1914-02-24-DE-002
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Quelle: DE/PA-AA/R 14083
Zentraljournal: 1914-A-04819
Erste Internetveröffentlichung: 2017 November
Edition: Armenische Reformen
Praesentatsdatum: 03/10/1914 a.m.
Laufende Botschafts/Konsulats-Nummer: Nr. 54
Zustand: A
Letzte Änderung: 11/19/2017


Der Vizekonsul in Erzerum (Anders) an den Geschäftsträger in Konstantinopel (Mutius)

Bericht


Handschriftliche Notiz: Botschaft Pera, Anlage zu No. 84.

Erserum, den 24. Februar 1914


Nr. 54.

Im Gegensatz zu anderslautenden russischen Nachrichten melde ich gehorsamst, dass selbst nach Bekanntwerden der Annahme des Reformprojekts hier auf beiden Seiten größte Ruhe herrscht. Als äusseres Zeichen dafür möchte ich anführen, , dass der Vali und viele türkische Notablen kürzlich zwei armenischen Wohltätigkeitsvorstellungen beiwohnten und bedeutende Beiträge zeichneten. Allerdings hatte sich das türkische Offiziercorps von beiden Veranstaltungen ferngehalten, aber nur deshalb, weil bei einem russischen Tanzfest des Herrn Adamoff am russischen Silvesterabend die eifersüchtigen armenischen Ehegatten ihren jungen Frauen verboten hatten, mit türkischen Offizieren zu tanzen.

Das russische Generalkonsulat versucht auf jede Weise Gegensätze zu konstruieren, die garnicht bestehen. So hat der russische Generalkonsul kürzlich ein Takrir an das Vilajet gerichtet, das in dem Comitee-Blatt „El-Baira“ wörtlich veröffentlicht wurde. In dem Schreiben protestierte Herr Adamoff sehr energisch gegen den Boykott, zu dem das Blatt „El-Baira“ angeblich gegen den russischen Armenier David Davidoff aufgefordert habe. Tatsächlich handelt es sich um Folgendes: Bislang hatte Davidoff allein den Import russischen Petroleums hier in den Händen. Er konnte nach Belieben die Preise steigern, sodass zeitweise eine Kiste 80 Piaster und mehr kostete. Darauf thaten sich vor kurzem reiche türkische Kaufleute mit armenischen Concurrenten Davidoffs zusammen, gründeten ein Concurrenzunternehmen und sofort sank der Preis des Petroleums auf 50 Piaster. El-Bairak hatte nun weiter nichts verbrochen, als seine Leser auf die neue Gesellschaft aufmerksam gemacht.

Ich hatte heute eine längere Unterredung mit dem hierher gesandten Vertrauensmann der Komiteepartei, Hilmi Bey, über die momentane Lage. Hilmi Bey versicherte mir, dass die hiesigen Moslims die Reformen im Lande selbst lebhaft wünschten und da die Würde der Regierung durch Ausführung der Reformen keineswegs gestört werde, so sei keineswegs von ihrer Seite Widerstand zu befürchten. Im Gegenteil seien seine Gesinnungsgenossen dankbar dafür, wenn Europäer den reichen Schatz ihrer Erfahrungen in den Dienst der Türkei stellten. Seine Landleute könnten immer nur als Massstab die Verhältnisse in Constantinopel den Reformen zugrunde legen, da ihnen nicht besseres bekannt sei. Was die Entwaffnung der Kurden anbetrifft, so meinte Hilmi Bey, dass sowohl im alten als auch im neuen Regime, die Gewehre den früheren Hamidie – (jetzigen Hafif Süvari-) Regimentern nur zu den Waffenübungen ausgegeben worden seien und stets nach Beendigung derselben wieder eingezogen würden. Allerdings hätte wohl jeder Kurde noch privatim irgend ein Schiessgewehr, aber auch die Armenier seien aus Furcht vor Angriffen fast durchweg bewaffnet. Die Kurden aber hätte ihre Waffen keineswegs im Hinblick auf Kämpfe mit den Armeniern, sondern bedürften derselben zu den bei Arabern und Kurden landesüblichen Stammesfehden. Ob eine Abnahme der privaten Waffen geplant sei, wisse er nicht. Hilmi Bey war auch über den Sitz der neuen Generalinspekteure noch nicht informiert. Er sprach mir von Ersinghian, da dort auch der neue militärische Generalinspekteur residieren. Diese Ansicht erscheint mir irrig, weil der Generalinspekteur naturgemäß in einer Vilajethauptstadt residieren muss. Auch die bevorstehenden Parlamentswahlen, so meinte Hilmi Bey, würden keineswegs Aufregung und Gegensätze unter der Bevölkerung hervorrufen. Er würde hier dafür Sorge tragen, dass die in Constantinopel als genehm bezeichneten Kandidaten der Comiteepartei gewählt würden, ebenso würden die hiesigen Armenier gehorsam die ihnen vom Patriarchat vorgeschriebenen Abgeordneten wählen.

Von armenischer Seite wird mir versichert, dass die Durchführung der Reformen wohl im Interesse der Türken und Armenier, nicht aber in dem der Russen liege. Nach ihrer Ansicht seien Störungen des Reformwerks höchstens von russischer Seite zu befürchten, da es im russischen Interesse läge, in Ostanatolien anormale Zustände zu erhalten und dann im Trüben zu fischen


Anders



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