1909-07-14-DE-001
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Quelle: DE/PA-AA/R 13188
Zentraljournal: 1909-A-11939
Erste Internetveröffentlichung: 2009 April
Edition: Adana 1909
Praesentatsdatum: 07/17/1909 p.m.
Laufende Botschafts/Konsulats-Nummer: Nr. 198
Letzte Änderung: 03/23/2012


Der Geschäftsführer der Botschaft Konstantinopel (Miquel) an den Reichskanzler (Bülow)

Bericht



Nr. 198
Der in Marasch (Vilajet Aleppo) als Arzt des dortigen deutschen Krankenhauses ansässige Dr. Müllerleile hat aus Charne vom 22. v.M. einem Mitglied der Kaiserlichen Botschaft folgendes mitgeteilt:

„Euer Hochwohlgeboren überreiche ich mit diesen Zeilen eine Schilderung der gegenwärtigen Lage in einem der schwer betroffenen Dörfer des Vilajet Adana. Charne war ein reiches Dorf im Kaimakanlik Bagtsche. Rings umgeben von zahlreichen Islamdörfern, waren die 180 Christenhäuser schnell überwältigt. Durch falsche Versprechungen getäuscht hatten die Christen vorher alle Waffen ausgeliefert. Dass bei dem darauf folgenden Gemetzel die empörendsten Greuel geschahen, ist eine Tatsache, an die man sich bei dem wilden fanatischen Charakter der Bevölkerung bereits gewöhnt hat. Keinem einzigen Muhamedaner geschah ein Leid. Dagegen wurden ca. 200 Christen, darunter 2 Frauen abgeschlachtet. Die Berge und Täler wurden dann noch 15 Tage lang abgesucht, ob nicht doch ein „Giaur“ noch am Leben geblieben sei. Heute noch ist die Lage recht zweifelhaft. Die Islams drohen noch täglich mit neuem Massacre. Sie sagen, lasst nur erst die Soldaten (25 Redifs) und die „Edschnebis“ hier fort sein. In Charne sind ohne Frage die Islam Aghas die Hauptschuldigen. Hätten sie Widerstand geleistet, so wäre ein derartiges Massacre nicht möglich gewesen. Aber es konnte ihnen ja nichts erwünschter sein, als das reiche Hab und Gut der Armenier für sich zu gewinnen. Noch heute laufen alle offenkundigen Mörder und Brandstifter in Charne herum. Man hatte sie einige Tage nach Bagtsche ins Gefängnis gesteckt und dann wieder freigelassen. Es mag ja nun sein, dass erst Anträge eingegeben werden müssen, um die Mörder bestrafen zu können. Aber jedenfalls muss auf eine gründliche Bestrafung der Verbrecher der grösste Nachdruck gelegt werden, sonst ist es für die übriggebliebenen 500 Frauen, Männer und Kinder einfach unmöglich hier zu leben. Gestern sagte ein Islam Agha zu einem von Marasch hiergekommenen armenischen Priester: Ihr meint, wir hätten aus eigenem Antrieb die Giaurs getötet. Aber wir haben Briefe vom Kaimakam in der Hand. Die werden wir dem Kriegsgericht vorlegen, sobald man uns fassen will. Die Regierung macht den Versuch, die geraubten Waren wieder einzutreiben und schickt zu diesem Zweck Saptiehs und Soldaten in die Dörfer. Es sind jedoch nur 24 Redif-Soldaten hier und der Mülazim, der sie befehligt, ist schwach und unfähig. Er sitzt in den Häusern der Islam Aghas herum. Gestern wurde ein Saptieh und 4 Soldaten, als sie geraubtes Gut nahe bei Charne in einem Dorf eintreiben sollten, von den Islams mit Drohungen empfangen, sodass sie flüchten mussten. Wenn nicht schleunigst Nisan-Soldaten kommen, giebt es keine Ruhe, und die übriggebliebenen Christen schweben in beständiger Gefahr und Angst. Der Kaimakam hat vielleicht die besten Absichten, Ruhe zu stiften. Er ist aber zu jung und nicht erfahren genug, um solcher Situation gewachsen zu sein. Der Müfti in Bagtsche, der auch wieder aus dem Gefängnis entlassen ist, spielt jedenfalls eine grössere Rolle. Im eigensten Interesse der Regierung ist ein sofortiges kräftiges Einschreiten gegen die hiesige trotzige fanatische Bevölkerung unbedingt erforderlich.

P.S. Der Müfti von Bagtsche ist neuerdings wieder im Gefängnis.“


Miquel



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