1913-06-26-DE-003
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Quelle: DE/PA-AA/R14079
Zentraljournal: 1913-A-12893
Erste Internetveröffentlichung: 2017 November
Edition: Armenische Reformen
Telegramm-Abgang: 06/26/1913
Praesentatsdatum: 06/28/1913 a.m.
Laufende Botschafts/Konsulats-Nummer: Nr. 193
Zustand: A
Letzte Änderung: 11/19/2017


Der Botschafter in St. Petersburg (Pourtalès) an den Reichskanzler (Bethmann Hollweg)

Bericht


St. Petersburg, den 26. Juni 1913

Zu dem mir unter Nr. 7941 geneigtest mitgeteilten interessanten Bericht des Kaiserlichen Botschafters in Constantinopel wollen mir Euere Exzellenz gestatten nachstehendes auf Grund meiner hiesigen Beobachtungen anzuführen.

Ich teile die Ansicht des Freiherrn von Wangenheim, dass Russland sich der armenischen Frage bedient, um die asiatische Türkei in einem Zustande zu erhalten, welcher gegebenenfalls ein Einschreiten Russlands als interessierter Grenzstaat rechtfertigen würde. Auch die Sätze, dass Russland sich mit Hilfe der armenischen Frage den Weg nach Constantinopel offen halten will, und dass diese Frage der Schlüssel ist, welcher dereinst die Meerengen öffnen soll, entspricht im allgemeinen meiner Auffassung. Die einzige dem russischen Interesse wirklich entsprechende Lösung der Meerengenfrage erscheint mir die, dass Russland am Südufer des Schwarzen Meeres bis zum Bosporus vordringt und das Schwarze Meer auf diese Weise zu einem russischen Binnenmeer macht, bezüglich dessen es sich nur mit den anderen Uferstaaten Rumänien und Bulgarien zu verständigen braucht. Dass mit dem Augenblick, wo Russland im Besitz des Ostufers des Bosporus wäre, der letzte Rest der türkischen Herrschaft in Europa ein Ende haben würde, bedarf kaum der Erwähnung. Die dereinstige Regelung der Meerengenfrage auf dem angedeuteten Wege ist daher auch nach meiner Ueberzeugung in grossen Linien das der russischen Politik vorschwebende Ziel, und ich halte es für höchst wahrscheinlich, dass die Herstellung der Ordnung in den armenischen Vilajets die erste Etappe auf dem Wege sein wird, auf welchem die Erreichung dieses Zieles erstrebt werden wird.

Eine andere Frage aber erscheint mir die, ob Russland jetzt schon den Augenblick für gekommen erachtet, um die Verwirklichung seiner Pläne in Kleinasien zur Ausführung zu bringen. Was Herr Sazonow bis jetzt getan hat, spricht dafür, dass er als besonnener Staatsmann, im Gegensatz zu vielen seiner Landsleute, der russischen Politik nicht zu viele Ziele auf einmal stecken will. Herr Sasonow ist nach meiner Überzeugung bona fide, wenn er es als seinen Wunsch und sein Ziel bezeichnet, Russland zunächst eine Reihe von Jahren ruhiger und friedlicher Entwickelung zu verschaffen. Er geht von der Ansicht aus, dass es eine Anzahl wichtiger Fragen für Russland gibt, die nicht überstürzt werden dürfen, und die Russland ruhig heranreifen lassen kann, ohne etwas dabei zu verlieren. Dass der Minister zu diesen Fragen die Meerengen-Frage rechnet, hat er mir wiederholt versichert. Ich möchte auch daran erinnern, mit welcher Energie der Minister vor zwei Jahren nach seiner Wiedergenesung von schwerer Krankheit von Paris aus den Machenschaften ein Ende machte, welche die Meerengenfrage aufzurollen bestrebt waren.

Ich kann mich daher der Ansicht des Freiherrn von Wangenheim nicht anschliessen, welcher glaubt, dass, weil von Petersburg aus neuerdings in erhöhtem Masse über die Not der Armenier geklagt wird, ein neuer russischer Vorstoss in der Richtung auf Constantinopel bevorsteht. An einen solchen Vorstoss in der nächsten Zeit glaube ich nicht. Ich möchte vielmehr annehmen, dass Russland jetzt an seiner Grenze in Kleinasien Ruhe haben und aus diesem Grunde in jenen Gegenden Massregeln getroffen sehen möchte, welche die Ruhe für eine Reihe von Jahren möglichst gewährleisten.

Den Hauptgrund, weswegen Russland nach meinem Dafürhalten den Stein jetzt noch nicht in's Rollen bringen möchte, erblicke ich darin, dass, wie mein Constantinopeler Kollege im weiteren Verlauf seines Berichts auch selbst hervorhebt, England, was Herrn Sazonow nicht verborgen sein dürfte, zurzeit einer Aufteilung des kleinasiatischen Besitzes der Türkei nicht geneigt ist.

Aber auch andere Gründe, die teils mit dem gegenwärtigen Stand der russischen Rüstungen zu Lande und zu Wasser, teils mit den inneren Zuständen im russischen Reich zusammenhängen, halten Herrn Sazonow im gegenwärtigen Augenblick davon ab, Fragen anzuschneiden, welche die russische Politik immerhin auf eine gefährliche Bahn bringen könnten.

Allerdings wird man auch bei der vorliegenden Frage die Rolle nicht ausser acht lassen dürfen, welche inoffizielle Kreise erfahrungsgemäss in der russischen Politik spielen. Diese Kreise, welche überall das Tempo der russischen Expansionspolitik beschleunigt sehen möchten und kein Verständnis dafür besitzen, dass es vorteilhafter ist, die Früchte reif werden zu lassen, arbeiten zweifellos daran, Russland zu einem Vorgehen in Kleinasien zu veranlassen. Dass es an amtlichen Organen der russischen Politik nicht fehlt, welche mit jenen Kreisen sympathisieren und ihnen mehr oder minder versteckt ihre Unterstützung zuteil werden lassen, beweist die Geschichte aller Balkankrisen der Neuzeit. Ich halte es daher für durchaus wahrscheinlich, dass russische Agenten, die mit amtlichen Stellen Fühlung haben, in den armenischen Vilajets wühlen, um womöglich ein Einschreiten Russlands herbeizuführen. Dass aber diese Wühlereien auf einen bestimmten wohldurchdachten Plan der gegenwärtigen Leitung der auswärtigen russischen Politik zurückzuführen sind, vermag ich im gegenwärtigen Augenblick nicht zu glauben.


F. Pourtalès

1 A 11793 beigefügt.



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