1914-04-04-DE-003
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Quelle: DE/PA-AA/R 7356
Zentraljournal: 1914-A-6837
Erste Internetveröffentlichung: 2012 Juni
Edition: Die deutsche Orient-Politik 1911.01-1915.05
Praesentatsdatum: 04/07/1914 p.m.
Laufende Botschafts/Konsulats-Nummer: K.Nr. 71/J.Nr. 778
Zustand: A
Letzte Änderung: 06/17/2017


Der geschäftsführende Konsul in Saloniki (Schwörbel) an den Reichskanzler (Bethmann Hollweg)

Bericht



K.Nr. 71./J.Nr. 778.

Salonik, den 4. April 1914
(In Abschrift nach Konstantinopel und Athen mitgeteilt).

Die türkische Abwanderung aus Mazedonien dauert fort und dürfte immer mehr zu einer wirtschaftlichen Katastrophe auswachsen.

Nach den mir in den letzten Tagen zugänglich gewordenen Statistiken sind bis 1. Oktober vor.Js. etwa 250000 Muselmanen über Salonik ausgewandert.

Während der Monate Oktober, November und Dezember vor.Js. und Januar d.Js. sind 83450 Muselmanen aus gewandert. Davon kamen 45000 aus Neuserbien, 28000 aus Neubulgarien und 10450 aus Neugriechenland.

Im Monate Februar d.Js. sind 45940 Muselmanen über Salonik ausgewandert. Davon kamen 14700 aus Neuserbien, 17400 aus Neubulgarien und 13840 aus Neugriechenland.

Für den Monat März liegen noch keine Endergebnisse vor, doch ist nach Ansicht der griechischen Behörden die Auswanderziffer des Monats Februar weit übertroffen. In der letzten Zeit ist vor allem ein Anschwellen der Abwanderung der türkischen Bauern aus Neugriechenland zu bemerken.

Auch unter der besseren kaufmännischen Bevölkerung der Stadt Salonik macht sich immer mehr die Tendenz zur Auswanderung nach Konstantinopel und Smyrna geltend.

Man erwartet nur das Ende des Moratoriums, um die Aussenstände einkassieren zu können und dann mit der Liquidation der Geschäfte zu beginnen. Man hatte bisher immer noch darauf gehofft, daß Salonik zur Freistadt erklärt und so das alte Hinterland beibehalten würde, sieht sich aber auch darin getäuscht.

Auch die gesamte griechische Bevölkerung Saloniks ist mit der Behandlung Saloniks durch die griechische Regierung sehr unzufrieden und gibt ihrer Meinung in der lokalen Presse unverblümt Ausdruck. Durch die inzwischen amtlich bestätigte Auslassung Saloniks aus dem Netz der internationalen zum Teil neu zu schaffenden Bahnlinie von Athen nach Belgrad-Wien ist auch die Eigenliebe der griechischen Bevölkerung Saloniks stark verletzt worden.

Die noch nicht erfolgte Anerkennung der Annektion Mazedoniens durch die Großmächte hat letzter Tage zu Konflikten der hiesigen Behörden mit dem russischen und französischen Generalkonsul geführt. In dem russischen Fall, der am 30. vor. Mts. passierte, hatten die hiesigen Polizeibehörden ein mit bulgarischen Flüchtlingen gefülltes bulgarisches Schiff betreten und zwei angeblich griechische Deserteure von Bord heruntergeholt. Der russische Generalkonsul der von dem Kapitän über den Fall unterrichtet wurde ging sofort an Bord und erklärte dem anwesenden griechischen Polizeichef, daß das bulgarische Schiff unter russischem Schutz stände und die griechischen Behörden sich nicht eigenmächtig einzumischen hätten, da die russischen Kapitulationen noch zu Recht beständen. Zwei Tage nach dem Vorfall kam das russische Kanonenboot Teretz hier an und befindet sich auch jetzt noch im hiesigen Hafen, anscheinend, um die ungehinderte Wegschaffung der hier eintreffenden bulgarischen Flüchtlinge zu erleichtern. Der hiesige russische Generalkonsul Kahl, der letzten Herbst aus der Türkei hierher versetzt wurde, ist kein Freund Griechenlands und hat seiner schlechten Meinung über die griechische Verwaltung bereits des öfteren öffentlich Ausdruck gegeben.

Der französische Generalskonsul hatte einen Streit mit den Behörden wegen kapitulationswidriger Behandlung eines Franzosen durch die hiesige Polizeibehörde. Die griechischen Behörden haben den schuldigen Polizeibeamten auf Verlangen des Generalkonsuls bestraft, dabei aber in der amtlichen Zeitung eine Veröffentlichung des Inhalts erlassen, daß die Bestrafung desselben nicht wegen seiner Handlung an sich erfolgt sei sonder nur wegen seines respektlosen Benehmens gegenüber dem Generalkonsul.

Zwischen dem Kaiserlichen Konsulat und den griechischen Behörden ist es bisher noch zu keinerlei Meinungsverschiedenheiten gekommen. Die griechischen Behörden haben bisher immer in der liebenswürdigsten Weise alle durch das Konsulat übermittelten deutschen Wünsche und Anliegen erfüllt.

Bei einer Reihe von öffentlichen Ausschreibungen sind deutsche Firmen bevorzugt worden.


Dr. Schwörbel



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