1917-03-16-DE-001
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Quelle: DE/PA-AA/R14096
Zentraljournal: 1917-A-11348
Erste Internetveröffentlichung: 2000 März
Edition: Genozid 1915/16
Praesentatsdatum: 04/07/1917 p.m.
Laufende Botschafts/Konsulats-Nummer: K. No. 28/No. 466
Zustand: A
Letzte Änderung: 03/23/2012


Der Konsul in Aleppo (Rößler) an den Reichskanzler (Bethmann Hollweg)

Bericht



K. No. 28 / No. 466
Aleppo, den 16. März 1917

Im Anschluss an den Bericht vom 14. Februar - No. 211

Die türkische Regierung hat ihre Absicht, die von der Schwester B. Rohner geleiteten Waisenhäuser aufzulösen, zur Ausführung gebracht, wie sie es sich von vornherein vorbehalten hatte. Bei ihrer Berufung im Dezember 1915 zur Leitung eines damals auf das furchtbarste verwahrlosten und von Krankheiten heimgesuchten Hauses hatte Djemal Pascha erklärt, dass es ein Waisenhaus der Regierung bliebe, dessen Unterhaltung derselben obliege. Tatsächlich haben die Behörden durch gelegentliche Lieferung von Lebensmitteln wenigstens Beiträge zum Unterhalt geleistet.

Die höchste Zahl der von Schwester Rohner zu einer Zeit vereinigten Kinder hat etwa 850 betragen. Als ihr aus dieser Schar die grösseren Knaben genommen wurden, um zu Strassen und Häuserbauten verwendet zu werden, gab sie eine Anzahl von solchen an Frauen zurück, die in einer Menge von zuerst 4000, jetzt 10000 von der türkischen Etappe in Arbeitshäusern mit Spinnen und Weben beschäftigt werden und sich tagsüber um die Kinder natürlich nicht kümmern können, sodass sie zuerst von der Schwester aufgenommen waren. Die Zahl der Mädchen hatte sie schon vorher nach Möglichkeit beschränkt, um zu verhüten, dass die Waisenhäuser von den Muhammedanern als Sammelstellen betrachtet wurden, aus denen sie sich nach Belieben Mädchen für Zwecke ihres Haushalts entnehmen könnten. So betrug gegen Mitte Februar die Zahl der Kinder etwa 660 wozu die Angestellten mit ihren Familien in Stärke von 100 Köpfen kamen, als am 13. Februar die ersten 70 nach dem Libanon verschickt wurden. Etwa 370 Kinder sind darauf der Schwester entflohen und haben wohl grösstenteils bei den tagsüber in Arbeitshäusern beschäftigten Frauen Unterschlupf gefunden. 60 kranke und kleine, zur Reise unfähige sind von der Schwester in einem von Armeniern geleiteten Waisenhaus untergebracht. Als die Regierung noch 400 Kinder verlangte, waren nur noch 280 vorhanden, darunter 30 Mädchen. Die Behörde nahm daher 70 aus jenem armenischen Waisenhaus, woraufhin die meisten der dort unterhaltenen Kinder auch zerstieben und 70 sammelte sie von der Strasse auf. Alle 400 liess sie von der Schwester aus Notstandsgeldern einkleiden und hat sie dann am 5. d.M. mit der Bahn abbefördert. Sie hat erklärt, dass sie zur Verteilung auf Regierungswaisenhäuser in Konia, Ismid, Balikesri und Adabazar bestimmt seien. Auf die Frage der Schwester, warum die Regierung die Kinder gerade aus ihren Häusern zur Verschickung zuerst genommen habe, hat ihr der Wali bezeichnend und naiv geantwortet, "dass ihre Kinder am besten genährt und am saubersten gekleidet seien. Wenn er andere, verwahrloste Kinder schicke, so würde die Regierung fragen, was er mit den ihm überwiesenen Notstandsgeldern angefangen habe."

Hat auch das Werk der Schwester, bei dem sie von Schwester Anna Jensen unterstützt war, sein Ende genommen, so ist es doch nicht vergeblich gewesen. Hunderte von Kindern sind fünf Vierteljahr hindurch dem Elend entrissen gewesen. Wäre es nicht getan worden, so wären die Kinder schon 1915 an Krankheiten zugrunde gegangen oder in die Wüste geschickt worden.

Der bisherige Verschickungskommissar von Aleppo hat die Kinder auf ihrer Reise nach Norden begleitet. Ein Nachfolger wird nicht ernannt - , das Verschickungsbüro ist aufgehoben. Doch würde es meines Erachtens falsch sein, daraus auf eine versöhnlichere Stimmung der Regierung gegenüber den Armeniern zu schliessen. Die hartherzige Arbeit ist vielmehr im wesentlichen getan. Für das Nachspiel genügen die gewöhnlichen Verwaltungsbehörden. Jeder, der für "verdächtig" gilt, wird voraussichtlich auch in Zukunft ohne weiteres verschickt werden. Im übrigen ist Befehl ergangen, dass jeder Armenier zu bleiben habe, wo er sich gegenwärtig befindet. Dieser Befehl wird auf das härteste ausgelegt. Familien bleiben auseinandergerissen. Kinder dürfen nicht zu ihren nächsten Anverwandten zurück.

Schwester Rohner ist inzwischen vom amerikanischen Konsul und von der türkischen Etappe gebeten worden, die Notstandsarbeit in Aleppo neu zu organisieren. Für den amerikanischen Konsul war der Grund, dass sich Missstände in der Arbeit herausgestellt hatten. Dem türkischen Etappenoffizier Oberst Kemal Bey, der übrigens dieser Tage durch das eiserne Kreuz ausgezeichnet worden ist, unterstehen die Spinnereien und Webereien, in denen die Arbeitsleistung und der Lohn so gering sind, dass sie nicht ausreichen, das Leben der Arbeiterinnen und ihrer Kinder zu fristen. Er würde seinen Vorgesetzten gegenüber berechtigt sein, zugrunde gehen zu lassen, was dabei nicht bestehen kann, hat aber ein Herz und wünscht zu helfen. Mit der Gewinnung der Schwester Rohner hofft er auch die Notstandsgelder für die Frauen und Kinder zur Verwendung zu bringen. Er beabsichtigt, zwei Waisenhäuser einzurichten, sei es als Internat sei es als Tagesschulen mit Suppenküche. Die Schwester hat zugesagt. Sie hat zunächst dieser Tage die Verteilung der Notstandsgelder für die 20000 Bedürftigen Armenier der Stadt Aleppo auf eine neue Grundlage gestellt. Am 19. d.M. wird sie sich auf einen Monat zur Erholung nach Marasch begeben und wird sich dann der Etappe zur Arbeit an den 1200 verwahrlosten Kindern zur Verfügung stellen. Wieder unter dem eigenen Namen eine Arbeit zu eröffnen, hat sie abgelehnt, dagegen hat sie Oberst Kemal Bey erklärt, dass sie gern bereit sei, zu helfen. Ausser den genannten 1200 Kindern, befinden sich noch 450 in der gregorianischen Kirche unter armenischer Obhut und 400 in dem oben erwähnten wieder neu gefüllten armenischen Waisenhaus.

Gleichen Bericht lasse ich der Kaiserlichen Botschaft zugehen.


Rößler

1 A 8613.



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