1914-07-10-DE-001
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Quelle: DE/PA-AA/R14084
Zentraljournal: 1914-A-13845
Botschaftsjournal: 10-12/1914/2685
Erste Internetveröffentlichung: 2000 März
Edition: Genozid 1915/16
Praesentatsdatum: 07/14/1914 a.m.
Laufende Botschafts/Konsulats-Nummer: Nr. 186
Zustand: B
Letzte Änderung: 03/23/2012


Der Geschäftsträger der Botschaft Konstantinopel (Mutius) an den Reichskanzler (Bethmann Hollweg)

Bericht



Nr. 186
Therapia, den 10. Juli 1914

Im Anschluß an Bericht vom 22. 6., J.Nr. 2480. 10 Anlagen.1

Euer Exzellenz beehre ich mich in der Anlage 4 Berichte des Kaiserlichen Vizekonsuls Anders aus Erzerum (vom 14., 19., 21. und 25. Juni) über seine Informationsreise in Armenien zu übersenden.

Der Genannte hat auf seinem Marsch von Mezere (Charput) über Musch nach Bitlis feststellen können, daß die Lage im allgemeinen ruhig ist. Wo Übergriffe der Kurden vorkommen, schreitet die Regierung mit energischen Maßregeln ein.

In armenischen Kreisen scheint man jedoch die Lage weniger zuversichtlich zu beurteilen. Sowohl der Taschnakistenführer Ruben Effendi wie der armenische Erzbischof in Musch äußerten sich sehr pessimistisch. Sie halten die gegenwärtige Ruhe nur für eine Stille vor dem Sturm. Nach ihrer Ansicht sind die Kurdenchefs zwar augenblicklich durch das rigorose Vorgehen des Kriegsgerichts in Bitlis eingeschüchtert, aber das Reformprojekt widerspreche viel zu sehr ihren Interessen, als daß sie nicht versuchen würden, den neuen Bestimmungen äußersten Widerstand entgegenzusetzen, um ihre gefährdeten Prärogative zu verteidigen.


Mutius

Anlage 1


J.No. 155.

4 Anlagen


Mezere, den 14. Juni 1914.

Mezere, der Sitz des Valis von Memuret el Aziz, liegt etwa eine halbe Stunde von der früheren Hauptstadt Charput, die Moltke infolge ihrer Lage auf dem Berge als Adlernest bezeichnete, entfernt. Die Stadt Mezere inmitten fruchtbarer Gärten und Ländereien ist in stetem Wachsen begriffen, während das baumlose öde Charput allmählich ausstirbt. Der Regierungskonak, die Kaserne, das amerikanische Konsulat, die deutschen Schulen und Waisenhäuser, die Niederlassung der Kapuziner liegen in der Stadt Mezere.

Der Vali Kjasim Bey, der früher als Mutessarif in Adalia thätig war, empfing mich sehr freundlich und sagte mir viel Gutes über das Wirken des deutschen Hilfsbundes in Mezere. Kjasim Bey wird allgemein als gerechter, besonnener und unparteiischer Mann gerühmt, der für ein ruhiges Zusammenleben der verschiedenen Bevölkerungselemente sorgt. Da Mezere voraussichtlich Sitz des einen europäischen Generalinspekteurs wird, hat man bereits im Konak eine Wohnung für ihn hergerichtet. Der Vali klagte mir über die schlechte Verbindung mit dem Meere. Zwar hat er einen täglichen Postdienst mit Samsun eingerichtet, sodaß die Briefpost von Constantinopel bereits am zehnten Tage in Mezere eintrifft, aber für den Personenverkehr sind noch immer 14 Tage bis Samsun erforderlich und der Transport der Waaren dauert 4-6 Wochen. Da die Zweigbahn Diarbekir-Arghana Maden voraussichtlich eher fertiggestellt sein wird als die Linie Samsun-Siwas-Charput, so wird später der Waaren Verkehr statt über Samsun via Aleppo-Alexandrette geleitet werden.

Einen besonders sympatischen und energischen Eindruck machte mir der neue Kommandant des 11. Kol. ardn., General Ghalib Pascha. Er steht vor der sehr schwierigen Aufgabe, das früher unter Djabir Pascha in Wan dislozirte Armee Korps in seinen neuen Standquartieren unterzubringen. Außer den vom Kriegsminister bewilligten Mitteln hat Ghalib Pascha mit leisem Druck die Bevölkerung zur Lieferung von Baumaterialien und zur Stellung von Arbeitskräften für Kasernenbau veranlaßt. Sollte dieser thatkräftige Mann einige Jahre auf seinem Posten verbleiben, so zweifle ich nicht, daß er aus Mezere einen Waffenplatz, ähnlich wie ihn Zeki Pascha in Ersinghian schuf, machen wird. Ich besuchte mit Ghalib Pascha die vorläufig im Zeltlager bei Hosseinik untergebrachten Truppen der 18. Division unter dem Kommando des Obersten Raghib Bey. Wie ich höre, ist Raghib Bey, trotz des Verbots der Einmischung bei Offizieren in die Politik, die Seele des jungtürkischen Komitees in Mezere.

Wenig Günstiges hörte ich über das Wirken der höheren und niederen Justizbeamten des Vilajets. Sie alle, einschließlich des Hakims, sollen Geschenken zugänglich sein. Hier dürfte der neue Generalinspekteur zunächst die Hebel anzusetzen haben.

Der armenische Erzbischof, der mich bald nach meinem Eintreffen besuchte, hatte im Allgemeinen keine Klagen gegen die Regierung. Nur befürchtete er, daß die im Vilajetsbudget vorgesehene Summe für Schulzwecke nicht im richtigen Verhältnis zu der Anzahl der Armenier verteilt würde. Auch hier dürfte der Generalinspekteur Abhilfe schaffen können. Der Erzbischof sprach mir die Hoffnung aus, daß eine deutsche Vertretung in Mezere eingerichtet werde, die auch über das Schicksal der Armenier wohlwollend wachen könne. Der amerikanische Konsul stünde seiner Gemeinde fremd gegenüber.

2 Photographien, die den Kampf und die Festnahme kurdischer Briganten, 2 andere, die das unwegsame Gelände in diesem Gebiet illustrieren, füge ich gehorsamst bei.


Anders.

Anlage 6


J.No. 156.

1 Anlage.


Marschquartier Tschenkli Kilissa (Surp Garabed), den 19. Juni 1914.

Auf dem Marsche von Charput nach Musch rastete ich am 15. d.M. in Zekrek nahe der Kreishauptstadt Palu (Vilajet Diarbekir) bei dem angesehensten Kurden Scheich jener Gegend, Ibrahim Bey, dessen Einfluß sich über die Vilajetsgrenze hinaus bis nach Tschabakschur und Gintsch (Vilajet Bitlis) erstreckt. Sein Bruder Rüschdi Bey ist mit Arslan Bey, einem der 4 Thalfürsten im Dersim Gebiet verschwägert und der Mufti von Palu, Scheich Hassan, der großen religiösen Einfluß hat, ist mit ihm befreundet.

Die Familie Ibrahim Beys stammt von Djimdjid Bey ab, der vor 470 Jahren nach Eroberung des Landes von den Persern vom Sultan Jans Soliman El Kanuni als Derebeg eingesetzt wurde. Als Sultan Medjid vor 75 Jahren das Land der Derebegs durch Reschid Pascha konfiszieren ließ, ging Ibrahim Beys Vater Nedjib Pascha nach Constantinopel und setzte es durch, daß ihm ein Drittel der konfiszierten Ländereien wieder erstattet wurden. So ist zur Zeit Ibrahim Bey rechtmäßiger Eigentümer von 16000 Öltschek Land. Er ist Mitglied des Medjlisi Vilajet in Diarbekir und ist mit dem feudalen Großgrundbesitzer Fëizi Bey, dem Abgeordneten von Diarbekir befreundet, der 1911 die Studienreise nach Deutschland mitmachte. Ibrahim Bey hatte sich von Fëizi Bey Wunderdinge erzählen lassen und pries, umgeben von seinen Mannen und einem zugereisten Seid aus Mekka, die Gastfreundschaft der Deutschen, den Flug der Studienkommission mit dem Grafen Zeppelin, die Fahrt auf dem von Seiner Majestät zur Verfügung gestellten Torpedoboot in Kiel, wie er es von Fëizi gehört hatte.

Ibrahim Bey sprach mir von der Absicht der Regierung, die Derebegs zu expropriiren und erklärte, keine Schwierigkeiten machen zu wollen, wenn ihm von der Regierung für seinen rechtmäßigen Besitz eine angemessene Entschädigung gezahlt würde. Er scheint dann nach Egypten übersiedeln zu wollen. Jedenfalls aber würde sein Freund Fëizi Bey im Parlament im Namen aller Kurden Chefs dringend Protest gegen ein Enteignungsverfahren ohne angemessene Entschädigung einlegen. Übrigens beraube sich die Regierung nach Ibrahims Ansicht durch Abschaffung des bisherigen Systems einer erheblichen Waffe gegen Rußland. Die kurdischen Begs seien imstande und gewillt, einer russischen Invasion erbitterten Widerstand entgegenzusetzen. Ibrahim Bey verwies dabei auf die großen Schwierigkeiten, die der Senussi Scheich dem Vordringen der Italiener in Lybien bereite. Ibrahim Bey scheint nicht als Frohnvogt zu wirken, da seine kurdischen und armenischen Hörigen nur 20 % der Ernteerträgnisse an ihn abzuführen brauchen.

Die im Sandjak Palu seßhaften Kurden zahlen willig an die Regierung die Abgaben, Zehnten und Schafsteuer, dagegen suchen sie sich der Militärdienstpflicht nach Möglichkeit zu entziehen, was ihnen um so leichter fällt, als die Aushebungskommission nur über sehr ungenaue Listen in jenen Gegenden verfügt. Nach Angabe Ibrahim Beys sitzen im Sandjak Palu:

Am zweiten Marschtage überschritt ich bei dem Dorfe Tekkä die Grenze der Vilajets Diarbekir und Bitlis und traf Abends in dem Kurdendorfe Kjur (Kasa Tschabakschur) ein. Das Dorf war völlig verlassen, alle Häuser verriegelt, da die gesamten Einwohner, an ihrer Spitze Scheich Hamdulla Ogli Djasa Agha, mit Weib, Kind und Vieh in die Jaila (Senren) gezogen waren. Ich rastete bis 4 Uhr morgens und erreichte am 17. Juni Mittags nach beschwerlichem Marsch durch ganz unwegsames gebirgiges Gelände den Ort Djewlik, Sitz des Kaimakams von Tschabakschur. Dort herrschten ganz vorsintflutliche Zustände. Die Einwohner hausen in Erdhöhlen, wie sie auch Xenophon schildert, ein Regierungskonak existiert nicht, der Kaimakam und die die Regierungsgewalt darstellende Gensdarmerie hatten ihren Amtssitz in einem großen Stall, in dem auch die Gerichtssitzungen abgehalten werden. Ich hatte den Eindruck, daß die Regierung hier nur mühsam ihre Autorität aufrecht erhält und wie in einem okkupirten Lande einer feindlich gesinnten Bevölkerung gegenübersteht. Mir fiel auf, daß beide Gensdarmerie Leutnants Kurden waren, Djemal Effendi vom Millistamme, Mehmed Effendi vom Stamme Ballabanli in Plomer (Ersingian). Ähnlicherweise hatte man in Mossul im Jahre 1906 den Scheich der Hamawend Kurden Chidr Agha zum Gensdarmerie Kommandanten gemacht. Wie ich erfuhr, hat der Gensdarmerie Inspekteur Hawker Pascha (Trapezunt) im September v.J. Djewlik besucht. Seinem Berichte dürfte es zu verdanken sein, daß Djewlik seit einigen Wochen telegraphischen Anschluß nach Musch erhalten hat, regelmäßige Postverbindung besteht jedoch noch nicht.

Ich ritt nachmittags weiter und verbrachte die Nacht in Dandan bei dem Scheich der Djanimerk Kurden Saleiman Agha. Derselbe rühmte die in seiner Gegend jetzt bestehenden ruhigen Verhältnisse. Vor Einführung der Verfassung habe er mit seinen Nachbarstämmen dauernd in Fehde gelebt.

Am 4. Marschtage passierte ich Mittags das Dorf Boghlan. Die dortigen Kurden, an ihrer Spitze der Mufti Hadji Hossein, standen noch ganz unter dem Eindruck der Nachricht von der vor etwa 3 Wochen erfolgten Erschießung Suleimans Beys, eines Bruders des Abdul Resak Bedr Han Bey und Chefs der Mirojan Kurden durch türkische Soldaten in Chesak bei Djesire Ibn Omar (Sandjak Söert). Ein bei dem Putsch des Mollah Selim beteiligter Scheich Mehmed Emin, Chef der Schirwan Kurden hatte bei Suleiman Bey Unterschlupf gefunden. In dem Handgemenge bei seiner Verhaftung wurde auch der den Gastfreund verteidigende Suleiman Bey getötet. Boghlan, inmitten einer wasserreichen fruchtbaren Ebene, macht einen blühenden Eindruck. Die Einwohner klagten, daß zum Sitz der Regierung ihres Sandjaks Gintsch der Ort Arduschen gewählt sei, wo wenig Wasser und nur einige Baracken vorhanden seien.

Nach sehr schwierigem Ritt über das Gebirge erreichte ich am 18. Juni Abends den armenischen Wallfahrtsort Surb Garabed, (Tschenkli Kilissa), ein im Jahre 301 n. Chr. von Gregor dem Erleuchter an der Stelle eines heidnischen Tempels erbautes Kloster, in dem ein Teil der aus Caesarea dorthin überführten Gebeine Johannes des Täufers beigesetzt sind. Als im Jahre 1830 der russische General Paskiewitsch Eriwanski die Stadt Erzerum besetzte, überfielen kurdische Horden das Kloster und raubten alle Klosterschätze und die kostbare Bibliothek. Ein erneuter kurdischer Überfall fand 1878 statt, als die Russen wiederum in Erzerum waren. Sehr harte Zeiten hatte das Kloster in den Jahren 1903 bis 1908, wo auf Befehl des Sultans eine Besatzung von 200 Soldaten dort garnisonirte, um revolutionäre armenische Elemente fern zu halten. Der Klosterprior Vartan Vartabed Hagopian erklärte mir, daß seit Einführung der Konstitution leidlich geordnete Verhältnisse herrschen und nur geringe Übergriffe der Kurden vorkämen. Das Kloster, das dem Erzbischof in Musch Nersis Garakamian untersteht, liegt in dem Nahie Zijaret, dessen Müdir ein Armenier ist (der einzige armenische Müdir im Vilajet Bitlis). Das Kloster ist nächst Etschmiadsin der größte Wallfahrtsort der Armenier. Ein russischer Armenier Vartan Bobowian in Moskau hat dem Kloster kürzlich 50000 Rubel zur Gründung einer landwirtschaftlichen Schule vermacht, deren Grundmauern bereits fertiggestellt sind.

Von Surp Garabed sind nur noch 8 Wegstunden bis Musch. Da die Brücke über den im Frühjahr hochangeschwollenen Murad Su entzwei ist, müssen die Pferde den Fluß durchschwimmen, während ich auf einem primitiven Kelek übersetzen werde.


Anders.

Anlage 8


J.No. 158.

Marschquartier Musch, den 21. Juni 1914

Der Mutessarrif von Musch war bei meinem Eintreffen hier am 20. d.M. auf Inspektionsreise abwesend. Sein Vertreter, der Oberstaatsanwalt, bereitete mir einen sehr freundlichen Empfang.

Obwohl mir derselbe die allgemeine Lage im Sandjak Musch als derzeitig ruhig darstellte, so gewann ich bald eine andere Meinung, als ich den Besuch des armenischen Erzbischofs Nersis Garakian und den des Führers der Taschnakisten Ruben Effendi erhalten hatte. Beide halten die jetzige Ruhe nur für eine Stille vor dem Sturm und äußerten sich sehr pessimistisch. Nach ihrer Ansicht seien die Kurdenchefs nur momentan durch das rigorose Vorgehen des Kriegsgerichts in Bitlis eingeschüchtert, aber das Reformprojekt widerspreche viel zu sehr ihren Interessen, als daß sie nicht versuchen würden, den neuen Bestimmungen äußersten Widerstand entgegen zu setzen.

Sehr eingehend schilderte mir der Erzbischof die Lage der armenischen Bauern im Kasa Motikan. Das Hörigkeitsverhältnis wird von den Derebegs dermaßen ausgedehnt, daß sie, so wie es Gogol zur Zeit der Leibeigenschaft in Rußland schildert, sich gegenseitig ganze Dörfer mitsamt den Hörigen verkaufen, wobei für eine Seele durchschnittlich 5-15 Ltq. gezahlt werden. So haben die Schegoli, ein Zweigstamm der Ballakli, denen 30 Dörfer gehören, kürzlich von einem Derebeg das armenische Dorf Pischenk käuflich erworben.

Bei dem großen Aufstand der Armenier in Sassun 1894 hatten die armenischen Bauern der Dörfer Taworik und Chiankichub im Bezirk Schadak ihre kurdischen Frohnvögte vertrieben. Ebenso haben sich unter Beihilfe der konstitutionellen Regierung im Jahre 1908 im Bezirk Pzank 25 Dörfer freigemacht. Dagegen herrschen im Kaza Motikan noch die alten patriarchalischen Zustände. Die Bauern müssen den Begs bestimmte Lieferungen machen. Dabei soll die Armut der armenischen und kurdischen Hörigen schrecklich sein. Im ganzen Kaza Motikan besteht nur in dem Dorfe Chisek eine armenische Schule. In Chinist sollte mit Mitteln von Boghos Nubar Pascha eine Schule eröffnet werden, die Lehrer ergriffen jedoch schon nach wenigen Tagen vor kurdischen Drohungen die Flucht.

Sehr aktuell ist eine Beschwerde der Dorfbewohner von Chinist, Paschawank und Lordenzor, von denen der Ballikli Stamm je 2300, 1500 und 800 Ltq. fordert für eine vor 60 Jahren von den Vorfahren der jetzigen Bauern aufgenommene minimale Schuld. Der hiesige Bischof hat an das Patriarchat berichtet, die Regierung leugnet jedoch den Tatbestand ab und auch das Preßbüro hat die Meldungen des Bischofs dementiert. Gleichwohl hat der Vali von Bitlis Geld von der Zentralregierung erbeten, um die Angelegenheit gütlich zu ordnen.

Eigenartig ist der modus der Eintreibung der Hammelsteuer. Kurz vor dem Erscheinen des Tachsildars (Steuerbeamten) trieben die Ballikli Kurden 300 Hammel in das armenische Dorf Chuit, die dort trotz des Protestes der Bewohner mitgezählt wurden. Da sich die Bauern weigern, den Mehrbetrag von etwa 20 Ltq. Schafsteuer zu zahlen, werden jetzt ihre Kühe und Ochsen zwangsweise verkauft.

Wenn so Hammeldiebstahl und Grundstücksstreite zu Erbitterung zwischen Kurden und Armeniern führen, so gab der Bischof doch zu, daß in den letzten Monaten Klagen wegen Unsicherheit von Leben und Familienehre seltener seien. Kürzlich sind nur 4 bis 5 Armenier von den Bedrikurden (Stamm Mussi) in Sassun ermordet worden. Bei einigen Fällen von Mädchenraub war nicht festzustellen, ob nicht die Mädchen freiwillig den Entführern gefolgt seien. Der Taschnakistenführer Ruben befürchtet baldige Unruhen, da bisher jedesmal, wenn die Großmächte ein Reformprogramm aufstellten, Massacres erfolgt seien. Die Kurden seien höchst unzufrieden mit der Regierung, die sie nicht als rein islamische anerkennen, da sie ihren religiösen Führer Scheich Said, den sie wie einen Propheten verehrten, hingerichtet hat. Nach Rubens Ansicht werden die Derebegs ihre gefährdeten Prärogative energisch verteidigen.

Ruben klagte ferner über große Parteilichkeit der Gerichte und darüber, daß die Gensdarmen Befehle der Regierung, wenn sie sich gegen Kurden zugunsten von Armeniern richten, nicht ausführen. Auch hätten die Kurden keinen Respekt vor den Gensdarmen, nur vor aktiven Soldaten.

Wie mir der Kommandant der 34. Division, Ihsan Pascha, der von hier aus den Belagerungszustand leitet, mitteilt, ist es seinen Truppen gelungen, im Bezirk der Aufständischen (4 Rayons: Simek, Chizan, Guzeldere und Schatak) nicht nur die Rädelsführer der letzten Bewegung, sondern 50 Prozent aller früher gesuchter Verbrecher sowie 2500 Kurden, die sich der Dienstpflicht entzogen hatten, gefangen zu nehmen.

Ihsan Pascha sieht die Lage als ernst, aber nicht kritisch an. Ich reite morgen nach Bitlis weiter.


Anders.

Anlage 9


J.No. 159.

Marschquartier Bitlis, den 25. Juni 1914

Auf dem Ritt von Musch nach Bitlis (85 km) begleitete mich der Generalstabshauptmann der 34. Division Ruhi Bey, der mit einem Sonderauftrage Ihsan Paschas nach Bitlis ging. Wir verließen Musch am 23. d.M. um 5 Uhr Vm. und trafen abends um 9 Uhr in Bitlis ein. In der fruchtbaren Ebene des Kara Su reiht sich Dorf an Dorf. Die Sicherheit in der Ebene ist vollkommen, nur im Dorfe Gebian sitzt ein Kurdenhäuptling Musa Bey, der früher als Gensdarmerie-Kommandant im Jemen sich große Verdienste erworben hat und jetzt als Raubritter zeitweise Karawanen plündert. An der Quelle des Kara Su ist ein sehr schönes, im Verfall begriffenes Denkmal aus der Zeit des Sultans Yans Selim, der hier in einer Entscheidungsschlacht die Perser besiegte.

Am 24. d.M. Vormittags stattete ich dem Vali von Bitlis Mustapha Abdul Halik Bey, der bis zum März d.J. Mutessarif von Soert war, einen Besuch ab. Ich gratulierte ihm zu dem ihm kürzlich verliehenen Medjidie Orden I Classe und brachte ihn so von selbst auf die Ereignisse am Anfang April d.J. zu sprechen. Wäre es den Aufständischen am 4. April gelungen, die Burg in Bitlis mit dem Regierungskonak einzunehmen, so wären die Folgen unübersehbar gewesen. Ein Aufstand in ganz Kurdistan und ein russischer Einmarsch wären wohl unausbleiblich gewesen. Die kurdischen Rebellen hatten bereits den Stadtteil, in dem das russische Konsulat liegt, besetzt. Der russische Konsul Schilkow sandte dem Vali, als die Sachlage zu Ungunsten der Kurden umschlug, eine Aufforderung, das Feuer einzustellen und hat sich nach Ansicht der hiesigen Türken dadurch erheblich kompromittiert. Schilkow, dem ich ebenfalls einen Besuch abstattete und der mich für morgen einlud, erklärte mir, ihm sei der nun beinahe drei Monate währende Besuch des Mollah Selim und seiner Spießgesellen im Konsulat äußerst peinlich. Das Konsulat ist von allen Seiten Tag und Nacht durch starke Abteilungen von Militär und Gensdarmerie bewacht, so daß ein Entkommen Molla Selims ausgeschlossen erscheint. Man nimmt jedoch an, daß die russische Regierung mit Rücksicht auf ihr Prestige gegenüber den Muselmanen in Buchara und Samarkand den Übelthäter nicht ausliefern sondern darauf bestehen wird, daß er mit sicherem Geleit über die Grenze geschafft wird.

Der Vali hat vor 2 Tagen die Nachricht erhalten, daß der von ihm aus Soert mitgebrachte tapfere Gensdarmeriehauptmann Kjasim Bey am 22. d.M. im Gebiet der Karsan-Kurden (Soert) überfallen, verwundet und weggeschleppt worden ist. Heute, am 25. d.M., verläßt eine Strafexpedition (2 Kompagnien) unter Führung des Platzkommandanten Majors Hilmi Bey und des Generalstabshauptmanns Ruhi Bey die Stadt, um die Karsan-Kurden zu züchtigen und den gefangenen Offizier zu befreien. Kjasim Bey hatte sich bei dem Gefecht am 4. April besonders ausgezeichnet, trotzdem bezeichnete mir der Vali den Überfall nicht als politischer Natur, sondern als einfachen Raubanfall, welcher ihm erwünschte Gelegenheit gäbe, erneut ein Exempel zu statuieren.

Es verbleiben somit zur Zeit in Bitlis von dem hier garnisonierenden Bataillon nur 2 Kompagnien. Das Gros und der Stab der 34. Division sind deshalb in Musch dislozirt, weil die dortigen Geländeverhältnisse eine bessere Ausbildung der Truppen gestattet. Bitlis ist zu sehr in einem Talkessel eingeklemmt. Sowohl in Musch wie in Bitlis sah ich den Anfang neuer Kasernenbauten. Die Regierung ist jetzt eifrig bemüht, nicht nur die bei dem letzten Putsch beteiligten Kurden, sondern auch die seit Jahren verfolgten Übelthäter und Deserteure zu verhaften. In den Dörfern in der Musch Ebene las ich an Maueranschlägen Veröffentlichungen, daß jeder, der einem Aufrührer Unterschlupf gewährt, vor das Kriegsgericht gestellt werden wird.

Die Hinrichtung der 14 Rebellen, besonders die des allgemein verehrten Seyid Ali hat einen starken Eindruck gemacht. Ob derselbe jedoch nachhaltig auf die den Reformen feindlich gesinnten Kurden Chefs einwirken wird, werden erst die nächsten Monate zeigen.


Anders.


1 Die hier nicht wiedergegebenen Anlagen sind Fotos und Landkarten.



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