1914-02-15-DE-004
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Quelle: DE/PA-AA/R 1915
Zentraljournal: 1914-A-03336
Erste Internetveröffentlichung: 2012 April
Edition: Die deutsche Orient-Politik 1911.01-1915.05
Praesentatsdatum: 02/17/1914 p.m.
Laufende Botschafts/Konsulats-Nummer: Nr. 46
Zustand: A
Letzte Änderung: 11/09/2017


Der Botschafter in Wien (Tschirschky) an den Reichskanzler

Bericht



Nr. 46
Wien, den 15. Februar 1914.

Abschrift.

Ganz vertraulich!

Graf Berchtold und Graf Forgach haben den Eindruck, dass die Türken ernstlich mit dem Plane umgehen, Westthrazien zu besetzen. Das türkische Vorgehen in der Pomakenfrage, die bereits völlig erledigt schien und plötzlich von Constantinopel aus in der schroffsten weise mit Stellung von Ultimaten wieder aufgenommen wurde, sowie Nachrichten aus Adrianopel über Verschiebung türkischer Truppen nach Westen und Bereitstellunge von Sanitätsabteilungen glaubt man hier mit obiger Absicht in Verbindung bringen zu solle. Es scheint, dass die Jungtürken, um sich für den Entgang der Inseln zu entschädigen und dem Lange gegenüber ihre Stellung zu befestigen, diesen Gebietszuwachs im Auge hätten.

Gestern hat Hilmi Pascha den Grafen Berchtold aufgesucht und hat ihm im auftrage seiner Regierung folgendes mitgeteilt.

Man folgere in Constantinopel aus verschiedenen Anzeichen, dass in nicht allzu ferner Zeit die Union zwischen Serbien und Montenegro durchgeführt werden solle. Nachstehende Momente deuteten darauf hin. Serbien betreibe Rüstung in einem Mass, das nicht allein die Besorgnis vor Bandenunruhen erklär werden könne. König Nikita habe eine Rede gehalten, die deutlich grosserbische Pläne verraten habe. Es verlaute sehr bestimmt, dass die montenegrinische Volksvertretung für die Union gewonnen sei und demnächst sogar einen Beschluss in dieser Richtung fassen werde. Der serbische Gesandte in Cettinje. Gabrrilowitsch, ein eifriger Förderer der Unionsidee, der bereits nach Rom ernannt sei, sei angewiesen worden, bis auf weiteres in Cettinje zu verbleiben. König Nikita sei durch das Versprechen einer Verdoppelung seiner Apanage, die er in Petersburg im Ruhestande geniessen würde, gewonnen worden. Mit dessen Söhnen sei als Nachfolger auf den montenegrinischen Thron ohnedies nicht zu rechnen. Prinz Mirko sei ein ganz haltloser Mensch, der in letzter Zeit auch wieder finanziell völlig zusammengebrochen sei, und sein Bruder sei krank und stehe momentan vor einer ernsten Operation. Von Russland werde der Unionsgedanke eifrig unterstützt in Verbindung mit dem Plane der Aussöhnung zwischen Bulgarien und Serbien. Letzteres solle gegen den Gebietszuwachs in Montenegro veranlasst werden, Istip und Kotschana an Bulgarien zurückzugeben. Auf dieser Basis solle dann ein serbisch-bulgarisches Bündnis zu Stande gebracht werden.

Hilmi Pasch habe dann weiter ausgeführt, der Abschluss des serbisch-bulgarischen Bündnisses würde vielleicht der Moment sein, wo man in Constantinopel und Wien auf Grund der gemeinsamen Interessen gegen den unter russischer Patronanz entstandenen serbisch-bulgarischen Bund im Centrum des Balkans an einen engeren Anschluss denken könne, dem ja auch Rumänien beizutreten alle Ursache haben würde.

Graf Berchtold hat den Ausführungen des türkischen Botschafters gegenüber sich reserviert verhalten. Er hat den Eindruck, dass es den Türken jetzt vor allem darauf ankomme, Vorwände zu finden, um ein eventuelles Vorgehen gegen Westthrazien zu motivieren und als ob Hilmi Pascha vorsichtig habe sondieren wollen, wie man sich hier in Wien dazu stellen würde. Der Minister hat deshalb unter seinem Danke für die Mitteilungen des Botschafters diesem ganz allgemein zu bedenken gegeben, dass seiner Ansicht nach es bis auf weiteres im türkischen Interesse liegen müsse, Frieden und Ruhe am Balkan zu erhalten. Um die allmähliche Wiedererstarkung der Türkei zu ermöglichen. Jeder vorzeitige Vorstoss türkischerseits werde die innere Entwicklung der Türkei stören und müsse zu unabsehbaren Consequenzen führen, die für sein Land, das nach dem letzten Kriege innerlich noch nicht konsolidiert sei, nur von schädlichster Wirkung sein könnten. Hilmi Pascha habe für diesen Rat seinen Denk ausgesprochen.

Graf Berchtold bemerkte dann noch, er zweifle zwar nicht an dem Bestreben Russlands, einen slawischen Bund - Serbien und Bulgarien - am Balkan zusammenzubringen, um sich dessen gegebenenfalls gegen Österreich bedienen zu können. Mit der Abtretung Istips und Kotschanas allein aber würden die Bulgaren sich kaum befriedigt erklären. Sollte aber dennoch ein slawischer Zusammenschluß unter russischer Führung zur Tatsache werden, so werde man sich allerdings zu überlegen haben, auf welche Weise dieser Gefahr entgegengetreten werden könne und ob nicht dann ein Zusammenschluß Österreichs mit der Türkei und Rumänien in irgendeiner Form ins Auge zu fassen sei. Er sei sich völlig bewusst, dass die Monarchie damit eine antislawische Politik inauguriere. Während er aber bei Übernahme des Ministeramtes von der Auffassung ausgegangen sei, dass für Österreich-Ungarn eine Politik gegen die Slawen nicht angemessen und durchführbar sei, sei er im Laufe der Zeit und auf Grund der gemachten Erfahrungen von dieser Ansicht abgekommen. Es sei falsch, von „den Slawen“ als einer Einheit zu sprechen. Die staatlichen Interessen müssten jedenfalls stets in erster Linie berücksichtigt werden. In dieser gewiss richtigen und erfreulichen Erkenntnis habe ich den Minister mit der einfachen Bemerkung bestärkt, dass mir sein Standpunkt richtig erscheine.

Ich darf noch bemerken, dass der letzte Teil dieser meiner Unterredung mit Graf Berchtold mehr den Charakter einer zwangslosen, ganz vertraulichen Aussprache trug, in der der Minister kein offizielles Programm entwickeln, sondern mehr seinen persönlichen Gedanken über die mögliche Gestaltung der Verhältnisse am Balkan Ausdruck geben wollte.


[von Tschirschky]


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