1913-05-20-DE-001
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Quelle: DE/PA-AA/R14079
Zentraljournal: 1913-A-10324
Erste Internetveröffentlichung: 2017 November
Edition: Armenische Reformen
Telegramm-Abgang: 05/20/1913 11:10 PM
Telegramm-Ankunft: 05/21/1913 01:40 AM
Praesentatsdatum: 05/21/1913 a.m.
Laufende Botschafts/Konsulats-Nummer: Nr. 274
Zustand: A
Letzte Änderung: 11/19/2017


Der Botschafter in Konstantinopel (Wangenheim) an das Auswärtige Amt

Telegraphischer Bericht


Konstantinopel, 20. Mai 1913

Nr. 274.

Antwort auf Telegramm Nr. 1591.

Auf meine Vorhaltung erwiderte mir Großwesir, der Entschluß, Engländer für Westen und Süden zu berufen, sei durch Inselfrage zwar aktuell geworden, beruhe aber auf einer allgemeinen Entscheidung, welche der Ministerrat aus Gründen der höheren Politik schon vor längerer Zeit gefaßt habe. Ursprünglich seien die Meinungen der Minister geteilt gewesen. Die einen hätten überhaupt keine fremden Reformer mehr haben wollen, während die anderen eine regionalistische Verteilung des Reformwerks an sämtliche Großmächte gewünscht hätten. Licht in die Frage sei erst durch einen Bericht Tewfik Paschas gebracht worden, der vor der Schaffung von Interessensphären gewarnt und den Grundsatz aufgestellt habe, daß das Reformwerk nur durch England und Deutschland geleitet werden dürfe. Diese Mächte seien die einzigen, welche an dem Fortbestehen der Türkei ein eigenes Interesse hätten. Durch die gemeinsame Arbeit würden England und Deutschland zusammengeführt, was die Türkei vor allen späteren Gefahren schützen werde. England müsse mit den Reformen des Zivildienstes, Deutschland mit denen des Heeres betraut werden. Er, der Großwesir, habe sich die Gedanken Tewfiks zu eigen gemacht und auch seine Kollegen dafür gewonnen. Letztere hätten sofort englische Instrukteure für die gesamte Türkei verlangt. Er habe aber nur langsam vorgehen wollen und deshalb zunächst nur für Ost-Anatolien Reformer beantragt. Die englische Regierung sei auf seinen Wunsch nur zögernd eingegangen. Zu dem jetzt gestellten Antrage wegen des Westens und des Südens habe Sir E. Grey sich dagegen sehr erfreut geäußert und bemerkt, das frühere Ersuchen habe ihn in Verlegenheit Rußland gegenüber versetzt. Die Ausdehnung des Mandats auf andere Gebiete Kleinasiens erleichtere ihm Aufgabe und beweise gleichzeitig, daß die Türkei nicht einen politischen Schachzug, sondern wirkliche Reformen beabsichtige. Großwesir glaubt nicht, daß die Engländer besonderen Wert auf die Kontrolle des Bagdadgebiets legen. Er habe nicht an die Möglichkeit geglaubt, daß die deutsche öffentliche Meinung über Zivilreformer sich aufregen könne, wenn überall an der Seite der Engländer Deutsche als Reformer erschienen. Nach türkischer Auffassung sei die Armee der ausschlaggebende Faktor im Staat. Er bedaure jetzt, mich nicht früher zu Rate gezogen zu haben. Er werde selbstverständlich unseren Bedenken soweit als nur irgend möglich Rechnung tragen und sofort an Tewfik telegrafieren, damit dieser, anstatt für Angora, Konia und Adana, Reformer für Smyrna, Brussa, Konstantinopel und Kastamuni beantrage, wo eine Kollision zwischen englischer Kontrolle und deutschen Interessen vollständig ausgeschlossen sei.

Die von mir geäußerte Besorgnis, daß er sich etwas zu weit mit den Engländern zum Nachteil Deutschlands eingelassen habe, wies Mahmud Schefket lebhaft von sich. Er werde immer mehr deutsch als englisch fühlen. Deutschland allein könne aber der Türkei ebenso wenig helfen, wie England allein.

Großwesir berührte im Gespräch die Inselfrage nur oben hin. Vielleicht ist ihm von London aus schon abgewinkt worden.


[Wangenheim]


1 A 10127.



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