1917-04-19-DE-001
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Quelle: DE/PA-AA/BoKon/174
Botschaftsjournal: A53a/1917/1184
Erste Internetveröffentlichung: 2003 April
Edition: Genozid 1915/16
Zustand: A
Letzte Änderung: 03/23/2012


Der Leiter der Zentralstelle für Auslandsdienst (Jäckh) an den Botschafter in außerordentlicher Mission in Konstantinopel (Kühlmann)

Schreiben



19. April 1917
Euer Excellenz

1) anbei ein „Armenier-Brief”, mit der Bitte um Kenntnisnahme u. gelegentliche Besprechung.

2) Sodann: Talaat bestätigte mir heute, daß mit Amerika heute gebrochen wird.

3) Nazim bitte ich von der Ordensliste zu streichen, da er grundsätzlich nichts annimmt.

4) Endlich: Enver Pascha will als stellvertretender Großvesir bei der Grundsteinlegung einen Hammerschlag thun; türkischerseits wird angenommen u. gewünscht, daß Ew. Excellenz das Gleiche thun.

Ihr ergebener


Jäckh

Anlage
Berlin, den 11. April 1917

Sehr verehrter Herr Professor!

Unter Bezugnahme auf unsere mündliche Unterredung gestatte ich mir, Ihnen folgendes vorzutragen.

Die Lage der deportierten Armenier bewegt uns dauernd aus menschlichen und christlichen Rücksichten. Durch die neuesten Eröffnungen des Großveziers Talaat Pascha haben wir die Überzeugung gewonnen, daß eine Hilfeleistung für die unglücklichen Mitglieder des armenischen Volkes gegenwärtig im Bereiche der Möglichkeit liegt. Die Kriegserklärung der Vereinigten Staaten legt Deutschland noch mehr als vorher die Verpflichtung auf, so weit als möglich den Notleidenden Hülfe zu bringen. Wir sind der Überzeugung, daß dies sowohl im politischen Interesse Deutschlands liegt, das gerade wegen der Vorkommnisse in Armenien besonders stark von seinen Gegnern angegriffen wird, als im wohlverstandenen Interesse des osmanischen Reiches, das bei den großen finanziellen Anforderungen der Kriegszeit kaum in der Lage sein dürfte, von sich aus die gewaltigen Summen, die hier nötig sind, aufzubringen, und dem es willkommen sein müßte, für seine jetzige Stellung zur armenischen Frage unverdächtige Zeugen zu haben. Ich darf hervorheben daß wir bei einer Hülfeleistung an die Armenier dann den gegenwärtigen Zustand im Auge behalten werden und unter den gegenwärtigen Umständen an vergangene Zeiten unsererseits weder schriftlich noch mündlich gedenken werden.

Wir haben uns eine Hülfeleistung in der Form, daß eines unserer Mitglieder unter Begleitung eines Arztes und von Personen, die bereits im Gebiete der Deportierten wohnhaft sind, die Lager bereisen und Geldmittel und Lebensmittel verteilen. In Betracht kommen nach den uns gewordenen Nachrichten hauptsächlich die Lager an beiden Seiten der Bagdadbahn, in denen sich die Deportierten aus dem eigentlichen Armenien befinden. Der Leiter der Unternehmung würde der Unterzeichnete sein müssen – nach längeren Beratungen mit allen in Betracht kommenden Instanzen in Deutschland würde sich eine andere Person für diese Aufgabe nicht finden – und Dr. Andreas Vischer in Basel, schweizerischer Nationalität, der jahrelang in Urfa tätig war und bereit ist, nun hinauszugehen. Der genannte Herr ist mir persönlich bekannt, ich habe im Oktober vor. Js. eingehend mit ihm über die Angelegenheit gesprochen und kann jede Gewähr dafür übernehmen, daß er die Aufgabe genau in dem von mir geschilderten Sinne auffaßt. Wir rechnen außerdem auf die Unterstützung unseres Konsuls Dr. Rößler in Aleppo und des als Organisator sehr geschätzten Herrn Eckart in Urfa.

Unsere Bitte geht nun dahin, Sie wollten gütigst für mich und Herrn Dr. Vischer die Reiseerlaubnis für Konstantinopel, Aleppo und die Weiterreise zu den Deportationslagern bei den maßgebenden Instanzen der türkischen Regierung erwirken. Es wird Ihnen bekannt sein, daß das Deutsche Auswärtige Amt und die Deutsche Botschaft in Konstantinopel unseren Plan warm unterstützen. Wir glauben in der Lage zu sein, über sehr bedeutende Geldmittel für den angegebenen Zweck zu verfügen, die uns von den deutschen und schweizerischen Armenierfreunden, durch Vermittlung der Letzteren noch aus anderen neutralen Ländern, vor allem aber von den Armeniern außerhalb Deutschlands dafür zur Verfügung gestellt werden. Die genaue Summe läßt sich zur Zeit nicht angeben; wir werden uns aber gestatten, sie Ihnen telegraphisch nach Konstantinopel zu melden.

In vorzüglicher Hochachtung mit ergebenstem Gruß ihr


Stier


[Notiz Mordtmann 23.7.]

Die Botschaft ist bereits durch das Ausw. Amt mit der Sache befaßt worden und hat dringend von der Entsendung eines Vertreters der Deutsch-Armenischen Gesellschaft, die die Sache angeregt hatte, abgeraten (Tel. vom 16.3.). Schon damals war gerade Pastor Stier als Vertreter genannt worden; Dr. Vischer hatte sich schon vorher, aus Anlaß einer von Schweizerischen Armenierfreunden geplanten Mission, bereit erklärt nach Mesopotamien zu gehen. Aus letzterer Expedition ist, soweit hier bekannt, Nichts geworden; überdies ist Dr. Vischer wiederholt in den Druckschriften der Schweizerischen Vereinigung mit Namen genannt worden und würde sich schon aus diesem Grunde nicht eignen.

Ob Talaat Pascha seine gelegentlich geäußerte Absicht die armenierfeindliche Politik des früheren Kabinets aufzugeben, durchführen wird, ist nicht so sicher, wie vielfach und auch von Pastor Stier angenommen wird; wenigstens verlautet bisher Nichts von einem greifbaren Resultat, dagegen lassen verschiedene Nachrichten aus dem Innern darauf schließen, daß die Verfolgungen, wenn auch in kleinerem Umfange, andauern.

Einen politischen Nutzen für uns darf man aber kaum von einer deutschen Wohlfahrtsaktion für die Armenier erwarten. Unsere bisherige Tätigkeit in dieser Beziehung bis zum Ausbruch des Krieges hat uns keinerlei nennenswerte Sympathien seitens der Armenier eingetragen; sie sympathisierten von jeher mit verschiedenen Ausnahmen für Frankreich, England, Amerika und Rußland und diese Sympathien sind durch die Ereignisse der letzten Jahre sicher nur noch stärker geworden.

Aber auch vom rein menschlichen Standpunkte aus ist nicht abzusehen, weshalb deutsches Geld und deutsche Wohltätigkeit nicht ausschließlich unsern durch den Krieg betroffenen Landsleuten zu gute kommen und dafür ins Ausland wandern soll.

Wie bereits zu Anfang bemerkt hat die Botschaft von der Entsendung des Pastor Stier dringend abgeraten.

Dies geschah auf Grund der ausführlichen Darlegungen des Konsuls Roessler in Aleppo der mit Recht sich gegen jedes öffentliche Hervortreten der Hilfsaktion aussprach. Eine aus mehreren Personen bestehende Expedition, wie sie von Pastor Stier in Aussicht genommen ist um die einzelnen Deportationszentren aufzusuchen, ist von vorn herein ausgeschlossen.

Das Vordringen der Engländer in Mesopotamien dürfte die Türken in dieser Beziehung noch mißtrauischer gemacht haben; dazu kommt daß die deutsche Mission in der Hauptsache mit amerikanischem Gelde arbeitet. Wir würden also lediglich den Interessen der uns feindseligen Armenier und der Amerikaner, die mit uns im Kriege sind, dienen, ohne auch nur den geringsten Gegendienst dafür erwarten zu können.

Bei der verbündeten türkischen Regierung aber würden wir durch ein Eintreten für diese Amerikanisch-Armenische Hilfsaktion gerade in diesem Augenblick nur Mißstimmung erregen.


[Notiz Kühlmann]


Kanzlei. Diese Darlegung giebt meine Auffassung vollkommen wieder u. bitte H. Prof. Jäckh davon Kenntnis zu geben.

[Notiz Botschaft Konstantinopel]


mit Kanzleinote an H. Jäckh Abschrift übersandt.



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