1915-03-28-DE-004
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Quelle: DE/PA-AA/R 20181
Zentraljournal: 1915-A-11172
Erste Internetveröffentlichung: 2012 April
Edition: Die deutsche Orient-Politik 1911.01-1915.05
Praesentatsdatum: 03/29/1915 a.m.
Laufende Botschafts/Konsulats-Nummer: Nr. 6484 St.
Zustand: A
Letzte Änderung: 06/17/2017


Chef des Stellvertretenden Generalstabes der Armee (i.V. Salzer) an das Auswärtige Amt

Schreiben



No. 6484 St..

Berlin, den 28. März 1915.

Dem Auswärtigen Amt hier.

J.A.u.i.V.
Salzer
Major.
Anlage

Abschrift

München, den 25. 3. 1915.

Kaiserlich ottomanischer Major im Generalstab Franz Karl Endres.

Betrifft: Bericht über türkische Verhältnisse.

Streng geheim!


An den K. Stellv. Großen Generalstab Berlin.

Auf Befehl Seiner Exzellenz des Herrn Marschall Liman von Sanders dessen Generalstabschef ich bis zu meiner Abreise aus der Türkei war, lege ich diesen Bericht vor und melde gleichzeitig ebenfalls auf Befehl Seiner Exzellenz daß ich, wegen schwerer Malaria-Folgeerscheinungen 8 Wochen hierher beurlaubt, wohl in der Lage bin, zu mündlicher Berichterstattung usw. nach Berlin zu kommen.

Ich war im August einige Zeit in Aleppo, um den Abtransport des türkischen VI. Armeekorps zu überwachen und 2 Monate (vom Januar bis Anfang März 1915) in Adana-Aleppo-Damascus-Jerusalem, um auf Befehl des Herrn Marschalls Einblick in die rückwärtigen Verbindungen der ägyptischen Armee zu gewinnen und die Hauptetappenlinie des Großen Hauptquartiers, die von Bozanti über Adana nach Aleppo führt, einzurichten. Die Verhältnisse waren derart in Unordnung geraten, daß der Herr Marschall durch Absendung seines Generalstabschefs die unbedingt nötige Ordnung wieder herstellen wollte.

Bei diesen Reisen hatte ich Gelegenheit, meine Erfahrungen (ich bin seit 1912 Beginn des Balkankrieges in der Türkei) zu erweitern und speziell arabische Verhältnisse kennen zu lernen.

Ich habe dem Herrn Marschall einen kurzen Bericht vorgelegt, der dem großen Generalstab vom Herrn Marschall zugesandt werden wird.

Im folgenden erlaube ich mir zwei entscheidende Fragen näher zu behandeln

1. Ist die Türkei in der Lage Ägypten in Besitz zu nehmen?

2. Welche Vorbedingungen bestehen für die Entsendung deutscher Truppen an den Suez-Kanal?

1. Ist die Türke in der Lage Ägypten in Besitz zu nehmen?

Diese Frage, die leider in der deutschen Presse Dank der immer noch merkwürdig schlechten Orientierung über orientalische Verhältnisse viel zu optimistisch behandelt wurde, ist mit einem rückhaltlosen „Nein“ zu beantworten.

Aus dem Vorgehen der kleinen türkischen Armee an den Kanal ist vor der Entscheidung (ob dieses Vorgehen einen Erfolg bedeuten wird) in der Öffentlichkeit ein viel zu großes Wesen gemacht worden. Vielleicht glaubte man England dadurch einschüchtern und zum Festhalten von übertrieben starken Kräften in Ägypten veranlassen zu können.

Jedenfalls ist das Prestige der Deutschen im Orient durch den zweifellosen Mißerfolg, den diese Kanalarmee erlitten hat, schwer geschädigt worden und die nachträglich erfolgte Feststellung, daß das eine Art „Vor“ oder „Versuchsexpedition“ war, konnte das Urteil weder der Einsichtigen, noch der Masse irgendwie beeinflussen.

Der türkischen Armee fehlen zum Angriff gegen die durchaus mit modernen Mitteln verteidigte Kanallinie vor allem die technischen Mittel (schwere Artillerie, ausgebildete Pioniere, Brückentrains, Minenwerfer, Flieger und lenkbare Schiffe usw.).

Außerdem ist auch die Führung aller Grade und die moralische Verfassung der aus Arabern bestehenden Truppen nicht in der Lage, solch besonders schwere Aufgabe zu lösen.

Die in Deutschland vielfach erwartete entscheidende Unterstützung durch die Araber durch Sennussi und Sudanesen usw. besteht nur in der Fantasie von Leuten, die den Orient auf kurze Reisen kennen gelernt zu haben vorgeben. Tatsächlich bedeutet der heilige Krieg heute nichts mehr, als eine große Komödie, an die Niemand mehr im Orient glaubt. In so und so viel Städten Syriens bewegen sich heute noch Engländer und Franzosen noch ganz frei. Die Ägypter selbst sind viel lieber unter englischer Ordnung als unter türkischer Mißwirtschaft.

Der Machtfaktor in Syrien und Arabien ist das Geld. Dieses haben Engländer und Franzosen in weit ausgedehnterem Maße für ihren Einfluß verwendet, als wir Deutsche. Das ausgegebene Kapital trägt jetzt insofern gute Zinsen, als die Sympathien in Syrien entschieden mehr französisch-englisch als deutsch sind. Deutsch umsoweniger, als die Bevölkerung heute schon erkennt, daß wir als Freunde der Türkei nach unserem Siege die Veranlassung sein werden, daß die Türken ihre den Arabern verhaßte Herrschaft noch straffer werden ausüben können. Ein Sieg von England oder Frankreich aber würde den dortigen Völkern unter entsprechendem Protektorat eine ganz enorme Freiheit geben und damit eine ähnlich glänzende Entwickelung anbahnen, wie sie Ägypten unter englischer Herrschaft gewonnen hat.

Wo türkische Regierung das letzte Wort zu sprechen hat, verfällt Alles in Ruinen. Die moderne türkische Gesellschaft, an ihrer Spitze die Regierung, ist das dekandenteste und gewissenloseste Instrument, das man sich denken kann. Sie ist jeder ernsten Reform abgeneigt, fühlt sich aber wohl in Scheinreformen, die jedem Zeit lassen, seinen Geldbeutel zu füllen und den großen Mann zu spielen.

Dazu hat politisches Parteiwesen die Armee in ihrem Offizierskorps noch mehr verdorben als im Balkankriege. Die herrschende Partei, von Saloniker Juden geleitet, „Union et progrès“ regiert und selbst Minister dieser Abstammung können nie etwas gegen die Partei und ihren Willen unternehmen. Diese Partei, die den bezeichnenden Spitznamen „Union et profit“ hat, verübt die wildeste Ausbeutung des Landes und läßt keinen, der ihr nicht angehört emporkommen, während sie die unfähigsten Köpfe in hohe Stellungen bringt, wenn sie nur überzeugt bleibt, daß eine solche Kreatur das Parteiprogramm fest hält. Unter der Bezeichnung „Nationaler Aufschwung“ wird der tollste Chauvinismus getrieben und in kindlichem Unverstand die Kraft des Landes erschöpft. An ein Aufblühen, an eine Entwickelung der Türkei glaubt keiner mehr, der Gelegenheit hatte, das innerpolitische Leben etwas näher kennenzulernen.

Aus solchem Boden wächst kein Offizierkorps, das in der Lage ist, schwierige Aufgaben, wie die Überwindung des Kanals es zweifellos ist, zu überwinden [lösen].

Außerdem steht an der Spitze der IV. türkischen Armee Djemal Pascha, eine höchst zweifelhafte Persönlichkeit. Ich glaube, daß er wohl es vermag, Fremde eine Zeitlang über seine wahren Absichten hinwegzutäuschen. Ich hatte nun aber Gelegenheit, ihn als Marineminister kennen zu lernen und bin über seine Ernennung und vieles andere durch meinen Verkehr mit Politikern etwas genauer unterrichtet.

Als Marineminister stand er im Solde Englands. Er hat die zielbewußte Zerstörung der türkischen Flotte zugelassen, hat es nicht verhindert, daß Admiral Limpus noch kurz vor Abgabe seines Kommandos die Flotte durch wahlloses Verschicken von Maschinenteilen „angeblich zur Reparatur“ nahezu bewegungsunfähig gemacht hat, hat die englische Marinemission noch nach der Kriegserklärung Deutschlands an England im Dienst belassen und hat erst nachgegeben, als ein energischer Druck von einer mir nicht bekannten Seite erfolgte.

Als Armeeführer der II. Armee hat er nach dem Urteile Seiner Exzellenz des Herrn Marschall von Liman die Armee verwahrlosen lassen.

Dann ist er infolge seiner politischen Aspirationen - wie ich aus ganz einwandfreier Quelle weiß - unbequem geworden. Um ihn von Konstantinopel fern zu halten, schickte ihn Enver als Armeeführer gegen Ägypten, obwohl das an sich ein Fehler war. Wenn einer in der Lage war, die divergierenden Interessen dort zu vereinen, so war es m.E. nach Marschall Liman von Sanders, der in der türkischen Armee einen großen Namen hat und der als deutscher Offizier auch Vertrauen der arabischen Bevölkerung genossen hätte.

So wenig die Bevölkerung mit deutscher Politik sympathisiert, so sehr sieht sie im deutschen Offizier die integre Persönlichkeit, die sie bei den türkischen Generalen sucht.

Die Tatsachen bestätigen dann auch, daß die Wahl Djemal Paschas ein Mißgriff war.

Durch sein chauvinistisches Benehmen verletzte er die Araber so, daß von einer freiwilligen Mitwirkung namentlich der finanziellen und wirtschaftlichen Kräfte gar keine Rede ist. Dadurch entgeht der Armee unendlich viel, was ihr bei geschickter politischer Behandlung der arabischen Frage zur Verfügung stünde.

Im Weiteren benahm sich Djemal Pascha derartig feindselig gegen die im türkischen Reiche lebenden Deutschen, daß helle Empörung über ihn allenthalben, wo Deutsche wohnen, herrscht. Er ließ deutsche Firmenschilder herunterreißen und durch türkische ergänzen, führte in deutschen Schulen türkischen obligatorischen Unterricht ein, gab Sonderbestimmungen heraus, die die Reisen deutscher Offiziere erschwerten, requirierte für sich und seinen Stab von 163 Offizieren das Kaiserin Augusta Stift in Jerusalem (letzteres ist mir gesagt worden), obwohl er französisches oder englisches Eigentum genug zur Verfügung hätte und benimmt sich wie ein Diktator.

Die Walis sind machtlos und wenn ich sie aufmerksam gemacht habe, daß eine Reihe von Verfügungen Djemal Paschas, die die Zivilverwaltung betrafen (z.B. in Adana, das gar nicht im entferntesten zum Armeegebiet gehört) im Widerspruch mit den strikt ausgesprochenen Wünschen des Ministerium des Innern stehen, dann wurde mir die Antwort zu Teil: „Was wollen Sie! Djemal Pascha hat die Macht!“

Ob Enver Pascha diese Verhältnisse nicht sehen will oder nicht mehr die Kraft hat, sie zu ändern, kann ich nicht entscheiden. Mir scheint das letztere der Fall zu sein.

Wirkliche Armee- ja selbst Korpsführer hat die türkische Armee nicht. Enver Pascha ist ein Dilettant. Er hat seinen Schwager Ismael Hacci, der Oberstleutnant und Souchef des Generalstabchefs war, zum Pascha befördert und nachdem er selbst die Operationen in Armenien recht unglücklich geführt hat, zum Oberbefehlshaber der armenischen Armee gemacht. Ismael Hacci ist am Flecktyphus, der entsetzliche Opfer bei dieser Armee forderte, gestorben, bevor seine Unfähigkeit sich beweisen konnte. Ich kenne tatsächlich keinen Türken, dem ich eine Armee anvertrauen möchte.

Daß es eine Reihe sehr tapferer und umsichtiger Führer mittleren und unteren Grades gibt, ist nicht zu bestreiten. Sobald aber operative Fragen auftreten, versagt jeder Türke.

Damit ist der Übergang hergestellt zu der zweiten Frage betreffs der Verwendung deutscher Truppen gegen den Suez-Kanal:

Wenn die deutsche oberste Heeresleitung einen Angriff gegen Ägypten will, dann kann sie das nicht ohne deutsche Truppen machen. Jeder Versuch mit Türken würde meiner festen Überzeugung nach erneute Enttäuschungen bringen.

Ein Vergleich mit den Dardanellen ist nicht zu ziehen. In den Dardanellen kämpfen deutsche Artilleristen mit türkischen Hilfsmannschaften unter deutscher Führung einen reinen Verteidigungskampf!

2. Welche Vorbedingungen bestehen für eine Entsendung deutscher Truppen an den Suez-Kanal?

Ich erlaube mir die Vorbedingungen als Forderungen eine nach der anderen aufzustellen und kurz zu begründen, wobei ich erwähnen möchte, daß ich gegebenenfalls mündlich weitere Erläuterungen geben kann

a. Eisenbahnverbindung Belgrad-Nisch-Sofia in unserem Besitz oder ein Bündnis mit Rumänien. (Letzteres machte mir auf meiner kürzlich erfolgten Durchfahrt den Eindruck eines feindlichen Landes),

b. deutsches Oberkommando der gegen den Kanal bestimmten Armee und deutsche Etappen-Inspektion Syriens. Eine Begründung ist schon im ersten Teil meiner Ausführungen gegeben. Bei türkischem Oberkommando würden die deutschen Truppen nur dahin geschickt werden, wo sie verbluten, damit man dann mit einem Schein von Recht berichten könnte, daß auch die Deutschen nicht mehr erreichen als die „glorreiche“ Armee.

Bis jetzt ist aber Enver Pascha gegen jede Entsendung größerer deutscher Truppenkörper. Die Gründe liegen darin, daß die Unfähigkeit der türkischen Armee, die vor der Masse des Volkes ängstlich aber nicht mit Erfolg verborgen wird, nicht dadurch bewiesen werde. Meiner persönlichen Ansicht nach, ist der weit klügere Talaat (Minister des Innern) besorgt, daß diese deutschen Truppen nach dem Kriege nicht mehr aus dem Lande heraus gehen werden.

Er sieht vielleicht ein, daß die arabische Frage bis zu einem Grade gediehen ist, daß nur ein Anstoß die Araber zur Revolution bringen könnte.

Diese Empörung unter den Arabern hat Djemal Pascha auf dem Gewissen. Die allgemeine Stimmung bei den Arabern wird von den meisten Türken als quantité negligeable betrachtet. Ich glaube, daß derjenige, der in Syrien und Ägypten festen Fuß fassen will, mit den Arabern gehen muß und bei entsprechendem politischem Geschick große Unterstützung finden wird.

c. Möglichste Verkürzung der jetzt noch recht großen Landetappenstraßen:

durch Hochbetrieb bei den Tunnelbauten der Bagdadbahn.

Nach meinen Besprechungen mit den leitenden Ingenieuren ist, wenn nur hinreichende Geldmittel zur Verfügung stehen, die schwierigste Etappe Osmanie-Radjun bis zum Herbst doch bis auf 40 km zu verringern.

Meissner Pascha, der Erbauer der Hedjas Bahn, baut gegenwärtig eine Verbindungsbahn von Sebastie mit der Jerusalemer Mittelmeerbahn und hofft von dieser Bahn bis zum Herbst bis Bir es Seba (am Rand der Wüste) vorbauen zu können. Damit ist sehr viel gewonnen. Es müßte dann mit Feldbahn in der Wüste selbst vorgebaut werden, wozu Feldbahnmaterial aus Deutschland zu beschaffen ist.

d. Starke Ausstattung des deutschen Korps, das ich mir zu drei Divisionen à 3 Inf. Regimentern, 1 Eskadron und 1 Feldhaubitz-Regiment usw. vorstelle, mit s. Artillerie und technischen Truppen aller Art.

Die Art der Ausrüstung mit Verpflegungs- und Munitions-Kolonnen muß eine ganz besondere sein. Es würde hier zu weit führen, dies im Detail niederzulegen.

e. Auf allen Etappenorten von Bozanti angefangen bis zu den Ausgabestellen bei der Armee müssen deutsche Etappen-Kommandeure sitzen.

Die Türken habe für diesen Dienst, der peinliche Ordnung, Genauigkeit und treue Pflichterfüllung erfordert, gar kein Verständnis.

f. Über die Heeresbedürfnisse dieses Expeditionskorps müßte m.E eine Kommission beraten, an der aber auch Herren, die den Orient militärisch kennen, teilnehmen.

g. Dieses Expeditionskorps kann dann mit dem türkischen VIII. A. K. und einem kombinierten türkischen Korps aus besonders guten Truppen, das sich schon in Syrien befindet, zu einer Armee mit deutschem Oberbefehlshaber und deutsch-türkisch gemischtem Generalstab zusammengefaßt werden.

Es ist dringend nötig, daß auch die Feldverwaltungsbehörden dieser Armee in deutschen Händen sich befinden.

h. Unter der Annahme, daß die Operationen von Bir es Seba im November beginnen, ist es notwendig:


Wie ich schon erwähnt habe, wird der Entschluß der türkischen Regierung, deutsche Truppen im Lande zu verwenden, nicht ohne große Schwierigkeiten zu erreichen sein.

Schluß.

Im Vorstehenden konnte die Fülle des Stoffes nur skizzenförmig behandelt werden. Ich bin mir bewußt, daß meine Anschauungen bei denen, die den Orient nicht kennen, den Eindruck des Pessimismus erwecken.

Ich kenne aber dank meiner Tätigkeit als Abteilungschef im A.O.K Aduk Paschas in Hademoy, dadurch daß ich die türkische Sprache verstehe und daß ich als Abteilungschef I. des ottom. Gr. Gen. Stabes und später Generalstabschef Liman Paschas in alle Verhältnisse der türkischen Armee Einblick gewonnen und mich für die innerpolitische Entwickelung des Reichs interessiert habe - die militärischen Verhältnisse der Türkei vielleicht doch hinreichend um das vorstehende Urteil abgeben zu können.

Ich gehe von dem Gesichtpunkt aus, daß es nicht meine Aufgabe ist, dem Generalstab irgend etwas zu verschweigen, was vielleicht nicht angenehm klingt, sondern, dem Ernst der Lage entsprechend zu sagen was ich mir denke. Denn das allein halte ich für meine Pflicht.

Ich stehe mit meinen Anschauungen nicht allein, obwohl ich sie auch äußern würde, wenn ich damit allein stünde. Es gibt eine Anzahl von Herren der Militärmission die optimistischer denken. Die vor allem den türkischen Staat als entwickelungsfähig und den türkischen Offizier als gleichwertigen Menschen ansehen. Ich glaube, daß das daher kommt, daß sie den Firnis von Kultur, der über dem Ganzen liegt - und der sehr dünn ist - noch nicht durchdrungen haben.

Das ist eine Eigentümlichkeit, der sehr viel Deutsche im Orient schon erlegen sind. Die Liebenswürdigkeit, ja Schmeichelei des Orientalen, das scheinbar unbedingte Eingehen auf alle Wünsche, die Unterwürfigkeit und Gastfreundschaft haben schon viele am genauen Erkennen des inneren Wesens des Türken verhindert. Daraus mag zum großen Teil die auffallend falsche Orientierung Deutschlands vor dem Balkankrieg wie auch heute zurückzuführen sein.

Wenn mir ein Wort die Zukunft betreffend erlaubt ist, möchte ich abschließend sagen:

Das türkische Reich geht dem sicheren Untergange entgegen. Es gleicht dem Sterbenden, der nur durch Kampferinjektionen Erregungserscheinungen zeigt, die aber keine Beweise für Lebenskraft bilden. Das Reich ist nicht mehr bündnisfähig, es ist nur mehr als Exploitationsgebiet zu betrachten. Als solches ist es für den, der in geschickter Weise seine Macht zur Wirkung bringt, eine Quelle des Reichtums. Als dauernder Bundesgenosse aber, der die Politik des deutschen Reiches im Orient in Bezug auf Richtung und Ziel beeinflußt und gelegentlich ausnützt, dürfte die Türkei sich allmählich zu einem großen impedimentum [Hindernis] auswachsen, schon insofern, als durch allzu große Intimität moralische Verpflichtungen erwachsen, die dem, den sie bei der Aufteilung der Interessengebiete belasten, nur hinderlich sein können.

Die Türkei ist nicht aus Freundschaft für Deutschland an unsere Seite getreten, sondern aus dem Gedanken heraus, daß ein Bündnis mit England-Rußland als Endergebnis doch nur die politische Abhängigkeit von diesen beiden Ländern haben würde. Also aus einer klaren politischen Notwendigkeit heraus zu eigenem Vorteil.

Eine Freundschaft zwischen dem Orientalen und dem Europäer gibt es nicht, es gibt höchstens vorübergehende Interessengemeinschaft.


gez. Endres, Major.


[Zimmermann am 1.4. an Botschaft Konstantinopel (Nr. 268)]

Zur gefl. streng vertr. persönl. Ktn. erg. übersandt [zur gefälligen streng vertraulichen persönlichen Kenntnisnahme ergebenst übersandt]



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