1916-06-12-DE-001
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Quelle: DE/PA-AA/R 20076
Zentraljournal: 1916-A-15588
Erste Internetveröffentlichung: 2017 Juni
Edition: Die deutsche Orient-Politik 1915.06-1916.12
Telegramm-Abgang: 06/12/1916 01:30 PM
Telegramm-Ankunft: 06/12/1916 11:05 PM
Praesentatsdatum: 06/13/1916 a.m.
Laufende Botschafts/Konsulats-Nummer: Nr. 807
Zustand: A
Letzte Änderung: 11/19/2017


Der Gesandte in Bukarest (Bussche-Haddenhausen) an das Auswärtige Amt

Telegraphischer Bericht


Bukarest, den 12. Juni 1916

Herr Bratianu, den ich erst heute um 8 Uhr sah, teilte mir über den Grenzzwischenfall in Marmoritza folgendes mit:

1. Der russische Divisionskommandant, mit dem der an den Tatort entsandte rumänische General auf russischem Gebiet gesprochen hat, habe erklärt, dass keine Absicht vorgelegen hätte, rumänisches Gebiet zu verletzten. Es müsse ein Unterführer ein Versehen begangen haben.

2. Es sei ihm noch nicht genau bekannt, von wo die Russen eingedrungen seien, da der rumänische General nicht nach Marmoritza hineingelangen konnte, das in starkem österreichischem Feuer gelegen habe. Die eingedrungenen Russen befänden sich seines Wissens nicht mehr auf rumänischem Gebiet.

3. Er glaube nach Prüfung aller Vorgänge, dass in der Tat ein Versehen vorliege. Zuerst habe er an Komplicität der Russen mit rumänischen Politikern und Unterbeamten geglaubt. Dies scheine ihm aber nicht zuzutreffen, da die Kreise der Entente und der Nationalisten eher bedrückt seien; das stimmt nach meinen Beobachtungen.

4. Sowohl der russische Gesandte als auch der russischen Militärattaché, mit dem General Iliescu gesprochen und dem er in seinem, Bratianu’s, Auftrag gesagt hätte, dass ein bewaffneter Konflikt mit Rumänien die Folge sein könnte, hätten erklärt, dass es sich nur um ein bedauerliches Versehen eines Unterführers handeln könne. Die Antwort der russischen Regierung stehe noch aus, doch zweifele er nicht, dass sie eine Entschuldigung sein werde.

5. Er gebe zu, dass er zu sehr den Versicherungen der Russen vertraut habe, dass sie rumänisches Territorium nicht verletzten würden, obwohl österreichischer Gesandter und ich ihn auf die Möglichkeit aufmerksam gemacht hätten. Er werde in Zukunft einige Bataillone an der Grenzecke bei Marmoritza aufstellen.

Meine Ansicht ist, dass die Russen versuchen wollten, ob man sie ruhig durchziehen lassen würde. Die Sache hat aber eine für sie ungünstige Wendung genommen, denn sie haben gesehen, dass die rumänische Regierung nicht einverstanden ist. Bratianu tadelt das Verhalten der Grenzsoldaten in Marmoritza und meinte, dass sie, wenn sie ebenso energisch gewesen wären wie die zwei Grenzsoldaten, die vor zwei Tagen 50 Russen entwaffneten, auch diese Russen entwaffnet worden wären oder sich zurückgezogen hätten.

Bratianu bemerkte, dass die österreichischen Truppen an der russischen Grenze keine grosse Widerstandskraft zu haben schienen, denn sonst hätte es den Russen bei dem vorzüglichen Ausbau der österreichischen Stellungen, worüber er durch den Oberst Sturdza, der kürzlich dort weilte, unterrichtet sei, nicht gelingen dürfen, bei Luck und Tarnopol solche Erfolge zu erringen. An die russischen Meldungen über die Höhe der Gefangenen glaube er nicht ganz, er begreife aber nicht, warum die Österreicher die Russenfront nicht besser besetzt hätten. Wenn es den Russen gelingen sollte, die Bukowina und Galizien wieder zu besetzen, würde die Hetzerei in Rumänien in noch erhöhtem Masse wie früher einsetzen.

Gleichlautend an Hauptquartier.


[Bussche]



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