1916-03-10-DE-002
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Quelle: DE/PA-AA/R14091
Zentraljournal: 1916-A-08626
Erste Internetveröffentlichung: 2000 März
Edition: Genozid 1915/16
Praesentatsdatum: 04/03/1916 a.m.
Zustand: A
Letzte Änderung: 03/23/2012


Das Kuratorium der Deutschen Orient-Mission an den Reichskanzler (Bethmann Hollweg)

Schreiben




Potsdam, den 10. März 1916
Excellenz

Die unterzeichneten Gesellschaften, die mit ihrer Arbeit unter den Christen des Orients ausschliesslich humanitäre und kulturelle Zwecke verfolgen, wünschen eine Hilfsexpedition auszurüsten nach den Gebieten in Syrien und Mesopotamien, in welche die Frauen und Kinder des armenischen Volkes der Türkei deportiert worden sind.

Die Expedition soll aus Aerzten und Krankenschwestern und solchen Herren bestehen, die der Landesverhältnisse kundig sind. Der Zweck der Expedition ist, unter der Masse der deportierten Frauen und Kinder, die nach Hunderttausenden zählt und ohne Fürsorge, Hilfsmittel, Pflege und Obdach der langsamen Vernichtung durch Hunger und Krankheit preisgegeben ist, Lebensmittel und Unterstützungen zu verteilen, für sanitäre Massnahmen zu sorgen und ärztliche Hilfe zu bringen.

Wir bitten Eure Excellenz, die Genehmigung der türkischen Regierung für die Samariter-Arbeit dieser Expedition erwirken zu wollen.

Die türkische Regierung hat, soviel uns bekannt ist, derartige Hilfeleistungen von neutraler Seite abgelehnt. Um so mehr ist es die Pflicht der humanitären Kreise Deutschlands, die mit den einschlägigen Verhältnissen vertraut sind, durch die Vermittlung der Reichsregierung einen Notstand lindern zu helfen, für dessen Fortbestand Deutschland als Bundesgenosse der Türkei von der übrigen Welt moralisch verantwortlich gemacht wird.

Die türkische Regierung hat seit Kriegsbeginn ein solidarisches Interesse für die muhammedanischen Völker auch in den nichttürkischen Ländern geltend gemacht. Dieselbe Solidarität darf von der deutschen Christenheit in Anspruch genommen werden für ein humanitäres Werk unter den notleidenden Christen der Türkei. Der Untergang einer halben Million von Frauen und Kindern kann in keinem Falle als politisches Interesse der Türkei anerkannt werden. Dagegen erscheint es uns als ein wesentliches politisches Interesse Deutschlands, sich vor der Welt von dem Vorwurfe der moralischen Mitverantwortlichkeit für den Untergang eines christlichen Volkes zu entlasten.

Zur Rechtfertigung unserer Bitte dürfen wir uns auf die Antwort berufen, die Euer Excellenz am 12. November v.Js. auf die Eingaben von evangelischer und katholischer Seite erteilt haben, und auf die Zusicherung von amtlicher Stelle bei Gelegenheit der Veröffentlichung dieser Antwort, dass sich die deutschen Christen darauf verlassen dürfen, dass ihre humanitären Bestrebungen zur Linderung bestehender Not seitens der deutschen Regierung nachdrückliche Unterstützung finden werden.


Das Kuratorium der Deutschen Orient-Mission.
Dr. Johannes Lepsius.
Prof. D. Adolf Deißmann.
Dr. Paul Rohrbach.
Roedenbeck, Superintendent, Potsdam I.

Das Notwendige Liebeswerk.
Prof. D. Martin Rade, Marburg.
Prof. D. Dr. H. Guthe, Leipzig.

Die DeutschArmenische Gesellschaft.
Pfarrer Stier, Marburg.



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