1915-05-15-DE-012
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Quelle: DE/PA-AA/BoKon/168
Botschaftsjournal: A53a/1915/3224
Erste Internetveröffentlichung: 2000 März
Edition: Genozid 1915/16
Laufende Botschafts/Konsulats-Nummer: Geheim /Nr. 9
Zustand: A
Letzte Änderung: 04/22/2012


Der Verweser in Erzerum (Scheubner-Richter) an den Botschafter in Konstantinopel (Wangenheim)

Bericht



Geheim / Nr. 9

Erserum, den 15. Mai 1915

Euerer Excellenz

erlaubte ich mir bereits in meinen Telegrammen vom 26 u. 29. April, 5 und 8. Mai u. Folg. ueber die Armenierunruhen in Wan und die Erregung im hiesigen Gebiet zu berichten.

Ich halte es fuer angezeigt diesen telegrafischen Berichten Folgendes hinzuzufuegen:

Der äussere Anlass zu den Unruhen in Wan ist, wie ich bereits berichtete, die Verhaftung und Ermordung einiger armenischer Notabeln, insbesondere Ischkhans und des armen. Deputierten von Wan Vramiam gewesen, die sich unter den Armeniern eines grossen Ansehens erfreuten.

Ob dieses Vorkommnis im Einverstaendnis mit den dortigen Behoerden geschehen ist, lasse ich dahingestellt. Jedenfalls musste sich aber die Regierung darueber klar gewesen sein, dass dadurch der letzte Anstoss gegeben wurde, die schon seit langem, besonders aber seit Kriegsausbruch gaerhende Erregung, die nur noch von den Fuehrern niedergehalten werden konnte, zum Ausbruch zu bringen.

Nicht nur in Wan und dessen Umgebung, also den Grenzgebieten gegen Russland, und den hiesigen, durch Requisitionen und Truppenansammlungen besonders in Mitleidenschaft gezogenen armenischen Gebieten, sondern auch in den mehr im Innern gelegenen armenischen Orten machte sich eine starke Unzufriedenheit bemerkbar. An vielen Stellen waren seit langem Waffen angesammelt worden - anfänglich wohl nur zu Zwecken der Selbstverteidigung bei einem eventuellen Massacre, später wohl auch fuer einen bewaffneten Aufstand.

Dass von tuerkischer Seite in der Behandlung der Armenierfrage andauernd Fehler gemacht worden sind, ist Euerer Excellenz ja zur Genuege bekannt, desgleichen, dass diese Fehler von russischer Seite schon lange vor dem Krieg zu einer planmässigen Verhetzung ausgenutzt wurden.

Besonders Wan und das dortige russische Konsulat war von jeher ein Brennpunkt russischer Wuehlarbeit, die um so ungestoerter in's Werk gesetzt werden konnte, als eine, ein Gegengewicht bildende deutsche Vertretung dort nicht vorhanden war. Das junge Konsulat von Erserum konnte, schon infolge der Entfernung, seinen Einfluss nicht in genügendem Maaße dorthin erstrecken - eine Einflussnahme in der jetzigen Zeit, die hier die vollste Aufmerksamkeit erfordert, erscheint ausgeschlossen. Zurzeit ist zudem auch die Verbindung mit Wan unterbrochen.

Waehrend die hiesigen armenischen Kreise infolge der besseren Postverbindung und der Taetigkeit des hiesigen Konsulats (Nachrichtenhalle, Lesesaal, Zeitungsartikel, Anschlaege ueber die Kriegslage) ueber die allgemeine Weltlage und die Misserfolge der Russen auf den europäischen Kriegsschauplaetzen orientiert sind, duerfte diese Orientierung in Wan gefehlt haben. Die dortigen Armenier, die sich den tuerkischen Veroeffentlichungen gegenüber naturgemäss misstrauisch verhalten, schöpfen ihre sonstigen Nachrichten nur aus russischen, keineswegs ungetrübten, Quellen, und erhalten somit, wie so manches andere Volk der Welt, ein völlig falsches Bild der Lage in Europa. Ein Grund mehr, die schon frueher vorhandene Zuneigung zu Russland in einem Aufstand Kund zu tun.

Wie Euerer Excellenz bekannt sahen die Armenier der Tuerkei seit jeher in Russland ihren natürlichen Beschuetzer, und hat Russland ja auch stets dieses Schutzrecht für sich in Anspruch genommen und ausgenutzt. Die Tatsache, dass sich die russischen Armenier, abgesehen von der groesseren Sicherheit ihres Lebens, auch in besseren wirtschaftlichen Verhältnissen befinden, übt auf die grosse Masse gleichfalls eine bedeutende Anziehungskraft aus. Demgegenueber blieb die Erwägung, dass eine stärkere Einflussnahme Russlands die Gefahr der Entnationalisierung mit sich bringen müsste, nur auf die geistigen Fuehrer der Armenier beschränkt. Auch unter den letzteren haben sich zwei Richtungen gebildet: die eine stellt die Bewahrung nationaler Eigenart, die nur in der Türkei moeglich, in den Vordergrund, die andere wirtschaftliche Interessen und religiöse Gemeinschaft mit den Russen.

Der deutsche Einfluss war bisher unter den Armeniern gering. Von Deutschland und den Deutschen wussten nur wenige gebildete Armenier; der grössere Teil der armenischen gebildeten Jugend erhielt seine Ausbildung in französischen Schulen und später in Frankreich und Russland. Unter dem Volk bestanden bei Ausbruch des Krieges sogar Zweifel darüber, ob die Deutschen "Christen" seien, da sie sich mit den Tuerken verbündet haetten. Die Tatsache, dass Deutschland schon Freund der absolutistischen Türkei war, unter deren Herrschaft die Armenier so viel gelitten, erfuellt sie noch jetzt mit Mißtrauen. Die Schuld am Kriege wird gleichfalls dem Einfluss Deutschlands beigemessen und die durch denselben hervorgerufenen wirtschaftlichen Schaeden werden von dem auf Wahrung und Mehrung seines Besitzes stark bedachten Volk besonders unangenehm empfunden. Als merkwürdige, aber auch in anderen Ländern in Erscheinung tretende Tatsache sei ferner bemerkt, dass wir auch unter den in Deutschland oder von deutschen Missionen erzogenen Armeniern wenig Freunde haben. Soweit mir bekannt, machen hierin nur die ehemaligen Zoeglinge der Sanassarian-Schule, die vor einigen Jahren nach Siwas verlegt wurde - in Befuerchtung einer Besitzergreifung von Erserum durch Russland!- eine Ausnahme. Und das auch nur soweit, als sie ihre Hochschulstudien in Deutschland betrieben.

Die allgemeine Stimmung der Armenier den Deutschen gegenüber war somit bei Ausbruch des Krieges wenig freundschaftlich, hat sich aber im Laufe der letzten Monate sichtlich geändert. Dazu mag der deutsche Waffenerfolg auf allen Schlachtfeldern und die Anwesenheit deutscher Offiziere in Erserum ein Teil beigetragen haben. Besonders jedoch machte sich dieser Umschwung bemerkbar, als die hiesigen Armenier gewiss zu sein glaubten, - dass, es war etwa Mitte Maerz, der Ausbruch eines Massacres nur durch die Anwesenheit und Tätigkeit des hiesigen Konsulats verhindert worden sei. Der armenische Bischof sprach denn auch wiederholt General Posseldt und mir seinen Dank fuer den Schutz der Armenier aus.

Zur hiesigen Lage, wie sie sich zur Zeit darbietet, bemerke ich, dass ein Aufstand der Armenier Erserums und seiner näheren Umgebung nicht anzunehmen ist, trotz der geringen hier vorhandenen tuerkischen Streitkraefte. Die weiter zur russischen Grenze hin gelegenen armenischen Ortschaften sind von ihren Bewohnern längst verlassen; letztere sind teils nach Russland geflohen, wo sie in den Reihen der russischen Truppen - wie auch bei Wan - gegen die Tuerken kämpfen sollen, teils kamen sie nach Erserum. Einzelne Vorkommnisse, wie bewaffneter Widerstand bei Requisitionen in entlegenen Doerfern, Ermordung von Tuerken, die die Auslieferung armenischer Maedchen und Frauen verlangten, Zerschneiden und Stoerung von Telegraphen und Telephonlinien, Spionage, sind Erscheinungen, die waehrend des Krieges in einem Grenzgebiet mit gemischter Bevoelkerung nichts Aussergewoehnliches darstellen.

Die ruhige Haltung der hiesigen Armenier ist meiner Meinung nach bedingt durch

1). die schon erwaehnte bessere Orientierung über die allgemeine Weltlage, die sie auf einen "raschen Sieg" der Russen nicht mehr hoffen lässt.

2). die vernünftige Stellungnahme der hiesigen Regierung, welche krasse Faelle von Bedrueckungen bis jetzt vermieden hat.

Ausser der Ermordung des Pastormadjan, Directors der Banque Ottomane, im Februar sind Faelle von politischen Morden hier nicht vorgekommen. Der Wali, Taksim Bey, hat aus seiner frueheren Taetigkeit in Wan in der Behandlung der Armenierfrage grosse Erfahrung und vertritt, im Gegensatz zu einigen militärischen Kreisen, die den Augenblick der Abrechnung mit den Armeniern fuer gekommen halten, einen maßvollen Standpunkt. Die Maßregeln der Regierung haben sich bis jetzt auch nur auf Haussuchungen und Verhaftungen beschraenkt. Von den Verhafteten ist die Mehrzahl wieder freigelassen worden, einige sollen in's Innere des Landes verschickt werden. Die Haussuchungen haben, soweit mir bekannt, belastendes Material nicht ergeben. Diese Haltung der Regierung trägt viel zur Beruhigung der Armenier bei. Auch der Ausbruch eines Massakers ist hier kaum anzunehmen, es sei denn, dass Misserfolge an der Front die tuerkischen Truppen zu einem Rueckzuge nach Erserum noetigen wuerden.

Was die Haltung des hiesigen Konsulats in der Armenierfrage anbelangt, so habe ich ein direktes Eingreifen zu Gunsten der Armenier, im Einklang mit der Instruction Euerer Excellenz, vermieden. Ich habe auch alle diesbezüglich seitens der Armenier an mich gerichteten Bitten abgewiesen. Andrerseits habe ich nicht versäumt dem Gedanken einer "Abrechnung" ueberall energisch entgegenzutreten und auf die ueblen Folgen innerer Unruhen in der Tuerkei in der jetzigen Zeit hinzuweisen.

Die Anwesenheit und Tätigkeit des Konsulats, verbunden mit dem guten Nachrichtendienst desselben, duerfte somit nicht wenig zu der bisherigen ruhigen Haltung der hiesigen Tuerken und Armenier beigetragen haben.


ScheubnerRichter


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