1915-10-25-DE-011
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Quelle: DE/PA-AA/BoKon/171
Botschaftsjournal: A53a/1915/6437
Erste Internetveröffentlichung: 2000 März
Edition: Genozid 1915/16
Laufende Botschafts/Konsulats-Nummer: No. 2351
Zustand: A
Letzte Änderung: 03/23/2012


Der Konsul in Aleppo (Rößler) an den Botschafter in Konstantinopel (Wangenheim)

Bericht



No. 2351
Aleppo, den 25. Oktober 1915

Euerer Exzellenz beehre ich mich auf die in der "Westminster Gazette'' gegen mich erhobenen Beschuldigungen, ich hätte die türkische Bewegung gegen die Armenier geleitet und ermutigt, in der Anlage mit dem Anheimstellen geeignet scheinender Verwendung zwei Briefe zu überreichen, welche dartun, wie die amerikanische Mission in Marasch über meine Wirksamkeit in dieser Stadt aus Anlass meiner Dienstreise vom 28. März bis 10. April d.J. gedacht hat. Der erste dieser Briefe ist an den deutschen Missionar Herrn Blank gerichtet. Die Ortsangabe Marasch fehlt darin. Die Abkürzung "Mar." ist als March (März) zu lesen. Der Verfasser E. C. Woodley ist englischer Staatsangehöriger (Kanadier) und befindet sich noch jetzt an der Spitze der amerikanischen Mission in Marasch. Der zweite Brief ist vom Vorstand der Mission, an erster Stelle wieder von Herrn Woodley an mich selbst gerichtet und drückt mir den Wunsch aus, dahin zu wirken, dass Herr Blank zum deutschen Konsularagenten in Marasch ernannt werde. Offenbar in der Ueberzeugung, dass damit auch den amerikanischen Missionsinteressen gedient sein würde. Es hätte nicht geschehen können, wenn die Amerikaner und in erster Linie Mr. Woodley nicht volles Vertrauen zu meinen Bestrebungen, mildernd zu wirken und unnötiges Unheil abzuwenden, gehabt hätten. Ein Beweis auch für die Stärke der europäischen Kulturgemeinschaft, deren Empfindung unter den besonderen Verhältnissen von Marasch trotz des Weltkrieges sich geltend machte. Beide Aeusserungen der Mission sind spontan erfolgt und in keiner Weise von mir hervorgerufen worden. Ich bedurfte solcher Aeusserungen nicht und konnte nicht voraussehen, dass sie von mir einst noch zur Abwehr feindlicher Verleumdungen gebraucht werden könnten. Wenn die Missionare nicht die Ernennung eines Konsularagenten ihrer eigenen Nationalität herbeizuführen bestrebt waren, so geschah es, weil sie eine prinzipielle Entscheidung der amerikanischen Regierung kannten, nicht einen Missionar zum Konsularagenten zu ernennen.

Je eine der Abschriften ist vom hiesigen amerikanischen Konsul beglaubigt. Je zwei weitere Abschriften sind gehorsamst beigefügt. Desgleichen ein Durchschlag des gegenwärtigen Berichtes.

Ueber die Entstehung der Verleumdung vermag ich nur Vermutungen zu äussern. Folgendes gibt vielleicht einen Anhalt;

Als ich auf der Rückkehr von Marasch am 8. April spät abends in Aintab ankam, erfuhr ich, dass der General Fakhri Pascha und in seiner Begleitung der deutsche Major Graf Wolffskeel in der Stadt seien, um nach Marasch, Zeitun und anderwärts auf Inspektionsreise zu gehen. Graf Wolfskeel war mein Zimmernachbar, während Fakhri Pascha in einem Hause gegenüber wohnte. Unter diesen Umständen hielt ich es für meine Pflicht, Fakhri Pascha einen Höflichkeitsbesuch abzustatten, wollte ihm auch Gelegenheit geben, mit mir über Marasch zu sprechen, falls er Wert darauf legen sollte. Ich verschob daher meine auf 6 Uhr morgens geplante Weiterreise auf 9 Uhr morgens und war um 8 Uhr bei ihm. Der Besuch blieb ein Höflichkeitsbesuch. Armenier von Aintab aber und mit ihnen dortige amerikanische Missionare mögen den Schluss gezogen haben, dass die Begegnung beabsichtigt war und die Besprechung die armenische Frage zum Gegenstand hatte. Auch die Tatsache dass Graf Wolffskeel den General Fakhri Pascha begleitete, wird die Vermutung genährt haben, dass die Türkei unter deutschem Rat und Einfluss handelte. Ich darf hinzufügen, dass Graf Wolffskeel auch bei den militärischen Massnahmen gegen die Aufständischen bei Suediye Ende September Fakhri Pascha begleitet hat. Euer Exzellenz hoher Erwägung stelle ich daher gehorsamst anheim, ob es zweckmässig ist, dass ein deutscher Offizier an einer Expedition gegen einen inneren türkischen Feind teilnimmt.

Einige Wochen nach meiner Rückkehr von Marasch traf auf der Reise nach Konstantinopel der Vorsteher der amerikanischen Mission in Aintab Dr. Shepard hier ein und erzählte mir u.a. folgende Geschichte: Ein Zug verbannter Armenier wurde an Aintab vorbeigeführt, ohne die Stadt betreten zu dürfen. Eine amerikanische Missionarin ging hinaus, um Brot unter ihnen zu verteilen und hatte um möglichst unauffällig zu sein, die Tracht einer Eingeborenen angelegt. Noch ehe die Verbannten sich gesättigt hatten, wurden sie von einem Gendarmerieoffizier mit der Peitsche vorwärts getrieben, wobei die Amerikanerin beinahe auch etwas abbekommen hätte. Dieser Gendarmerieoffizier habe wie ein Deutscher ausgesehen und sei ein Deutscher gewesen.

Ich erwiederte Herrn Dr. Shepard, dass abgesehen von allen anderen Erwägungen, wie der Unverträglichkeit einer solchen Handlungsweise mit der Ehre eines deutschen Offiziers, es meines Wissens in der ganzen Türkei, bestimmt aber im Wilayet Aleppo und den umliegenden Wilayets keinen deutschen Gendarmerieoffizier gäbe. Als er dann meinte, es könne auch ein Armeeoffizier gewesen sein, erwiederte ich, dass sich kein deutscher Offizier zu Polizeidiensten wie der Begleitung armenischer Verbannter würde abkommandieren lassen.

Hier werden möglicherweise die "amerikanischen Augenzeugen" zu suchen sein, von denen im Oberhause gesprochen worden ist. Daraus, dass die Quelle der Verleumdung in Aintab zu suchen sein wird, erklärt sich auch der englische Irrtum, dass von einem deutschen Konsul aus Aintab gesprochen wird.

Euerer Exzellenz stelle ich gehorsamst anheim, eine Benennung und Vernehmung der "amerikanischen Augenzeugen" wenn möglich herbeiführen lassen zu wollen.


Rößler

Abschriftlich nebst 2 Originalanlagen

Seiner Exzellenz dem Reichskanzler Herrn von Bethmann Hollweg gehorsamst vorgelegt.


Pera, den 9. November 1915

Neurath.

Anlage 1

Le Matin

Les Allemands Assassins.


Londres, 30 Septembre. On mande du Caire au Times:

"Plusieurs consuls allemands ont dirigé ou encouragé les massacres des Arméniens.

"On cite notamment M. Roessler, consul à Alep, qui s'est rendu a Aintab pour diriger en personne des massacres, et le fameux baron Oppenheim, qui a donné l'idée de transporter les femmes et les enfants appartenant aux nations alliées à Ourfa, sachant bien que ces malheureux ne pourraient éviter d'y voir les actes barbares commis par les troupes dans les rues mêmes de la ville qui sont littéralement inondées de sang." (Havas.)


Anlage 2

30 amsterdam 4078/166/164 7/10 8,44

Abdruck für A.A./Original ist angehalten.

wie reuter meldet beschaeftigte sich gestern englische oberhaus mit angeblich boeser lage armenier lord cromer sagte dass nicht weniger als 800000 getoetet seien obschon er keine direkten beweise fuer deutschlands mitschuld habe sei es doch infolge grossen einflusses auf tuerkei zweifellos dafuer verantwortlich lord crewe erklaerte dass es nuetzlich sei wenn tatsachen ganzen welt bekanntgegeben werden soweit diese amtlich bestaetigt seien und hinzufuegte dass regierung keine amtliche bestaetigung von deutschlands mitschuld erhalten koennte dass aber deutsche konsularbeamte in kleinasien nicht nur zugesehen sondern zu diesen greueltaten kraeftig aufgemuntert haben sei aus berichten amerikanischer Augenzeugen ersichtlich und aus dem was deutsche an anderen stellen getan haben sei es nicht unwahrscheinlich dass ihre mitschuld auch hier in frage kommt lord crewe der vorsitzende des ausschusses ist der untersuchung dieser angeblichen greuel leitet gab dann noch einige greueltaten zum besten so wurden zum beispiel in trapezunt gesamte bevoelkerung armenischer abstammung in booten auf see gefuehrt und versoffen dass gesamtzahl opfer 800000 betrage sei ihm sehr wahrscheinlich


schweriner

Anlage 3

March 31st 1915.

Dear Herr Blank,

Let me congratulate your Consul, through you on the success thus far since coming to Marash. There is a distinct improvement in the general condition, which we are very ready to attribute to his influence. We hope he will be able to remain here long enough to secure that any pledges given to him will be faithfully carried out. Kindly express our gratitude to him.

With kind regards


Yours cordially
E. C. Woodley.

Anlage 4

Marash, April. 2nd 1915.

Mr. Roessler, Consul of the Imperial German Government at Aleppo

American Mission. Marash.

Sir,

We desire to express our sense of the value of your present visit to Marash and that its results may be permanently secured, venture to approach you with the hereafter mentioned request.

It is unnecessary for us to set forth here the critical state of affairs in Marash, in recent weeks, inasmuch as you are fully acquainted with it. We rejoice that your influence has already made itself felt for good. Our fear, however, is that, when the restraint of your official presence is removed, the former conditions will return. We feel very strongly that there should be some official representative or representatives of Foreign Powers in Marash, at least until a more normal state obtains.

No one knows the situation here better than Mr. Karl Blank, and in view of this fact, we desire to prefer the following request.

As members of the American Mission we would unitedly request you to use your influence to secure the appointment of Mr. Blank as an official representative in Marash, of the Imperial German Government, promising to support him in every way possible in any action he may take for the safeguarding of all the interests of the various communities here.

Trusting that this request may meet with your approval, and expressing again our gratitude for what you have already done to secure better conditions here we remain


Yours respectfully
The American Mission in Marash
signed E. C. Woodley, Chairman
James K. Lyman, Vice Chairman
Kate E. Ainslie, Secretary.

Anlage 5

Central Turley College

Aintab, Turkey-in-Asia.


Aleppo, December 9, 1915.
Hon. Walter Roessler, Imperial German Consul, Aleppo.

Sir,

Replying to your note of the 4 th inst, I have the honor to state that no disturbances have occurred in Aintab.


Respectfully

J. E. Merrill.



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