1915-03-26-DE-001
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Quelle: DE/PA-AA/R14085
Zentraljournal: 1915-A-11682
Erste Internetveröffentlichung: 2000 März
Edition: Genozid 1915/16
Praesentatsdatum: 04/02/1915 p.m.
Laufende Botschafts/Konsulats-Nummer: Nr. 191
Zustand: B
Letzte Änderung: 04/22/2012


Der Botschafter in Konstantinopel (Wangenheim) an den Reichskanzler (Bethmann Hollweg)

Bericht



Nr. 191
Pera, den 26. März 1915

Unter dem 12. d.M. hatte der Kaiserliche Konsul in Aleppo gemeldet, daß in Zeitun, dem aus früherer Zeit bekannten armenischen Wetterwinkel, eine Revolte ausgebrochen wäre, deren Umfang noch unbekannt sei. Trotz Warnung des Wali hätte der Militärkommandant dort keine Truppen gelassen. Der darüber befragte Konsul in Adana berichtete, daß von einem vorbereiteten Aufstand der Armenier keine Rede sei, und es sich wahrscheinlich nur um einzelne Ausschreitungen aus Anlaß der Rekrutierung handele. Der hiesige armenische Patriarch bestätigt diese Darstellung und fügt namentlich hinzu, daß die Regierung vor einiger Zeit den Einwohnern von Zeitun sämtliche Waffen abgenommen habe.

Nunmehr telegraphiert Konsul Rößler von gestern:

"In Zeitun hatten armenische Deserteure, die verhaftet werden sollten, einige türkische Gendarmen erschossen; muhamedanische Bevölkerung von Marasch hat offenbar geplant, diesen Anlaß zu Metzeleien zu benutzen, ist aber auf Ankündigung der Einsetzung eines Kriegsgerichtes ruhig geblieben. Nach Zeitun ist als Unterhändler ein deutscher Missionsbruder aus Marasch gesandt. Geben die Einwohner die Rädelsführer nicht heraus, so soll militärisch vorgegangen werden. In diesem Falle mag es schwer sein, die niedrige muhamedanische Bevölkerung von Marasch im Zaume zu halten. Bitte strengste Befehle zur Verhütung von Ausschreitungen erwirken. Armenische Bevölkerung von Marasch ist völlig friedlich. Der Schlag gegen Zeitun müßte kurz und mit Übermacht geführt werden, um Ausbreitung des Aufruhrs zu verhindern. Die Mission, in der acht Schwestern sind, hat eine Schwester an mich abgeschickt, mich zu bitten, zum Schutz der Deutschen nach Marasch zu kommen. Ich erbitte Erlaubnis zur Abreise. Hinreise allein dauert drei Tage. Drahtantwort."

Ich habe hier die nötigen Schritte getan und den Kaiserlichen Konsul zur Reise nach Marasch unter der Voraussetzung ermächtigt, daß er für geeignete Vertretung in Aleppo Sorge tragen, auch den Konsularvertreter in Alexandrette von seiner vorübergehenden Abwesenheit unterrichte.


Wangenheim

[Antwort Wangenheim 26.3.]


Mit Reise Marasch einverstanden. Chiffre mitnehmen. Bitte für geeignete Vertretung Sorge tragen und Konsul Alexandrette unterrichten.


[Aufzeichnung Mordtmann 26.3.]

Nachrichten des armenischen Patriarchen. (Unterredung von heute mit ihm)


1. Zeitun: Vor einigen Monaten trieben sich in der Höhe von Zeitun armenische „Deserteure“ d.h. Individuen, die sich der Aushebung durch die Flucht entzogen hatten, umher und verlegten sich auf Wegelagerei. Daraufhin begab sich der Mutessarif von Marasch, begleitet von einigen armenischen Notabeln von Marasch, nach Zeitun. Einige angesehene Einwohner von Zeitun legten sich ins Mittel, und veranlaßten die Flüchtigen sich den Behörden zu stellen, nachdem ihnen die Behörden Straflosigkeit zugesichert. Trotz des gegebenen Wortes wurden sie selber und dazu diejenigen Leute aus Zeitun, die vermittelt hatten, eingekerkert und befinden sich noch heute in Haft; es sind etwa 70 - 80 Individuen.

Letzthin ist nun ein türkischer Gendarm, Abdullah, von den Leuten aus Zeitun, man weiß nicht aus welchem Anlaß, entwaffnet und verwundet worden; andere Gendarmen sind mit Steinwürfen empfangen worden.

Daraufhin ist ein Kriegsgericht von Marasch nach Zeitun gegangen und der Ort von den Truppen eingeschlossen worden.

Obwohl die Leute von Zeitun von jeher als unabhängige und widerspenstige Charaktere bekannt sind, so handelt es sich doch jetzt um keinen vorbereiteten, allgemeinen Aufstand; hierzu fehlen ihnen vor allem die Waffen; man hat ihnen sogar Messer und dergl. abgenommen.

Der Katholikos von Sis, zu dessen Diözese der Distrikt von Zeitun gehört, hat wiederholt seinen Einfluß geltend gemacht, um die Leute von Zeitun zur Ruhe zu mahnen; er würde wohl auch jetzt persönlich sich dorthin begeben, besorgt aber, daß ihm die Vermittlerrolle ebenso schlecht bekommen würde wie den Leuten von Zeitun, die jetzt als Helfershelfer der Deserteure unter Schloß und Riegel sitzen.

2) Dortjol. Die Nachrichten des Patriarchen fügen dem hier vorliegenden Bericht vom Kslt. Adana (1712) Nichts hinzu.

3) Adana. Der Patriarch hat in diesen Tagen Telegramme von dort erhalten, die Unruhen gegen die Armenier befürchten lassen. Der Patriarch fügte noch hinzu, daß man seit einigen 14 Tagen die armenischen Mannschaften, auch solche, die schon vorher gedient hätten, entwaffnet, und sie sowohl wie die Rekruten zu Wegebauten und dergl. Dienstleistungen verwendet; obwohl Enver Pasch selber sich über die Haltung der armenischen Mannschaften während der Kämpfe im Kaukasus lobend ausgesprochen habe.



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