1915-01-26-DE-001
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Quelle: DE/PA-AA/R 20176
Zentraljournal: 1915-A-03181
Erste Internetveröffentlichung: 2012 April
Edition: Die deutsche Orient-Politik 1911.01-1915.05
Telegramm-Abgang: 01/26/1915 12:20 AM
Telegramm-Ankunft: 01/26/1915 03:20 AM
Praesentatsdatum: 01/26/1915 a.m.
Laufende Botschafts/Konsulats-Nummer: Nr. 83
Zustand: A
Letzte Änderung: 10/23/2017


Der Gesandte in Athen (Quadt zu Wikradt und Isny) an das Auswärtige Amt

Telegraphischer Bericht



Nr. 83.

Athen, den 26. Januar 1915

König hat heute Baron Schenk nachstehendes gesagt:

„Nach erhaltenen Informationen ist zu erwarten, daß Entente in den nächsten Tagen an die neutralen Balkanländer, besonders Rumänien und Griechenland erneut herantreten wird, um dieselben durch große Versprechungen zu einem baldigen Eingreifen auf ihrer Seite zu veranlassen; offiziell sind bis heute solche Schritte nicht geschehen. Rumänien will man Transsylvanien versprechen und es dadurch zu einem Einmarsch dort und einem Vorgehen gegen Österreich-Ungarn veranlassen. Griechenland soll man beabsichtigen, Gebietsteile in Kleinasien, mit einem Durchblick auf Konstantinopel für später in Aussicht zu stellen. Auch Bulgarien, das nach vielen Anzeichen keine offene Politik mit Österreich und Deutschland triebe, werde man zu gewinnen suchen und zwar mit großen Versprechungen von türkischem Gebiet.

König wolle, wenn es nur irgend gehe, Griechenland nicht in den jetzigen Krieg verwickelt sehen. Andererseits könne doch der Fall eintreten, daß er wie seine Regierung einfach zu einem Eingreifen gezwungen würde, wenn sie sich nicht mit Recht dem Vorwurf der Vernachlässigung griechischer Interessen aussetzen wollten. Z.B. wenn aus dem Eingreifen der übrigen Balkanstaaten ein militärischer Erfolg Griechenlands mit ziemlicher Sicherheit anzunehmen wäre und große absolut sichere Versprechungen der Entente vorlägen. Vorausgesetzt sei auch hierbei, daß die übrigen Balkanstaaten in den Krieg eintreten würden, besonders Rumänien.

Von Rumänien hänge hauptsächlich das Verhalten Griechenlands ab, er habe dieserhalb auch in Bukarest telegraphisch angefragt, was Rumänien in dem erwähnten Falle einer neuen Entente-Demarche zu tun gedenke.

Dem beabsichtigten Schritt der Entente könne bei schleunigem Handeln der Boden leicht entzogen werden und zwar:

1.) dadurch, daß Österreich-Ungarn die Autonomie für Transsylvanien erklärt. Wie er bestimmt wisse und ihm noch vor einigen Tagen der Sohn des früheren rumänischen Ministers Nicu Filippescu erklärt habe, beanspruche Rumänien absolut nicht, daß ihm Transsylvanien einverleibt wird, wohl aber eine Autonomie für diesen Gebietsteil.

2.) Dadurch, daß die österreichisch-ungarische Regierung, eventuell auch die deutsche, offiziell erklären lasse, daß man Serbien nicht „vernichten“ wolle, wie es die Entente behaupte und was auch deshalb geglaubt werde, weil man in Österreich anscheinend nur einen Krieg gegen Serbien kenne und den Weltkrieg als Nebenkriegstheater betrachte, während es doch umgekehrt sein müßte.

Durch ein derartiges Vorgehen würde Rumänien, das ja gern unblutige Kriege führe, jeden Grund zum Eingreifen genommen, Griechenland die Handhabe zu einer ablehnenden Antwort auf einen Schritt der Entente gegeben und überhaupt der Entente jeder Boden für das Aufhetzen der neutralen Balkanstaaten genommen.“

Für sehr bedenklich halte ich Äußerung Königs, daß Griechenland eingreifen müsse, wenn es seinen Vorteil darin sehe oder große Versprechungen der Entente vorlägen. König war nach heutiger Unterredung mit Venizelos sehr ernst gestimmt. Ich halte sofortige beruhigende Versicherungen für ganz außerordentlich wichtig. Dieselben müssen aber schnell erfolgen. Für Versprechungen unsererseits fehlt wohl leider Boden, da Venizelos mir seinerzeit gesagt, er würde auf Kosten Serbiens sich nicht bereichern.

Werde versuchen, auf König persönlich einzuwirken, sehe ihn übermorgen. Wenn ich aber nicht in der Lage bin, ihn mit positiven …[Gruppe fehlt]… [vom AA eingesetzt: Versicherungen] beruhigen zu können, hat Einwirkung keinen Wert. König würde gern vermieden sehen, daß Entente Kenntnis über seine Mitteilungen an uns erhält.


[Quadt]
[Zimmermann an Quadt (Nr. 55)]

Dringend!

Antwort auf Tel. 79 und 83.

Daß die Entente nachdem sie sich in Japan Korb geholt hat ihre Werbung um die Waffenhilfe der Balkanstaaten erneuern wird halten wir angesichts der prekären militärischen Lage unserer Gegner für wahrscheinlich. Rußland ist mit Kriegsmaterial und ausgebildeten Truppen ziemlich zu Ende. Für Frankreich und England ist es von so vitaler Bedeutung, den russischen Zusammenbruch aufzuhalten, daß sie für eine Entlastung ihres östlichen Verbündeten voraussichtlich jede gewünschte Zusage erteilen werden. Wie viel davon nach Beseitigung der Notlage eingelöst wird ist eine andere Frage. Wir würden uns nicht wundern, wenn England sich eines Tages sogar bereit erklärte, eigene Truppen zur Unterstützung willfähriger Balkanstaaten zu entsenden. Nach dem in Frankreich so erfolgreich angewandten Rezept würde dies ein Mittel sein im Bedarfsfall den erlahmenden Eifer der Waffenbrüder anzustacheln und durch Besetzung von Häfen und Küstengebieten ein Faustpfand gegen allzu unbescheidene Wünsche bei Friedenschluß zu schaffen.

Wir sind überzeugt daß Athen wie Bukarest das Spiel durchschauen und vor übereilten irreparablen Entschlüssen sich hüten werden. Die Ereignisse auf den Hauptkriegsschauplätzen werden wahrscheinlich schon binnen weniger Wochen den Beweis erbringen wie berechtigt der Hilfeschrei der Entente und die Zurückhaltung der Neutralen war. Wir geben uns über den Wert bulgarischer Versprechungen keinen Illusionen hin glauben aber daß mit der Unzuverlässigkeit Bulgariens unsere Gegner mehr zu rechnen haben als wir.

Wenn Rumänien wirklich sich auf die gegnerische Seite legen und in Siebenbürgen engagieren sollte würde Griechenland kaum Unterstützung gegen Bulgarien gewähren können. Im übrigen erscheint uns und Österreich die Idee des rumänischen Einmarsches weder wahrscheinlich noch beunruhigend. Wir wissen daß unser Verbündeter die loyale Haltung des rumänischen Elements in Siebenbürgen zu belohnen entschlossen ist. Zur Bewilligung einer Autonomie scheint uns kein Anlaß vorzuliegen.

Die Vernichtung Serbiens wird weder hier noch in Wien geplant. Wie der Eindruck aufkommen konnte, daß Österreich den Krieg gegen Serbien als Hautsache, den gegen Rußland als Nebensache behandele ist schlechterdings unerfindlich. Tatsächlich hat Österreich-Ungarn auf unseren Wunsch den serbischen Feldzug zu Gunsten der Operationen gegen Rußland mit ganz bescheidenen Streitkräften geführt.

Wir verlangen von Griechenland nichts und haben daher an sich zu Versprechungen keinen Anlaß. Die griechische Regierung wird sich aber sagen daß ihr sofern sie uns nur die Fortsetzung unserer griechenfreundlichen Politik ermöglicht die Früchte von selbst in den Schoß fallen werden.

Uns erscheinen das Hinterland von Salonik und gute Grenzen in Ex[???] näher liegende Ziele der hellenischen Expansion als ein Gebietszuwachs nach Osten, der Griechenland über kurz oder lang notgedrungen mit Bulgaren und Türken und den hinter diesen stehenden Großmächten in Konflikt bringen muß.

Ew. pp. sind ermächtigt vorstehendes in geeignet erscheinender Form vertraulich beim König und Venizelos zu verwerten.



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