1909-06-03-DE-001
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Quelle: DE/PA-AA/R 13187
Zentraljournal: 1909-A-09784
Erste Internetveröffentlichung: 2009 April
Edition: Adana 1909
Praesentatsdatum: 06/08/1909 p.m.
Laufende Botschafts/Konsulats-Nummer: Nr. 132
Letzte Änderung: 03/23/2012


Der Botschafter in Konstantinopel (Marschall von Bieberstein) an den Reichskanzler (Bülow)

Bericht



Nr. 132
Vertraulich.

In den letzten Tagen ist in der Deputiertenkammer über eine Frage diskutiert worden, die in der Presse und der öffentlichen Meinung keine besondere Beachtung gefunden hat, wie ich nachträglich erfahre, aber eine sehr erhebliche politische Bedeutung besass. Noch zu Zeiten des Grossvezierats Kiamil Paschas - also vor dem 13. Februar d.J. - hatte die Pforte der Kammer einen Gesetzentwurf folgenden Inhalts vorgelegt: Es sollten in 6 namentlich benannten kleinasiatischen Vilajets Kommissionen, bestehend zur Hälfte aus Staatsbeamten, zur Hälfte aus Deputierten entsendet werden, um den Stand der dortigen Verwaltung und die wechselseitigen Beziehungen der einzelnen Nationalitäten und Konfessionen sorgfältig zu prüfen. Diese Kommissionen sollten unbeschränkte Vollmacht besitzen, Beamte, selbst Valis abzusetzen, neue Beamte zu ernennen, die gerichtlichen Urteile zu prüfen, eventuell zu kassieren und Reformvorschläge hinsichtlich der Gesetzgebung zu machen. Die Kammer hat diesen Entwurf, wie dies üblich ist, seit Monaten liegen lassen und erst vor etwa acht Tagen denselben auf die Tagesordnung gesetzt.

Bei Aufruf der Sache erhob sich der Minister des Innern Ferid Pascha zu einer längeren Rede. Seine Ausführungen gipfelten in folgendem Gedankengang: Die Grundlage des konstitutionellen Lebens sei die Trennung der Gewalten. Der Kammer stehe die Legislative, der Regierung die exekutive Gewalt zu. Jede Vermischung dieser Kompetenzen führe zur Verwirrung und Störung der Staatsmaschine. Nun stehe die Verantwortung bezüglich der inneren Verwaltung ihm als Minister des Innern zu. Er trage dafür die Verantwortlichkeit. Diese sei eine ausschliessliche. Die Kammer habe daran keinen Teil. [Kommentar Wilhelm II.: „Sehr richtig und sehr gut!“] Er sei bereit, etwaige Wünsche und Beschwerden der Kammer über die Amtsführung der Verwaltungsorgane zu prüfen, und eventuell ihnen stattzugeben. Eine direkte Einmischung derselben in die Verwaltung könne er aber nicht zugeben. Da der vorliegende Gesetzentwurf gegen diese Prinzipien verstosse, so ziehe er denselben mit Genehmigung des Ministerrats zurück. Darauf folgte grosser Beifall des Hauses. Einige armenische und griechische Deputierte erhoben sich und verlangten das Wort. Der die Sitzung leitende Vizepräsident Talat Bey erklärte jedoch die Angelegenheit für erledigt. Im Foyer der Kammer drängten sich viele muselmanische Abgeordnete an Ferid heran, um ihn zu beglückwünschen. Viele küssten ihm die Hand.

Ueber die Vorgeschichte dieses Entwurfes hat mir Ferid Pascha ganz vertraulich folgende Mitteilung gemacht. Als er vor 4 Wochen das Ministerium des Innern übernahm, hat er erstmals Kenntnis von dem Entwurf erhalten. Er ersah sofort, dass es sich hier um diejenigen kleinasiatischen Vilajets handelte, in denen sich eine zahlreiche armenische Bevölkerung befindet, dass es sich also dabei um eine Aktion „pro Armenia“ handle. Da als Zweck der Kommissionsarbeit auch die Prüfung des Verhältnisses zwischen Muselmanen und Christen bezeichnet war, so mussten auch christliche, das heisst vorwiegend armenische Deputierte in die Kommission gewählt werden. Ferid war überzeugt, dass die Tätigkeit dieser Kommissionen die muselmanische Bevölkerung in die grösste Erregung versetzen und unfehlbar schwere Ausschreitungen zur Folge haben würde.

Als Ferid Pascha dem damaligen Grossvezier Hilmi Pascha seine Bedenken aussprach, erklärte ihm dieser, auch er (der zur Zeit Kiamils Minister des Innern war) habe die gleichen Befürchtungen an den Entwurf geknüpft und in diesem Sinne sich Kiamil gegenüber ausgesprochen. Letztere habe ihm aber erwidert, der Gesetzentwurf sei mit Sir Gerald Lowther ausgearbeitet worden, und er habe dem Botschafter das formelle Versprechen gegeben, denselben in der Kammer einzubringen und durchzusetzen. [Wilhelm II.: „Hurrah! Da haben wir die Hallunken von Briten! unerhörte Kühnheit! Sowas hätten wir mal versuchen sollen!“]

Wir betreten also auch hier wieder die Engländer bei einer Aktion, die geeignet war, die innere Ruhe der Türkei und damit zugleich das neue System auf’s ernsteste zu gefährden. Alle Welt weiss, dass die grossen Armeniermassakres der Jahre 1895 und 1896 in unmittelbarem Anschluss an den englischen Vorschlag, Reformen für die Armenier einzuführen, erfolgt sind. [Wilhelm II.: „ja, unter heimlicher Vorspiegelung von Landungen an die Armenier] Wenn nun englische Staatsmänner in einem Augenblicke, da die Gemüter an sich durch die Ereignisse des vergangenen Jahres in grosser Erregung waren, jenes Experiment wiederholen wollten, so können sie sich gegen den Vorwurf der „mala fides“ schwerlich verteidigen, am allerwenigsten, nachdem Kiamil Pascha, mit dem die englische Botschaft in innigster Seelengemeinschaft während einiger Monate die Türkei regierte, heute überführt ist, systematisch, selbst auf die Gefahr schwerer Erschütterung des seiner Führung anvertrauten Reiches, auf Zerstörung der Verfassung und Wiederherstellung der Macht Abdul Hamids gearbeitet zu haben.

Die türkische Politik Englands während der letzten neun Monate bietet in der Tat ein seltsames Schauspiel. Man erinnert sich, was alles in den letzten 20 Jahren in England gegen Abdul Hamid gesagt worden ist. Nicht nur in der Presse, sondern auf der Parlamentstribüne, ja selbst von leitenden Staatsmännern ist dieser hohe Herr als Abschaum der Menschheit, als Mörder, Bluthund und Verbrecher gebrandmarkt worden. Als die neue Aera eintrat, verwandelte sich der englische Türkenhass über Nacht in begeisterte Sympathie für das edle Volk, das so lange unter schmählichem Drucke geseufzt und nunmehr selbst sich davon befreit hat. Dankbar blickte das türkische Volk zu dem neuen mächtigen Freunde empor. Geführt von Ali Kemal „dem edlen Volksmann und Freiheitshelden“, der 15 Jahre als Verbannter im Auslande gelebt hatte, weil sein edler Geist die Knechtschaft nicht ertragen konnte, begab sich vor einigen Monaten eine muselmanisch-christliche Deputation zur Kundgebung der Sympathie in die englische Botschaft. Sir Gerald Lowther erwiderte tief gerührt auf die Ansprache Ali Kemals. Bald darauf fiel Kiamil, weil er gegen die Verfassung gehandelt hatte. Sein Sturz war der erste Rückschlag, den die englische Politik seit der neuen Aera erlitt. Schon damals wurden ernste Türken nachdenklich über die Intimität zwischen England und Kiamil. Als dann die Meuterei vom 13. April mit ihren Schandtaten eintrat, sahen wir England auf der Seite der Soldateska. [Wilhelm II.: „Wie immer wo es gilt Unheil zu säen“] Niemand war im Zweifel, dass es sich bei jenen Vorgängen um Wiederherstellung des alten Regimes gehandelt hat. Aber ein grosser Teil der englischen Presse stellte sich der Bewegung freundlich gegenüber. Vor allem das berüchtigte Weltblatt „Times“. Ihr hiesiger Korrespondent plaidierte ganz offen für die Meuterer. Er verhöhnte die Drohung mit Anmarsch der Saloniker Armee als „bluff“ und verkündete hoffnungsvoll, dass die hiesigen Truppen die Saloniker schon an der Tschataldjalinie mit blutigen Köpfen heimschicken würden. Ein Leitartikel der Times bezeichnete jenen Anmarsch geradezu als „Verbrechen“. Der englische Generalkonsul in Salonik wandte im Auftrage der hiesigen Botschaft alle Ueberredungskunst auf, um Mahmud Schefket Pascha von seinem verbrecherischen Vorhaben abzuhalten. Es war umsonst. Der Einmarsch erfolgte. Schon vorher hatten sich die Intimen der englischen Botschaft, Ali Kemal und Ismael Kemal, ins Ausland geflüchtet. Ersterer ist heute vollkommen entlarvt. Er gibt selbst zu, währen der 15 Jahre „Verbannung“ Spion Abdul Hamids gewesen zu sein. Der Sohn Kiamils, der während des Grossveziriats desselben in Wirklichkeit die Geschäfte geführt hat, aber allgemein als Hallunke bekannt war, ist ihnen nachgefolgt, weil er sich selbst als reif für den Galgen fühlte. Kiamil selbst sitzt unter militärischer Bewachung in seinem Konak, während die Presse die Quittungen veröffentlicht, die er als „Exgrossvezier“ dem Palais über grössere Geldsummen ausgestellt hat. Diese Geschichte von Englands Triumph und Niedergang in der neuen Türkei wird durch den oben erwähnten Gesetzentwurf und sein Schicksal wirksam ergänzt. [Wilhelm II.: großartig! diese Britischen Pharisäer und Schurken!“] Schade, dass man die Teilnahme meines englischen Kollegen an jenem gesetzgeberischen Werke zur Zeit noch nicht verwerten kann.

Wenn man, wie ich, in der Politik alt geworden ist, so überzeugt man sich immer mehr von der Wahrheit des Horaz’schen Wortes „nil admirari“. Ich muss freilich offen gestehen, dass ich diesmal gegen diesen Grundsatz gehandelt habe. Die englische Politik auf der Seite Abdul Hamids in Aktion gegen die Jungtürken zu sehen, hat mich überrascht, desgleichen der ungewöhnliche Mangel an Klugheit auf englischer Seite. Will man „im Trüben fischen“, so erheischt es doch die gewöhnlichste Vorsicht, dass man diese ehrbare Arbeit nicht im Bereiche eines elektrischen Scheinwerfers vollzieht. An dieser Vorsicht haben es die Engländer diesmal vollkommen fehlen lassen.


Marschall
Schlußkommentar Wilhelm II.:

„Vorzüglich geschrieben! sehr erfreuliche Nachrichten! Dieses Aktenstück ist eine gute Waffe für die Zukunft! Und ich werde sie einstmals brauchen!



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