1915-10-16-DE-001
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Quelle: DE/PA-AA/BoKon/171
Botschaftsjournal: A53a/1915/5946
Erste Internetveröffentlichung: 2003 April
Edition: Genozid 1915/16
Laufende Botschafts/Konsulats-Nummer: No. 2378
Zustand: A
Letzte Änderung: 03/23/2012


Der Botschafter in Konstantinopel (Wangenheim) an das Auswärtige Amt

Telegraphischer Bericht



No. 2378
Pera, den 16. Oktober 1915
Im Anschl. an Tel. 2354.

Im Auswärt. Ministerium erklärte man sich heute zu gewünschtem Dementi bereit und versprach dasselbe für Montag. Habe erneut darauf hingewiesen, daß schleuniges Handeln notwendig sei und gedroht, daß sonst wir dementieren müßten selbst auf die Gefahr hin, die Türken zu verstimmen.


[Wangenheim]

[Aufzeichnung Mordtmann 16.10.]

Angelegenheit Dementi in der Armenischen Frage:


Hatte heute Mittag eine längere Unterredung mit dem Unterstaatssekretär des Ausw. Amtes, Reschad Hikmet bej, der bereits mit der Sache befaßt war, aber anscheinend ohne, daß sie ihm vom Ministerium des Innern besonders dringlich gemacht worden wäre.

Er war vollständig damit einverstanden, daß ein Dementi seitens der Pforte gegeben würde, wollte aber dasselbe an eine ausführlichere Darstellung der Vorgänge, die zur Deportation der Armenier geführt haben, knüpfen.

Ich machte ihn darauf aufmerksam, daß Eile not täte, und daß eine ausführlichere Darstellung auch später noch zurecht käme.

Meine Ausführungen hielten sich im wesentlichen an den Inhalt des Telegrammes des Ausw. Amtes.

Er bat mich Montag, den 18. bei ihm wieder vorzusprechen.

Die Schuld der Verschleppung liegt beim Ministerium des Innern. Als ich zum ersten Male Talaat bej mit der Sache befaßte, schloß ich mit den Worten „wenn die Pforte etwas veranlasse, müßte es schleunig geschehen“ (ager bis ochei japiliesse, ádjilen japilinapi jalim dis).

M.u.E. [Meines untertänigsten Erachtens] empfiehlt sich noch einmal bis Montag zu warten.


[Aufzeichnung Mordtmann 18.10.]

Bevor ich heute den Musteschar der Hardjië sprechen konnte, lies mich der Sekretär Talaat bejs, Hassan Fehmi zu sich bitten. Er äußerte sich dahin, daß nach seiner persönlichen Auffassung ein Dementi wie das von uns angeregte unnötig sei, da eine solche ungeheuerliche Anschuldigung wie die im Englischen Oberhause vorgebrachte, sich selbst als das kennzeichne was sie sei als eine Verleumdung. Hiervon war er nicht abzubringen; zum Schluß übergab er mir die Notice mit Anlage, die ich s.Z. bei Talaat bej gelassen hatte.

Der Musteschar, den ich darauf aufsuchte, war nicht der Meinung von Hassan Fehmi. Er sagte ein vorläufiges Dementi zu, in dem die Gründe für die Zwangsmaßregeln gegen die Armenier kurz angeführt werden und im Anschluß daran die Dementierung unserer angeblichen Einwirkung auf die Armenierverfolgung erfolgen sollte. Eine ausführlichere Darstellung der Armenierverschwörung mit Belegen sei für später in Aussicht genommen.

Aber jenes vorläufige Dementi könne erst in einigen acht Tagen fertig gestellt werden, da einiges Material dafür benötigt werde, das von den verschiedenen Abteilungen des Ministeriums des Innern angefordert sei.

Er lehnte die Entgegennahme der Notice u. Anlage, die ich ihm lassen wollte, ab, da die Angelegenheit ja nur Gegenstand einer „freundschaftlichen Besprechung“ zwischen uns bilde, und keines diplomatischen Schriftverkehrs bedürfe.

Erst nachträglich, d.h. als ich die Pforte verlassen, entdeckte ich unter der Notice nebst Anlage einen auf der Pforte hergestellten Durchschlag dieser beiden Schriftstücke.



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