1916-03-03-DE-003
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Quelle: DE/PA-AA/R 20055
Zentraljournal: 1916-A-6123
Erste Internetveröffentlichung: 2017 Juni
Edition: Die deutsche Orient-Politik 1915.06-1916.12
Praesentatsdatum: 03/07/1916 a.m.
Laufende Botschafts/Konsulats-Nummer: Nr. 103
Zustand: A
Letzte Änderung: 11/19/2017


Der Botschafter in außerordentlicher Mission in Konstantinopel (Wolff-Metternich) an den Reichskanzler (Bethmann Hollweg)

Bericht


Pera, den 3. März 1916

1 Anlage

Abschriftlich Seiner Exzellenz dem Reichkanzler Herrn von Bethmann Hollweg mit dem Bemerken ergebenst vorgelegt, dass der Militärattaché ebenfalls Abschrift der Anlage erhalten hat.


P. Metternich
Anlage

Abschrift.

Kaiserlich Deutsches Konsulat Erserum.


Ersindjian, den 17, Februar 1916

Nr. Ersindjan 1.

Ich habe am 11. d.M. Trapezunt verlassen, um mich zu kurzem Aufenthalt nach Erserum zu begeben. Zweck meiner Reise war, die gesamten Angelegenheiten der georgischen Legion mit dem Kommandanten der III. ottomanischen Armee zu besprechen und die Angelegenheiten des Kaiserlichen Konsulat in Erserum zu ordnen, das - nach Mitteilungen des in Erserum verbliebenen Sekretärs Werth - auf Wunsch der Heeresleitung nach Ersindjian verlegt werden sollte.

In Trapezunt war es nicht möglich, ein richtiges Bild über die Lage in Erserum zu gewinnen, da selbst der Wali ungenau unterrichtet wurde und die Telegramme des Sekretärs Werth zwar alarmierend lauteten aber die Klarheit vermissen liessen.

Nachdem ich am 13. d.M. die Stadt Gymyscham verlassen hatte, hat mir der dortige Mutessarif ein Telegramm nachgeschickt, worin der Sekretär Werth mitteilte, dass er am 12. d.M. Erserum verlassen hatte, um sich mit dem gesamten Konsulatspersonal nach Ersindjian zu begeben. Das grosse Gepäck war hierin bereits vorausgegangen. Da mir für meinen Aufenthalt in Erserum der Besitz eines Chiffres notwenig war, habe ich mich entschlossen, über Ersindjian nach Erserum zu gehen. Ich hoffe dabei ungefähr gleichzeitig mit dem Sekretär Werth in Ersindjian einzutreffen.

Ich hatte Trapezunt im Wagen verlassen, doch war bereits der Uebergang über den Sidana-Pass (2000 m) des Schnees wegen sehr schwierig. Auf dem Kösseh-Dagh (2000 m) lag wenig Schnee, dagegen war der Sipikhor-Dagh (2800 m) nur auf Reitpferden zu passieren. Ich war daher gezwungen, meinen Wagen im Dorfe Kösseh zurückzulassen. In den Tälern lag überall kein Schnee, auch war die Kälte selbst auf den Passhöhen nur gering. Der gegenwärtige Winter ist für Hoch-Armenien ein milder und es ist aussergewöhnlich wenig Schnee gefallen, ein Umstand der das russische Vorgehen wesentlich erleichtert hat.

In Gymyschane verlautete, dass in Tschorochtale bei Kiskin hart gefochten werde und dass bei Erserum die Lage günstig sei. Genaues wusste aber auch dort niemand. Auf der grossen Strasse nach Erserum fanden die Transporte der Maschinengewehre und sonstigen Kriegsmaterialien statt, die mit der „Goeben“ nach Trapezunt gekommen waren. Da die Beförderung nur mit Tragtieren und Ochsenwagen geschehen kann, geht sie sehr langsam vor sich, obwohl - soweit ich die Beförderung habe verfolgen können - alles sehr gut klappte. Die beiden Flugzeuge standen am 11. d.M. noch dicht bei Trapezunt unter einem arg zerrissenen Zelte. Auf dem Sipikhor traf ich die Familien der Notabeln von Ispir in Tschorochtale, die nach Ersindjian flüchteten. Auf allen Pässen, auch auf dem Sipikhor waren zahlreiche Arbeiter beschäftigt, die Wege frei zu machen.

In Ersindjian bin ich nach anstrengendem 12stündigen Ritte am 14. d.M. Abends angekommen. Der Sekretär Werth ist bis heute nicht angekommen. Trotzdem der hiesige Mutessarif bereits zweimal telegraphiert hat, ist es mir nicht gelungen festzustellen, wo sich Werth im Augenblicke befindet. Ich habe nur ermitteln können, dass er den Ort Terdjan-Mamaschutun bereits passiert hat. In normalen Zeiten wird die Strecke von Erserum bis Ersindjian in 4 bis 5 Tagen zurückgelegt. Es ist mir bisher nicht gelungen Pferde zu bekommen. Sobald ich dies erreicht habe, werde ich Werth entgegenreiten.

Bereits am 15. d.M. habe ich hier erfahren, dass Mahmoud Kiamil Pascha das Hauptquartier der III. Armee aus Erserum heraus nach dem 14 km westlich gelegenen Dorfe Ilidsha verlegt habe. Es wurde hinzugefügt, dass die Russen im Norden von Erserum, in der Nähe von Kisil Kilissa heftig angriffen, dass man aber hoffe, Erserum vor der „Einschliessung“ zu bewahren. Gestern lauteten die Nachrichten aus Erserum günstig, heute Morgen dagegen wurde in der Stadt das Gerücht verbreitet, das nördliche Fort der Erserumer Verteidigungslinie, Kara Köpek (auf der Lynchkarte: Kara Gepek) sei von den Russen genommen und Erserum gefallen. Diese Gerüchte haben sich als richtig herausgestellt. Wie mir der hiesige Etappenkommandant mitgeteilt hat, sind die türkischen Truppen bis zum Westrande der Erserumer Ebene zurückgegangen. Das Hauptquartier hat sich heute in dem Orte Evrani, etwa 30 km westlich von Erserum befunden. Die Stadt Erserum ist damit verloren. Sie ist auf demselben Wege erobert worden, wie im letzten türkisch-russischen Krieg. Es ist bedauerlich, dass Herr Oberstleutnant Guse nicht rechtzeitig nach Erserum hat zurückkehren können. Ich bin überzeugt, dass bei einiger Standhaftigkeit die starke Stellung von Erserum trotz der mangelhaften Ausrüstung der hiesigen türkischen Armee zu halten gewesen wäre.

Die nächsten Tage werden zeigen, ob die geschlagene türkische Armee im Stande sein wird, ein weiteres Vordringen der Russen aufzuhalten. Die Gefahr liegt nahe, dass dies nicht der Fall sein wird. Dann dürfte auch Ersindjian und Trapezunt in Gefahr geraten. In Lasistan erwehrt sich das türk. Küstendetachement schon jetzt nur mit Mühe der russ. Angriffe. Sollte Trapezunt auch von Bayburt her über den Siganapass angegriffen werden, so dürfte es kaum gehalten werden können.

Der Wali von Erserum ist heute in Terdjan-Mamachatun eingetroffen.

Sollte auch Ersindjian gefährdet werden, so werde ich das Konsulat mit Sekretär Werth nach Sivas weitersenden. Ich selbst werde auf dem kürzesten Wege nach Trapezunt zurückkehren. Leutn. Dr. Schede, der mich dort in den Angelegenheiten des Verbindungsoff. vertritt, hat den Auftrag, sich auf dem bestmöglichen Wege nach Samsun zu begeben u. die georgische Legion mitzunehmen, falls Trapezunt vom Land aus bedroht werden sollte.

Ich bitte Euere Ex. gehorsamst, vorstehenden Bericht auch dem Herrn Militärattaché geneigtest zur Kenntnis bringen zu wollen

[Schulenburg]



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