1909-08-14-DE-001
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Quelle: DE/PA-AA/R 13188
Zentraljournal: 1909-A-14204
Erste Internetveröffentlichung: 2009 April
Edition: Adana 1909
Praesentatsdatum: 08/26/1909 a.m.
Laufende Botschafts/Konsulats-Nummer: J.No. 758/K.No. 99
Letzte Änderung: 03/23/2012


Der Generalkonsul in Aleppo (Tischendorf) an den Reichskanzler (Bethmann Hollweg)

Bericht



J.No. 758 / K.No. 99
Euerer Exzellenz beehre ich mich gehorsamst zu berichten, daß einem diesseits von Herrn Dr. Müllerleile zu Marasch erbetenen und mir heute zugegangenen Berichte zufolge auch die Tätigkeit des in Marasch seit mehreren Wochen tagenden Kriegsgerichts viel zu wünschen übrig läßt. Wie Dr. Müllerleile schreibt, sind Gegenstand der Verhandlungen bisher weniger die Metzeleien vom April d.Js. gewesen als vielmehr alte Fälle des vergangenen Jahres, die zu den neueren Ereignissen in gar keiner Beziehung stehen. Die Gefängnisse sind überfüllt, und neben zahlreichen Muselmanen sind auch viele Armenier verhaftet. Gegen letztere herrscht eine starke Voreingenommenheit des Kriegsgerichts, welches ihnen durchaus revolutionäre Bestrebungen nachweisen will, und um sie zum Eingeständnis solcher Bestrebungen zu bewegen, sollen Armenier in Gefängnissen in grausamer Weise geprügelt worden sein, wogegen der französische Konsul in Marasch lebhaft Einspruch erhoben habe.

Die Stimmung der christlichen Bevölkerung ist Angesichts der offenbaren Ungerechtigkeit und Parteilichkeit der Behörden eine gedrückte; sie verliert allen Lebensmut und nimmt wohl mit Recht an, daß die Regierung aus Furcht vor einer mohammedanischen Volkserhebung Gerechtigkeit weder walten lassen kann, noch will.

Insbesondere haben die Armenier zu der Regierung absolut kein Vertrauen, und schöne Worte und Versprechungen aus Konstantinopel verfangen nicht mehr bei ihnen.

Auch in Zeitun wollte das Kriegsgericht Schuldige finden und Verhaftungen vornehmen. Indes die Zeitunlis, die sich tatsächlich die ganze Zeit über mustergültig hielten, wandten sich sofort nach Konstantinopel und das Kriegsgericht sah sich genötigt, seine Machenschaften gegen den Ort einzustellen.

Nach Ansicht Dr. Müllerleiles, die auch von anderer Seite geteilt wird, ist zur Zeit eine gedeihliche Entwicklung der verschiedenen Völkergruppen in jenem Teil der asiatischen Türkei nicht zu erwarten und es ist zu fürchten daß das Land noch weiteren ernsten Kämpfen entgegensieht.


Tischendorf



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