1915-10-15-DE-005
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Quelle: DE/PA-AA/BoKon/171
Botschaftsjournal: A53a/1915/6070
Erste Internetveröffentlichung: 2003 April
Edition: Genozid 1915/16
Laufende Botschafts/Konsulats-Nummer: Nr. 773
Zustand: A
Letzte Änderung: 03/23/2012


Der Unterstaatssekretär des Auswärtigen Amts (Zimmermann) an den Botschafter in Konstantinopel (Wangenheim)

Erlaß



Nr. 773
Berlin, den 15. Oktober 1915
1 An.

Abschriftlich Seiner Exzellenz dem Kaiserlichen Botschafter Herrn Freiherrn von Wangenheim Konstantinopel

zur gefälligen Kenntnisnahme und mit der Bitte ergebenst übersandt, mich mit einer kurzen telegraphischen und demnächst eingehenderen schriftlichen Äußerung zur Sache versehen zu wollen.


Zimmermann


Anlage

Abschrift A 29546

Deutscher Hülfsbund für christliches Liebeswerk im Orient, E.V.


Frankfurt a. Main, 11. Oktober 1915.

An das Auswärtige Amt Berlin.

Ich gestatte mir, Sie davon in Kenntnis zu setzen, daß unser Vorstand bereits am 1. September d.J. nach reiflicher Überlegung beschlossen hat, daß ich im Interesse unserer Arbeit die Reise nach Konstantinopel unternehmen soll und auch den Versuch zu machen, sowohl unsere Stationen im Innern Kleinasiens aufzusuchen, als auch eine Möglichkeit zu finden, den in den sogenannten Konzentrationslagern, in der Gegend von Aleppo und Urfa untergebrachten Armeniern, im Verein mit unseren Missionsgeschwistern praktische und seelsorgerliche Hilfe zu bringen.

Außerdem gilt es eine rein geschäftliche Angelegenheit von großer Wichtigkeit in Konstantinopel zur Erledigung zu bringen, als auch durch meine Reise dem armenischen Volke zu zeigen, daß seine Freunde in Deutschland es nicht vergessen haben.

Ein Unterbleiben dieses Schrittes würde begreiflicherweise dem armenischen Volke unverständlich sein und das durch lange Jahre erworbene Vertrauen zu unserer Arbeit erschüttern.

Ich weiß, daß seitens unserer Behörde auf offiziellem Wege alles geschieht und erreicht wird, was sich unter den gegebenen Verhältnissen erreichen läßt. Aus diesem Grunde möchte ich auch in keiner Weise unsere politische Vertretung für die vor mir liegende Aufgabe in Anspruch nehmen. Ich möchte im Gegenteil dies schon aus dem Grunde vermeiden, weil ich befürchte, daß durch weiteren zu starken politischen Druck sich die Lage des armenischen Volkes nur noch mehr verschlimmern würde. Andrerseits ist es mir aber sehr darum zu tun, den Anschein zu vermeiden, als ob ich mich in irgend einer Weise im Gegensatz zu unserem Auswärtigen Amt bezw. der Deutschen Botschaft in Konstantinopel befinde.

Durch persönliche Beziehungen zu türkischen Kreisen halte ich es nach meinen langjährigen Kenntnissen der orientalischen Verhältnisse durchaus nicht ausgeschlossen, doch zu einem befriedigenden Ergebnis zu kommen.

Ein mir persönlich Bekannter, der mich auch schon hier besuchte, Ismael Fevzi Pascha, hat mir unterm 22. Sept. aus Konstantinopel geschrieben, daß er ins Innere Kleinasiens reisen wolle, und daß er mit Bestimmtheit darauf rechne, daß ich diese Reise in seiner Gesellschaft machen könne.

Erkundigungen über meine Persönlichkeit könnte die Botschaft bei den Herren Konsuln Anders, Rössler u. Dr. Büge einholen.

Meine Bitte geht nun dahin, die Botschaft von Vorstehendem in Kenntnis zu setzen, damit mir die offizielle Genehmigung zur Reise erteilt wird; und diese Antwort wollen Sie gefl. telegraphisch einfordern und mir auf diesem Wege weitergeben.

Mit vorzüglicher Hochachtung zeichnet ergebenst


[F. Schuchardt]

[Botschaft Konstantinopel an den Reichskanzler (No. 2457) 23.10.]1


Auf Erlass Nr. 773

Reiseerlaubnis ins Innere würde zweifellos ebenso wie bei Lepsius verweigert werden. Anfrage bei Regierung unterbleibt besser um Verstimmung zu vermeiden.



1Eine ausführlichere Stellungnahme des Geschäftsführers der Botschaft Konstantinopel (Neurath) findet sich in Dok. 1915-10-26-DE-001 (A 31729).



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