1915-09-09-DE-002
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Quelle: DE/PA-AA/BoKon 96/Bl. 221-222
Botschaftsjournal: 10-12/1915/7684
Erste Internetveröffentlichung: 2003 April
Edition: Genozid 1915/16
Praesentatsdatum: 09/18/1915
Zustand: A
Letzte Änderung: 03/23/2012


Der Vizekonsul in Samsun (Kuckhoff) an die Botschaft Konstantinopel

Bericht



No. 377
Samsun, den 9. September 1915

Auf den Erlass vom 19. Juli d.J. B.Nr. 1619

Alle Versuche über das Schicksal der Patres Meghmumi und Krikor Hadigian, sowie der Schwestern der Kongregation Nerapolum Auskünfte zu erhalten waren fruchtlos. Erkundigungen seitens der Konsulate – auch der Deutschen – werden von den Behörden als sehr unerwünschte Einmischungen in innere Staatsangelegenheiten aufgefasst. Die Kirche und das Presbyteriat der katholischen Armenier sind, wie überhaupt alle Kirchen, Schulen und das Privateigentum des gesamten Volkes behördlich beschlagnahmt und versiegelt; - dasjenige der zum Islam übergetretenen eingeschlossen.

Die aus dem Inneren eingetroffenen Nachrichten über das Schicksal des unglücklichen Volkes sind haarsträubend: Was nicht zum Islam übertrat, erlag angeblich entweder dem Henkersbeil regierungsseitig aufgebotener Mörderbanden, oder wird an Mangel und Entbehrungen zugrunde gehen. Frauen und junge Mädchen sollen in die Harems geschleppt und die Kinder – soweit sie auf der Reise nicht umkommen – muselmanischen Familien übergeben werden. Auch die zum Islam Bekehrten dürfen nicht an ihrem Wohnort verbleiben. Man zerstreut sie anscheinend über das ganze Land und zwar vereinzelt zwischen mohamedanisches Volk im Innern Kleinasiens. An der Meeresküste wird keinem Armenier der Aufenthalt gestattet.

Wie gründlich gearbeitet wird zeigen die neuerdings hier getroffenen Regierungsmassnahmen: Einige armenische Mütter hatten ihre Kinder in versteckter Weise bei grie[chi]schen Familien untergebracht. Unter Androhung schwerer Strafen wurden diese armen Geschöpfe – darunter Säuglinge – den christlich fühlenden Pflegeeltern entrissen! Die griechischen Christen zittern – und mit Grund – denn es ist ihnen sicher bei erster Gelegenheit dasselbe Loos beschieden wie den Armeniern: Falls Griechenland in’s feindliche Lager übergeht, sind seine Glaubensgenossen in der Türkei verloren!

Nebukadnezar und Abdul Hamid waren Gemütsmenschen und in Vernichtungstalenten reine Stümper, denn innerhalb einiger Wochen ein ganzes, über ein weites Land zerstreutes Volk vollständig auszumerzen, brachten weder sie noch Tschingiskhan, Tamerlan und die alten, türkischen Sultane so erfolgreich fertig wie wir es jetzt schaudern erleben.


Kuckhoff



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