1913-08-02-DE-001
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Quelle: DE/PA-AA/R 14081
Zentraljournal: 1913-A-15737
Erste Internetveröffentlichung: 2017 November
Edition: Armenische Reformen
Praesentatsdatum: 08/02/1913 p.m.
Zustand: A
Letzte Änderung: 11/19/2017


"Weser-Zeitung"

Eine russische Stimme über Armenien und die Orientfrage
Von Dr. Paul Rohrbach


Eine russische Stimme über Armenien und die Orientfrage. Von Dr. Paul Rohrbach

Eine der größten und bedeutendsten russischen Zeitungen, die Birschewyja Wjedomosti, hat als Sonderberichterstatter den namhaften russischen Publizisten Olgenin in die türkisch-armenischen Provinzen entsandt. Die Summe der Berichte an die Zeitung hat Olgenin kürzlich in einem Vortrage zusammengefaßt, den er vor einem großen russisch-armenischen Auditorium in Tiflis und danach noch einmal in Baku hielt. Der Inhalt dieser Ausführungen ist so wichtig, daß wir ihn nachstehend wiedergeben. Olgenin führte in seinem Vortrage etwa folgendes aus:

Die Türkei ist nach dem Balkankriege weniger geschwächt, als es den Anschein hat. Sie bleibt noch stark in Asien. Durch den Verlust von Mazedonien büßte sie zwar eine Bevölkerung von vier Millionen ein, was wohl gleichbedeutend ist mit einer Verringerung ihrer militärischen Stärke. Dem steht aber andererseits die Entfachung des mohammedanischen Nationalitätsgefühls entgegen, dessen Wellen bereits nach dem Kaukasus herüberschlagen. So hat die armenische Frage für Rußland eine große Wichtigkeit gewonnen; sie ist zu einer russischen Frage geworden.

Das Verständnis der armenischen Frage setzt die genaue Bekanntschaft mit der kurdischen Frage voraus. Namentlich die Engländer und Deutschen wenden in letzter Zeit dem Studium der Kurden besondere Sorgfalt zu; auch Rußland sollte der kurdischen Frage mehr Aufmerksamkeit schenken. Unter der russischen Mißregierung sind die Kurden in einem Zustand der Halbbarbarei stehen geblieben. Seit 1504 befinden sie sich unter türkischer Herrschaft. Diese bestand aber nur dem Namen nach. Seit der Zunahme des russischen Einflusses in Kleinasien im 19. Jahrhundert begannen die Kurden mehr und mehr der Hohen Pforte sich zu widersetzten. Es folgten einander die Kurdenaufstände von 1814, 1829, 1834, 1844 u.a. Unterstützt durch die Engländer gelang es der türkischen Regierung , die Rebellionen niederzuwerfen, aber sie brachen wieder aus in den Jahren 1852 und 1878. Der Anführer dieses letzten Aufstandes war Hussein-Bey, der noch lebt und der Gelegenheit harrt, um von neuem die Fahne der Empörung aufzurollen.

Sultan Abdul Hamid hatte die kurdische Gefahr richtig erkannt. Er versuchte , die Kurden, zum Teil mit Erfolg, durch Verleihung von Privilegien und durch die Bildung der Hamidieh-Truppen zu gewinnen und durch seine Agenten sie gegen die Christen und Russen aufzustacheln. Nach der Entthronung Abdul Hamids dachten die Jungtürken eine Weile den kurdischen Übermut zu dämpfen, aber ihre Bemühungen waren nicht von Erfolg.

Inzwischen hatten einige Jungkurden mit europäischer Bildung, die in türkischem Staatsdienst standen, eine auf die Unabhängigkeit Kurdistans hinzielende Propaganda begonnen. In diesem Sinne waren in letzter Zeit tätig der Kurdenchef Abdul-Rizak, ein Nachkomme des bekannten Bedr-Chan, unter den Kurdenstämmen an der persischen Grenze, seine Verwandten in Mittel Kurdistan und Abdul-Kader in Nord-Kurdistan.

Neben diesen auf die nationale Unabhängigkeit gerichteten Bestrebungen einiger Kurdenchefs trat eine andere Bewegung in Erscheinung, getragen von dem wildesten Teile der kurdischen Stämme, welche Mord und Raub an den Ungläubigen zum einzigen Zweck hatte. Sie schufen für die friedliche armenische Bevölkerung einen unerträglichen Zustand und sie wurden von der türkischen Regierung zu ihren Untaten ermuntert. Ich sah mit eigenen Augen zwei der angesehensten Mitglieder des zweiten türkischen Parlaments unter den Kurden herumreisen und sie gegen die Christen aufstacheln und ich besitze ein provokatorisches Flugblatt mit ihren Unterschriften. Wann der Kurdenaufstand ausbrechen wird, ist schwer zu sagen. Er wird jedenfalls viel Blut fordern und am meisten werden die Armenier darunter zu leiden haben. Schon jetzt weigern sich die Kurden von Bitlis und Van, Steuern an die Regierung zu zahlen. An vielen Orten haben sie die Staatsbeamten vertrieben. Die türkische Regierung sucht durch Nährung der Gegensätze zwischen den verschiedenen Kurdenstämmen ihre Stoßkraft zu schwächen. Einen Bundesgenossen findet die türkische Regierung in den englischen Konsuln, welche sich angelegen sein lassen, ihrerseits für ihre Zwecke die Gemüter der Kurden zu verwirren. In Kürze soll eine Versammlung der Kurdenhäuptlinge stattfinden, um den Plan für die allgemeine Erhebung festzusetzen. Die Schwächung der Türkei führen die Kurden auf Rußlands Vorgehen zurück, daher wächst zusehends ihre Sympathie für Rußland. Sie sind dessen bewußt, daß ihre Unabhängigkeitsbestrebungen nur durch russischen Beistand von Erfolg sein können, und ihre Russenfreundlichkeit wächst in dem Maße, wie ihre Anhänglichkeit zu dem Sultan abnimmt.

Infolge der Kurdenbewegungen und der mit ihre zusammenhängenden Anarchie ist die Lage der Armenier kritisch geworden. Von dem einstigen Armenien und seinem Wohlstand sind nur noch ärmliche Spuren zurückgeblieben. Das Land gleicht einem Kirchhof. Wohl sind noch in dem Wilajet Van 58 Pzt. und in den übrigen armenischen Provinzen 30 Pzt. der Bevölkerung Armenier, in Musch 70 Pzt. Aber wenn es so fortdauert, so wird der europäische Reisende nach 10 oder 15 Jahren nicht nur ein dahinschwindendes, sondern ein bereits verschwundenes Armenien vorfinden. Allein aus Kharput sind im Monat April 1000 und aus Erzerum 1276 Armenier ausgewandert. Sie sind jeder Bedrückung preisgegeben. In dem Balkankrieg wurden sie in die erste Reihe gestellt und ich habe selbst christliche Soldaten gesehen, denen die Zunge abgeschnitten worden war. Von einer Rechtsgleichheit ist keine Rede. So sind z. B. von den Beamten in Erzerum in der Zahl von 2193 nur 32 Christen , während doch ein Drittel der Bevölkerung christlich ist. In den Gerichten urteilen die mohammedanischen Richter meist zu ungunsten der Christen und letzthin wurde angeordnet, diese als Zeugen nicht zuzulassen. Nach dem Balkankrieg sind viele Agenten von der türkischen Regierung nach Kleinasien geschickt worden, um gegen die Christen Stimmung zu machen.

Von den geplanten Reformen ist nicht viel zu erwarten. Sie werden in die Hand genommen von einigen Großmächten, die nur Interesse an der Integrität der Türkei haben. Ihre Politik ist gegen den russischen Einflußin Kleinasien gerichtet. Das sieht man aus den Handlungen der englischen Konsuln, welche in sehr delikater Weise mit den Türken verfahren. Schon seit 15 Jahren hatten die britischen Konsulate aufgehört, an den mohammedanischen Festtagen ihre Flaggen zu hissen. Jetzt ist das wieder üblich geworden. Viele englische Offiziere propagieren öffentlich gegen die türkischen Gegner, im besonderen gegen Rußland. Die egoistische Politik Englands hat in der Befürchtung, daß Armenien schließlich russisch werden würde, eine antiarmenische Färbung angenommen, umsomehr als nach dem Ausbruch des Balkankrieges die Armenier sich stark zu Rußland hingezogen fühlen. Auch Frankreich verfolgt in Kleinasien nur egoistische Zwecke. Es hat nur merkantile Interessen. Wir leben im Jahrhundert der Realpolitik.

Anders Rußland. Wenn schon Kurden, Tscherkessen und die Muhadjirs ihr Antlitz gen Rußland wenden, um wieviel mehr die christlichen Armenier, die von jeher mit Rußland verbunden waren und mit Sehnsucht ihrer Befreiung durch die "Moskowis" entgegensehen. Sie leben in der Überzeugung, daß nur Rußland durch seine geschichtliche Mission berufen sei, die unterjochten christlichen Völker zu befreien. Bleibt Rußland weiter indifferent, so versündigen wir uns gegen eine unterdrückte christliche Nation –gegen die russische Staatsidee. Wenn Rußland nicht interveniert, so sind die Armenier verloren. Durch die moralische Unterstützung der kurdischen Bewegung wird Rußland auch die armenische Frage lösen. Nicht von seiten der Kurden droht den Armeniern Gefahr, sondern von der Hetzpolitik der türkischen Regierung. Wenn den halbwilden Albaniern die Österreicher die Autonomie verschaffen, warum können wir nicht das gleiche für das uns benachbarte Armenien tun ? Dadurch würden wir nur die Pflicht der Selbstverteidigung erfüllen. Durch ihre Intelligenz und Strebsamkeit kann die armenische Nation Rußland großem Nutzen bringen; die Geschichte hat uns das gezeigt. Wir müssen die Armenier vor dem Untergang retten und sie werden in der Zukunft zu der Mehrung des russischen Einflusses in Kleinasien beitragen.



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