1909-05-12-DE-002
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Quelle: DE/PA-AA/R 13185
Zentraljournal: 1909-A-08352
Erste Internetveröffentlichung: 2009 April
Edition: Adana 1909
Praesentatsdatum: 05/12/1909 p.m.
Letzte Änderung: 03/23/2012


Die Deutsche Bank (Gwinner) an das Auswärtige Amt

Schreiben



Dem Hohen Auswärtigen Amt beehren wir uns, die den Mitgliedern des Aufsichtsrats der Deutsch-Levantinischen Baumwoll-Gesellschaft m.b.H. seitens deren Dresdner Geschäftsleitung bisher zugegangenen 6 Berichte über die Unruhen in Adana anbei in Abdruck zur gefälligen Kenntnisnahme ergebenst zu übersenden.

Deutsche Bank
Gwinner
[Anlage 1]

Abschrift

Deutsch-Levantinische Baumwoll-Gesellschaft m.b.H., Dresden

Vertraulich


Dresden, den 19. April 1909.

Unruhen in Adana.

Spezialbericht an die Herren Mitglieder des Aufsichtsrates!

Ich berichte zu diesem Gegenstand wie folgt:

Wir waren seit dem 13. ds. ohne telegraphische Nachrichten aus Adana geblieben. Zunächst legten wir diesem Umstande keine Bedeutung bei, weil dies leider öfter vorkommt zufolge Unterbrechungen der Linien.

Am 15. ds. stiegen uns infolge der Vorgänge in Konstantinopel Bedenken anderer Art auf und wir versuchten auf den vier uns zu Gebote stehenden Linien, nämlich:

Konstanza, Triest, Vigo/Emden, El-Arich

zu erfahren, welche Bewandtnis es mit dem Schweigen Adanas habe. Als diese Versuche ohne Resultat blieben, beauftragten wir Smyrna-Freunde, sich mit den Unsrigen in Verbindung zu setzen und uns Nachrichten über „deren Befinden“ zu verschaffen. Auch von dorther bleiben wir vorläufig ohne Nachricht.

Am Freitag den 16. April brachten die Zeitungen die ersten unsicher lautenden Nachrichten über angebliche Brände und Metzeleien in Adana. Wir haben uns darauf mit der Deutschen Bank in Berlin in Verbindung gesetzt um zu erfahren, ob dort irgendwelche Nachrichten über Vorkommnisse in Adana vorlagen.

Am 17. crt. morgens erschienen die bekannten und alarmierenden Zeitungsnachrichten über Vorkommnisse in Adana und habe ich mich alsdann sofort in dringenden Depeschen an das Auswärtige Amt und an die Deutsche Botschaft-Konstantinopel gewendet, die Behörden um „unverzüglichen und nachdrücklichen“ Schutz unserer gefährdeten Interessen angehend.

Aus dem sich nun entwickelnden höchst umfangreich gestaltenden telegraphischen Verkehr in der Angelegenheit hebe ich einzelne wesentliche Depeschen, deren Aufgabezeit zum Teil nicht mit Sicherheit zu ersehen ist, hervor:

Aus Smyrna:


Aus Mersina, vom Chef des uns befreundeten deutschen Handelshauses Frankhaenel & Schifner:
Um die Mittagsstunde ging vom deutschen Botschafter in Pera, Freiherr Marschall von Biberstein folgendes Telegramm ein:
Alsdann drahtete das Auswärtige Amt wie folgt:
Von Herrn Frankhaenel, datiert Mersina, D:
Von letzterer Depesche gab ich dem Auswärtigen Amt unverzüglich Kenntnis und erbat Mitteilung, wann die „Loreley“ in Mersina eintreffe.

Am Sonntag den 18. ds. morgens endlich erhielten wir wieder das erste direkte Telegramm der Unsrigen in Adana, lautend:


Diese Depesche war aufgegeben am 17. 10 Uhr morgens über Konstanza. Seitdem sind wir freilich ohne weitere Nachrichten. Indessen ist zu hoffen, dass sich die Lage nicht wieder zu unseren Ungunsten geändert hat. Diese Annahme wird bestätigt durch ein Telegramm der Deutschen Bank-Berlin, welches am 18. abends hier eingetroffen ist und folgenden Wortlaut hat:
Was mich noch mehr beruhigt ist der sachliche und gleichmütige Ton, in dem die Depesche der Unsrigen gehalten ist und die Tatsache, dass sie sogar wieder an Geschäfte denken, wenn auch in der Weise, dass sie erwähnen, solche seien im Augenblick unmöglich.

Vom Auswärtigen Amt ging am 18. nachmittags noch folgende Depesche ein:


Nach meiner Berechnung müsste die „Loreley“ bei direkter Fahrt schon heute Abend auf der Reede von Mersina eintreffen und ist zu hoffen, dass die Tatsache des Erscheinens der „Loreley“ im Hafen von Mersina allein bewirken wird, dass deutsche Bürger und deren Besitz geschont werden.

Herr Dr. Kuntze hat seine Reise nach Kleinasien Dienstag den 13. ds. angetreten, sich aber Geschäfte halber in Wien und Budapest aufgehalten. Ich habe es am 17. crt. seinem Ermessen anheimgestellt, ob er angesichts der Vorgänge in Konstantinopel vorzieht, beispielsweise in Bukarest weitere Entwicklung abzuwarten. Er ist in Bukarest am 18. mittags eingetroffen. Vorher hatte ich Geschäftsfreunde in Bukarest veranlasst festzustellen, ob die Weiterreise nach Konstantinopel ungefährdet sei und gebeten, Herrn Dr. Kuntze am Bahnhof Mitteilungen zu machen. Wie es scheint, haben die erwähnten Geschäftsfreunde Nachfrage in der Deutschen Botschaft in Bukarest über die Angelegenheit gehalten und da diese Behörde die Weiterreise nicht bedenklich fand, so hat sie gemäss gestern eingetroffener Depesche Herr Dr. Kuntze entschlossen, sofort nach Konstantinopel und zwar via Konstanza und von da per Schiff weiterzureisen, wo er heute früh eingetroffen sein müsste. Seine Anwesenheit gerade jetzt ist allerdings zwecks nachhaltiger Vertretung unserer Interessen in Stambul äusserst wünschenswert.


[Franz J. Günther]
[Anlage 2]

Copie.

Deutsch-Levantinische Baumwoll-Gesellschaft m.b.H.

Zweiter Spezialbericht an die Herren Mitglieder des Aufsichtsrates.


Unruhen in Adana.

Ich erlaube mir mitzuteilen, dass eine Depesche aus Adana, datiert 19. 3 Uhr p.m. eingegangen ist folgenden Inhalts:
Von Herrn Dr. Kuntze erhielten wir eine Depesche, datiert Pera, 20.3. 3 Uhr p.m. lautend wie folgt:
Es steht demnach zu hoffen, dass die Sachen wieder auf besserem Wege sind.

Dresden, den 21. April 1909
[Franz J. Günther.]
[Anlage 3]

Copie.

Deutsch-Levantinische Baumwoll-Gesellschaft m.b.H.

Dritter Spezialbericht an die Herren Mitglieder des Aufsichtsrates.


Unruhen in Adana.

Ich beziehe mich auf meinen letzten Bericht vom 21. ds.

Während wir an jenem Tage noch eine Depesche erhielten des Inhalts, dass die Beruhigung fortschreite, der Verkehr aber noch null sei, ferner tags darauf, am 22. eine solche, dass die Lage sich bessere und dass gehofft werde den Betrieb nächste Woche aufzunehmen, waren wir seitdem ohne jede telegraphische Nachricht seitens Adana geblieben, bis wir soeben, nachmittags 4 Uhr, folgende gestern 11,30 Uhr morgens aufgegebene Depesche empfingen:


Ich habe diese Depesche unverzüglich dem Auswärtigen Amt in Berlin weitergegeben und gleichzeitig an einflussreicher Stelle gebeten, persönlich und aufs eindringlichste im Auswärtigen Amt zu intervenieren, da dies nach Lage der Dinge die einzige Institution sein kann, welche in der Lage ist, das Schlimmste zu verhüten, falls es inzwischen nicht bereits geschehen ist.

Dresden, den 28. April 1909
[Franz J. Günther]
[Anlage 4]

Copie.

Deutsch-Levantinische Baumwoll-Gesellschaft m.b.H.

Vierter Spezialbericht an die Herren Mitglieder des Aufsichtsrates.


Unruhen in Adana.

Seit meinem letzten Bericht vom 28. ds. sind folgende Depeschen eingegangen:

Mersina, 27. 11 Uhr a.m.


Adana, 28. 9 Uhr a.m.
Adana, 29. 11 Uhr a.m.
Adana, 29. 9 Uhr p.m.
Dresden, den 30. April 1909
[Franz J. Günther]

[Anlage 5]


Abschrift.

Deutsche Levantinische Baumwoll-Gesellschaft m.b.H.

Streng vertraulich

Fünfter Spezialbericht an die Herren Mitglieder des Aufsichtsrates!


Unruhen in Adana.

Ich beziehe mich auf meinen letzten Bericht vom 30. pass. und beehre mich, Ihnen nachstehend auszugsweise den Inhalt eines soeben eingegangenen Schreibens der Unsrigen vom 25. April a.c. wiederzugeben mit der ausdrücklichen Bitte, das Mitgeteilte lediglich zu Ihrer eigenen persönlichen Orientierung zu verwenden und insbesondere zu verhüten, dass etwas davon in die Presse kommt.

Adana schreibt: „Ueber die hier stattgefundenen Ereignisse vermögen wir erst heute zu berichten, da bislang jede Postgelegenheit fehlte und wir auch immer noch abwarten wollten, bis uns eine gewisse Uebersicht geboten war.

Seit Einführung der Konstitution hatten die Armenier ihre bislang erzwungenermassen geübte Zurückhaltung aufgegeben, reges politisches Leben entwickelt, viele Waffen eingeführt, aufgekauft und mit alle diesem die Mohammedaner bis zu einem gewissen Grade erregt. Die im ganzen Vilayette stattgefundenen Massacres kamen trotz alledem jedermann unerwartet. Streitigkeiten zwischen Armeniern und Mohamedanern sind wohl voraufgegangen, sie hielten sich aber durchaus im Rahmen des sonst gewohnten.

Infolge Tötung zweier Moslems durch Armenier waren in der Nacht vom Dienstag zum Mittwoch eine grössere Anzahl Mohamedaner vor das Regierungsgebäude gezogen und hatten dem Wali gegenüber Befürchtungen und Beschwerden gegen die Armenier geführt. Ein Teil darunter verlangte freie Hand, um sich ihrer Haut zu wehren resp. die Armenier niedermachen zu dürfen, ein anderer Teil drang auf Mässigung und Ausgleich des Totschlages durch die Behörden. Eine definitive Einigung konnte nicht erzielt werden, immerhin schienen die Leute beschwichtigt.

Infolge der nächtlichen Versammlung öffnete ein Teil der armenischen Magazine am Mittwoch morgen nicht. Die in aller Eile zusammengesetzte Kommission der angesehensten Christen und Mohamedaner trat kaum in Aktion als auch schon in einzelnen Teilen der Stadt vereinzelte Schüsse fielen und einige Armenier niedergeschlagen wurden. Daraufhin allgemeine Panik, der Rest der Magazine, die mohamedanischen incl., wurden schleunigst geschlossen. Die Armenier flüchteten in ihre Viertel, auf den Strassen bildeten sich Gruppen bewaffneter Mohamedaner und eine regelrechte Schiesserei in allen Teilen der Stadt, meistens noch in die blaue Luft, hob an.

Wir waren im Bureau und warteten daselbst, bis die Schüsse etwas nachgelassen hatten, um uns gegen ein Uhr auf den Heimweg zu begeben. In der grossen Strasse zum Bahnhof, unmittelbar in der Nähe unseres Bureaus war der Pöbel im Begriff, die Läden zu erbrechen um mit Hilfe von Weibern und Kindern die Waren wegzuschleppen. Anständige Leute trafen wir nur einmal und diese machten ihren Glaubensbrüdern heftige Vorwürfe ob des Plünderns. Militär das früh noch in starken Patrouillen die Stadt durchzogen hatte, war von der Bildfläche verschwunden; vereinzelte Leichen - stark verstümmelt - lagen auf der Strasse. Ein Trupp des Raub- und Mordgesindels bedeutete uns, es wäre nicht mehr an der Zeit um zu promenieren und wir täten besser, eiligst nach hause zu gehen.

Kaum zu hause angelangt, begann in dem benachbarten Viertel ein regelrechter Kampf zwischen Soldaten und mohamedanischen Gesindel gegen die in ihren Häusern befindlichen Armenier. Jeder Armenier, der greifbar war, wurde erschossen oder mit Knüppel niedergeschlagen und grässlich zugerichtet. Bald schlug auch das Feuer auf, das Massacre hatte überall begonnen. Von unserem Hause aus konnten wir beobachten, wie die Armenier wie die Hasen gejagt und ausnahmslos scheusslich zugerichtet wurden. Nachts war die Stadt ein Flammenmeer!

Wir waren am Mittwoch noch ohne militärischen Schutz geblieben; am Donnerstag bekamen wir 6 Mann Reservisten. Die für die Fabrik verlangte Besatzung weigerte man sich uns zu geben, weil die Soldaten vor den darin verborgenen Armeniern Furcht hatten; der geschützte solide Bau unserer Anlage mag sie darin noch bestärkt haben.

Der Kampf wurde bis Freitag Nacht fortgesetzt. Am grässlichsten wurde auf dem offenen Lande gewütet, wo kaum 1% der armenischen Bevölkerung ihrem unglückseligen Schicksale entgangen sein soll. Desgleichen wurden sämtliche christlichen Güter niedergebrannt, auch mohamedanische nicht immer geschont und alles Vieh weggetrieben. Der tief wurzelnde Hass gegen die Armenier machte auch vor Frauen und Kinder nicht immer halt. Die Verluste an Menschenleben im Vilayet werden auf ca. 20000 geschätzt und befürchten wir, dass dies nicht übertrieben ist. In der Stadt selbst sind sämtliche christlichen Läden ausgeraubt, ein grosser Teil davon und ganze Viertel Wohnhäuser wurden niedergebrannt. Mohamedanisches, Arabern und Europäern gehöriges Eigentum wurde nach Kräften verschont. Von all den im Vilayet lebenden Europäern sind nur zwei amerikanische Missionare erschossen worden, sowie ein Jesuitenpater verwundet; alle drei jedenfalls nur aus Unvorsichtigkeit oder Versehen. Ein deutscher Botaniker wurde inmitten der Stadt ausgeraubt, ihm selbst und seinem Wagen geschah jedoch nichts.

Es waren Tage des Schreckens und Jammers! Von den Herren Konsuln in Mersina hat sich keiner blicken lassen, sie beschränkten sich darauf, den Wali mit Depeschen zu bombardieren. Lediglich der englische Konsul kam herauf und hat wahrhaftig heroische Anstrengungen gemacht, dem Morden und Brennen Einhalt zu tun. Inmitten der tollsten Schiesserei durchzog er zu Fuss und zu Pferd wiederholt alle Teile der Stadt. Leider wurde ihm bei dieser Gelegenheit von Armeniern in der Nähe unseres Viertels der Arm durchschossen.

Es ist sonderbar, dass gerade derjenige Konsul, der die wenigsten Interessen zu wahren hatte, einzig und allein persönlich in Aktion trat und sein Leben auf Schritt und Tritt in die Schanze schlug. Ohne sein Erscheinen und sein Wirken hätten die Massacres unbedingt eine noch weit schrecklichere Ausdehnung genommen als dies bereits leider der Fall ist. Dabei nahm er sich auch noch nach seiner schweren Verwundung unentwegt aller und jeder Interessen an, ganz gleich von welcher Seite sie an ihn herantraten. Wir hatten in diesen Tagen persönlich viel mit ihm zu tun und konnten nur bedauern, dass er nicht ein Deutscher war.

Wie Ihnen bereits telegraphiert, sind unsere Anlagen, unsere Bureaux, Wohnungen und wir selbst unangetastet geblieben. Ein Kosa-Magazin verbrannte, desgleichen wird von der in den Privat-Häusern befindlichen Kosa ein Teil als verloren betrachtet werden müssen. Das Verlorene werden wir, sobald Ruhe und Ordnung wiederhergestellt und unsere einheimischen Angestellten sich wieder eingefunden haben, genau aufstellen und die Sache bei der Botschaft anhängig machen. Von unserer fertigen Bauwolle ist in unserem Gesichtskreise sonst nicht verbrannt, doch hören wir dass verschiedene unserer Schuldner auf dem Lande umgekommen sind und dass wir daher die uns von dieser Seite drohenden Verluste zu reklamieren haben werden.“

Der folgende Passus bezieht sich auf einige unserer Hauptverbindungen.

„Von den vier B... ist Boges auf dem Lande erschlagen worden, Dicran in der Stadt schwer verwundet, aber nicht lebensgefährlich. Wenn uns bei ihnen vielleicht auch keine Verluste treffen, so wird unser Guthaben natürlich nicht prompt zu realisieren sein, denn wer kauft in solchen Zeiten Liegenschaften oder Wohnhäuser. Die vier Wohnhäuser der B. wurden ausgeraubt aber nicht verbrannt. Auch das Gut von C. B. ist niedergebrannt, desgleichen sein Vieh geraubt.

Darüber kommt er aber hinweg. Hart hat es S. B. getroffen, der durch den Brand und die Beraubung seiner Magazine 2000 £ verloren haben wird. N. T. hat keine wesentlichen Verluste, desgleichen nicht S. Das Gut Ch. B. ist intakt, bei T. und K. sind wir bekanntlich durch Verpfändung von Ländereien geschützt. Bei den Regulierungen mit den einzelnen Armeniern auf dem Lande, die ja zumeist ums Leben gekommen sind, wird es vieler Verhandlungen und Scherereien bedürfen, sodass die projektierte Reise des Herrn Stöckel nach Nordmesopotamien unterbleibt.

Infolge der furchtbaren Verluste, die das Land erlitten, wird die momentan starke Entwertung von Grund und Boden bewirken, dass, wenn auch sonst alles gut geht, wir einen Teil unserer Aussenstände in diesem Jahr nicht werden hereinbekommen können. An Geschäfte oder Arbeit auch in der Fabrik war natürlich in all diesen Tagen nicht zu denken, aber morgen wollen wir doch versuchen die Arbeit aufzunehmen. Hoffentlich nehmen die Wirren in der Hauptstadt selbst ein baldiges und gutes Ende, sodass nicht noch in letzter Stunde der Bürgerkrieg auch in die Provinzen übertragen wird, was die allerschlimmsten Folgen haben müsste.“

Als P.S. berichtet Adana ferner.

„Im Begriff unsere Post abzufertigen, ertönt wieder aus der Stadt lebhaftes Gewehrfeuer und die eben halbwegs wieder hergestellt Ruhe und Sicherheit wird durch panikartige Flucht in die Häuser abgelöst. Die Ursache des neuen Zwischenfalls ist nicht zu erfahren.“

Montag, den 26. April

„In der Nacht fand die Schiesserei Fortsetzung, desgleichen brennt es wieder an einzelnen Stellen der Stadt. Wir trachten mit dem englischen Konsul, sobald er aus der Stadt, wohin er sich frühmorgens begeben hatte, zurückgekehrt ist, Rücksprache zu nehmen. Natürlich unterbleibt die beabsichtigte Betriebsaufnahme.“

Mittags 12 Uhr.

„Es schien uns nicht geraten, am Vormittag bis zu unserem Bureau vorzudringen und hören wir soeben, dass das Feuer in unmittelbarer Nähe des Bureaus angelangt ist.“ Soweit Adana.

Bekanntlich haben die Strassenkämpfe Montag den 26. und Dienstag den 27. April fortgewütet und ihren Höhepunkt erreicht.

Der durch Plünderungen des Geldschrankes entstandene Barverlust beträgt laut gestern den 4. crt. aufgegebener Depesche türkische Pfund 800,-


Dresden, den 5. Mai 1909.
[Franz J. Günther]
[Anlage 6]

Abschrift.

Deutsch-Levantinische Baumwoll-Gesellschaft m.b.H.

Sechster Spezialbericht an die Herren Mitglieder des Aufsichtsrats:


Unruhen in Adana.

Adana berichtet brieflich unter dem 28. April:

Wir bestätigen unser Ergebenes vom 25. ds. via Mersina. Inzwischen haben wir noch furchtbarere Stunden verleben müssen als schon vorher. Am Freitag und Sonnabend war alles in schönster Ordnung. Wir hatten an diesen Tagen die Bureaux geöffnet und in die Bevölkerung war wiederum soweit Ruhe und Vertrauen zurückgekehrt, dass wir und andere industrielle Unternehmungen Vorbereitungen für Wiederaufnahme des Betriebes am Montag früh disponieren konnten. Am Sonnabend waren zudem noch ca. 2000 Mann reguläres, gut ausgerüstetes Militär aus Adrianopel hier eingetroffen. Mit diesem und den diversen, europäischen Kriegsschiffen in Mersina glaubte Jedermann die Massacres zu Ende.

Sonntag nachmittag hob leider das Würgen, Morden, Rauben und Brennen wieder an und diesmal in viel schrecklicherem Masstabe als vorher. Der grösste Teil der Stadt bildete ein einziges Flammenmeer, hineinzukommen war unmöglich. Erst Dienstag früh gelang es Zeichner ds. mit dem deutschen Dragoman, der sich - wie wir hier an dieser Stelle mit allem Nachdruck hervorheben wollen - in all dieser schweren Zeit als ausserordentlich tüchtig, mutvoll und energisch erwiesen hat, bis an die als abgebrannt gemeldeten Bureaux vorzudringen. Wir fanden alles ringsum als rauchenden Trümmerhaufen, das Gebäude, in dem sich das Bureau befindet, jedoch wie durch ein Wunder vom Feuer verschont. (Bemerkung Dresdens: Es ist das frühere Gebäude der Ottomanbank und heisst im Volksmund „Eskibänk“). Es bestürzte uns von Anfang an, dass die Eingangtür weit offen stand und beim Eindringen befanden wir uns Soldaten und Baschi Bosuks d.h. regulären und irregulären Soldaten gegenüber. Eng Mann an Mann waren sie bei der letzten Arbeit. Unser Erscheinen verscheuchte sie im Nu; selbstverständlich waren wir unter militärischer Begleitung gekommen.

Unsere Kasse war an der Rückwand sorgfältigst aufgeschnitten und alles Wertvolle daraus verschwunden; die Bücher, um die wir in allergrösster Sorge gewesen, suchten wir - so gut es ging, in aller Eile aus dem wüsten Chaos heraus. Der Boden war hoch mit Schreibmaterialien, Trümmern von Schränken und Pulten bedeckt. Wir hatten gerade 5 Sack angefüllt, als das Feuer um uns so intensiver wurde, dass wir das Bureau schleunigst verlassen mussten. Etwas später gelang es uns noch einmal vorzudringen. Wir wollten die Hauptbücher von Selim Boutros retten, dessen beide Schränke nur ein Viertel zertrümmert waren, sodass wir wohl mit der Hand hineinkamen, nicht aber die grossen Bücher herausbrachten. Alle Mühe, mittels der herumliegenden Brechwerkzeuge die Schränke weiter zu öffnen, war vergebens und schliesslich wurde die Situation wieder derart, dass wir wohl oder übel alles im Stich lassen mussten. In den Strassen knallte es weiter; die Wege lagen voll von grässlich verstümmelten, meistens halb verbrannten Leichen, vom Baby bis zu den ältesten Leuten, die Bande hatte nichts geschont!

Wieder rühmlich müssen wir an dieser Stelle das Verhalten des englischen Konsuls hervorheben, der am Sonntag den Arm in der Binde und hoch zu Pferde Tausende von Armeniern mit Lebensgefahr durch brennende Strassen und über Leichen hinweg in Sicherheit brachte.

Alle unsere Koza-Magazine (Bemerkung Dresdens: Koza = Kernbaumwolle) sind beraubt, die Wohnhäuser von Selim Boutros und Negib Tueni verbrannt, alle armenischen Häuser und der weitaus grösste Teil der christlich-arabischen und griechischen ausgeplündert und bis auf einen Bruchteil verbrannt. In der Fabrik haben wir ca. 3 - 4000 Flüchtlinge, davon 100 - 200 meistens schwer Verwundete. Wir haben sofort ein Lazarett eingerichtet. Um Brot, das wir mit Hülfe des englischen Konsuls beschaffen und nach Kräften verteilen, wird faktisch gekämpft; 3 Kinder wurden gestern im Fabrikhofe begraben - das Ganze das entsetzlichste Elend! Dabei bis zur Stunde noch immer keine Aussicht auf endgiltige Ruhe. Es kann, nachdem sich die Regierung ebenso untätig wie zuvor zeigte, ebensogut noch weiteres Morden, Brennen, und Plündern erfolgen. Dafür bliebe faktisch nicht mehr viel in der Stadt, nur unser armenischen Viertel mit Fabrik und Wohnhaus, wovon wir bislang alles abzuhalten vermochten. Unser Weggang in diesen Tagen von Adana wäre das Signal zum Beginne gewesen! Es ist lediglich unserer Gegenwart und unserer energischen Stellungnahme den herumlungernden Räubern und Mordbuben gegenüber zu verdanken, dass bislang das Viertel intakt blieb. Begonnen zu plündern ist zu wiederholten Malen worden, wir wussten es aber immer wieder zu vereiteln resp. zu beendigen.

Die ganze Situation bis gestern glich einem Pulverfasse, auf dem wir sassen und das jeden Augenblick auffliegen konnte. Infolge Beraubung der Koza-Magazine, des Bureau und der Kasse sind unsere Verluste natürlich bedeutend. Wertvolle Depots von Gold und Silberschmuck, die wir als Garantie für die an K. geliehenen Ltq. 300 im Schranke liegen hatten, sind natürlich auch geraubt worden. Infolge des neuen Riesenbrandes sind auch einzelne armenische Schuldner mehr in Mitleidenschaft gezogen worden als bisher anzunehmen war.

Sie müssen sich nicht wundern, wenn in diesen Tagen unsere Korrespondenz nicht so ausführlich gehalten ist wie Sie das vielleicht erwarten. Sie werden aber verstehen, dass die Verhältnisse es nicht zulassen, geordnete Berichte zu verfassen.

Herr Lutz und Familie, alle unsere Angestellten wie auch Zeichner ds. sind in bester Gesundheit.

Dresden, den 10. Mai 1909.

Hochachtungsvoll
[Richard Stöckel]
[Franz J. Günther]



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