1916-04-01-DE-001
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Quelle: DE/PA-AA/BoKon/100
Botschaftsjournal: 10-12/1916/4572
Erste Internetveröffentlichung: 2003 April
Edition: Genozid 1915/16
Zustand: A
Letzte Änderung: 03/23/2012


Der Vorsteher des Blindenheims in Malatia Ernst Jacob Christoffel an den Generalkonsul in Konstantinopel (Mordtmann)

Schreiben



Siwas, 1. April 1916.
Sehr geehrter Herr Generalkonsul!

Es tat mir sehr leid, daß ich Ihnen vor meiner Abreise meinen herzlichsten Dank für Ihre Bemühungen u. Ihr Interesse nicht ausdrücken konnte. Ich suchte Sie am Tage meiner Abreise in Ihrem Hause u. auf der Botschaft, u. traf Sie leider nicht an. Jetzt benutze ich die erste sichere Gelegenheit, um Ihnen einige Zeilen des Dankes zu senden u. einiges über meine Eindrücke auf der Reise. Gestern kam ich hier an, u. bin bisher ziemlich gut gereist.

Von den Zusammenstößen der Flüchtlinge mit der Bevölkerung von Caesarea u. Sivas fand ich nichts bestätigt. Sonst aber ist die Lage trostlos; besonders soweit sie die armenische Bevölkerung anbetrifft. In Eregli traf ich die letzten Armenier, die nicht zum Islam übergetreten sind. Von dort bis hierher hat man radikal aufgeräumt; u. zwar entweder verschickt, oder veranlaßt zum Islam überzutreten, oder massakriert. Man hört nirgends mehr einen armenischen Laut. In Gemerek wurden 1000de getötet. In der Umgebung von Yosgad wurde die Bevölkerung von 6 armenischen Dörfern massakriert, alles, selbst die Säuglinge. Auf der Straße traf ich noch einige tausend armenische Wegearbeiter (ameli tabúr), zum größten Teil auch islamisiert, u. noch fortwährend gezwungen, den Islam anzunehmen. Es besteht Gefahr, daß wenn diese Leute ihre Dienste getan haben, sie auch aus irgend einem Grunde getötet werden; wie man es in der Ersingan-Gegend getan haben soll. Kann deren Leben nicht gesichert werden? Kann überhaupt für den Ueberrest des Volkes nichts mehr getan werden?

In einem mir befreundeten Dorf in der Nähe von Sivas waren 500 Männer, davon leben 30. Eine Familie von 18 Personen verlor durch Krankheit u. Mord 14 Glieder. Von andern zahlreichen Familien lebt ein Glied oder 2. Das ist nicht vereinzelt, sondern fast Regel. Von daher kann man auf die Zahl der Umgekommenen schließen. In Malatia ist das Elend groß, da eine Menge Kinder u. Frauen der Ausgewiesenen dort geblieben sind. Allerdings ist die Zahl durch Seuchen u. Hunger stark dezimiert. Mir bangt vor der Aufgabe, die dort meiner wartet. Man macht übrigens vor den Protestanten nicht halt. Möchte Gott der Herr bald ein Einsehen haben.

Ich bin Ihr sehr ergebener und dankbarer


Ernst J. Christoffel . Pfr.

Die Derssimkurden sind unruhig, u. scheinen einen Aufstand zu planen. Unter Türken und Armeniern ist die Meinung verbreitet, als ob die Deutschen die Ursache der Greuel wären.

Verzeihen Sie die schlechte Schrift. Ich habe keinen Tisch zur Verfügung, schreibe auf den Knien.


Christoffel (Malatia)


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