1915-08-05-DE-002-V

DuA Dok. 129 (re. gk.); 130 (Anl.2, re. gk.)

Der Verweser in Erzerum (Scheubner-Richter) an den Botschafter in außerordentlicher Mission in Konstantinopel (Hohenlohe-Langenburg)

J.Nr. 580/Geheim-Bericht Nr.23

Abschrift


Erserum, den 5. August 1915

5 Anlagen

Die Aussiedelung der Armenier ist nun zu einem gewissen Abschluß gelangt, d. h. es befinden sich im Amtsbezirk des hiesigen Konsulats keine Armenier mehr. Es scheint mir daher angebracht, über die mit der Armenieraustreibung im Zusammenhang stehenden Vorfälle der letzten Monate kurz zusammenfassend zu berichten.

Bis Anfang Mai lebten die Armenier hier frei und ungehindert und konnten ungestört ihren Geschäften nachgehen. Einzelne Vorfälle, wie die Ermordung des Bankdirektors Pasdirmadjan und ähnliches, übten nur vorübergehend eine beunruhigende Wirkung aus. Die Furcht vor einem Massaker durch die Türken war allerdings vorhanden und nicht unbegründet, doch dürfte die Anwesenheit und Tätigkeit General Posseldts sowie des deutschen Konsuls den Ausbruch eines solchen verhindert haben.

Zu Beginn des Mai führten die bekannten Vorgänge von Wan dazu, daß die Regierung und die Militärbehörden zu scharfen Maßregeln gegen die Armenier griffen. Alle noch mit der Waffe dienenden Armenier wurden aus dem Heere entfernt und in Arbeiterbataillone gesteckt. Die Bewohner der Erzerumer und der Passin-Ebene, die nur noch aus Frauen, Kindern und alten Männern bestand, wurden aus ihren Dörfern vertrieben und sollten zwangsweise nach Mesopotamien gebracht werden. Diese mit militärischen Rücksichten begründete Maßnahme wurde in unnötig rücksichtsloser und grausamer Weise durchgeführt. Auf dem Wege nach Erzindjan wurden die Betreffenden bei Mamachatun, Sansar, Euphrat Brücke und Päräz von Kurden und türkischen Freiwilligen überfallen, beraubt und getötet. Die Zahl der Umgekommenen dürfte zwischen 10 - 20 000 betragen, nach Angabe der Regierung nur 3 - 4000.

In derselben Zeit wurden die Bewohner der Erzindjaner Ebene bei ihrem Durchzug durch die Schlucht von Kemach gleichfalls bis auf wenige beraubt und getötet, die Frauen entführt. Hierbei soll, wie mir glaubwürdig mitgeteilt wurde, türkisches Militär bzw. Gendarmen beteiligt gewesen sein.

Zu Beginn des Juni wurde aus Erzerum die erste Gruppe der armenischen Notabeln ausgewiesen mit einer Frist von 14 Tagen. Zirka 500 Personen verließen am 16. Juni Erzerum und zogen durch das Gebirge über Kharput nach Urfa. Von diesen sind laut Mitteilung der Regierung unterwegs 14 Personen ermordet worden, nach mir zugegangenen privaten Informationen fast alle Männer. Die zweite Gruppe, ca. 3000 Personen, verließ am 19. und 20. Erzerum. Bei Baiburt wurde ein Teil von ihnen, besonders Männer, abgetrennt, über deren Verbleib ich nichts ermitteln konnte. Sie dürften wahrscheinlich ermordet worden sein. Die übrigen gelangten unbelästigt nach Erzindjan, wo sie bis zur Sicherung der Wege verblieben. Die dritte Gruppe Ausgewiesener, zirka noch 300 Familien, verließen am 26. Juni Erzerum. Sie gelangten in guter Ordnung und unbelästigt bis nach Erzindjan. Die vierte Gruppe, hauptsächlich aus Handwerkerfamilien bestehend, die zuerst von der Regierung Aufenthaltsscheine erhalten hatten, welche ihnen später auf Befehl des Armee-Oberkommandos entzogen wurden, kamen gleichfalls gut über Baiburt nach Erzindjan. Es waren somit bis zum 15. Juli fast alle Armenier aus Erzerum ausgewiesen worden. Die wenigen dort noch verbliebenen hatten auf Grund besonderer Verhältnisse, wie Unabkömmlichkeit, Krankheit u. dgl. spezielle Aufenthaltsscheine von der Regierung erhalten. Während meiner und des Walis Abwesenheit von Erzerum wurden ihnen diese Aufenthaltsscheine auf Befehl des Armee-Oberkommandierenden plötzlich entzogen. Sie mußten Erzerum in kürzester Zeit verlassen, und viele von ihnen konnten sich nicht einmal mit dem Notwendigsten für die Reise versehen. Diese letzte Gruppe ist bei Aschkalé und Baiburt teilweise ausgeplündert worden. Zu derselben gehörten auch die armenischen Ärzte und Apotheker, von denen ein Teil, angeblich auf kriegsgerichtliches Urteil, bei Baiburt erschossen wurde. Die zweite, dritte und vierte Gruppe sind, wie schon erwähnt, mit einigen Ausnahmen gut in Erzindjan angekommen und bleiben dort bis Anfang August im Zeltlager. Bei meiner Anwesenheit in Erzindjan habe ich mich persönlich davon überzeugt, daß es ihnen nach Maßgabe der Umstände gut ging. Anfang August wurden sie nach Urfa weiter geschickt und sollen die berüchtigte Schlucht von Kemach gut passiert haben. Wie viele von ihnen lebend und gesund an ihrem Bestimmungsort anlangen werden, lasse ich dahingestellt.

Was die aus den benachbarten Wilajets vertriebenen Armenier anbelangt, so soll die Anzahl der Umgekommenen dort eine weit größere sein. So haben z. B. in der Ebene von Khinis große Armeniermassaker stattgefunden und sollen im Wilajet Trapezunt fast alle Männer umgebracht worden sein. Tatsächlich habe ich bei meiner Anwesenheit in Erzindjan bei den dort durchziehenden Armeniern aus dem Wilajet Trapezunt gar keine Männer bemerkt. Auch die Form der Ausweisung war eine weit schroffere; so wurde z. B. in Trapezunt den Armeniern nur einige Stunden Zeit gegeben und ihnen verboten, etwas von ihren Sachen zu verkaufen. Auch erhielten sie keinerlei Transportmittel von der Regierung, so daß die meisten zu Fuß gehen mußten. In ähnlich schroffer Form wurde gegen die Armenier in Siwas vorgegangen.

Was nun meine Haltung bei der ganzen Frage anbetrifft, so habe ich mich von folgenden Gesichtspunkten leiten lassen:

Es war mir bekannt, und entsprach auch den mir von Euerer Excellenz gewordenen Instruktionen daß wir ein Recht zum Eintreten für die von der Ausweisung betroffenen, unschuldigen Armenier nicht besitzen, auch sonst keinerlei Schutzrecht über sie ausüben.

Meine Verwendung für die Armenier, welche sich der Regierung gegenüber nichts zuschulden hatten kommen lassen, konnte und mußte sich daher nur darauf beschränken, daß ich für Schutz ihres Lebens und Eigentums, gegen Vergewaltigungen, und dafür eintrat, daß die durch die militärische Notwendigkeit begründete Aussiedelung in möglichst humaner Weise vor sich gehe. In diesem Sinne bin ich auch bei Beginn der Aussiedelung sowohl bei der Zivilverwaltung als auch beim Armee-Oberkommando vorstellig geworden. Ich habe dabei meine Einwirkung instruktionsgemäß in den Grenzen eines freundschaftlichen Rats gehalten und jeglichen amtlichen Charakter vermieden. Nach Bekanntwerden der ersten großen Massaker bei Kemach, Khinis, Terdjan habe ich gemäß der mir auf meinen diesbezüglichen Bericht an Euere Exzellenz erteilten Instruktion dem Wali in freundlicher aber sehr eindringlicher Form Vorstellungen gemacht. Ich habe dabei betont, daß solche schmachvollen Vorgänge geeignet sind, das Ansehen der Türkei im neutralen Auslande und bei ihren Freunden zu schädigen. Weiterhin betonte ich, daß solche Vorgänge leicht Grund zu erneuter fremder Einmischung in die armenischen Angelegenheiten geben und die Stellung der Türkei bei künftigen Friedensverhandlungen unnütz erschweren könnten. Außerdem wies ich noch eindringlich darauf hin, in welch unangenehme Lage unsere Regierung durch diese Vorfalle versetzt wird, und daß wir darum energisch darauf dringen müssen, daß eine Wiederholung derselben durch die verantwortlichen Regierungsorgane auf jeden Fall vermieden wird. Der Wali gab ohne weiteres zu, daß meine Ausführung berechtigt, wies aber seinerseits darauf hin, daß die Verantwortung nicht ihn, sondern das Armee-Oberkommando treffe, unter dessen Befehl er stehe. Dasselbe habe trotz der ihm bekannten Unsicherheit der Wege die Aussiedelung der Armenier befohlen, ohne genügenden Schutz für dieselben zu gewähren. Im übrigen versprach der Wali sein möglichstes zu tun zur Verhinderung von Wiederholungen. Tatsächlich ist er auch bemüht gewesen, für den Schutz der Vertriebenen, soweit ihm das bei den entgegengesetzten Absichten des Komitees und anderer maßgebender Persönlichkeiten möglich war, zu sorgen. Um dem Widerstand, den er bei seinen diesbezüglichen Bestrebungen beim Armee-Oberkommando sowohl wie beim Komitee fand, zu begegnen, reichten aber weder sein Einfluß noch seine Energie aus. Im allgemeinen sind die Bewohner Erzerums jedoch bei ihrer Aussiedelung weit besser behandelt worden als die anderer Städte. Dem Entgegenkommen des Wali und meinen Bemühungen zufolge wurden ihnen folgende Erleichterungen gewährt:

1. Die meisten erhielten eine Frist von 14 Tagen zu Reisevorbereitungen.

2. Es wurde ihnen gestattet, ihre Sachen mitzunehmen oder zu verkaufen.

3. Ein Teil der Kaufleute und Notabeln hatte die Möglichkeit, ihre Waren, Sachen und Kostbarkeiten der Ottomanbank zur Aufbewahrung in der armenischen Kirche zu geben.

4. Die Regierung stellte vielen mittellosen Familien Ochsenkarren unentgeltlich zur Verfügung.

5. Diejenigen Männer, deren Familien ohne weiteren männlichen Schutz waren, wurden aus den Arbeiterbataillonen entlassen und durften ihre Familie begleiten.

Eine weitere humane Anordnung der Zivilverwaltung, daß Kranke, alleinstehende Frauen und Kinder in Erzerum bleiben sollten, wurde durch Befehl der Militärbehörde bzw. auf Betreiben des Komitees aufgehoben.

Es ist tief bedauerlich, daß infolge der von der Militärbehörde geduldeten Haltung des Komitees und seiner dunklen Hintermänner die militärisch und politisch in mancher Hinsicht vielleicht zu begründende Maßnahme der Aussiedelung der Armenier aus den Grenzgebieten in einen Rache-, Vernichtungs- und Raubfeldzug gegen sie umgewandelt wurde. Von vernünftig denkenden weiten Kreisen der türkischen Bevölkerung, besonders von den Grundbesitzern, wird diese Ausrottungspolitik auch nicht gebilligt.

Diese Kreise, die mit den Armeniern zusammengearbeitet haben und gut mit ihnen ausgekommen sind, erkennen die grosse wirtschaftliche und politische Gefahr dieses neue "Systems der Lösung der Armenier-Frage". Ich bin auch mehrfach bei meinen Fahrten durch das Land von Grossgrundbesitzern, deren Gast ich war, gefragt worden, warum denn die deutsche Regierung die türkische zu einem solchen Vorgehen gegen die Armenier veranlasst habe. Einer der Fragesteller, ein sehr angesehener und einflussreicher Bey, fügte hinzu, es habe wohl früher Armenier-Massaker gegeben, aber diese hätten sich meist auf Kämpfe der Männer beschränkt, jetzt morde man entgegen den Vorschriften des Korans zu Tausenden unschuldige Frauen und Kinder. Dieses geschehe nicht etwa von in Erregung geratenen Volksmengen, sondern systematisch und auf Befehl der Regierung - "des Komitees", wie er mit Betonung hinzufügte. Hierbei sei bemerkt, daß hier geflissentlich verbreitet wurde, die Aussiedelung geschehe auf Betreiben der deutschen Regierung. In den gebildeten türkischen und armenischen Kreisen erzählte man sich, Prof. Rohrbach hätte bei einem Vortrage beim Kaiser darauf hingewiesen, dass die Armenier ein sehr geeignetes Element zur Besiedelung der völkerarmen von der Bagdad Bahn durchquerten Gegenden Mesopotamiens seien. Daraufhin habe die deutsche Regierung die türkische veranlasst, die Armenier dorthin auszusiedeln. Diesem geschickt ausgesonnenen Geschichtchen bin ich natürlich energisch entgegengetreten, habe aber doch nicht verhindern können, dass dasselbe bei vielen Glauben fand.

Es erscheint mir ferner nicht ausgeschlossen, dass sowohl diese Erzählung wie überhaupt die Behandlung der Armenier-Frage durch das Komitee bei den Gegnern desselben als Agitationsstoff gegen die jetzige Regierung ausgenutzt werden wird. Besonders dürfte diese Agitation dann einsetzen, wenn sich die durch das Fehlen der wertvollen armenischen Arbeitskräfte bedingten wirtschaftlichen Verluste im nächsten Jahr fühlbar machen werden.

Meine Berichte und meine Tätigkeit in der Armenier-Frage zusammenfassend bemerke ich folgendes:

Es würde hier zu weit führen, auf die Ursachen der Armenierunruhen einzugehen und zu untersuchen, ob dieselben durch zweckmäßige Maßregeln und Verhandlungen der Regierung hätten vermieden werden können. Soviel mir bekannt, ist in dieser Hinsicht rechtzeitig nichts geschehen. Es ist ferner selbstverständlich, daß dort, wo auf Betreiben der armenischen Revolutionskomitees [armenischer Revolutionäre] und russischer Emissäre Aufstände stattgefunden haben, mit aller Strenge gegen die Schuldigen vorgegangen wird. Ich hätte sogar viel schärfere rechtzeitige Vorbeugungsmaßregeln der Regierung und der Militärbehörden an bedrohten Punkten erwartet und gewünscht, nicht aber, wie das meist geschehen, nachträgliche Vergeltungsmaßregeln. Für einen allgemein beabsichtigten und vorbereiteten Aufstand der Armenier fehlen jedoch meines Erachtens jegliche Beweise.

So sind z.B. im Vilajet Erserum weder Waffen noch kompromittierende Schriftstücke gefunden worden. Wäre hier ein Aufstand geplant gewesen, so war dafür die günstigste Gelegenheit im Januar, als die Russen 35 km vor Erserum standen und die Garnison Erserums nur aus einigen hundert Mann Gendarmerie bestand, während sich in Erserum in den Arbeiter-Bataillonen allein 3 - 4000 Armenier befanden.

Daß sich eine von ihrer eigenen Regierung unterdrückte und schlecht behandelte, folglich also unzufriedene Grenzbevölkerung anderer Nationalität und anderen Glaubens einem siegreich vordringenden Feinde desselben Glaubens, der sich zudem als Befreier ausgibt und sie mit Versprechungen lockt, anschließt, erscheint mir, wenn auch bedauerlich, so doch natürlich und ist auch auf anderen Kriegsschauplätzen vorgekommen. Ebenso natürlich sind dagegen politische und scharfe militärische Abwehrmaßnahmen. Es erscheint mir aber unnatürlich und einer auf Zivilisation Anspruch erhebenden Regierung unwürdig, wenn dieselbe zuerst keinerlei Maßregeln trifft, um einer vorauszusehenden Erhebung einiger Teile eines mit Recht unzufriedenen Volkes, sei es durch geeignete militärische Vorkehrungen, sei es durch politische Verhandlungen vorzubeugen, sondern eine solche durch ihre Untätigkeit und durch das provokatorische Verhalten ihrer Polizeiorgane und "Tschättäh" (türkische berittenen Freiwilligen) geradezu herausfordert.

Sie hat damit auch weite Kreise ihres eigenen Volkes der Zügellosigkeit der durch Rassenhass und "Vergeltungswahnsinn" erregten Volksmassen preisgegeben. Danach aber benutzt dieselbe Regierung die Gelegenheit, um als Folge und als Strafe der durch ihre eigene Untätigkeit absichtlich oder unabsichtlich hervorgerufenen Bewegung ein ganzes Volk kulturell und wirtschaftlich zu vernichten und auszurotten.

Dass diese Ausrottung möglich, dass sich, wie das hier geschehen, Zehntausende von Armeniern ohne Gegenwehr von einer kleinen Anzahl Kurden und Freischärlern abschlachten lassen, ist wohl auch ein Beweis dafür, wie wenig kampffroh und revolutionär dieses Volk gesinnt ist. Die Armenier, besonders die Stadtbewohner, diese "Juden des Ostens", sind wohl gerissene Handelsleute, und kurzsichtige Politiker, aber in ihrer Mehrzahl und soweit ich sie kennen gelernt, keine aktiven Revolutionäre. Wären sie es und hätten sie Waffen besessen, dann dürften sie sich auch, als in der Ueberzahl befindlich und da der Tod ihnen ja auf jeden Fall sicher, der Aussiedelung gewaltsam widersetzt haben. Dies ist aber nur an wenigen Stellen - wohl den Sitzen der Revolutionskomitees - geschehen. Überall sonst verlief die Aussiedelung ohne jeden Zwischenfall und haben sie sich dann später mit Gottergebenheit abschlachten lassen. Die Furchtsamkeit der türkischen Armenier dürfte vielleicht nur noch durch die Angst der Türken vor ihnen übertroffen werden.

Auf Grund dieser Erwägungen und in Anbetracht der ganzen Sachlage hielt ich es als Vertreter der deutschen Regierung für meine Pflicht, dem Vorgehen der Regierung gegen die Armenier und den gegen sie getroffenen Maßnahmen nicht stillschweigend zuzusehen, sondern da wir einerseits diese Maßnahmen nicht hindern können, andererseits aber nach Lage der Dinge doch eine moralische Verantwortung dafür werden übernehmen müssen, wenigstens auf eine möglichst milde Form der Ausführung hinzuarbeiten. Ich habe die Unbequemlichkeiten ja Gefahren, die mit meiner Haltung bisweilen für mich verknüpft waren, auch deshalb gern auf mich genommen, weil ich annahm, daß es meiner Regierung späterhin nur angenehm sein dürfte, zu wissen und bekannt geben zu können, daß ihr hiesiger Vertreter mit allen ihm zu Gebote stehenden gesetzlichen Mitteln für eine humane und rechtmäßige Behandlung unschuldig Leidender eingetreten ist.

Bei diesen meinen Bestrebungen bin ich von vernünftig denkenden Türken aus Regierungs- und Militärkreisen unterstützt worden, soweit dieselben davon nicht durch die Furcht vor dem Komitee zurückgehalten wurden. In dem Ortskomitee wiederum war es eine kleine Gruppe ziemlich minderwertiger, aber die anderen terrorisierenden Individuen, die, durch persönliches Interesse und Habgier veranlaßt, einen Vernichtungsfeldzug gegen die Armenier predigte. Dies waren übrigens dieselben Leute, die durch ihr beispiellos brutales Vorgehen in den von den Türken vorübergehend eroberten Gebieten, wie Ardanuß, Ardahan, Olti usw. die türkische Sache bei den muselmanischen Bewohnern Rußlands auf lange, wenn nicht auf immer hinaus schädigten.

Von diesen Leuten ist der Begriff "Heiliger Krieg" zu einem Deckmantel für Raub und Plünderung herabgewürdigt worden, und haben sie es erreicht, dass die muselmanischen Grenzbewohner Russlands vor Nichts mehr Angst haben, als vor türkischen "Befreiern". Leider ist der Einfluß dieser dunklen Komitee-Hintermänner, die außerdem durchaus deutschfeindlich sind, stärker als man im allgemeinen anzunehmen geneigt ist. Diesen Einfluß erhalten sie sich schon durch ihr Terrorisierungssystem und kann derselbe meines Erachtens nur durch sehr energisches Auftreten gegen sie gebrochen werden. Ein Überhandnehmen des Einflusses und der "Regierungsmethoden" dieser Leute bedeutet eine Gefahr nicht nur für die Türken, sondern auch für uns, ihre Bundesgenossen. Denn die Art der Behandlung der Armenierfrage hat deutlich gezeigt, welches gefährliche Instrument die Regierungsgewalt in der Hand keine Verantwortung tragender und nur persönliches Interesse kennender Leute ist.

Ich erlaube mir diesem Bericht ergebenst folgende Anlagen beizufügen:

1) einen Bericht über die Erlebnisse eines dem Massaker bei Terdschan entronnenen Bauern. Diesen Mann habe ich am selben Tage dem Wali vorgeführt, der durch ihn zuerst nähere Mitteilungen über die Vorgänge bei Terdschan erhielt. Der betreffende Kaimakan ist vom Wali daraufhin abgesetzt worden.

2) Bericht über das vom Kriegsfreiwilligen Karl Schlimme auf seinem Ritt nach Trapezunt Gesehene.

3) Schreiben des armenischen Bischofs von Erserum an das Konsulat.

4) u. 5) Schreiben des armenischen katholischen Bischofs an das Konsulat.

Ich hoffe, dass sowohl Euere Excellenz wie das Auswärtige Amt mit meiner Haltung in dieser überaus schwierigen Angelegenheit, die mir viel schwere Stunden bereitet, einverstanden sein werden. Ich hoffe ferner, dass es mir auch gelungen ist, die hiesigen massgebenden türkischen Kreise von der Freundschaftlichkeit meiner Ratschläge in der Armenier-Frage zu überzeugen - umsomehr, als ich trotz sachlicher Differenzen persönlich mit denselben durchaus gute Beziehungen unterhalten habe.


von Scheubner-Richter.
Anlage 1

Am 23. Juni 1915 erschien im hiesigen Konsulat der armenische Bauer Garabeth, Hadji Oglu Georgian, aus dem Dorfe Irdazur, 55 Jahre alt. Dieser Bauer lieferte vor der Aussiedelung der Armenier für das hiesige Konsulat Eier und andere Produkte und war beim Massaker in der Gegend von Mamachatun durch einen Schuss an der linken Hand verwundet worden. Es war ihm gelungen, zu entfliehen und bis in das Konsulat zu kommen. Er berichtete über seine Erlebnisse Folgendes:

Wir waren 13 Dörfer aus der Passin und Erserumer Ebene, ungefähr 6 -700 Karren, 9 -10000 Personen. Aus der Passiner Ebene war unter anderem das Dorf Padischvan, aus der Erserumer Ebene die Dörfer Umudum, Schipen, Kieselkilisse, Erginis, Chamschkavank, Kirsinkos, Irdarzur. Wir marschierten über Jenikoi nach Mamachatun und kamen gut bis zur Euphrat Brücke. Von Mamachatun begleitete uns der Kaimakan mit 10 Gendarmen zu Fuss und 20 Freischärlern und Gendarmen zu Pferde. Nachdem wir den Euphrat überschritten hatten, kamen wir ins Tschividäh Gebirge, wo wir in einem engen Pass plötzlich von allen Seiten Feuer erhielten, gab der Kaimakan Befehl umzukehren. Das geschah. Als wir den Tschividäh Berg wieder hinaufzogen, brachen aus den Büschen Kurden hervor, die sich auf uns stürzten. Alles floh nach allen Seiten, selbst die Infanteristen liefen mit davon. Unsere Spitze wurde jedoch von einigen Freischärlern verteidigt, sodass sich 100 Karren und der grösste Teil der Leute retten konnten. Wir sammelten uns später beim Dorfe Karkin, wozu wir 1 1/2 Tage gebrauchten. Hier erschien auch wieder der Kaimakan und schlug uns einen anderen Weg vor, und zwar über Kütür Brücke nach Baiburt. Aus Dankbarkeit machten wir eine Sammlung für den Kaimakan und haben ihm ungefähr 200 Ltq. gegeben. Als wir zur Brücke gekommen waren, wollte der grösste Teil nicht weiter. Der Kaimakan und die Freischärler überredeten aber die Leute, weiter nach Päräz zu ziehen. Nachdem wir hier übernachtet hatten, wanderten wir am folgenden Morgen weiter und gelangten zu Mittag zum Euphrat. Hier lagerten wir und waren gerade beim Essen, als wir von Kurden[unleserlich] zu Fuss umzingelt und überfallen wurden. Alles flüchtete, ein Teil rettete sich über den Fluss, unter denen auch ich mich befand. In meiner Nähe fielen drei Leute, zwei waren erschossen und dem dritten mit einem Dolch der Bauch aufgeschlitzt worden, sodass die Eingeweide heraushingen. Viele von uns ertranken im Fluss. Wir die wir uns gerettet hatten, begaben uns zurück nach Päräz, wo wir uns in der Kirche sammelten. Keinen einzigen Karren hatten wir mitnehmen können, nur unser nacktes Leben hatten wir retten können. Die Nacht in Päräz verlief ruhig. Am Morgen erschienen die Freischärler und forderten uns auf, uns auf der Tenne zu sammeln. Kaum waren wir dort als sie auch schon auf uns schossen. Ein Teil rettete sich nach dem Fluss hin, der andere zurück in die Kirche von Päräz. Darauf sammelte man abermals alle Armenier, trennte die Frauen ab und schloss sie in einer Scheune ein. Auf die Männer wurde dann weiter geschossen. Die Leute, die nach dem Fluss gelaufen waren, retteten sich nach Mamachatun. Bei dem Massaker waren auch Kurden beteiligt, aber keine Dersiner Kurden. In Mamachatun erschienen auch später Frauen, die erzählten, dass ihnen alles geraubt worden wäre, auch Kleider. Viele von ihnen seinen umgekommen und viele entführt. Die, die in Päräz nicht ausgeplündert worden wären, seien unterwegs beraubt worden. Der Kaimakan war nur bis zur Brücke mitgegangen und dann umgekehrt. Hier bei Mamachatun erhielten wir, als wir in der Nähe der Stadt lagerten, 2 Säcke Brot. Am nächsten Tage zwangen uns die Freischärler, nochmals nach Päräz zu gehen. Nicht weit von Mamachatun wurden wir wiederum überfallen, diesmal von Kameltreibern, Emigranten und Freischärlern. Wir liefen auseinander, ein Teil zum Fluss, ein Teil zur Stadt. Ich rettete mich mit noch vier Leuten in ein Tal. 2 1/2 Stunden vom Ueberfallsort sollten wir einen Berg erklimmen und langten gerade auf der Spitze an, als uns der uns verfolgende Freischärler einholte. Er versprach uns seinen Schutz und wollte uns nach dem Dorfe Ardasch bringen. Unterwegs schoss er plötzlich auf meine vier Begleiter und tötete sie. Zuletzt schoss er auch auf mich und traf mich an der linken Hand. Ich fiel zu Boden und blieb liegen. Der Freischärler glaubte mich erschossen zu haben und wandte sich von mir ab. Nachdem ich 1 1/2 Stunden dort gelegen hatte, sah ich, wie die anderen Leichen geplündert wurden. Ich floh und versteckte mich hinter einem Baum. Nachts wanderte ich nur, so habe ich drei Nächte bis hierher gebraucht. In einem kurdischen Dorfe Khon, wo ich rastete, wurde ich zwei Tage gut aufgenommen. So gelang es mir unbemerkt, nach Erserum hineinzukommen, wo ich dann in dem mir bekannten deutschen Konsulat Zuflucht suchte.


[Scheubner-Richter]

[Schliewiensky]

[Solikian als Dolmetscher]

Anlage 2
Erzerum, den 5. August 1915.
Bericht über meine Reise nach Trapezunt.

Am 18. Juni ritt ich von hier im Auftrage von Herrn Vizekonsul von Scheubner nach Trapezunt. Bis Baiburt ritt ich zusammen mit den Mitgliedern der österreichischen Ski-Mission. Die Herren waren vom hiesigen Wali gebeten worden, eine armenische Familie, u. a. die Schwester des hiesigen armenischen Bischofs mitzunehmen, welche einen Passierschein nach Angora erhalten hatten. In Baiburt wurde von uns verlangt, daß wir die Familie herausgeben sollten. Als wir uns weigerten, wurden die Kutscher fortgenommen, so daß wir die Wagen selbst weiter fahren mußten. Dr. Pietschmann bat mich, ihn weiter bis Ersindjan zu begleiten, auch wurden in Baiburt keine Telegramme von uns für das deutsche Konsulat angenommen. Während wir noch verhandelten, bemerkten wir, daß man uns die Armenier gewaltsam entreißen wollte. Wir machten die Gewehre zum Schuß fertig und konnten nur dadurch unbelästigt aus Baiburt hinauskommen. Unterwegs bemerkten wir regelrechte Posten von Komitatschis. Die uns begleitenden Gendarmen weigerten sich, weiter mitzukommen, und machten uns mehrfach den Vorschlag, die Armenier niederzumetzeln. So gelangten wir unter ständiger Erwartung eines Überfalles nach Ersindjan.

Hier wurde uns die armenische Familie durch die Polizei abgenommen und interniert. Wie ich später in Erserum erfuhr, ist Herrn von Scheubner durch die Regierung ein offizieller Bericht des Mutessarifs von Ersindjan zugegangen, in dem mitgeteilt wurde, dass die Zurückhaltung der armenischen Familie in Ersindjan deshalb erfolgte, weil bei ihnen Waffen gefunden worden sind. Ich kann bezeugen, dass die Wagen in meiner Gegenwart durchsucht worden sind, und nichts gefunden worden ist.

Am 26. Juni morgens zog durch Ersindjan ein grosser Trupp Ausgewiesener, der nur aus Frauen und Kindern bestand. Unter ihnen waren Kranke und Hochschwangere, viele Frauen und die meisten Kinder waren halbnackt, sie trugen Bündel Gras mit sich und assen davon, weil sie nichts anderes hatten. Einige bettelten bei mir um Geld für Brot. Als ich ihnen welches gab, wurden sie von Gendarmen geprügelt. Dieser Trupp zog nach der Kemach Schlucht.

Am 27. Juni begegnete ich auf dem Sibikoi-Pass einem anderen Trupp von Frauen und Kindern. auch diese befanden sich in einem trostlosen Zustande und wurden von den Gendarmen wie Tiere behandelt.

In Sibikoi selbst war ein dritter Trupp, welcher dort übernachten sollte. Sie waren auf einem freien Platz im Kreise zusammengepfercht und erlaubten die Gendarmen ihnen nicht einmal, Wasser zu holen.

Kurz vor Trapezunt traf ich am 1. Juli eine Karawane, bestehend aus Männern, Frauen und Kindern. Der Kleidung nach waren es armenische Notabeln, die ihr Bündel selbst trugen, da sie weder Wagen noch Esel hatten. Die Leute aus Trapezunt sind in schrecklicher, grausamer Weise herausgetrieben worden, sie durften nichts verkaufen und nichts mitnehmen.

Auf dem Rückwege von Trapezunt bis Jevislik habe ich mehr als 20 Männerleichen im und beim Wasser liegen sehen. Alle waren bis auf die Haut ausgezogen. Vor Gemischanah und Kopp Han sah ich wieder Leichen. Wie mir von türkischen Landbewohnern mitgeteilt wurde, ist der grösste Teil der Männer aus Trapezunt auf dem Wege bis Gemischanah umgebracht worden. Auch sagten sie, dass viele Frauen vergewaltigt und umgebracht worden sind, besonders von den sie begleitenden Gendarmen.

Hinter Baiburt traf ich eine Karawane aus Erserum, alle auf Karren und Pferden, welche nach Ersindjan zogen. Von meinen Bekannten, die dabei waren, erfuhr ich, dass sie bisher unbelästigt geblieben sind. Nach allem, was ich gesehen habe, kann ich bezeugen, dass die aus Erserum Ausgewiesenen am besten behandelt worden sind.

Ich bin bereit, das oben Gesagte zu beeiden.


Carl Schlimme, Kriegsfreiwilliger.
Anlage 3

Abschrift

Erzeroum, le 22 Mai/4 Juin 1915

A Monsieur le Consul d’Allemagne à Erzeroum.

En prise journalière avec les mille difficultés de l’heure présente, et continuellement en butte à de nouvelles persécutions, il nous arrive la nouvelle sinistre d’évacuer la ville d’Erzeroum de tous ces habitants chrétiens. Devant l’horreur d’une pareille éventualité, je me permets de m’adresser encore à Vous, en attirant Votre attention sur les points essentiels suivants.

1 Les Arméniens de la ville d’Erzeroum, comme d’ailleurs de tout le vilayet, n’ont point donné jusqu’ici au gouvernement turc aucun motif de mécontentement. Ils ont ponctuellement satisfaits, et ils continueront à satisfaire comme pour le passé, à toutes les demandes et exigences du Gouvernement. Le Gouvernement turc ne peut raisonnablement formuler à ce sujet aucun grief contre les Arméniens, et par conséquent ne peut trouver dans un fait antérieur la raison ou l’excuse pour une si grave décision.

2 Si des défaillances individuelles ont pu se produire ailleurs, cela ne peut et ne doit pas servir de prétexte au gouvernement turc de sévir contre les Arméniens de la ville d’Erzeroum.

3 Vous avez été à même, Monsieur le Consul de constater par vous-même que la présence des Arméniens n’a aucunement gêné l’action militaire turque. Ils ont bien au contraire contribué, chaque classe de la société suivant ses ressources, soit à l’équipement des troupes, soit à leur entretien. L’Arménien a toujours été un élément utile même au point de vue exclusif de l’action militaire. Vous êtes j’espère convaincu qu’ils continueront à être cet élément utile sur lequel le gouvernement peut compter le cas échéant.

4 On a pu constater que lors de l’évacuation de la plaine d’Erzeroum il y a eu des cas ou les Arméniens convertis à l’Islam ont pu rester tranquillement dans leurs domiciles. Quel sens peut on donner à cela?

En attirant Votre attention sur ces quatre points, j’aime à croire que vous êtes vous-même convaincu de leur véracité et de leur sincérité. Par conséquent Vous me permettez de vous prier de les transmettre à Son Excellence l’Ambassadeur d’Allemagne à Constantinople. Nous nous mettons sous sa haute et efficace protection, tout en renouvelant à Son Excellence les assurances formelles de nos sentiments de loyauté envers l’Allemagne et de nos sentiments de loyauté envers le gouvernement ottoman.

Je me permets de vous exprimer à cette occasion ma plus profonde gratitude pour la bienveillance que vous avez témoigné toujours envers la communauté arménienne et je vous prie Monsieur le Consul, d’agréer l’assurance de ma considération distinguée.


Évêques arméniens d’Erzeroum.

Anlage 4


Son Excellence

Monsieur von Scheubner-Richter

Consul d’Allemagne à Erzeroum.

Abschrift


Erzeroum le 5 Juin 1915

Monsieur le Consul.

En qualité d’Évêque et de représentant de la communauté Catholique d’Erzeroum nous venons prier Votre Excellence de vouloir bien faire parvenir notre supplique avec hommage très respectueux à Sa Majesté l’Empereur d’Allemagne et si c’est acceptable aussi à Sa Majesté l’Empereur d’Autriche pour qu’Elles daignent intercéder auprès de notre Auguste Souverain Empereur de Turquie Ami et Frère d’Armes de leurs Auguste Majestés.

Nos fidèles d’après leur principe religieux toujours fidèles et obéissants à leur Gouvernement ont toujours joui de la bienveillante protection de leur Augustes Souverains les Sultans. Cependant sans donner aucun prétexte voici qu’ils se trouvent marqués dans la liste d’exil des chrétiens de ces contrées.

Nous venons supplier humblement leurs clémentes Majestés d’intercéder auprès de notre Auguste Souverain pour l’arrêt de cette mesure qui aboutirait à l’anéantissement de leurs moyens d’existence et de leurs vies.

Ces nombreuses et innocentes familles avec enfants vieillards devant aller à des pays fort éloignés, faute de véhicules de sûreté et de nourriture périraient immanquablement.

Nous implorons donc par l’intercession de leurs Augustes Majestés de la clémence de notre Auguste Souverain l’arrêt de cette exode funeste ou du moins facilité sûreté et moyens pour pouvoir se transporter.

Avec hommage respectueux j’ai l’honneur d’être de Votre Excellence

le très humble et obligé serviteur


[Joseph Melchisedechian]

Évêque Catholique d’Erzeroum.

Anlage 5

Abschrift

Erzerum, den 14. Juni 1915

Hochwohlgeborener Herr von Scheubner-Richter

Kais. Konsul des deutschen Reiches!

Hochwohlgeborener Herr!

Mit salziger Thräne erlaube ich mir folgende Zeilen zu schreiben, nach sechstägigen wach gebliebenen Nächten. Die Stunden und Tage erschöpfen sich schon und ist sehr nahe jene Zeit, worin das armenische über zwanzigtausende Volk dieser Stadt (ohne zu rechnen die über dreissigtausende Bewohner der Dörfer) ohne Schuld und bewusst der Sache geht nach Schlachthaus, sich zu verlieren, zu sterben. Im Namen Gottes und im Namen der Humanität - wenn wir im zwanzigsten zivilisierten Jahrhunderte leben, - wage mich an Ihre Güte, Hochwohlgeb. Herr Konsul, von Seite des in Verzweiflung gerathenen Volkes zu wenden, repräsentierend Ihnen ihre Lage und bittend von Ihnen, als von einem gerechten Richter, um jene Hülfe, welche Sie zu diesen gerechten und armseligen Christen leisten fähig sind. Nun Hochwohlgeb. H. Konsul, ich bitte gütigst zu verzeihen, wenn ich die Lage und die Unschuld dieses armseligen Volkes erklärend, Sie belästige.

Das armenische Volk, welches den Befehl bekommen hat von dieser Stadt nach Urfa auszuwandern, besteht aus Kindern, welche von einmonatigen bis dreizehnjährige unmündige Kinder sind, besteht aus mündigen und unmündigen Fräulein, aus Weibern und Witwen, aus über siebzigjährigen Alten und Kranken, und schliesslich, aus Blutarmen und empfangenen Frauen. Diese Auswanderung, wie klar ist, dauert nicht weniger als drei Monate. Wie wird dieses armselige Volk, diese dreimonatige Reise unter Regen und Hitze, machen ohne Geld, ohne Vorräte, ohne Wagen, und mit einem Worte, ohne nöthiges Mittel? In Europa sind wir nicht. Klar ist, dass die gegenwärtige Kriegerische Lage, selbst der nöthigsten Sachen des Lebensmittels das Volk entbehrte. Nun, aus diesem auswandernden Volke, was werden jene Mütter machen, welche bis vier - fünf Kinder haben, als die Kinder unterwegs lallen, Mutter, müd sind wir, Mutter, hungrig sind wir, Mutter krank sind wir, und selbst oft auch, Mutter, durstig sind wir, und werden nicht einmal Wasser finden! Ja, was werden noch die Mütter oder Kinder machen im Falle einer Epidemie, welche sehr wahrscheinlich ist. Die Mütter damals die Kinder, oder die Kinder die Mütter besorgen werden? Ja, was für eine Angst auch für die Frauen und Fräulein wird nicht sein, solang die sogenannten "Cseta" Entführung ihrer Ehre und Güter für immer bedrohen werden. Wird das alles nicht für sie ein Martertod sein? Zwischen diesen tausenden Kindern, mündigen und unmündigen Fräulein und Frauen, wieviele Männer werden sich befinden, welche diesen schwachen Geschöpfen helfen können? Ob fast alle Männer sind nicht im Militärdienste, ob das Volk Schuldig ist? Ob war nicht dieses Volk, welches all sein Besitzthum, sein Geld, sein Kind, sein Blut und alles zum Schutze des Vaterlandes gab und das ist seine Belohnung, nicht wahr? O tempora! Was wird die künftige Geschichte sagen? Ob die Interesse dieses Landes und Reiches protestieren gegen diese Thatsache? Hochwohlgeb. Herr Konsul, wahrscheinlich wird Ihnen hohe Vernunft und gutes Herz auch diese Betrachtungen für gerecht halten? Dieses Volk kommt jetzt als seine letzte Hoffnung und sein letzter Schützer oben einen einzigen allmächtigen Gott und unten Sie allein, Hochwohlg. Herr Konsul. Wenn wir den Fall setzen, dass dieses Volk ein Opfer des Krieges sein wird, erlaube ich mir zu sagen, ob das Volk kein Recht hat in solcher höchsten Not, als Blutsfreund von Ihnen um eine Hülfe zu bitten, solang es ein Bund zwischen ottomanischen und deutschen Reiche giebt? Ist nicht möglich dass Seiner Majestät, der grosse und gerechte Kaiser Wilhelm der Zweite jetzt mit seiner hohen Vermittlung diesen armseligen tausenden Seelen eine Hilfe machen genehmige?

Hochwohlgeborener Herr Konsul, als ich noch in Rom war, habe ich viele schöne Statuen, versehen mit Denkmälern gesehen, welche die Stadt sich zierten. Diese Statuen, wie klar ist, repräsentierten solche Personen, welche unbedingt für die Menschlichkeit mit einer Wohlthat sich berühmt gemacht hatten. Hochwohlgeborener Herr Konsul, Ihr Namen auch wird nicht in der Geschichte dieses armseligen aber auch bewusstlosen und alten Volkes als eine Bildsäule mit unvergesslichen Denkmälern gesetzt bleiben, als Sie diese That der Rettung vollbringen wollen? Obgleich schon die Namen von Sr. Exzellenz Posseldt Pascha, von Hochwohlg. Herr Dr. Schwarz und von Hochwohlgeb. Herr von Scheubner-Richter als "Schutzengel" im Munde dieses Volkes sind, nachdem sie uns von der vorbeigehenden Metzelei einmal retteten. Diese Worte sind keine orientalische Schmeichelei, sondern Wahrheit. Hochwohlg. H. Konsul, die noch in der Wiege befindenden Kinder auch, welche unterwegs reihenweise ihre nackten Leichen über Flur und Berge sich reihen werden, wenn sie gerettet werden, werden später nie aufhören Ihren unvergesslichen Namen zu segnen, Ihnen Sträusse des Lobes und Dankes bindend. Hochwohlg. H. Konsul, weil sechs Tage sind dass die Stimmen dieser unschuldigen Kinder mein Herz sich durchbohrten deswegen habe ich mich gewagt an Ihre Güte als Diener Gottes und Volkes zu wenden, diese Zeilen an Sie tränenbenetzt zu schreiben und von Ihnen eine letzte, aber hoffnungsvolle Hülfe auf das inständigste zu bitten. Vertrauend auf Ihr Wohlwollen nehmen wir unsere Zuflucht zu Ihnen und ersuchen um Gewährung obenerwähnter Bitte.

Mit Hochachtung ergebener dankbarer


[Joseph Melchisedechian]

Evêque Armeno-Catholique d’Erzeroum.


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