1915-01-28-DE-001
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Quelle: DE/PA-AA/R 19951
Zentraljournal: 1915-A-04492
Erste Internetveröffentlichung: 2012 April
Edition: Die deutsche Orient-Politik 1911.01-1915.05
Praesentatsdatum: 02/05/1915 a.m.
Letzte Änderung: 10/23/2017


Der Botschafter in Konstantinopel (Wangenheim) an den Reichskanzler (Bethmann Hollweg)

Bericht



No. 50

1 Anlage


Pera, den 28. Januar 1915

Euerer Exzellenz beehre ich mich in der Anlage eines am 29. v.M. im orientalischen Klub in Damaskus gehaltene Rede Dschemal Paschas gehorsamst vorzulegen.

Die Rede hat lauf Meldung des Kaiserlichen Konsuls auf die arabischen Kreise einen guten Eindruck gemacht, weil in ihr des Arabertums besonders gedacht wurde.


Wangenheim
Anlage

Abschrift

Kaiserlich Deutsches Konsulat zu Damaskus

Rede seiner Exzellen DSCHEMAL PASCHA und seine wichtigen Aufklärungen im „ORIENTKLUB.“ (gehalten am 27. Dezember 1914.)

Meine Herren! Es ist nicht das erst Mal, dass ich vor Euch als Redner stehe. Ich hatte bereits voriges Jahr Gelegenheit in dem „Literarischen Club“ in Konstantinopel in einer Rede meine Brüder zu warnen und zu belehren. Brüder! Ich rede heute weder als Armeekommandierender noch als Minister der Marine zu Euch, sondern als mohammedanischer Ottomane, der berechtigt ist, in allen Gebieten der Politik zu forschen. O Araber, Ihr habt als Pflicht den alten Glanz Euerer Väter wieder herzustellen. Belebet die verblichene Kultur und strebet danach Euch mit ganzen Kräften die Zivilisation anzueignen. Werdet vollkommene Männer! Dies ist was ich Euch zu sagen habe.

Ich und alle meine Brüder tun unser Möglichstes unsere gewesene Grösse zurückzuerobern und mahnen Euch, dem Vorbild unserer grossen Väter und denen der Türken nachzueifern. Ich hoffe zugleich, dass beide Parteien, Türken und Araber, vereint arbeiten werden, denn beide haben dieselbe Religion. Beide dienen dem einen Gott, beide glauben an den einen Gesandten Gottes. Meine Herren! Die Geschichte kennt kein Geschlecht, das der mohammedanischen Religion mehr gedient hat, als das der Araber und Türken. Beide haben für die Sache Gottes sich heldenhaft benommen. Beide opferten für Gott und seine Lehre alles Teure und heut werden auch beide vereint die Stützen unserer Religion und die Mauer der göttlichen Lehre sein.

Heine Herren! Ich bin überzeugt, dass die Perser, Araber und Türken die aufrichtigsten Bekenner und Diener des Islams sind. Da jedoch unsere Brüder, die Perser, eine von uns getrennte Regierung bilden, für die wir um Heil und Dauer bitten, so beschränken wir uns nur auf die Hebung des türkischen und arabischen Elements. Ich erzähle Euch, was wir in dieser Beziehung erwirkt haben:

Seit meiner Jugend träume ich nur von der Wiederherstellung des Islams und seiner alten Grösse. Gott gab mir auch viele Mitgenossen, deren Gesinnung der meinen entsprachen. Das erste, das uns als Hindernis für unsere Bestrebungen galt, war der Freiheit und Fortschritt erstickende Despotismus. Es gelang uns mit Gottes Hilfe und unter gewissen Anstrengungen diese Gewalt zu stürzen. Hernach begann für uns die Epoche der Tat. Es galt unser Land im Lichte der Freiheit zu heben. Bis zur letzten Zeit war viel zu schaffen. Alles befand sich im Gegensatz zu einander. Jeder hatte andere ansichten und Meinungen. Dies benützend suchten die Feinde des Islam die inneren Streitigkeiten in unserem Staate anzufachen, bis das Alleräusserste kam, nämlich die Aufhetzung der Balkanstaaten gegen uns. Die Folge waren unsere schmachvollen Niederlagen des vergangenen Jahres. Jawohl, sie haben uns brennende Wunden zugefügt, sie nahmen uns mohammedanische Gebiete und der Verlust war gross. Doch heutzutage sehen wir, dass die Hand Gottes doch über alles waltet. Aus diesem traurigen Schicksal, das uns traf, habe wir vieles gelernt. Wir beschlossen manches zu opfern, um das weitere Eindringen der Fremden in unsere Angelegenheiten möglichst zu verhindern, dass wir auch unser geliebtes Vaterland aus manchem Unfug und Verrat befreien. Dies geschah nachdem etwa 70 Millionen Mohammedaner Indiens England gewarnt haben, nichts gegen die Zurücknahme Adrianopels einzuwenden. Dies aber weckte den Zorn des Dreiverbands, besonders Englands, welches das Vorhandensein einer starken mohammedanischen Macht nicht leiden kann. Wir brauchten damals Geld. Wir machten zu diesem Zweck Verhandlungen mit der Wechslernation Frankreich, das aber uns gegenüber sich herrisch benahm, uns die schwierigsten schädlichsten Bedingungen auflegte und von uns die vorteilhaftesten Konzessionen verlangte, um Bahnen und Häfen anzulegen. Es war das Beispiel jenes Mannes, der 10.000 Pfund anleiht, um dafür 1/2 Millionen Pfund zu erhalten. Nachdem wir diese unheilvollen Bedingungen gezwungen annahmen, gab uns Frankreich das nötige Geld, nachdem wir Frankreich viele Versprechungen in Bezug auf Tunis und Marokko abgetan. Dann begannen wir mit England zu verhandeln, das sich sehr habgierig benahm. Kaum bewilligten wir eine seiner Forderungen, fügt es die zweite hinzu, sodass England schliesslich den Willen äusserte, aus Mesopotamien ein eigenes Handelsgebiet und eine zukünftige Besitzung zu machen. Damals pflegte England geheime Politiker nach Mesopotamien zu schicken, die sich als Pilger erklärten, um uns zu täuschen und die endlosen Wünsche Englands zu befriedigen. Wie oft sagte mir mancher dieser Pilger ins Gesicht, dass England das Vorhandensein eines starken Chalifats, zu dem alle Mohammedaner hoffnungsfroh blickten, nicht gerne sieht, vielmehr dessen einziger Wunsch die Entmutigung aller Mohammedaner ist, dass wir Sklaven bleiben, die nur zu gehorchen haben, die jeder Hoffnung auf Unabhängigkeit mangeln müssen. Als wir nun ausser diesen Verhandlungen mit England sahen, dass auch Russland sich in die endlose Orientfrage mischte, und Armenier sowohl als auch Kurden zu bestechen begann, um beide gegeneinander zu hetzen, sodass Europa entrüstet dagegen unter dem Einwand der Christenmetzelei protestierte, versuchten wir auf Russlands Forderungen möglichst einzugehen. Wir baten England mündlich, uns Inspektoren für die zwei Zonen der orientalischen Wilajets zu schicken, damit wir die Einmischung der Russen durch den Einfluss des mit ihnen verbündeten England aufheben können. England willigte ein, doch es verlangte von uns ein offizielles Schreiben in dieser Beziehung. England wollte dadurch uns vor aller Welt demütigen, denn als wir das Schreiben ausführten und nach London hinsandten, verweigerte England unsere Bitte. Wir suchten dann die Vermittlung Frankreichs. Ich reiste nach Paris, wo mir grosse Ehren erwiesen wurden. Diese hat man sogar übertrieben, besonders von Seiten der Presse. Ich versuchte die französischen Politiker zu bewegen, England und Russland zu unseren Zwecken zu beeinflussen, doch dies gelang mir nicht. Dagegen wurde mir klar, dass sie alle von uns verlangen, die Dardanellen für die russische flotte zu öffnen und Russland seine Wünsche zu gewähren, auch dass wir Mesopotamien für England lassen, Syrien zwischen Frankreich und England teilen ganz entsprechend den geheimen Bündnissen dieser Staaten. Dies alles bestätigte uns, was wir seit lange geahnt haben, nämlich dass die erwähnten Völker uns vernichten wollen. Wir wissen aber, dass Mesopotamien, Syrien und Konstantinopel die Hauptstützen des Mohammedanismus sind, und dass keines dieser 3 Länder ohne das andere bestehen kann. Ich kehrte eiligst von Europa zurück. Als der Weltkrieg begann, befahlen wir die allgemeine Mobilisation unseres Heeres, damit wir bereit seien, und die erste passende Gelegenheit benützen könnten, damit man uns nicht wie beim Balkankrieg überrascht. Doch England wollte uns hetzen und beschlagnahmte die beiden ottomanischen Kreuzer „Sultan Ottoman“ und „Reschadije“. Gott aber schickte uns 2 Kreuzer, die nicht minder bedeutend sind, um der russischen Flotte Halt zu gebieten. Dies alles erzähle ich Euch als einer, der die europäische Politik genau verfolgte und versichere Euch, dass nicht Deutschland uns zum Kriege zwang, was Mancher behaupte, nein, wir strebten nach einem Bund mit Deutschland, denn wir wussten, dass unsere Zukunft nur durch den Krieg gesichert wird, und das die vom Dreierband bedrohten Interessen Deutschlands und der Türkei nur durch die Einigung beider Völker bewahrt werden können. Der englische Botschafter in Konstantinopel erkundigte sich nach dem Grund zu unserer Mobilisation in Syrien. Durch Spione wurden ihm alle unsere Einrichtungen in Syrien mitgeteilt. Ich wurde beauftragt, mit dem Botschafter darüber zu reden. Er sagte mir: „Wollt ihr mit diesem Heer nach Aegypten?“ Ich sagte: „Behüte Gott, Aegypten ist das Kleinod unseres Landes, warum sollten wir Aegypten anstürmen. Doch können wir in unser Land eintreten wann wir wollen.“ Er sagte: „Doch da ist eine Angelegenheit, die 1/3 Jahrhundert datiert.“ Ich antwortete: „Ich kenne bis zur Stunde nur die türkische Oberhoheit über Aegypten. Eure Niederlassung in Aegypten sollte nur für eine gewisse Zeit sein. Wir wollen aber jetzt nach Aegypten, unserem Besitz, wollt ihr uns bekriegen, sind wir bereit. Ihr habt kein Recht, uns den Abmarsch nach Aegypten zu verhindern. Ein Mann wird doch nicht von einem Fremden um Erlaubnis bitten, in die eigene Wohnung zu treten.“ Er sagte: „Für Euch ist es besser, neutral zu bleiben. Dem entsprechend versprechen wir Euch, Eure Länder zu beschützen und werden einwilligen, dass Ihr nach dem Krieg ein Teil der Kapitulationen aufheben dürft.“ Am anderen Tag wurde mit der Aufhebung aller Kapitulationen geantwortet. Er sagte: „Ihr wollt also Krieg?“ Ich sagte: „Wir wollen ihn nicht. Doch Ihr habt zu wählen. Wollt Ihr ihn nicht, so habt Ihr Aegypten bei der nächsten Gelegenheit zu verlassen.“ Er sagte: „Es ist für England unmöglich, so etwas zu tun, um nicht die öffentliche Meinung zu erregen.“ Ich antwortete: „Was legen Sie auf die englische öffentliche Meinung so viel Wert und verachten die öffentliche Meinung einer Masse von 300.000.000 Mohammedaner. Oder sind diese tot oder eine Null bei Euch.“ Ich beauftragte den Botschafter seine Regierung über dieses zwischen uns entsponnene Gespräch zu informieren. Selbstverständlich war das unsere letzte Zusammenkunft. Als ich eines Tages den französischen Botschafter besuchte, klagte mir dieser, einige mohammeanische Helden zu beobachten, die ohne Unterlass zur Hebung des Islam arbeiten. Besonders klagte er über die Bestrebungen der Mohammedaner in Tunis, Algier und Marokko. Er zeigte mir einige dort verbreitete Blätter, darunter ein Brief des Gelehrten Abdul Asies Tschaudiesch. Er bat mich, solches zu verhindern. Damals redeten wir in ganze vertraulichem Tone. Ich sagte zu ihm: „Wenn es Euch recht ist, in unserem Land alles zu tun, was Euch gefällt, nur um damit einigen tausend Christen zu dienen, warum missfällt Euch dann das, was wir als Pflicht zur Rettung des Islam aus Eurem Unrecht tun.“ Er sagte: „Sie bieten mir das Bittere nach dem Süssen,“ und verabschiedete sich mit Arger von mir. Aus allem Erwähnten erkennt ihr die Gesinnung dieser Leute zum Islam. Ihr seht auch, dass wir den Krieg freiwillig wollten. Wir fanden zum Leben kein anderes Mittel, nachdem uns das Wirken Europas gegen uns und gegen die gesamte mohammedanische Welt klar wurde. Doch weckte Gott gegen unsere Feinde die mächtige deutsche Nation und ihren Verbündeten. Als nun die russische Flotte versuchte, die Rechte des Bosporus zu verhöhnen, erhielt sie den entsprechenden Lohn. Seine Majestät der Sultan erklärte den Religionskrieg und verpflichtete Euch und alle Mohammedaner zum Heldenkampf. Möge uns Gott mit Sieg und Erfolg krönen, Von jetzt an und besonders nach dem erfolgreichen Kampf ist unsere Schuldigkeit, nur zur Hebung unseres Landes und zur Stärkung des Mohammedanismus zu arbeiten. Deshalb rufe ich Euch zu, o Brüder: „Bessert Euch, reinigt den mohammedanischen Charakter, reinigt unsere heilige Lehre durch entsprechende Tat, lehret in allen Schulen das, wozu wir berufen sind. Dadurch macht Ihr Euer Land glücklich, dadurch erfüllt Ihr Eure Pflichten. Bessert Eure Städte, reinigt Eure Strassen, hebt Eure Auffassung, seid Männer, der Tat, nicht der Worte, treibt Industrie und Landwirtschaft, dadurch belebt Ihr die Nation. Legt mehr Wert auf Eure Ehre als auf Gut und Geld. Wir trachten danach, alle mohammedanischen Nationen zu heben, Türken, Araber, Kurden und Tscherkessen. Seht unsere Armee, die zur Rettung Aegyptens dienen soll. Ich bin stolz, ihr Oberkommandierender zu sein. Blickt auf die mohammedanischen Truppen, die zur Rettung Kaukasiens berufen sind. Wenn wir nun mit Erfolg gekrönt werden, so nimmt die Zahl der Türken und Araber in unserem Reiche zu. Unsere Regierung wird dann stark. Sie wird nicht mehr vor dem Feind erschrecken und Eure Beglückung zur einzigen Aufgabe haben. So betet um Sieg für uns und unsere Brüder und marschiert im Vertrauen auf Gott nach Aegypten.



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