1913-08-04-DE-002
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Quelle: DE/PA-AA/R 14081
Zentraljournal: 1913-A-16298
Erste Internetveröffentlichung: 2017 November
Edition: Armenische Reformen
Praesentatsdatum: 08/10/1913 a.m.
Laufende Botschafts/Konsulats-Nummer: No. 241
Zustand: A
Letzte Änderung: 11/19/2017


Der Botschafter in Konstantinopel (Wangenheim) an den Reichskanzler (Bethmann Hollweg)

Bericht



Therapia, den 4. August 1913
In dem der Kaiserlichen Botschaft in Petersburg überreichten Aide-Mémoire (Anlage zu Erlass 7201) weist die russische Regierung darauf hin, dass die Reformen in Armenien äusserst dringlich seien, dass die Beruhigung des Landes nur möglich sei, wenn die Mächte die Ausführung derselben überwachen, und dass daher eine schnelle und möglichst vollständige Verständigung zwischen den Mächten über diese Frage allein imstande sei, der drohenden Gefahr von Unruhen in Armenien vorzubeugen.

Auch vom Standpunkt unserer Interessen erscheint eine möglichst baldige Verständigung der Mächte über die armenischen Reformen dringend geboten, schon um durch Verwirklichung eines gemeinsamen Reformplanes, dessen wichtigster Punkt die im Prinzip von allen Mächten gewünschte internationale Kontrolle wäre, eine Handhabe zu gewinnen zur Beobachtung und Bekämpfung der immer unverhüllter zutage tretenden russischen Hetzarbeit unter der armenischen Bevölkerung.2

Die Prüfung des russischen und des türkischen Reformplanes durch die Delegierten der hiesigen Botschaften hat dazu geführt, dass die Delegierten des Dreibundes, wie aus dem Protokoll der 7. Sitzung vom 23. v. Mts.3 ersichtlich ist, eine Reformaktion auf einer neuen Basis angeregt haben, die als Mittellinie zwischen dem zu weitgehenden russischen und dem ungenügenden türkischen Projekte angesehen werden kann. Von dem Gedanken ausgehend, dass der von der Türkei in Aussicht genommene Reformplan eine Reihe sehr zweckmässiger und zum Teil auch im russischen Entwurf enthaltener Massnahmen vorsieht und daher schon mit Rücksicht auf die Empfindlichkeit der türkischen Regierung nicht einfach beiseite gesetzt werden kann, nimmt der Vorschlag der Dreibunddelegierten das türkische Projekt als Grundlage und ergänzt es durch eine Anzahl von Bestimmungen, die dem russischen Projekt entnommen sind, nämlich

Hierzu kommt als weiterer Vorschlag noch die Durchführung des Grundsatzes der Proportionalität bei der Anstellung der Beamten und der Zusammensetzung der die Bevölkerung vertretenden Körperschaften, ein Prinzip, das mir, wie ich in dem Berichte Nr. 2364 vom 31. v. Mts. auszuführen die Ehre hatte, vom Standpunkte unserer Interessen vor der von Russland vorgeschlagenen absoluten Stimmengleichheit den Vorzug zu verdienen scheint.

Um zu der gewünschten Einigung mit Russland zu gelangen, wird es sich nunmehr darum handeln, die russische Regierung zur Annahme dieses dem russischen Entwurfe, wie ersichtlich, in zahlreichen und wichtigen Punkten Rechnung tragenden Reformplanes zu veranlassen. Sollten wir hierbei auf Schwierigkeiten stossen, so würde zur Beseitigung derselben viel gewonnen sein, wenn es gelänge, uns mit England über die Frage ins Einvernehmen zu setzen.

Sowohl die englische wie die französische Regierung haben nach Mitteilungen Euerer Exzellenz ihrer Abneigung gegen das russische Projekt Ausdruck gegeben, was allerdings in der bisherigen Haltung ihrer hiesigen Botschaften noch keine Bestätigung gefunden. Ob diese Abneigung so weit geht, dass sie England und Frankreich bewegen könnten, sich in der Frage der armenischen Reformen von Russland offen zu trennen und unserem Vorschlage zuzustimmen, lässt sich von hier aus nicht beurteilen.

Für den Fall, dass es uns nicht gelingt, die Regierungen des dreifachen Einvernehmens zu einem gemeinsamen Vorgehen mit denjenigen des Dreibundes zu veranlassen, käme als äusserstes Mittel in Betracht, der Pforte durch eine gemeinschaftliche Aktion der Dreibundvertreter die Durchführung des vorstehenden Reformplanes nahezulegen. Die Andeutung der Absicht eines derartigen Schrittes würde auf die russische Regierung voraussichtlich als starkes Stimulans wirken, sich unserem Vorgehen anzuschliessen; denn sie dürfte sich nicht im unklaren sein, dass ein Beiseitestehen bei einem Druck auf die Pforte im Sinne armenischer Reformen Russland die Sympathien der Armenier, auf die es neuerdings so grossen Wert legt, gründlich entfremden müsste, und dass ihm dadurch für seine weiteren Pläne der Wind aus den Segeln genommen werden würde.

Auf jeden Fall scheint es mir dringend geboten, dass wir die Frage der armenischen Reformen diesmal nicht wieder im Sande verlaufen lassen, sondern zur Sicherung der Durchführung des von uns als praktisch anerkannten Reformplanes die Initiative ergreifen, schon um nicht bei den Armeniern die bei ihnen bereits im Entstehen begriffene Meinung zu verstärken, als sei es uns um die Reformen in Armenien nicht Ernst, und als stellten wir das Wohlwollen der türkischen Regierung höher als das Interesse für die Armenier. Dass unter den letzteren gewisse Kreise geneigt sind, einer derartigen Ansicht Raum zu geben, habe ich aus verschiedenen Anzeichen ersehen können. Auch ist es nicht schwer, die trübe Quelle zu erkennen, aus welcher diese Meinung entsprungen ist: die hiesige russische Botschaft scheint bereits ausgiebig dafür gesorgt zu haben, dass die Vorbesprechungen der Botschaftsdelegierten bis in die Einzelheiten hinein in armenischen Kreisen bekannt wurden. Dass bei dieser Darstellung Russland als der uneigennützige Befreier aus türkischem Joche erscheint, während wir dagegen als die allen Reformen, welche den überwiegenden türkischen Einfluss brechen könnten, feindlichen Freunde der im Grunde zentralistisch gesinnten Komiteepartei hingestellt werden, ist selbstverständlich.

Wir würden meines Erachtens gut daran tun, diese Legende zu zerstören, indem wir unsere Anhängerschaft an den Reformgedanken durch positives Eintreten dafür dartäten. Ein Sinken unserer Sympathien bei der Pforte wäre aus einem solchen Schritte kaum zu befürchten; denn wir könnten dieser gegenüber durchblicken lassen, dass wir uns für unseren Reformplan nur deswegen einsetzten, um Russland zu verhindern, mit seinem viel weiter gehenden, den Bestand der Türkei gefährdenden Reformprojekt hervorzutreten.

Die hiesigen Botschaften von Österreich-Ungarn und Italien haben ihren Regierungen in ähnlichem Sinne berichtet.


Wangenheim

1 A 14082.
2 Anmerkung AA: A 16347 [Dok. 1913-08-10-DE-001].
3 Dok. 1913-07-31-DE-002.
4 Dok 1913-07-31-DE-003.



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