1909-06-09-DE-001
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Quelle: DE/PA-AA/R 13187
Zentraljournal: 1909-A-10503
Erste Internetveröffentlichung: 2009 April
Edition: Adana 1909
Praesentatsdatum: 06/20/1909 a.m.
Laufende Botschafts/Konsulats-Nummer: J.No. 543/K.No. 65
Letzte Änderung: 03/23/2012


Der Konsul von Aleppo (Tischendorf) an den Reichskanzler (Bülow)

Bericht



J.No. 543 / K.No. 65
1 Anlage.

Euerer Durchlaucht beehrte ich mich in der Anlage 2 Berichte des Kaiserlichen Vizekonsuls in Alexandrette über die Lage dort und Dörtjol gehorsamst einzureichen, wonach in der Nacht vom 30. zum 31. v.Mts. angeblich in Folge eines Mißverständnisses mehrere Einwohner von Dortjol und zwar Frauen und Kinder Seitens der vor dem Dorfe lagernden türkischen Truppen getötet worden sind. Die Schuld an diesem Vorfall wird von vielen Seiten dem Kommandanten von Dortjol Major Nedim Bey zugemessen, der ein großer Feind der Armenier sein soll. Der Kaiserliche Vizekonsul klagt ferner über die Haltung des stellvertretenden Kaimakams von Alexandrette und offenbar zur Untersuchung dieser Klagen ist am 5. d.Mts. der hiesige Direktor des Affaires Politique nach Alexandrette gesandt worden. Schritte in Konstantinopel behufs Entfernung dieses Beamten von Alexandrette, wie sie der Kaiserliche Vizekonsul anregt, scheinen mir nach Lage der Dinge bisher noch nicht angezeigt, zumal Herr Belfante bestimmte Tatsachen, welche sie rechtfertige könnten, nicht anführt.

In der Stadt Aleppo ist die Lage seit dem gehorsamen Bericht vom 24. v.Mts. im Ganzen unverändert; die Geschäftsstockung hält in Folge mangels von Vertrauen in die Fortdauer der jetzigen Ruhe noch immer an, und von Zeit zu Zeit tauchen immer wieder schwer kontrollierbare Gerüchte über den Ausbruch von Unruhen an verschiedenen Plätzen der Provinz auf. Der Umstand, daß das für Adana angewendete Moratorium, wozu die Anregung von armenischer Seite ausgegangen sein soll, wenigstens bisher nicht auch, wie beabsichtigt, auf Aleppo ausgedehnt wurde, erregte fast allgemeine Befriedigung.

Viele Geschäftsleute treffen Maßregeln ihr Geschäft zu liquidieren und die Auswanderung christlicher und auch israelitischen Familien, besonders aber der jungen Männer, aus dem Wilajet dauert ununterbrochen fort, obwohl es heißt, daß Seitens der Regierung Maßregeln getroffen werden sollen, um dieselbe einzuschränken. Bei den Israeliten wie auch bei vielen Christen scheint vielfach auch die gefürchtete Einführung des allgemeinen Militärdienstes Beweggrund zur Auswanderung zu sein; die Zahl der in den letzten 9 Monaten ausgewanderten jungen Männer jüdischer Konfession allein wir auf ca. 700 geschätzt.

Am 2. ds. ist der neuernannte Justizminister Nedjmedin Mullah Efendi von Bagdad hier eingetroffen, Seitens der Zivil- und Militärbehörden und des Komitees für Einigkeit und Fortschritt feierlich empfangen worden und bei dem Major Mohammed Bey, Mitglied des Komitees, abgestiegen, um in den nächsten Tagen die Reise nach Konstantinopel fortzusetzen.

Gestern wurde auch der berüchtigte in Mosul verhaftete Evnullah il Kazimi, Mutessarif von Kerkut, der allgemein als der von Konstantinopel ausgesandte Anstifter der Metzeleien bezeichnet wird, hier eingebracht und früh Morgen mit der Bahn nach Beirut weitergesandt. Seine Abfahrt gab Anlaß zu feindseligen Kundgebungen gegen ihn Seitens Hunderter von Armeniern, die sich auf dem Bahnhof eingefunden hatten.

In Marasch scheint es in letzter Zeit ruhig geblieben zu sein trotz mancher anderslautender Meldungen. Vorgestern sind von dort 24 Gefangene gefesselt hier eingetroffen, von denen 21 nach Budrum gebracht werden sollen. Die Freilassung anderer verhaftet gewesener Muhammedaner in Marasch hat Anlaß zu neuen Befürchtungen Seitens der dortigen Armenier gegeben. Nach den letzten von dort unterm 9. Juni aus den Anstalten des Deutschen Hülfsbundes für christliches Liebeswerk, in welche nach den letzten Unruhen mehr als 200 ganztäglich aus den umliegenden Dörfern stammende armenische Waisenkinder gesammelt und untergebracht worden sind, mir zugegangenen Nachrichten sollen bei den Unruhen in der Stadt Marasch selbst nur einige Zwanzig Armenier getötet und doppelt so viele verwundet, aber gegen 400 Männer aus Marasch, die auswärts Arbeit gefunden hatten, dort untergebracht worden seien, woraus sich die große Zahl der Waisen in Marasch erklärt.


Tischendorf
[Anlage 1]

[Belfante berichtet von den Vorkommnissen in Dörtjol, bei dem nach zweistündigem Beschuß mit Kanonen und Karabinern zwei Frauen getötet und zwei verletzt worden seien. Zwei Gruppen der türkischen Militärs sollen diesen Zwischenfall durch Auseinandersetzungen zwischen sich provoziert haben.]

[Anlage 2]

[Belfante präzisiert, daß eine Delegation von ausländischen Konsuln und Kommandaten mit dem britischen Kreuzer Medea nach Dörtjol gefahren seien. Bei dem Zwischenfall seien 7 Personen getötet und zwei verletzt worden. Nach türkischer Darstellung soll er durch einen betrunkenen Soldaten ausgelöst worden sein, der auf die Zelte seiner Kameraden geschossen hatte und einen Soldaten tötete. Es sei in dunkelster Nach dann auf Dörtjol geschossen worden, um die im Gebirge lauernde Banditen abzuschrecken.]



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