1916-03-14-DE-002
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Quelle: DE/PA-AA/BoKon/99
Botschaftsjournal: 10-12/1916/2980
Erste Internetveröffentlichung: 2003 April
Edition: Genozid 1915/16
Zustand: A
Letzte Änderung: 03/23/2012


Der katholische Pater I. Straubinger an den Botschafter in außerordentlicher Mission in Konstantinopel (Wolff-Metternich)

Schreiben



Pera, den 14. März 1916.

Auf dringendstes Ersuchen des deutschen kath. Geistlichen in Angora wage ich Exzellenz folgendes zu unterbreiten:

In Angora sind von 10 - 12000 kath. Armeniern noch 2000, zumeist Frauen u. Kinder, verblieben; sie sind ohne Kirche u. ohne eigenen Geistlichen.

Seit einigen Wochen machen sich Anzeichen bemerkbar, wonach der verbliebene Rest auch der Deportation u. damit dem Tode verfallen soll. Wenigstens drücken sich türkische dort stationierte Offiziere so aus. Auch hat in der benachbarten Provinz Kastamuni die Deportation bereits begonnen.

Ich bitte, für Angora Schonung zu erwirken, denn

1.) es handelt sich nicht um die Katholiken Armeniens, deren Verwickelung in die Armenierkatastrofe schliesslich zu verstehen ist. Es handelt sich vielmehr um eine Gemeinde, die von den politisch unruhigen Armenier räumlich u. geistig völlig getrennt ist, religiös von den gregorianischen Armeniern streng geschieden lebt, sich stets loyal gezeigt hat u. türkisch spricht.

2.) Die Gemeinde besteht fast nur mehr aus Frauen u. Kindern, die, selbst wenn sie wollten, nicht mehr [nicht entziffert] können.

3.)Wird der Katholizismus in Angora noch gar vernichtet, so ist damit auch die Aktion der deutschen Katholiken in Angora vernichtet.

Es sei gestattet, darauf hinzuweisen, daß ähnliche Berichte wie von Angora so von anderen Orten einlaufen, z.B. Aleppo, Marasch, Brussa, Adrianopel. Es scheint demnach eine Aktion größeren Stils eingeleitet zu sein, die zur Vernichtung des letzten Restes des unglücklichen Volkes führen soll [? wird]. Wird Deutschland aus Gründen der Humanität sein Veto einlegen? Diese Frage stellen sich nicht nur die verfolgten Armenier, sondern alle Christen. Darf die hehre Person unseres Kaisers, der die Christen Kleinasiens größtenteils den Plan der Armenierausrottung zuschreiben, noch weiter durch solche Anwürfe entehrt werden? Darf es geschehen, daß die dem Hunger u. Tode Geweihten sich in Flüchen auf unseren Kaiser nicht erschöpfen können?

So wie jetzt die Dinge liegen, erwarten alle Christen ihr Heil in einem Sieg der Entente, der ihnen die geraubte Gewissensfreiheit wiederzugeben verspricht. Es ist das vielleicht ein Faktor, der noch politische Bedeutung erhalten kann.

In tiefster Verehrung bin ich Euer Exzellen ganz ergebener


Dr. I. Straubinger, St. Anton.


[Notiz Neurath 15.3.]

Ich habe die neuerdings in Aleppo, Marasch, Brussa, Adrianopel, Angora, Konia wieder einsetzende Armenierverfolgung heute bei Halil zur Sprache gebracht und ihn insbesondere darauf hingewiesen, dass etwaige Austreibung der fast allein noch übrigen katholischen Frauen und Kinder bei der überdies sehr erregten Stimmung in Deutschland den allerschlechtesten Eindruck machen und nicht ohne Rückwirkung auf die zwischen der Türkei und Deutschland schwebenden Verhandlungen bleiben könnte. Halil Bey versprach sofort beim Minister des Innern darauf hinzuwirken, dass etwaige geplante Schritte gegen die genannte armenische Bevölkerung eingestellt würden.

[Notiz Metternich 20.3.]


1.) Dr. Straubinger und P. Liebl in meinem Auftrage mitzuteilen, daß die Türkische Regierung mir die Versicherung erteilt hat, daß sie nach den genannten Orten Befehl gesandt hat, keine Armenier-Austreibungen oder Abtransporte vorzunehmen, sondern die Leute in Ruhe zu lassen.

2.) Berichten und hinzufügen Halil Bey habe mir gesagt, auf Bericht der türkischen Lokalbehörden habe Talaat kürzlich angeordnet gehabt, einige turbulente Elemente abzuschieben. Die Lokalbehörden hätten in übertriebenem Eifer den Befehl mißgedeutet und Anstalten getroffen, größere Abteilungen Armenier abzuschieben. Auf meine Vorstellung habe der Minister nun angeordnet, daß in Konia, Angora, Aleppo, Aintab und Marasch überhaupt keine Armenier mehr abgeschoben werden dürften.

Ich sagte dem Minister, daß ich mich über diese Mitteilung freue, da in Deutschland auf Grund von dorthin gelangten Nachrichten in weiten Kreisen die Beunruhigung über das Los der Armenier letzthin wieder stark zugenommen habe.



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