Dänische diplomatische Quellen über den Völkermord an den Armeniern - eine Einführung.

Matthias Bjørnlund


Anfang Sommer 1914 übernahm Carl Ellis Wandel (1871-1940) als neuernannter Gesandter die Leitung der kleinen dänischen diplomatischen Vertretung in Konstantinopel (Istanbul), der Hauptstadt des Osmanischen Reichs. Die Gesandtschaft bestand aus einem Sekretär, H.F. Ulrichsen (als er später konservativer Abgeordneter im dänischen Parlament wurde, ersetzte ihn 1916 Børge Hebo), einem Dragoman (Dolmetscher), dem Armenier Zareh H. Tchopourian und einem Kawas (Wächter und Kurier) Abdullah Mosri. Desweiteren vertrat der levantinische Niederländer Alfred van der Zee Dänemark und Schweden in Smyrna (Izmir) als Konsul und schrieb wichtige Berichte über die ethnischen Säuberungen der Griechen 1914 sowie über die Ereignisse in der Region während des Ersten Weltkriegs. [siehe auch die Dokumente 1914-06-19-DK-002, 1914-06-25-DK-001, 1915-06-11-DK-001 und 1915-09-02-DK-001 sowie Matthias Bjørnlund, "The 1914 cleansing of Aegean Greeks as a case of violent Turkification," Journal of Genocide Research, Vol. 10, No. 1, March 2008, pp. 41-58, dänische Sektion zum Herunterladen in www.ermenisoykirimi.net].

Carl Ellis Wandel wurde in Kopenhagen geboren und im familiären Wein-Import-Geschäft zum Kaufmann ausgebildet. Als er zum Leiter der dänischen Gesandtschaft ernannt wurde, war er bereits ein erfahrener Diplomat. Während er die Korkfabrik seiner Familie in der portugiesischen Hauptstadt Lissabon führte, war er dort von 1904 bis 1909 auch als Generalkonsul tätig. Von dort ging er nach Argentinien und stieg in Buenos Aires innerhalb weniger Jahre vom Generalkonsul zum Gesandter und Berufsdiplomaten auf, bevor er ins Osmanische Reich geschickt wurde. [Kraks Blaa Bog, København: Kraks Legat 1931, p. 1014]. Nach Hunderten von vertraulichen Berichten zu urteilen, die er dem dänischen Außenministerium seit 1914 sandte, war er ein gründlicher, gewissenhafter Diplomat, der die Entwicklungen im Osmanischen Reich auf informative und unvoreingenommene Weise sehr detailliert analysierte, dabei immer auf die möglichen Auswirkungen für den dänischen Handel mit der Region achtend.

80 dieser Dokumente von Wandel und seinen Kollegen stehen nunmehr online in Armenocide zur Verfügung und weitere werden folgen, einschließlich Augenzeugenberichte des Völkermords an den Armeniern aus Archiven skandinavischer Missionarinnen und Schwestern wie Maria Jacobsen, Bodil Biørn und Karen Jeppe. Sie ergeben zusammen eine umfassende Einführung in die Problematik. Diese Einführung soll dem besseren Verständnis dienen.

Carl Ellis Wandel übernahm von der schwedischen Botschaft die offizielle Wahrnehmung der dänischen wirtschaftlichen Interessen in einem Gebiet, das für Europa immer wichtiger wurde - sowohl als Lieferant von Rohstoffen als auch als Abnehmer westlicher Produkte. Während des Ersten Weltkriegs und der Zeit des Völkermords an den Armeniern verhalt der Status der dänischen Gesandtschaft als diplomatische Vertretung eines kleines, „harmlosen“ und neutralen Landes, das keinerlei imperialistische Interessen in der Region verfolgte, Wandel dazu, das Vertrauen vieler einflußreicher Politiker zu gewinnen, zu denen er fortan direkten Zugang hatte. Abgesehen von der großen ökonomischen wie militärischen Macht und dem damit verbundenen diplomatischen Einfluß der USA glich der Status der dänischen Gesandtschaft dem der Vereinigten Staaten im Osmanischen Reich vor 1917. [Rouben Paul Adalian, "American Diplomatic Correspondence in the Age of Mass Murder: The Armenian Genocide in the US Archives," in Jay Winter, ed., America and the Armenian Genocide of 1915, London: Cambridge University Press 2003, pp. 147-148]. Unabhängig von Macht und Größe spielten alle neutralen Länder sowohl für die Zentralmächte als auch für die Entente als Handelspartner im Laufe des Krieges eine immer größere Rolle, und man betrachtete die wirtschaftliche, moralische und politische Unterstützung und den Goodwill von Ländern wie Dänemark für alle Kriegsparteien als zunehmend wichtig.

Im allgemeinen waren die Hunderte von vertraulichen diplomatischen Berichten, Telegrammen und Analysen dazu gedacht, den Vorgesetzten genaue und zuverlässige Informationen zu geben, von denen die Diplomaten kaum erwarten konnten, daß sie auch nur einer symbolischen Geste gegenüber den osmanischen Armeniern führen würden. In der Tat war der pro-deutsche und pragmatische dänische Außenminister beider Weltkriege, Erik Scavenius, kein Mann, der es zuließ, daß die dänische Außenpolitik wegen potentiell „kontroverser“ Erwägungen wie der Rücksicht auf eine verfolgte Minderheit im Osmanischen Reich beeinflußt würde. Sein allgemeiner Standpunkt war, daß er keine der kriegführenden Parteien für irgendetwas verantwortlich machte; er sah den Krieg selbst als den Schuldigen an, als eine "unkontrollierbare Maschinerie, die alles erdrückt". [Tage Kaarsted, ed., Ministermødeprotokol 1916-18, Kirkeminister Th. Povlsens referater, 14. Meeting, Friday 29 December 1916, Universitetsforlaget i Århus 1973, p. 40].

Auch machte Carl Ellis Wandel keinerlei Vorschläge oder erwartete anscheinend auch nicht, daß irgendeine Aktion in dieser Hinsicht unternommen werden sollte. In der Tat stellte er in einem Bericht fest: “Wenn die Kanonen sprechen, müssen die Diplomaten schweigen.“ [1915-09-26-DK-001]. Anders als die Gesandtschaften anderer damals neutralen Länder wie den USA, Griechenland oder Bulgarien [1915-06-22-DE-001], wurde die dänische Vertretung im Sommer 1915 nicht von Repräsentanten der osmanischen Armenier um Intervention zugunsten ihrer Landleute gebeten. Von den Vertretern der „kleineren“ Nationen wurde es sowieso als „besser für die Neutralität“ angesehen, sich nicht an solchen diplomatischen Aktionen zu beteiligen.

Wandel wurde über die Verfolgungspolitik gegenüber den Armeniern und deren anschließende Vernichtung von mehreren Seiten unterrichtet, von anderen Diplomaten, von osmanischen Offiziellen [beispielsweise Dok 1917-01-06-DK-001, in dem Wandel einen Informanten erwähnt, der Mitglied des osmanischen Senats ist oder Dok. 1917-07-28-DK-001, wo er als Informanten einen „hochrangigen Freimaurer“, erwähnt, „der glaubt, Talaats Vertrauen zu besitzen“], von Missionaren und Hilfsschwestern aus Dänemark und anderen Ländern [beispielsweise Dok. 1917-04-10-DK-001 mit Informationen über den Genozid in Harput und Mezreh, die Wandel durch Briefe erhielt, die von dänischen Missionarinnen geschrieben und von einem deutschen Arzt überbrachten wurden] sowie von Armeniern und anderen osmanischen Kreisen. Er berichtete auch über die Verfolgung der Armenier in der Hauptstadt, so im September 1915: „Selbst hier in Konstantinopel werden Armenier entführt und nach Asien geschickt, wobei es unmöglich ist, über ihr weiteres Verbleiben Auskunft zu bekommen.“ [1915-09-04-DK-001].

Im Juni 1915 hatte Wandel berichtet, daß die am 24. Mai 1915 von der Entente abgegebene Erklärung, nach der die osmanischen zivilen und militärischen Offiziellen für “Verbrechen gegen die Menschheit“, also die Massaker an den Armeniern, persönlich verantwortlich gemacht würden, nur zu noch mehr Ärger, Chauvinismus und Fanatismus geführt hätten. [Über die Entente-Erklärung siehe auch z.B. Hilmar Kaiser, ed. and intro., Eberhard Wolffskeel Von Reichenberg, Zeitoun, Mousa Dagh, Ourfa: Letters on the Armenian Genocide, Princeton & London: Gomidas Institute 2004, 2. ed., p. ix; Ara Sarafian & Eric Avebury, eds., British Parliamentary Debates on the Armenian Genocide, 1915-1918, Gomidas Institute 2003, pp. 59-60.] Eine direkte Reaktion auf diese Erklärung war die öffentliche Hinrichtung von 20 führenden Mitgliedern der armenischen Hintschakenpartei in Konstantinopel sowie die Geiselnahme von 111 alliierten Bürger in Smyrna. Wandel war sich sicher, daß die Erklärung fehlschlagen würde. [UM, 2-0355, "Konstantinopel/Istanbul, diplomatisk repræsentation", "Kopibog 1914-1921", 1914 06 14 – 1916 03 06, Wandel to Scavenius, No. LVII, 18/6 1915].

Am 27. Mai 1915, drei Tage nach der Entente-Erklärung erließ das „Komitee für Einheit und Fortschritt“ hastig ein Gesetz, nach dem es den Behörden freistand, jede beliebige Person zu deportieren. [siehe Hilmar Kaiser, At the Crossroads of Der Zor:Death, Survival, and Humanitarian Resistance in Aleppo, 1915-1917, Princeton & London: Gomidas Institute 2002, p. 10. Deutscher Text des Gesetzes: 1916-02-28-DE-001, Anlage 1]. Wie Wandel hervorhob, konnte nunmehr unter dem Vorwand eines Verrats die Bevölkerungen ganzer Städte deportiert werden. [1915-10-03-DK-001].

Der 4. September 1915 war der Tag, an dem bei Wandel auch der letzte Rest von Zweifel über das endgültige Ziel des regierenden Komitees für Einheit und Fortschritt (nach seiner französischen Schreibweise "Comité Union et Progrès als „CUP“ abgekürzt oder auch Jungtürken genannt) verschwand, wie aus seinem längeren und detaillierten Report über die „grausame Absicht der Türken, das armenische Volk zu vernichten“ hervorgeht [1915-09-04-DK-001]. Am 23. September analysierte er, wie die Ideologie der CUP aus einem scheinbar demokratischen Osmanismus zur damaligen Mischung aus Xenophobie und äußerstem Nationalismus ausgeartet war. Er glaubte, diese Veränderung sei teils ideologisch und teils wirtschaftlich gesteuert, teils durch die Umstände diktiert:

"Die CUP hatte die Macht übernommen unter dem Motto: „Gleiche Rechte für alle osmanischen Staatsbürger“. Aber um die im Titel des Komitees erwähnte „Einheit“ des gewaltigen und ethnisch gemischten Imperium herzustellen, mußte eine Art osmanischer Solidarität geschaffen werden, die alle Völker des Reichs einbezog, und gleichzeitig Garantien dafür, daß dieser neue Osmanismus künftig von den jungtürkischen Mitgliedern des Komitees geführt würde, d.h. es sollte gleiches Recht für alle Osmanen einführt werden, ohne Rücksicht auf Nationalität und Religion (die idealistische Forderung der Revolution) und gleichzeitig sollte sichergestellt werden, daß dieser neue Osmanismus eine rein türkische Bewegung ist. Das Ringen zwischen diesen beiden Forderungen dauerte eine Zeitlang, bis das Komitee unmittelbar nach dem Ende des Balkankriegs resolut die erste Forderung (gleiches Recht für alle Osmanen) fallen ließ und beschloß, den Weg der Türkifizierung zu gehen. Dieser Weg war charakterisiert durch den Boykott vom Frühjahr 1914, der die griechischen Osmanen ebenso traf wie die Griechen, die gleichzeitige Verfolgung der Griechen in Kleinasien und Thrazien und zum Ende des Jahres, beschleunigt durch den Weltkrieg und die Abschaffung der Kapitulationen, sowie die - mit deutscher Unterstützung - Erklärung des Heiligen Kriegs, was schließlich zu Fremdenfeindlichkeit und nationalistischer Politik führte, die jüngsten Konsequenzen ich mehrmals ausführlich beschrieben habe und die zur Zeit als ihr Hauptziel die Auslöschung der armenischen Bevölkerung im Reich hat.“ [1915-09-23-DK-001].

Am 6. Dezember 1915 führte Wandel aus, wie die Elite des Komitees für Einheit und Fortschritt und türkische Intellektuelle immer mehr zu radikalen Nationalisten wurden. Er machte es sowohl an dem Völkermord selbst deutlich als auch an dem vorangegangenen Versuch, die Griechen von der ägäischen Küste/Ionien, sowie Griechen und Armenier aus Politik und Handel zu entfernen, er beschrieb die von der Regierung kontrollierte fremdenfeindliche Presse, die nationalistischen Schulen, die Verbannung von Straßenschilder u.a. in fremden, das heißt nicht-türkischen Sprachen. [Siehe auch Ugur Ü. Üngör, 'A Reign of Terror': CUP Rule in Diyarbekir Province, 1913-1923,unveröffentlichte Masterthese, Universität Amsterdam 2005, pp. 20-21; Erik J. Zürcher, Turkey: A Modern History, London & New York: I. B. Tauris 1997, pp. 133-135]. Wandel bezog sich in diesem Bericht auf einen Artikel der türkischen Tageszeitung Tesfiri Efkiar vom 11. November 1915, wo betont wurde: „Die türkische Sprache ist die Grundlage unserer nationalen Entwicklung. Im Moment sind wir in einem Krieg engagiert, in dem es um unsere ganze Existenz geht, und das wichtigste Ergebnis dieses siegreichen Kriegs muß die Bestätigung sein, daß die türkische Sprache in der Türkei über allem steht.“. [1915-12-06-DK-001. Siehe auch Henry Morgenthau, Ambassador Morgenthau’s Story, Wayne State University Press 2003 (1918), pp. 196-197].

Des weiteren werden in der, wie Wandel sie nennt, germanisiert-chauvinistisch türkischen Presse die Armenier von Journalisten, die bereitwillig an vorderster Front der fremdenfeindlichen Kampagne des Regimes standen, oft als „habgierige Ausbeuter“ beschrieben. Weder er noch seine Kollegen glaubten, daß es Grund für Optimismus gab, da der Krieg und die Verfolgungen weitergingen:


Diese Auszüge sind typisch für die dänischen diplomatischen Berichte über den Völkermord an den Armeniern und seine Nachwirkungen, sie sind repräsentativ dafür, wie diese und ähnlich Ereignisse, so die Verfolgung und/oder Vernichtung anderer osmanischer Gruppierungen - Griechen, Juden, Araber, Kurden usw. - dokumentiert und wahrgenommen worden sind. Aber sie erzählen nur einen Teil der Geschichte. Der Rest, die vollständigen Dokumente, werden jetzt hier in Armenocide zur Verfügung gestellt, sowohl im dänischen Original als auch in englischer und nunmehr auch deutscher Übersetzung - dank der vorzüglichen Arbeit von Micha Willadsen, der mit großer Akribie die nunmehr fast ein Jahrhundert alten dänischen Texte ins Deutsche übertrug.


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