1909-05-03-DE-003
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Quelle: DE/PA-AA/R 13184
Zentraljournal: 1909-A-07790
Erste Internetveröffentlichung: 2009 April
Edition: Adana 1909
Praesentatsdatum: 05/03/1909 p.m.
Laufende Botschafts/Konsulats-Nummer: B. 1597. I.
Letzte Änderung: 12/02/2013


Der Chef des Admiralstabs der Marine (Baudissin) an den Staatsekretär des Auswärtigen Amts (Schoen)

Notiz



B. 1597. I.
Euerer Exzellenz beehrt sich der Admiralstab der Marine in den Anlagen Abschriften zweier Berichte SMS. Loreley über die Lage in Mersina zu übersenden.

Im Auftrage
Albers
[Anlage 1]

Geheim!

Kommando S.M.S. Loreley G.J. Nr. 35.

Militärpolitischer Bericht über die Vorgänge bei Mersina.


Mersina, den 23. April 1909.

Abfahrt von Smyrna. Der chiffrierte Befehl, zur Hilfeleistung nach Mersina zu gehen, traf am Sonnabend den 17. April nachts 12 Uhr während des Ankerlichtens zur Fahrt nach Constantinopel an Bord Euer Majestät Schiff „Loreley“ ein. Die Notwendigkeit der Kohlenergänzung zwang mich, nach Smyrna zurückzukehren. Dank der tatkräftigen Unterstützung durch den deutschen Generalkonsul Herrn Mordtmann gelang es trotz Sonntagsruhe und nächtlicher Stunde bis zum Morgen die Kohlen längsseit zu bekommen, sodaß das Schiff Sonntag 10 Uhr 30 Minuten vormittags in See gehen konnte. Der Aufenthalt in Smyrna wurde ferner dazu benutzt einen typhusverdächtigen Kranken auszuschiffen, Proviantbestände aufzufüllen, Verbandmittel an Bord zu nehmen und Geld zu beschaffen. Da die Banken geschlossen waren, so stellte der Generalkonsul sein gesamtes Depositum bereitwilligst zur Verfügung.

Ankunft in Mersina. Die Fahrt, vom Wetter begünstigt, wurde unter größter Maschinenleistung zurückgelegt. Am Dienstag den 20. abends 8 Uhr 30 traf Euer Majestät Schiff „Loreley“ als erstes Kriegschiff vor Mersina ein.

Da über die Lage am Ort nichts bekannt war, landete ich, um mir gegebenenfalls den Weg zum Konsulat zu bahnen, mit armiertem Boot, was äußerlich jedoch nicht in Erscheinung trat.

Die Maßnahme war unnötig, da die Stadt absolut ruhig war, wie ich schon an der Landungsbrücke erfuhr.

Der deutsche Wahlkonsul Herr Christmann , der gesundheitshalber in Aegypten weilt, wird durch seinen Schwager, griechischer Herkunft, den spanischen Konsul, Herrn Mavrommati, vertreten.

Er gab mir, kurz zusammengefaßt, folgende Schilderung der Vorgänge der letzten Zeit:


Von militärischen Maßnahmen konnte ich bei der augenblicklichen ruhigen Lage in Mersina absehen. Es ist nur mit dem Konsulat eine Verabredung dahin getroffen wurden, daß bei den ersten beunruhigenden Nachrichten oder Vorgängen eine Wache zur Signalverbindung mit dem Schiff und zur Sicherung im Konsulat untergebracht wird.

21. und 22. April Fremde Kriegschiffe.

Am Morgen des 21. April trafen in kurzer Zeitfolge das englische Linienschiff „Swiftsure“ und der französische Panzerkreuzer „Victor Hugo“ ersteres aus Malta, letzteres aus Ville Franche kommend auf Reede ein. Auch sie haben von militärischen Maßnahmen mit Rücksicht auf die ruhige Lage Abstand genommen. Vom englischen Kommandanten habe ich erfahren, daß in Alexandrette die Schiffe „Triumph“ und „Diana“ liegen und behilflich sind, türkische Truppen an verschiedenen Punkten der Küste zu landen, ohne aber sonst handelnd einzugreifen. Der französische Kommandant hat mir mitgeteilt, daß das französische Linienschiff „Verité“ in Beirut liegt, während ein weiterer Panzerkreuzer Segelordre nach Alexandrette erhalten hat.

Das Eintreffen Euer Majestät Schiff „Loreley“ und der in kurzer Zeit folgenden anderen Kriegsschiffe scheint auf die Bevölkerung großen Eindruck zu machen und wird fraglos dahin wirken, daß ohne besondere militärische Maßnahmen die aufständische Bewegung niedergehalten wird.

Türkische Truppenlandung.

Am 22. April nachmittags traf ein Transportdampfer mit 200 Mann türkischen Truppen aus Yaffa zur Verstärkung der hiesigen Garnison ein.

Besuchsaustausch.

Der Besuchsaustausch vollzog sich ordnungsgemäß. Ich habe Besuche gewechselt mit dem Deutschen Konsul, den Kommandanten der fremden Kriegschiffe, mit dem Mutessarif, dem Militärkommandanten und dem Hafenkommandanten von Mersina.

Der Kommandant der „Swiftsure“ teilte mir heute, am 22. April abends, mit, daß er beabsichtige, morgen früh zusammen mit dem französischen Kommandanten nach Adana zu fahren und daß er bei dieser Gelegenheit Besuch beim Vali von Adana machen wolle.

Wenngleich die Fahrt nach Adana außerhalb militärischer Notwendigkeit liegt und auch der Besuch beim Vali nicht erforderlich wäre, so habe ich doch meine Beteiligung zugesagt, um als Vertreter der deutschen Marine nicht zurückzustehen.

Ursachen der aufständischen Bewegung, Verhalten der türkischen Truppen.

Es ist schwer, sich ein richtiges Urteil über die Ursache der Unruhen zu machen. Allem Anscheine nach ist der eigentliche Grund der im Stillen schon immer gährende Rassenhaß zwischen den Türken und den Armeniern. Diese sollen selbst dazu beigetragen haben, die Stimmung zu verschärfen durch offen ausgesprochene Drohungen: „Sie wären gut bewaffnet u.s.w.“. Das Signal zum Losbruch der Feindseligkeiten war ein an sich geringfügiger Zwischenfall. Ein Armenier, dessen Frau wiederholt durch Türken belästigt worden war, hatte im Streit einen Türken niedergeschossen. Aufgehetzt durch einen Hodscha forderte die Menge vom Vali blutige Rache und Auslieferung des Armeniers. Als diese verweigert wurde begann das Morden, Plündern und Sengen.

Die Deutschen aus Adana sind der Ansicht, daß das Massacre, das in verschiedenen Ortschaften gleichzeitig begann, vorbereitet war und mit Wissen der Regierung geschehen ist. Sie wollen bezeugen, daß sich in Adana und Umgebung die regulären Truppen an der Niedermetzelung beteiligt haben. Die Offiziere waren machtlos und sahen untätig zu. Einer der letzteren erklärte dem Direktor der Deutschen Levante-Bauwollgesellschaft, daß sie nicht eingreifen könnten, da die Leute Anweisung erhalten hätten, jeden Armenier niederzuschießen und nur versuchen könnten, sie von Grausamkeiten zurückzuhalten.

Am 3. Tage gelang es dem englischen Konsul aus Mersina, der sich bei Beginn den Unruhen sofort nach Adana begeben hatte und hier mit großer Energie aufgetreten ist, unter Androhung starker Truppenlandungen das Militär zusammen zu nehmen und gegen die Aufrührer zu verwenden, sodaß am 3. Mittag eine Art Waffenstillstand geschlossen werden konnte.

Englischer Einfluß in Adana, Schädigung deutscher Interessen.

Das schneidige Vorgehen des englischen Konsuls, eines früheren englischen Colonels, der sich - wie man sagt in türkischer Uniform - an die Spitze der Truppen gestellt hat und bei dieser Gelegenheit am Arm verwundet worden ist, hat auch unter den hiesigen Deutschen allgemeine Anerkennung und Bewunderung gefunden, jedoch befürchtet man, daß der englische Einfluß, zum Schaden der deutschen Interessen, im besonderen der Bagdadbahn in Adana, übermächtig wird.

Der englische Konsul hat jetzt noch Vali und Militär in Händen.

Er findet Rückhalt durch die starken Streitkräfte mit denen England in Mersina und Alexandrette aufgetreten ist. Der Kommandant der „Swiftsure“ äußerte sich am 1. Tage mir gegenüber etwas folgendermaßen: „Ich persönlich hätte den englischen Konsul lieber hier in Mersina aber er scheint in Adana alles zu machen.“

Unter den augenblicklichen Verhältnissen ist es fraglos zu bedauern, daß unsere Interessen nicht durch einen Berufskonsul tatkräftig vertreten werden. Ein Wahlkonsul wird, selbst bei bestem Wollen, kaum ein Gegenmoment gegen die englischen Einflüsse hervorrufen können.


[Hildebrand]
[Anlage 2]

Abschrift zu B. 1597.I. Kommando S.M.S. „Loreley“ G.J.Nr. 37.

Constantinopel, den 27. April 1909

Geheim! Militärpolitischer Bericht über die Fahrt nach Adana und den Besuch beim Vali (Unter Bezug auf den militärpolitischen Bericht vom 21. April 1909 - G.35.)

An der Fahrt nach Adana hatten teilgenommen der Kommandant des französischen Panzerkreuzers „Victor Hugo“ Capitaine de Vaisseau de Lajarte, der Kommandant des englischen Linienschiffes „Swiftsure“, Captain Shursby, der französische und amerikanische Konsul aus Mersina, 2 Offiziere des „Victor Hugo“ sowie ein amerikanischer Missionar und ein Dolmetscher. Mit Rücksicht auf die bevorstehende Ankunft Euer Majestät Schiff „Hamburg“ in Mersina habe ich den deutschen Konsul nicht gebeten, mich auf der Fahrt zu begleiten, habe jedoch in Adana den dortigen Konsulatsdragoman ersucht, bei dem Besuch im Konak zugegen zu sein.

Die Verwüstungen an der Bahnstrecke Mersina, Tarsus, Adana sind nicht so erschreckend, wie man es nach der Schilderung des deutschen Konsuls erwarten mußte. Die Felder sind bestellt, das Getreide steht unversehrt, die Wein- und Bauwollpflanzungen lassen nicht erkennen, daß plündernde und raubende Banden die Gegend durchzogen haben. Die Gefahr für die Ernte besteht darin, daß es an Arbeitskräften fehlt: die ackerbautreibende armenische Bevölkerung ist hingemordet oder sie wagt sich nicht auf die Felder zurück aus Furcht vor neuen Metzeleien. Nur die niedergebrannten Gehöfte und vereinzelt ein menschlicher Kadaver sind Wahrzeichen der blutigen Vorgänge, die sich hier abgespielt haben. Je mehr man sich Adana nähert, um so mehr mehren sich die Trümmerstätten der in Asche gelegten Farmen und Ansiedlungen der armenischen, teilweise aber auch der griechischen Bevölkerung.

Für Adana war zwischen den Kommandanten folgendes Programm verabredet worden:


Schwieriger gestaltete sich die Frage, wie dem Vali und Ferik gegenüber die Erwartungen und Wünsche der 3 Kommandanten formuliert werden sollten.

Der englische Kommandant, ein zielbewußter Mann, dem freie Hand gelassen, im Einvernehmen mit dem englischen Konsul vorzugehen, hätte gerne Truppenlandungen angedroht, falls erneut Unruhen ausbrächen; der französische Kommandant, ein älterer Herr, der nicht mehr entschlossen auftrat und es wenig verstand, seine Stellung als ältester hervorzukehren, sagte zögernd zu, daß er sich nötigenfalls an Truppenlandungen beteiligen würde, während ich betonte, daß es außerhalb meiner Aufgabe stünde, mich in eine militärische Aktion besonders in Adana einzulassen.

Man einigte sich auf der Grundlage, daß man dem Vali und dem Ferik gegenüber zum Ausdruck bringen wollte: „Wir hofften und erwarteten, daß es der Regierung gelänge die aufständische Bewegung niederzuhalten und die völlige Ruhe wiederherzustellen, ohne daß ein Einschreiten der Kriegschiffe erforderlich würde.“

Das gleichzeitige Erscheinen der Kommandanten hat offensichtlich auf den Vali, dem es an eigener Initiative und an Energie zu fehlen scheint, großen Eindruck gemacht. Er versicherte wiederholt, daß er Alles tun wollte was in seinen Kräften stünde, daß ja die Ruhe bereits auch schon hergestellt sei, und daß er für weitere Ruhe um so mehr garantieren könne, als er dieser Tage Truppenverstärkung erhalten habe und noch erhalte. Der Ferik äußerte sich in ähnlichem Sinne.

Der Besuch wurde in den Räumen des englischen Konsulats erwidert. Die Unterhaltung drehte sich hier in erster Linie um die amerikanischen Missionare in Hamidje, die noch in Gefahr sind. Der Vali wollte für sicheres Geleit nach Adana Sorge tragen. Aus den Verhandlungen auf dem englischen Konsulat habe ich das Empfinden mitgenommen, daß der Einfluß des englischen Konsuls, der äußerst geschickt ist und sich den türkischen Verhältnissen anzupassen versteht, auf die Regierung sehr bedeutend ist. Der Wunsch der Engländer, die Regierung in Händen zu behalten, scheint mir daraus hervorzugehen, daß das englische Konsulat in Mersina für fest in Adana etabliert worden ist. An eine Rückkehr kann vorläufig auch nicht gedacht werden, da die Frau des englischen Konsuls ein Hospital eingerichtet hat, in dem sie besonders Schwerverwundete aufgenommen und persönlich die Pflege übernommen hat.

Die Zahl der Verwundeten in Adana ist verhältnismäßig gering. Es erklärt sich dies dadurch, daß die Verwundeten in der grausamsten Weise zu Tode gemartert worden sind. Türkische Kinder und halbwüchsige Burschen sollen sich besonders in dieser Hinsicht hervorgetan haben.

Der Besuch bei den religiösen Gründungen bot überall dasselbe Bild: „Hunderte von armenischen Frauen und Kindern, aber auch Männern, zusammengepfercht auf engem Raum, eine geängstigte, verzweifelte Heerde, die sich vor uns niederwarf und uns als Retter und Helfer Füße und Kleider küßte.“ Der Mut und die Aufopferung der frommen Schwestern, Patres und Missionare im Dienste der Nächstenliebe in den schweren Tagen ist bewunderungswürdig.

Die deutschen Besitzungen (Baumwollfabrik), die in den ersten Tagen ebenfalls hunderte von Armeniern beherbergt, haben unter den Plünderungen nicht gelitten. Die dort tätigen Deutschen befinden sich meist in Mersina. Ich hatte aber auf den Besuch aus naheliegenden Gründen Wert gelegt.

Die Armenierniederlassungen, besonders da, wo die Armenierhäuser vereinzelt standen, sind arg mitgenommen. Aber auch in dem eigentlichen Armenierviertel sind ganze Straßen niedergelegt. Ein Teil des Viertels ist jedoch energisch verteidigt worden und fast unversehrt. Die Türken haben in erster Linie da gewütet, wo sie ihrer Sache sicher waren.

Die türkische Regierung hat sich bemüht, die Spuren der Verwüstungen baldigst zu beseitigen:

Die Leichen sind mit Petroleum begossen und in den Straßen verbrannt worden, oder man hat sie in den Fluß geworfen, von wo sie allmählich auf Reede treiben. Die Straßen sind von dem großen Schutt und Trümmern befreit worden.

Auf der Rückfahrt nach Mersina wurde in Tarsus Halt gemacht.

Die dortigen Kapuziner-Mönche und die dort weilenden französischen Schwestern haben sich in gleicher Weise wie in Adana hervorgetan. Die Hauptmenge der Armenier hatte sich zur amerikanischen Mission geflüchtet. Die Gesamtzahl der Flüchtlinge schätzt man hier auf 2 - 3000. Die Frauen haben in den Gebäuden der Mission und in Zelten auf den geräumigen Wiesen Unterkunft gefunden, während die Männer im Freien kampieren. Trotzdem alles ruhig scheint, wagt es niemand in das Stadtgebiet zurückzukehren.

Zum Unterschied von Adana hat es in Tarsus nur wenig Tote und Verwundete gegeben, weil die Armenier hier nicht bewaffnet waren und keinen Widerstand geleistet haben. Allerdings ist das gesamte Armenierviertel in Schutt und Asche gelegt, sodaß man vorläufig wegen der Zukunft der armenischen Bevölkerung noch ratlos dasteht. Die Regierung gibt als Hülfe täglich pro Kopf nur 4 Metaliks, etwa 18 Pfg.

Bei meiner Rückkehr nach Mersina war Euer Majestät Schiff „Hamburg“ bereits auf Reede eingetroffen. Ich meldete mich noch abends an Bord und habe schriftlichen Bericht über die Vorgänge vor Mersina eingereicht.

Am folgenden Nachmittag trat auf Befehl des Kommandanten Euer Majestät Schiff „Hamburg“ Euer Majestät Schiff „Loreley“ die Reise nach Konstantinopel an, die ohne Zwischenfall verlaufen ist.


[Hildebrand]



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