1915-08-28-DE-004
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Quelle: DE/PA-AA/BoKon 96/Bl. 191-193
Botschaftsjournal: 10-12/1915/6878
Erste Internetveröffentlichung: 2010 April
Edition: Deportationsbestimmungen
Zustand: A
Letzte Änderung: 03/23/2012


Die Filiale Konstantinopel der Deutschen Bank an die Botschaft Konstantinopel

Schreiben


Konstantinopel, den 28. August 1915.

Der Kaiserlich Deutschen Botschaft zu Konstantinopel gestatten wir uns ergebenst das Folgende zu unterbreiten:

Die Deutsche Bank hat ihre Filiale in Konstantinopel im Jahre 1909 errichtet, um ihre Mitarbeit zur Entwicklung der wirtschaftlichen Kräfte der Türkei bei der nach der Verleihung der Verfassung zu erwartenden freien Entwicklung des Landes zur Verfügung zu stellen. Nachdem die neue Türkische Regierung Gleichheit und Freiheit für alle Bevölkerungselemente verkündet hatte, und da sich der grössere Teil des Handels in Konstantinopel und Klein-Asien in den Händen der armenischen Kaufmannschaft befand, war es selbstverständlich, dass die Deutsche Bank einen sehr grossen Teil der von ihr gewährten Kredite armenischen Firmen zur Verfügung stellte. Dabei ist sie mit der grössten Vorsicht zu Werke gegangen, was schon daraus hervorgeht, dass sie in den schweren Krisen, die der italienischen und der Balkankrieg mit sich brachten, von grösseren Verlusten ganz verschont geblieben ist.

Durch die in der letzten Zeit seitens der Regierung gegen die Armenier getroffenen Massnahmen hat sie dagegen mit sehr grossen Ausfällen und dem Verluste eines Teils ihres in der Türkei arbeitenden Kapitals zu rechnen, ohne dabei die allgemein ungünstigen Folgen in Berücksichtigung zu ziehen, die das Wirtschaftsleben in der Türkei durch das Verschwinden des armenischen Elements notwendigerweise erleiden muss.

Die gesamten Aussenstände der Deutschen Bank Filiale Konstantinopel bei der armenischen Kundschaft beliefen sich am 25. ds. Mts auf insgesamt


Ltq. 216.857.69 wovon

Ltq. 32893.13 ungedeckte Kredit (Blanco-Kredite),

Ltq. 108.046.80 Vorschüsse auf Wechsel mit grösstenteils armenischen Unterschriften,

Ltq. 43.815.95 Vorschüsse auf Wertpapiere, bei deren ev. Verkauf nach Beendigung des Krieges infolge der veränderten Börsenlage mit mancherlei Ausfällen zu rechnen ist,

Ltq. 32.083.81 Vorschüsse auf Waren, bei denen es sich noch nicht übersehen lässt, ob Verluste eintreten werden oder nicht.

In diesem Gesamtbetrage von Ltq. 216857.69 befinden sich Forderungen in Höhe von


Ltq. 17.983.85

gegen hiesige Schuldner, die, soweit uns bis jetzt bekannt geworden ist, deportiert bzw. gestorben sind. Dagegen sind nicht einbegriffen unsere sehr beträchtlichen Forderungen an Kunden nicht armenischer Nationalität, die infolge der ihnen bei den Armenier drohenden Ausfälle zahlungsunfähig werden können.

Die Kaiserliche Botschaft wird aus Vorstehendem ersehen, dass uns sehr bedeutende Verluste drohen, welche weder auf ein Verschulden der Bank noch der die Kredite in Anspruch nehmenden Kundschaft noch auf die allgemeine Kriegslage zurückzuführen sind, sondern lediglich auf die administrativen Massnahmen der Osmanischen Regierung, über deren Berechtigung und Zweckmässigkeit wir uns selbstverständlich jedes Urteils enthalten.

In Wahrung der uns anvertrauten Interessen unserer Bank und ihrer Aktionäre halten wir es für unsere Pflicht, die Kaiserliche Botschaft hiervon zu benachrichtigen und sie zu bitten, diese Interessen gegenüber den Osmanischen Behörden in der ihr richtig erscheinenden Weise wahrnehmen zu wollen und insbesondere die Türkische Regierung für jeden uns ev. Erwachsenden Schaden verantwortlich zu machen.

Mit der Versicherung unseres verbindlichsten Dankes und dem Ausdruck unserer ausgezeichneten Hochachtung


Direktion der
Deutschen Bank Filiale Konstantinopel
[Unterschriften]
[Anmerkung Mordtmann 17.9.]

ich habe Herrn Dir. Kaufmann am 16. d.Mts. von der Überreichung unserer Note Vblel vom 13. d.Mts mündlich Mitteilung gemacht.



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