1915-12-20-DE-001
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Quelle: DE/PA-AA/R14089
Zentraljournal: 1917-A-00468
Erste Internetveröffentlichung: 2003 April
Edition: Genozid 1915/16
Praesentatsdatum: 01/06/1916 p.m.
Laufende Botschafts/Konsulats-Nummer: K.No. 116/B.No. 2881
Zustand: A
Letzte Änderung: 03/30/2012


Der Konsul in Aleppo (Rößler) an den Reichskanzler (Bethmann Hollweg)

Bericht



K.No. 116 / B.No. 2881
Aleppo den 20. Dezember 1915

In der armenischen Frage geben mir die beiden in Abschrift gehorsamst hier beigefügten Artikel der Frankfurter Zeitung vom 12. Oktober (Wochenausgabe) Anlass zu folgenden Bemerkungen:

Die Oeffentlichkeit in Deutschland weiss offenbar nicht, wie es in der Armenierfrage steht, sonst hätte die Zeitung nicht schreiben können, dass über die Vorkommnisse noch gar keine beglaubigten Nachrichten vorliegen. Sie erklärt: ”Nur die pöbelhaften Exzesse der Bewegung müssen unterbunden werden.” ”Jede Art von Lynchjustiz durch erregte Volksmassen muss unter allen Umständen vermieden werden.” Sie unterdrückt damit die Hauptsache und kämpft gegen Nebenerscheinungen; erweckt also falsche Vorstellungen. In Wirklichkeit handelt es sich um ganz etwas anderes. Der vom Ministerium des Innern entsandte Verschickungskommissar hat hier offen erklärt: ”Wir wünschen ein Armenien ohne Armenier”. Dies ist der Grundsatz, nach dem die Regierung verfahren ist und noch verfährt und in dessen Ausführung vielleicht 4/5 des gesamten armenischen Volkes, einschliesslich Frauen und Kindern von seinen kleinasiatischen Wohnsitzen verschickt und – überwiegend zu Fuss – nach Mesopotamien und Syrien in Marsch gesetzt worden ist. Ganz ausgenommen sind im wesentlichen soweit hier bekannt geworden, bisher nur drei Städte: nämlich Konstantinopel, Smyrna und Aleppo. Bei diesen wochen und monatelangen Märschen ist die Verpflegung naturgemäss, auch wo sie beabsichtigt und angeordnet war, auf die grössten Schwierigkeiten gestossen und ein grosser Teil der Wandernden hat dem Hunger, der Erschöpfung und den Krankheiten erliegen müssen und erliegt ihnen noch täglich, ganz zu schweigen von absichtlicher Vernichtung durch Regierungsorgane und durch die von ihnen dazu aufgeforderte oder ermutigte Bevölkerung. Je nach den Gegenden, aus denen die Verschickten kommen, ist der Verlust an Menschenleben grösser oder geringer gewesen. Im östlichen Kleinasien im grossen und ganzen sehr viel grösser als im westlichen. Im Osten werden von zahlreichen Zügen 75 % umgekommen sein, soweit nicht Frauen und Mädchen in muhammedanische Harems verschleppt worden sind oder in günstigeren Fällen in muhammedanischen Familien Schutz gefunden haben. Die in Mesopotamien (z.B. Ras ul Ain oder Tell Abiad) angekommenen Reste waren derart erschöpft, dass ein sehr grosser Teil von ihnen auch noch erlegen ist.

Unter diesen Umständen erscheint es gewagt, die von englischer Seite veröffentlichte Zahl von 800000 getöteten Armenier als von vornherein unmöglich zu bekämpfen. Die Frankfurter Zeitung schreibt:

Niemand wird an diese Zahl glauben, der die Verhältnisse in der Türkei kennt. Mit dieser Zahl wären über 30 % aller in der Türkei lebenden Armenier einschliesslich Frauen und Kinder getötet. Das ist ganz ausgeschlossen.”

Leider ist es nicht ausgeschlossen. Ueber die Vorkommnisse und Zustände der grauenhaftesten Art, die die Vernichtung herbeigeführt oder begleitet haben, habe ich in den letzten Monaten wieder und immer wieder berichtet. Der Schluss ist zulässig, dass nach solchen Vorkommnissen die Zahl der Umgekommenen ausserordentlich hoch sein muss. Sie wird von den am besten unterrichteten Armeniern hier, die dauernde Fühlung mit den aus allen Teilen des Landes angekommenen Verschickten haben, in ganz runden Summen wie folgt geschätzt: Gesamtzahl der Armenier in der Türkei 2 ½ Millionen; davon in den 6 östlichen Wilayets Erzerum, Wan, Bitlis, Diarbekr, Kharput, Siwas 1200000. Im gesamten Kleinasien ist hoch gerechnet ½ Million von der Verschickung verschont geblieben (so sind z.B. im Marascher Bezirk von 50000 noch nicht 9000 zurückgeblieben), in Syrien und Mesopotamien ist hoch gerechnet eine halbe Million angekommen. Die Provinz Wan mit vielleicht 150000 bis 200000 Armeniern, die weil Kriegsschauplatz gewesen, besondere Verhältnisse aufweist, bleibe unberücksichtigt. Die Sterblichkeit unter den in Syrien und Mesopotamien angekommenen ist ausserordentlich hoch und wird noch lange als unmittelbare Folge der Verschickung, deren Ende noch keineswegs herbeigekommen ist, hoch bleiben. Unter diesen Umständen wird, so ergibt sich, eine Gesamtzahl von 800000 Umgekommenen von ernst zu nehmenden Kreisen, die besser unterrichtet sein können, als andere, für wahrscheinlich erachtet, ja es gilt sogar für möglich, dass die Zahl noch höher ist. Ein Unterschied ist insofern vorhanden, als die Männer, wenigstens aus den östlichen Provinzen, grossenteils gewaltsam umgebracht, der Tod von Frauen und Kindern sich dagegen infolge langsamerer Methoden eingestellt hat, so dass die Türken sagen konnten ”Sie sterben von selbst”. Schätzt man mit andern Quellen die Zahl der Armenier in der Türkei nur auf 1 ½ Millionen, so würden alle Zahlen entsprechend niedriger anzusetzen sein. Der Prozentsatz der Umgekommenen würde aber der gleiche bleiben.

Die Folgen der Verschickung mussten der Regierung bekannt sein. Schon im Juni ist darauf hingewiesen worden; sie hat aber immer weiter verschickt. Allmählich ist ihr die Leitung insofern aus der Hand gegangen, als sie, auch wenn sie wollte, organisatorisch mit den bürgerlichen Verwaltungsbehörden nicht mehr in der Lage war, die ins Elend gestossenen Massen zu ernähren. Tausende aber könnten bei geschickterem Eingreifen noch jetzt gerettet werden.

Ueber die Behandlung der amtlichen Kriegsberichte unserer Gegner in der deutschen Presse hat die Oberzensurbehörde ein in Deutschland veröffentlichtes Schreiben an die militärischen Zensurbehörden ergehen lassen, welches mit folgendem Satze schliesst:

”Der Befürchtung, dass die vom Feinde verbreiteten amtlichen Nachrichten bisweilen Beunruhigung stiften könnten, ist die Erwägung entgegenzuhalten, dass wirkliche Tatsachen sich auf die Dauer niemals verheimlichen lassen und Lügen schliesslich immer als solche erkannt werden.”

Euer Exzellenz stelle ich gehorsamst zu hochgeneigter Erwägung, ob die Mitverantwortung, die durch Schweigen und beschönigende Darstellung von deutscher Seite übernommen wird, sowohl dem deutschen Volk als der Welt gegenüber nicht zu gross ist und ob der politische Schaden der später (vielleicht zu uns ungelegener Zeit) an den Tag kommenden Wahrheit nicht grösser ist, als der Nachteil, der uns gegenwärtig aus der Aufklärung unserer Oeffentlichkeit erwachsen mag.

Gleichen Bericht lasse ich der Kaiserlichen Botschaft zugehen.


Rößler


Anlage 1

Abschrift

Wochenblatt der Frankfurter Zeitung No. 41 Seite 2 vom 12. Oktober 1915

Aus Armenien kommen Meldungen von amerikanischer Seite, dass sich die Tuerken dort gegen die aufstaendischen Armenier Grausamkeiten haetten zu schulden kommen lassen. Auf diese Vorgaenge kam Lord Cromer auch im englischen Oberhaus zu sprechen. Er meinte zwar, es sei doch kaum zu glauben, dass die Zahl der Opfer wirklich, wie behauptet wurde, 800000 betrage. Dann aber kam die echt englische Niedertracht zum Durchbruch. Lord Cromer meinte naemlich, obwohl glaubwuerdige Berichte ueber eine deutsche Mitschuld bei den Morden nicht vorliegen, sei doch Deutschland mitverantwortlich, da sein Einfluss in Konstantinopel unbestritten sei. Lord Bruce antwortet, dass es noetig sei, die Berichte der ganzen Welt mitzuteilen. Die Berichte der Konsuln meldeten einen ganz bedauernswerten Zustand. In einem Distrikt sei die Bevoelkerung vollstaendig ausgerottet worden. Lord Bruce fuegte hinzu, die Ziffer von 800000 Toten, die Lord Cromer fuer unglaubwuerdig halte, halte er fuer moeglich. Wie an allem, was auf der Welt vorgeht, werden jetzt also auch an den Vorkommnissen in Armenien, ueber die uebrigens noch gar keine beglaubigten Nachrichten vorliegen, die Deutschen von den Englaendern mitverantwortlich gemacht. Ja die ”Times” verbreitete sogar in einer Meldung aus Kairo die schamlose Luege, dass deutsche Konsuln in Kleinasien die Metzeleien leiteten und dazu ermutigten. So hatte sich der deutsche Konsul Roessler in Aleppo nach Aintab begeben, um persoenlich die Sache zu ueberwachen. In Wirklichkeit liegt die Sache natuerlich umgekehrt. Die deutschen Konsuln und die deutschen Missionen haben sich nach Kraeften bemueht, Haerten, die bei der Unterdrueckung der Unruhen vorgekommen sein moegen, zu verhindern, oder wenigstens zu mildern, und so ist es denn ohne weiteres klar, dass die Reise des deutschen Konsuls von Aleppo nicht dem Zwecke gegolten hat, die Aufsicht ueber die Greuel zu fuehren, sondern sie nach Moeglichkeit zu verhindern. Aber die Englaender, die ueber die Judenmetzeleien, Ermordung, Auspluenderung und Misshandlung von Deutschen durch ihre russischen Bundesgenossen bisher kein Wort der Missbilligung gefunden haben, moechten jetzt gerne nach bekannter Methode die angeblichen Greuel in Armenien den Deutschen in die Rockschoesse haengen. Gegenüber dieser neuesten englischen Hetze brauchen wir uns, soweit sie uns betrifft, nicht zu verteidigen; wohl aber moechten wir darauf hinweisen, dass die Armenier, falls sie von den Tuerken hart angefasst wurden, sich dies selbst zuzuschreiben haben, und dass, wenn es auf Veranlassung von europaeischer Seite zu Ausschreitungen in Armenien gekommen ist, die Schuld nicht an Deutschland, sondern an unseren Feinden liegt, die durch Hetzereien und Geldmittel die Armenier in der Tuerkei zum Aufstand veranlasst haben. Bei diesem Aufstand sind zuerst viele Tausende Mohamedaner von den Armeniern niedergemetzelt worden und noch am 23. September nannte ein Artikel im Londoner ”Daily Chronicle” Armenien den siebenten Verbuendeten der Entente. Wenn die Tuerken dann zu scharfen Gegenmassregeln gegriffen haben so tragen die aufstaendischen Armenier selbst die Schuld daran, die Mitschuld aber liegt nicht auf deutscher Seite, sondern auf Seiten der englischen, russischen und franzoesischen Hetzer.

Anlage 2

Wochenblatt der Frankfurter Zeitung No. 41 Seite 5 vom 12. Oktober 1915


Die Armenierfrage in der Tuerkei

Es war schon seit den Tagen Abdul Hamids Sitte aller zentrifugal wirkenden Elemente in der Tuerkei, das ”Interesse” Europas auf sich zu ziehen, um aus der hervorgerufenen Intervention Vorteile fuer eigene Autonomiegelueste oder politische Bestrebungen aller Art zu gewinnen. Das Rezept war ganz einfach und weil England stets bereit war, das Schicksal der Bedraengten auf dieser Erde zu seinem Interesse zu machen, ja meistens durch seine Agenten solche ”Bedraengte” schuf, um dann nach aussen hin ein Recht zu haben, sich einzumischen und fuer sich den groessten Vorteil einzuheimsen, so ist auch die armenische Frage nichts anderes als das mit Eifer von England stets offen gehaltene Pfoertchen zum freien Eintritt in tuerkische Politik. Ist England doch so weit gegangen seinerzeit durch seine Agenten dem armen und unwissenden Volk in Armenien mitteilen zu lassen, eine englische Armee wuerde in Luftschiffen zuhilfe kommen und die Macht des Padischahs vernichten, nur ... muessten die Armenier mit der Revolution erst einmal beginnen.

Eine Verhetzung sondergleichen hat in den letzten 20 Jahren stattgefunden und es ist Tatsache, dass waehrend des Weltkrieges eine ganze Reihe hochverraeterischer Handlungen von den im Solde Englands stehenden Armeniern ausgeuebt wurden. Bei den Kaempfen der Tuerken im Vilayet Erzerum spionierten Armenier fuer die Russen, bei Alexandrette verkehrten Armenier in verraeterischer Absicht mit dem auf der Reede liegenden Kreuzer ”Doris”, in Konstantinopel waren Armenier an der Verschwoerung beteiligt, die die tuerkische Regierung stuerzen sollte. Dazu kommt, dass der Armenier, der durch seinen hoeheren Intellekt und sein groesseres kaufmaennisches Talent den schwerfaelligen Tuerken geschaeftlich andauernd als Haendler, Steuerpaechter, Bankier und Agent uebervorteilt, dabei selbst reich wird, waehrend der Tuerke verarmt, der bestgehasste Mann des Orients ist. In vielen Faellen nicht mit unrecht. Und trotzdem ist eine Verallgemeinerung falsch.

Es ist aber ganz verstaendlich, dass das ungebildete Volk in Anatolien und an seiner Spitze halbgebildete Beamte, fanatische Geistliche und ueberlegene Chauvinisten solcher Verallgemeinerung zum Opfer fallen und Unschuldige mit den Schuldigen totschlagen. Wollen wir uns doch vorstellen, was die Franzosen vornehmen würden, wenn unter ihnen ein Volkstamm leben wuerde, der offen mit uns Deutschen sympatisierte, uns Spionendienste leistetet und versuchte Joffre und Poincaré zu ermorden! Ob es da der franzoesischen Regierung gelingen wuerde, die Wut des eigenen Volkes gegen solchen untreuen Stamm zu unterdruecken? Es gelingt ihr nicht einmal, unsere deutschen Kriegsgefangenen vor den wuestesten Beschimpfungen einer brutalen Menge zu schuetzen, die wohl in solchen ”Kulturtaten” auch nur glaubt, eine patriotische Pflicht zu erfuellen.

Wenn Lord Cromer im englischen Oberhause von 800000 getoeteten Armeniern spricht, so ist das eine Zahl, die politisch wirkt. Das ist die Hauptsache. Einen kleinen Tribut an seinen persoenlichen Anstand bringt der Lord durch seine Behauptung, dass er selbst an diese Zahl nicht glaubt. Niemand wird an diese Zahl glauben, der die Verhaeltnisse in der Tuerkei kennt. Mit dieser Zahl waeren ueber 30 % aller in der Tuerkei lebenden Armenier einschliesslich Frauen und Kinder getoetet. Das ist ganz ausgeschlossen. Wenn aber auch ganz betraechtlich weniger Opfer zu verzeichnen sind und unter ihnen befaende sich eine Anzahl Unschuldiger, so wuerde in Deutschland jeder die Vorkommnisse lebhaft bedauern. Die ganze heuchlerische Bosheit unserer Feinde liegt darin, dass nunmehr behauptet wird, wir Deutschen huelfen dem tuerkischen Poebel in seinen Pogromen. Ganz das Gegenteil ist der Fall. Wir versuchen die zum Ueberwallen gekommene ”anatolische Volkseele” zu beruhigen und die Unschuldigen zu schuetzen.

Die Schwierigkeiten, die der tuerkischen Regierung in der armenischen Frage erwachsen, sind nicht zu unterschaetzen. Bei den schlechten Verbindungen die Kleinasien hat, bei dem jeder Initiative baren mittleren Beamtentum und bei der Wut des Volkes gegen den Spion und Verraeter, den es stets mehr als Angehoerigen eines fremden Stammes, denn als Einzelindividuum betrachtet, arbeitet die staatliche Beeinflussung der Massen sehr langsam. Es ist in der Tuerkei, namentlich wenn die Armee ausgerueckt ist, sehr schwer, irgend welcher Bewegung rasch Herr zu werden, doppelt schwer, wenn die Motive solcher Bewegung an sich patriotisch sind und nur ihre poebelhaften Exzesse unterbunden werden muessen.

Trotz dieser Schwierigkeiten muss die tuerkische Regierung die Zuegel in die Hand bekommen. Jede Art von Lynchjustiz durch erregte Volksmassen muss unter allen Umstaenden vermieden werden. Die Regierung hat das volle Recht, jeden einzelnen, der auf frischer Tat ertappt wird, durch ihre Organe erschiessen zu lassen – rasche Strafe ist die beste Strafe – und hat das Recht jeden verdaechtigen vor das Kriegsgericht zu bringen; aber alle diese Akte der Regierung muessen geschehen im Namen des Sultans und von Organen der staatlichen Gewalt, nicht im Namen des Poebels und von kurdischen Raeubern und Gesindel jeder Art. Die oeffentliche Meinung Deutschlands ist der sicheren Zuversicht dass die uns befreundete Regierung, nachdem sie der Welt ihre Kraft nach aussen so praechtigt gezeigt hat, nun auch die Kraft nach innen erweisen moege.



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