1918-03-16-DE-001
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Quelle: DE/PA-AA/R14099
Zentraljournal: 1918-A-11778
Erste Internetveröffentlichung: 2000 März
Edition: Kaukasus Kampagne
Telegramm-Abgang: 03/16/1918 05:20 PM
Telegramm-Ankunft: 03/16/1918 09:45 PM
Praesentatsdatum: 03/17/1918 a.m.
Laufende Botschafts/Konsulats-Nummer: Nr. 371
Zustand: A
Letzte Änderung: 04/15/2012


Der Botschafter in Konstantinopel (Bernstorff) an das Auswärtige Amt

Telegraphischer Bericht



Nr. 371
Konstantinopel , den 16. März 19181

Ungeschick und Langsamkeit der Türken in allen Fragen der Bearbeitung öffentlichen Meinung zeigten sich neuerdings wieder in armenischer Angelegenheit. Trotz aller Ermahnungen hat Zensur erst jetzt eingegriffen und Presse gezwungen entweder zu schweigen oder beruhigende Artikel zu schreiben.

Alle Armenier waren schon von Todesangst befallen. Beinahe täglich sandten sie Patriarchen, den Päpstlichen Delegaten oder sonstige Abgesandte zu mir, um Hilfe zu erbitten. Türkische Regierung ist diesmal wirklich ehrlich bestrebt, von oben herab Ausschreitungen zu verhindern. Höchstens kann man sagen, daß ihr Greueltaten der armenischen Banden als eine angenehme nachträgliche Rechtfertigung ihrer eigenen früheren Sünden erscheinen.

Abwesenheit Großwesirs ist lebhaft zu beklagen, da er allein im Stande wäre, Zügel in die Hand zu nehmen und Kundgebungen über armenische Politik zu erlassen. Alle sonstigen hiesigen maßgebenden Kreise befinden sich - trotz des Hungers der Armen - augenblicklich geradezu in einem Taumel von Siegesbewußtsein, Nationalismus und Pan-Islamitismus. Sie scheinen wirklich zu glauben, daß alle Mohammedaner Asiens - mögen es Tartaren, Georgier oder Perser u.s.w. sein - nur darauf warten, den Türken die Bruderhand auszustrecken und eine Islam-Confoederation zu gründen. Großwesir steht nach Ew. Exzellenz Telegramm 379 noch auf dem gleichen Standpunkt wie früher, daß er nicht unbedingt Batum behalten will (cfr. mein Telegramm 360). Mit dieser Auffassung wird er hier unter seinen Landsleuten einen schweren Stand haben, es sei denn, daß Kaukasier bereit sind, den Türken einen Weg nach Baku frei zu geben. Augenblicklich wenigstens geht der türkische Ehrgeiz noch mehr nach Baku als nach Batum.


[Bernstorff]


1 An den in Bukarest sich aufhaltenden Staatssekretär des Äußeren (Kühlmann) schickte Bussche-Haddenhausen am 17.3 (Nr. 218) folgendes abgewandeltes Telegramm:

Botschafter Pera telegraphiert: "In armenischer Frage zeigte sich wieder bekanntes Ungeschick und Langsamkeit der Türken in Bearbeitung öffentlicher Meinung. Trotz aller Ermahnungen hat Zensur erst jetzt eingegriffen und Presse gezwungen zu schweigen oder beruhigende Artikel zu schreiben.

Alle Armenier waren schon von Todesangst befallen. Beinahe täglich sandten sie den Päpstlichen Delegaten, Patriarchen oder sonstige Abgesandte zu mir, um Hilfe zu erbitten. Türkische Regierung ist diesmal wirklich ehrlich bestrebt, Ausschreitungen zu verhindern. Höchstens kann man sagen, daß ihr Greueltaten armenischer Banden als nachträgliche Rechtfertigung ihrer eigenen früheren Sünden erscheinen.

Abwesenheit Großwesirs ist lebhaft zu beklagen, da er allein im Stande wäre, Zügel in die Hand zu nehmen und Kundgebungen über armenische Politik zu erlassen. Alle sonstigen hiesigen maßgebenden Kreise befinden sich augenblicklich geradezu in Taumel von Siegesbewußtsein, Nationalismus und Pan-Islamitismus. Sie scheinen zu glauben, daß alle Mohammedaner Asiens nur darauf warten, den Türken die Bruderhand auszustrecken und eine Islam-Confoederation zu gründen. Großwesir steht nach Ew. Exzellenz Telegramm noch auf dem gleichen Standpunkt wie früher, daß er nicht unbedingt Batum behalten will. Mit dieser Auffassung wird er hier einen schweren Stand haben, es sei denn, daß Kaukasier bereit sind, den Türken einen Weg nach Baku frei zu geben. Der türkische Ehrgeiz geht augenblicklich wenigstens noch mehr nach Baku als nach Batum.

Vielleicht könnte Talaat Pascha veranlaßt werden, von Bukarest aus durch energische Instruktionen in die Behandlung der Armenierfrage einzugreifen.



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