mohammedanischen Elementes und Rückwanderung von Armeniern aus den verschiedenen Kolonien würde bis zu einem gewissen Grade eine Reinigung der Bevölkerung des ethnisch geschwächten Armeniens eintreten. Die Ausbeutungsmöglichkeit seiner reichen Bodenschätze sowohl durch intensive Bebauung des Bodens, als auch durch Erschließung seiner Minerallager gebe dem Land große Hoffnung auf wirtschaftliche Entwickelung. Als Ackerbauland würde Armenien in der ersten Periode seiner wirtschaftlichen Entfaltung ein Einfuhrgebiet für fertige Produkte, namentlich für die Maschinenindustrie, sein. Dagegen würde es als Ausfuhrland seiner Rohprodukte für den Welthandel in Betracht kommen. Dazu brauche Armenien vornehmlich Kapitalien zur Hebung seiner Landwirtschaft und zur Schaffung großer industrieller Unternehmungen. Außer der Finanzierung benötige das Land - wenigstens in der ersten Zeit - eine organisatorische Führung in seinem Staatswesen: Eine Protektion von seiten einer Großmacht. Die Wünsche des Referenten nach baldiger Verwirklichung der armenischen Forderungen im Interesse der Zivilisation in Kleinasien und zum Wohle der Menschheit wurden von der Versammlung mit lautem Beifall beantwortet.

Ebenso lehrreich war die Rede des zweiten Referenten, des Herrn Prof. Guilland aus der Eidg. Techn. Hochschule in Zürich. Er skizzierte in französischer Sprache die Geschichte des armenischen Volkes in politischer, kultureller und ethischer Hinsicht. Etwas länger als sein Vorredner verweilte er bei der Tragik der Armenierverfolgungen in der Türkei während des Weltkrieges. Bei der Charakterisierung des armenischen Wesens im allgemeinen konnte er dieselbe Forderung ziehen wie sein Kollege zuvor: Die Lebensfähigkeit des zukünftigen armenischen Staates.

Als dritter Referent sprach der Historiker S. Zurlinden. Er kennt im Orient Land und Leute, da er sich jahrelang in Beirut aufgehalten hat. So hat er in seinem berühmten Werke Der Weltkrieg (Oreli Füssli) die orientalische Frage eingehend und verständnisvoll behandelt. Er nahm die Armenier in Schutz gegen Lügenpropaganda und Verleumdungen, von denen er als typisches Beispiel die Broschüre von C. A. Bratter erwähnte, dessen dreiste Entstellungen über die Armeniermetzeleien in der Türkei während des Weltkrieges bei manchen Schriftstellern Echo gefunden haben.

Möge es dem so furchtbar heimgesuchten christlichen Volke vergönnt sein, nunmehr in der kommenden Friedenszeit eine neue Blüte zu erleben.



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